Gurre (10), darin die Solisten erstmals auf das Orchester treffen. Konzerthausorchester Berlin, Lothar Zagrosek. Arnold Schönberg, Gurrelieder. Donnerstag, der 10. Juni 2010. Die sechste Probe. Auch Udo Samel wird darin eine Rolle spielen.

9.30 Uhr:
[Konzerthas Berlin, Großer Saal.]
„Zehnkampf, dreizehn Mal direkt hintereinander“, kommentierte gestern nacht in der Bar der Profi die Leistung der Orchestermusiker, als ich noch einmal, einiges >>>> zu meiner Erzählung ergänzend, von den Gurreproben erzählte. „Davon macht sich ja keiner eine Vorstellung!“ „Doch“, erwiderte ich, „Musiker.“ Wir lachten, und Zagrosek betritt das Pult, seine schöne, eigengebundene Partitur unter dem Arm, die er liebevoll vor sich aufs Pult legt. Noch hören wir das Schwirren der Klänge, aufblitzende Flöten, rufende Fanfaren… und Daniel Kirch kommt herein, grüßt ins Orchester, lacht, sieht mich, winkt, ich spurte rüber. „I c h bin doch Daniel Kirch…“ Ich muß lachen, wußte ja eh, daß das kam. Gestern war ich in den Besetzungen „verrutscht“, hatte ihn an die Stelle von Ohlmann geschrieben und allezeit gedacht: „Das gibt’s doch gar nicht! Wie kann sich jemand in so kurzer Zeit derart verändern..?!“ So blieb das auch falsch stehen, bis mich Frau A., am späten Mittag, auf den Fehler hinwies. „Aua“, schrieb ich zurück, „auaaua.“ Hatte aber eine poetisch ironische Erklärung parat. Kostet mich dennoch einen Cremant, denke ich, und gerne. Zagrosek hebt den Taktstrock. Das A wird. Ein kleiner Feldherr, so blickt er momentan dieses A a n.
„So, einen schönen guten Morgen. Ich darf sehr herzlich Herrn Kirch begrüßen.“ Die Musiker applaudieren mit den Bögen. „Wir beginnen ganz von vorn.“ Hebt die Arme. Dieses schönbergsche Flirren, bei dem man manchmal, nich nur hier zu Beginn, an Debussy denken muß… „Oh, das war einen ganzen Takt zu früh. Machen wir jetzt acht vor 4.“
Und Kirch erhebt sich. Ich dürfe nicht schreiben, ob er gut singe oder nicht – über keinen dürfe ich so etwas -, legte mir jemand von außerhalb, sagen wir: sehr, nahe. Zag: „Geht das noch etwas leiser, bitte? Die Stelle ist s o tief für einen Tenor da am Anfang. Ziffer 9 -:“ Ach, und w i e schön er singt! Ich laß mir doch den Mund nicht verbieten. Lyrisch, rein, beinahe ohne Vibrato; er hat ein Rollen im „r“, und er spricht im Gesang, wie das hier sein muß: es sind zu einer Art Oratorium legierte L i e d e r, es ist nicht Oper… Zum Orchester: „Bitte noch etwas tiefer wegtauchen und dann, wenn wir den Raum haben, höher hinauf. Das können Sie, ich weiß das… Wir machen dieses erste Lied jetzt noch einmal, bitte.“ – „Ah, das ist zu laut. Bitte, Sie spielen so wunderschön, nur das noch, nur noch hier leise, zärtlich bitte, werden… Wunderschön… Da! Ein bißchen crescendieren: Hölzer… bißchen…“ – Derweil ist auch Melanie Diener gekommen und setzt sich, neckisch, durchweg, auf den Bühnenboden… „Nehmen Sie bitte gleich auf?“ Diener beginnt, Zag bricht ab: „Sie geben alle Ihr Bestes, ich höre das… aber das Beste heißt hier: das Leiseste…“

Oh, wenn des Mondes Strahlen
leise gleiten,
und Friede sich und Ruh
durchs All verbreiten,
nicht Wasser dünkt mich dann
des Meeres Raum,
und jener Wald scheint nicht
Gebüsch und Baum.

