Vorprobiertes Arbeitsjournal. Freitag, der 4. Juni 2010. Sich erheben.

6.19 Uhr:
[Arbeitswohnung. Vaughan Williams, In the Fen Country.]
Latte macchiato, Pfeife. Es ist überhaupt nicht klug, schon wieder zu rauchen. Das weiß ich selbst. Es ist aber nötig. Ich muß heute mittag für ein Interview bereitstehen, am Telefon nur, doch eben! das werden die ersten zusammenhängenden Sätze sein, die ich seit zweidrei Tagen spreche. Ich versuche das schon die ganze Zeit im Schlaf, also wenn ich wachlag, und wenn ich halbschlief, formulierte ich heute Zeugs fürs Arbeitsjournal: „Zeugs”, weil es voll psychotischer Qualitäten war. Allerdings scheine ich doch s o sehr geschlafen zu haben dabei, daß es mir jetzt nicht mehr einfällt; davon aber hätt ich Ihnen gerne Pröbchen gegeben.
Immerhin nehme ich noch keinen meiner Cigarillos.
Das Bettzeug, abermals klitschnaß, lüftet aus. Daß ich unruhig geschlafen habe, geht aus den Eingangssätzen hervor. Nach meiner Entscheidung wird es nun in den Kleinigkeiten wieder kompliziert werden, gerade für solche Krankheitsdinge: Waschsalon. Für den imgrunde die Zeit fehlt, aber vielleicht kann ich ihn morgen einschieben. Hält jung. Auch wieder wahr. Jedenfalls sollte ich das Bett erneut neu beziehen. Immerhin ist, was ich habe, bakteriell. Wichtig für mich, in der gegebenen Situation, >>>> ist d a s: „Unter Antibiotika besteht schon nach einem Tag keine Ansteckungsgefahr mehr”, sowie, um die Plötzlichkeit zu begreifen, mit der mich das anfiel, daß es sich tatsächlich, im Prinzip, um eine Kinderkrankheit handelt, meine Kinderkrankheit, also spracherkennend: „meiner” Kinder.
Musik zu hören, „geht” wieder. Das ist erlösend.
In meiner Analyse kam unter anderem heraus, daß ich als Kind wahrscheinlich unter nichts anderem so sehr gelitten habe wie unter dem Verlust meines Vaters, von dem ich erst wieder, bewußt, hörte, als ich siebzehn war. Ich verlor ihn, durch Elternscheidung, mit vier. Das kommt alles ungefähr hin. In der symbolischen Wahrheit habe nicht ich diese Krankheit, sondern die Kleinen haben sie; ich trage sie nur für sie aus. Das ist ein Identifikationszusammenhang. Wenn ich das richtig deute, muß ich über die Folgerungen nachdenken. Ein Zurück gibt es für mich nicht mehr, ganz sicher nicht; aber es sind Wege denkbar, die den Verlust der Kleinen mildern, ohne daß ich mich abermals in nicht erträgliche Abhängigkeit begebe. Mein leiblicher Sohn, sowieso, ist nicht mehr betroffen, da gilt, was der Profi neulich sagte: „Väter und Söhne verlassen sich n i e.” Für die Kleinen müßte ich etwas schaukeln, das aber kein Netz hat; das Netz, vielmehr, wäre ich selbst. Weiß noch nicht.

Jetzt werde ich erst einmal die Uraufführung annoncieren. Dann weitersehen, vor allem: duschen und dann wieder liegen. Vielleicht etwas arbeiten später. Um zwölf das vierte Penicillin, 3mal eines täglich, also alle acht Stunden, ich habe strikt den Wecker darauf programmiert. Um eins ruft dann diese Journalistin an.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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