Kal. Sept. Anno 2762 a.u.c.

Kalenden. Dies nefastus.
Bißchen schon. Bißchen sehr. Kraft endogener Beraubung von Boden unter den Füßen. Vielleicht wegen der endlich doch stattgefundenen Entscheidung der Leute, die unten die Arbeiten immer noch vorantreiben (nicht mehr in der Wohnung, sondern jetzt im Außenbereich), ein Radio einzuschalten. Ich wollte nicht gleich protestieren, aber hätte das fortgedauert, ich hätte da mal vorsprechen müssen. Am Nachmittag aber dann nichts mehr. Nebenbei angefangen, den Murakami zu lesen, und immer gedacht: was erzählt der mir eigentlich? Seine Variante von Aufwachsen. Es kam daher wie ein Drehbuch für den durchschnittlichen Fernsehzuschauer. Geschneidert zum unbedingten Sich-Wiedererkennen. Kein Haken nirgendwo, an dem die Sprache dem Leser das offene Maul zerreißt. Insofern wohl schon Porträt einer Generation. Das sei, die ‚Gefährliche Geliebte’, wird Reich-Ranicki auf dem Umschlag zitiert, ein „hoch erotischer Roman“. Aber nicht im ersten Viertel. Man bekommt bis dahin nur die eigene Schublade erzählt. Mutatis mutandis. Das Bodenlose einer beliebigen Vergangenheit, die sich auf die simple psycho-bio-sozio-sexuelle Entwicklung bezieht, einfach nur auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Nichts Besonderes, nichts Weltbewegendes, nichts Neues. Also Literatur ist das nicht. Wenn er’s dann schafft, tatsächlich erotisch zu werden und mir Wallungen zu verursachen, sag’ ich Bescheid. Passendes Adjektiv: niedlich. Wachsen tut’s anderswo: Und Pilze finden sie träg gehend die polnischen Mägde, die Sophia findet Pilze wohin sie greift und ich ich finde keinen einzigen; ins Moos greift sie und hat einen Pilz in der Hand; aus der Erde scheint sie sie greifend zu graben, und ich, gelehrig dies nachahmend, keinen einzigen finde ich; ihr aber wächst wo sie ins bräunliche Schamhaar greift ein Pilz in die Hand, dafür ist sie eine Frau… – Dreyer, Die Spaltung, vorletzte Seite. So hab’ ich noch die Wehrmacht drin, die fand dauernd Mädchen in den Städtchen in Polen, als das losging vor 70 Jahren. Bis die Atompilze den Bogen wieder nach Japan schlagen. So wächst – wachsend sich selber schrumpfend – das Pilzige ins Pelzige der Weltgeschichte. Hab’ ich wieder Boden unter den Füßen? G.L.aub’ ja. G.L.aub’s nur! Und hat nicht das Bodenlose dessen, was unter den Füßen, nicht auch ein Leeres, das sie treten zuweilen? Im Dunkel strampelt erfolglos ein Berg, der mangels Gebrüll dennoch nicht vermag, sich bemerkbar zu machen.

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5 Antworten zu Kal. Sept. Anno 2762 a.u.c.

  1. read An sagt:

    In den Pilzen / die Zundermacher Sie haben Recht, das hat mehr Zunder, ich weiß jetzt auch wo´s herkommt, vom Zunderschwamm, Ötzi kannte den auch schon.

    • Bruno Lampe sagt:

      Ein reisiger Kommentar: ich hör’s fast prasseln, das trockene Reisig. Davon wußte ich nichts, vom Feuerschwamm. Und dann die Kinder, die um’s lodernde Feuer tanzten gestern abend, auf dem dann die Holzkohlen zur Glut wurden, die die Würste brieten.

    • read An sagt:

      Ich seh schon den Hexenring und das „leuchtende Holz“, Mycena mycena.

    • Bruno Lampe sagt:

      Sie schicken mich in die Botanisiertrommel (recherchieren, recherchieren), und ich stell‘ Ihnen dafür einen vorsintflutlichen Ziffernring neben das Bett, der leuchtete immer so schön, wenn man angstvoll des nachts in dessen Richtung blinzelte, um als Antwort zu bekommen, man dürfe noch etwas schlafen, der dann rasselnd hineinplatzte in das Mykenae, wie es vor dem Wecken war, das hinterlassend, was man heute sieht. Traumruinen. Nur das Tor bleibt mit den beiden Löwen Einst & Jetzt.

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