„Bitte noch mal… ganz schlank, ganz schlank. Was in Ihren Stimmen an Akzenten steht, bitte nur andeuten, nicht ausspielen….“ – „Diese Stelle an 21 müssen wir noch etwas ausdünnen, vier vor 21 bitte…“ – „Das ist immer noch zu laut, die Klarinette bitte n i c h t mezzoforte, sondern mezzopiano… bitte nochmal. – sehr gut. So probieren wir das jetzt. Eins vor 19 -:“ -„Ah, und jetzt aufwogen, z w i s c h e n die Stimme!“ „Und wenn wir bitte immer hören, wenn wir bitte immer spüren, wo wir die Stimme t r a g e n, dann wäre das schön… sonst muß sie immer gleich solchen Druck geben, und das wäre nicht schön für diese Musik.“ In diesem Auf- und Wegsteigen der Musikwogen formt sich dieser spezielle Klang, den ich an den Musiken der Jahrhundertwende liebe…. hier aber, bei Towes erstem Lied, hören sich jetzt sogar >>>> die Wesendonck-Lieder hindurch. „Zwei vor 25… -:“ – „tschuldigung, es ist doch klar, daß in der Hauptstimme nach dem siebten Takt ein D ist, siebter nach 25. Fangen wir noch mal an, bitte. Und -:“ – „Ja, gut. Das ist richtig. In der unteren Stimme ist ein des. Nochmal, zwei vor 25 -:“
Und wieder Kirch. „Ah, das war jetzt zu schnell.“ „Okay.“ „Bitte noch mal, eins vor 28. Nicht alles ausspielen.“

Roß! Mein Roß!
Was schleichst du so träg!
Nein, ich seh’s, es flieht der Weg
hurtig unter der Hufe Tritten.

„Das Nächste ist ein gedrucktes Pianissimo, das Sie bitte sehr ernst nehmen. Dann bitte, vor 30, zwei Takte, mezzoforte, nicht forte… aber bitte richtig aufdrehen Takt vor dreißig. Dann bitte drittes bis sechstes Horn, vor 31, fünf Takte, nur Piano. Die 1 vor 31 bitte mezzoforte, nicht lauter. Drittes bis sechstes Horn bitte Synkopen, nur piano. Vor 32, sechs vor 32, das steht, glaube ich noch nicht drin, kein Forte. Der Takt vor 32, da ist ein fortepiano, das bleibt piano. Bitte? Ja, wir machen nur e i n Crescendo hier. Dann bitteschön, 33, ganz wichtig, für das ganze Orchester: nur mezzoforte. Also diese Balance müssen wir in den Gurreliedern herstellen, da müssen wir uns einfach Zeit für nehmen. Ich möchte noch einmal nur mit dem Orchester… eins vor 28. Bitteschön -:“ – „Ganz zart!“ – „Vier vor 32… da ist die ganze Strecke über Crescendo… bitte, zweites bis viertes Horn: viel leichter… Nochmal, selbe Stelle… -:“ – „Was jetzt noch zu laut ist, das müssen wir alles noch leise kriegen… Bitte das ganze Blech: piano. Das ist noch alles zu viel. – Und eine Bitte des Tenors, eins vor 31: Da steht ‚bitte noch beschleunigen’… wir müssen also das Accelerando immer noch mitmachen, aber dabei dürfen wir auf keinen Fall lauter werden -:“ – „tschuldigung! tschldigung! Immer rnoch zu laut, bitte auch die Oboen im Pianissmo bleiben.“ – „Jetzt, jetzt wird das viel besser. Ach, die Pauke: hier g a r kein Crescendo, bitte, sonst deckt das unheimlich zu. Bitte drei nach 33 -:“ Derweil ist Melanie Diener vom Podium heruntergestiegen und hat sich nach hinten in den Saal gesetzt, um zu hören. Kirch fängt zu lachen an, bricht ab. Zag: „Bitte, das ist die Stelle mit den Triolen, also aufpassen…. und sich wirklich noch zurückhalten hier.“ Frau Diener kommt wieder nach vorne, klettert leichtest aufs Podium, nimmt ihren Stuhl ein. „Bitte, nicht ’so laut wie möglich‘, das ist zu schade für diese Musik, so laut ist einfach vulgär. Drei nach 33 -:“ Frau Diener erhebt sich. Beginnt. „Wir brauchen noch mal den Übergang, eins vor 34.“ Nun klettert Kirch vom Podium und setzt sich nach hinten.
Sterne jubeln, das Meer,
es leuchtet, preßt an die Küste
sein pochendes Herz,
Blätter, sie murmeln,
„Wir streichen das Crescendo vor 37, fünf vor 37, weg, bitte nur expressivo. Wir machen jetzt ab 34, zweiter Takt -:“

Sterne jubeln, das Meer,
es leuchtet, preßt an die Küste
sein pochendes Herz,
Blätter, sie murmeln,

„Bitte nochmal zwei nach 35.“„Das war jetzt ganz schön, wurde aber bei 39 wieder zu laut…“ Diener: „Darf ich eine Bitte äußern?“ „Aber ja.“ Sie kommt mir den Noten zu Zagrosek, „hier hätte ich gerne eine kleine Zäsur, damit ich da hineinkomme.“ „Wir probieren es. Bitte -:“ – „Ja, fein. Bitte jetzt nochmal das Orchester, 37, wir haben da ein Diminuendo…“ „Ja bitte, Herr F*?“ – „Ja, Sie haben recht. Genau so. – Bitte: einen Takt vor 35 -:“ – „Ah!!! Schade! Das war jetzt so schön! Und dann wurde es doch wieder zu laut… Also nochmal. -:“ – „Bitte, die Holzbläser, es gibt da noch eine Stelle, wo zu viel Forte ist. Vor 40 bitte alles Forte weg, auch die Celli. – So, eben den Schluß bitte, nach 37 sechs Takte -:“ – „Schön klar hier!“ – Und das Orchester rast jetzt, spielt es durch, Zag hebt die Hand. „Also, was ich hier hören muß, ist, was die Posaunen spielen, alle Hörner bitte zurück, nur das siebte bis zehnte Horn darf mehr sein. Bitte, wir haben in 42 ein Crescendo, dann haben wir im nächsten Takt ein subito pianissimo, da müssen wir alle nachgeben. – Zweite nach 41, Nachspiel. Und -:“ Daniel Kirch erhebt sich wieder, tritt den einen Schritt vor seinen Notenständer, markiert etwas, löst die Stimmbänder, während das Orchester sich in einem weiten Seufzerbogen zur Seite beugt. „So tanzen die Engel“ Zag: „Pause.“

*******

11.05 Uhr:
Die Musiker nehmen langsam ihre Plätze ein, wir saßen draußen vorm Bühneneingang, frühstückten, tranken Kaffee, aßen eine Kleinigkeit. Zag steht bereits am Pult, Kirch kommt herübergrinsend herein, Friedemann bespricht sich mit Zagrosek, Frau Diener erscheint, Zagrosek hebt den Taktstock….
„Meine Damen und Herren, bei diesem Stück, vielleicht nur einen Satz: Da ist vieles von Wagner herkommend, da geht es ums Überwältigtwerden, aber wenn man zwei Stunden lang immer nur überwältigt wird, dann hat das keinen Wert. Deshalb müssen wir immer genau schauen, wo wir die Überwältigung spielen müssen und wo nicht. Was wir jetzt spielen werden, sechs vpr 45, ist genau so eine Stelle. Bitte -:“ – „Verlöschen…“ – „So tanzen die Engel vor Gottes Thron nicht…“ – „Eine bitte, 45, das steht nicht da, aber wir bauen es ein: Diminuendo für das ganze Orchester. Und immer weicher werden dort… drei nach 45.. -:“ – „Achtung! Unterscheiden…“ – „Bitte ein Pianissimo eintragen: zwei vor 48, nein, machen wir drei vorher schon. Ab 1 vor 46, bitte -:“ Aber stolzer auch saß/ neben Gott nicht Christ/ nach dem harten Erlösungsstreite Zag hebt die Hand. „Bitte schön, kein Crescendo, nur Fortepiano, absolut kein Crescendo. Ansonsten war das sehr schön. – Wir haben bitte vor 48…“ Ins Orchester, auf die Fußspitzen gestreckt, hinüberweisen: „ja, Sie waren sehr schön, aber zehn % weniger.“ Lockert sich, „vier vor 48.“ – „tschldigung, bitte weg mit dem Crescendo, vierter und fünfter vor 49 kein Crescendo. So. Selbe Stelle, vier vor 48 -:“ „Z a r t e s t…“ – „Wunderschön!!“ – Melanie Diener erhebt sich. „Nun sag ich dir zum ersten Mal:/ „König Volmer, ich liebe dich!““ Und die Kußstelle mit der jetzt geradezu irre zurückgenommenen ersten Geige. Es stimmt, es stimmt! „Weil das so süffig ist und emotional, wird es immer wieder doch noch zu laut. Das muß ganz weit zurück, sonst hat sie“ Melanie Diener „keine Chance. Und dort: total homöopathisch.“ „Ich würde dieses gerne einmal am Stück.“ „Gut. 50 bitte. Und das ist total magisch, wie Sie das spielen… das ist ganz ganz wunderbar.“ „Nun sag ich dir zum ersten Mal:/ „König Volmer, ich liebe dich!““ Jetzt wird m o d e l l i e r t…. dieses Ausatmen und schneller Anhalten des Atems, einatmen, halten, wieder ausatmen gibt dem Stück einen solchen Puls! „An einer solchen Stelle müssen wir ein ganz anderes Fortissimo, wenn es kommt, spielen… das ist hier viel zu hart, das muß ein ganz weiches Fortissimo sein… Towe ist total verliebt, das erzählen wir… Und auch die Celli sind zu stark, nicht viel, zehn Prozent, aber um die geht es. Nochmal.“ W O G E. „Zurücknehmen!“ „Denn all meine Rosen küßt‘ ich zu Tod…“ MORENDO, impressionistische Auflösung, dann Erzählung der Celli zu hellem mytseriösen Scglagwerk. Kirch: „Es ist Mitternachtszeit„, ui bricht weg. Zag: „Wir machen bitte drei vor 56.“ „Es ist Mitternachtszeit“ Die Toten erstehen aus den Gräbern. „Bitte die Crescendi nicht so viel. Und eines ist total wichtig: Der Takt vor 57 ist ein total anderer Klang. Da spricht er vom Becherglanz. Bitte da ganz zart. Machen wir vor 57? Drei vor 57. Und es ist der W i n d, von dem er spricht. Bitte -:“ – „Ja, so ist es genau richtig. Sò, jetzt bitte mit dem Sänger. Und zwar steigen wir ein… einszweidrei… Nein. Wir steigen nochmal ein drei vor 56.“ „Es ist Mitternachtszeit/und unsel’ge Geschlechter“ – „Jetzt gleich ein völliger Szenen- und Stimmungswechsel. Aufpassen…“ Nun läßt Zagrosek wieder ausspielen, Übergang: „Bitte spielen wir von den Kontrabässen weg, nach 64 dritter Takt:“ – „Pauke.“ – „Bißchen mehr Horn, bitte.“ Melanie Diener geht an ihr Pult, Towe, Geigen, Celli darunter, „du sendest mir einen Liebesblick“ „Ja dankeschön, dankeschön. Das zweite, wo das so rauschhaft reinkommt, 70, ist zuviel. Sonst war das sehr gut. So, wir gehen jetzt auf… kurz vor der Harfe bitte, vier nach 68 -:“

SO LAß UNS DIE GOLDENE
SCHALE LEEREN

„Das ist ihr Höhepunkt, danach stirbt sie.“ „Jajaja!“ Lacht. Zag: „Schade.“ „Tot.“ „Wir führen das Crescendo da erst ganz zum Schluß aus. Nochmal bitte, zwei vor 70 -:“ „Jetzt den Akkord bitte ganz verlöschen… ganz verlöschen…“ Kirch: „Du wunderliche Tove!“ „Und hier bitte größte Inbrunst: wie ein Gebet. – Wir machen das nochmal, 6/8-Takt, zwei nach 72… nehmen wir den Auftakt.“ Hebt den Takststock….“ Jetzt alle verlöschen, jetzt bauen wir dem Tenor ein Bett… – Piano, Achtung… Geigen etwas zurück… Mezzoforte bitte, zwei vor 78, kein Forte. – Wir machen nochmal von dem neuen Tempo an, zwei vor 77 -:“ Boah, ist das schön jetzt! „Celli führen!“ Wie dieses Orchester nun aus dem Pianissimo aufsteigt! Und ganz still betritt Claudia Mahnke den Saal, setzt sich, steht aber wieder auf, weil Melanie Diener vom Podium klettert, indes das Ochester wogt, und dann klettert die Mahmke hinauf, umarmt Kirch, der hinabgeht, von Diener gefolt, hoher See- im Klanggang, Diener setzt sich nach hinten, Kirch schreitet durch eine Seitentür hinaus, Zagrosek läßt das Orchester sich dem Gesang der Waldtaube entgegenspielen, läßt durchspielen… der Mord, alles bricht weg, und leise, das Englischhorn, Wagner Hirtenflöte… die Klage. „Das ist Claudia Mahnke“. Applaus. „Aber bevor sie nun singt: Mittagspause.

*******

12.46 Uhr:
Claudia Mahnke, Waldtaube: „Weit flog ich, Klage sucht‘ ich,/ fand gar viel!“ Und trauernder Kommentar als Geste im Orchester. Und neues Ansetzen: „Den Sarg sah ich/ auf Königs Schultern,/
Henning stürzt‘ ihn
“ „tschuldigung, das muß schneller gehen, das ist ein tanzendes, sozusagen, Skelett. – Okay noch einmal: Auftakt zu 102 -:“
eine einzige Fackel
brannte am Weg;

„Bitte ohne Forte, das Crescendo wirklich nur andeuten. Eins vor 104 mit Auftakt.“ – „Und jetzt ganz zart… mehr… mehr!“ „Der König öffnet Toves Sarg,/ starrt und lauscht“ „Wunderbar!“ Bricht ab. „Sehr lang das spielen. Machen wir noch einmal zwei vor 106 mit Auftakt.“ WAHNSINN! WAHNSINN: Wie Zagrosek das Orchester mit einem Mal von der Kette läßt!

Helwigs Falke war’s, der grausam
Gurres Taube zerriß.

Und VORHANG in der Musik.

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„Ich begrüße Herrn Lukas, den Bauern. Wir steigen ein nach der schönen Kontrabaßstelle Ziffer 6 in Teil III… ah nein, machen wir bitte einen Takt vor 5 mit Auftakt in der Baßtrompete. Bitte! -:“ „O Mann! Das war so schön, und jetzt wird das plötzlich wieder viel zu laut. Mann! Gut. Machen wie kurz vor seinem Einsatz, zwei vor 8 bitte -:“ Lukas: „Deckel des Sarges/ klappert und klappt“ „Stop. Die Ratsche oder was da so laut ist: einfach früher aufhören, sonst deckt das alles zu….“ Im Saal sind nun auch Ohlmann und Samel hinzugekommen, sie sitzen in den Reihen und hören zu, auch Mahnke ist nicht gegangen, sondern dageblieben, um zuzuhören. „Wir müssen bei all diesen Dingen die Musik um zehn Prozent runternehmen, sonst funktioniert da nichts. Bitteschön! Vor 10, sechs vor zehn -:“ – „Immer noch zu laut. Wir machen noch mal 12. 12 -:“ – „S e h r schön“ unterbricht aber nicht, sondern dirigiert die Szene „durch“. Ah, unterbricht jetzt doch: „Das funktioniert prächtig, meine Damen und Herren, ich danke Ihnen. Aber darum gehen wir jetzt auch weiter und freuen uns auf den Narren, bitte.“ Ohlmann besteigt die Bühne. „Begrüßen Sie Herrn Ohlmann, den Narren!“ Bogenapplaus, „37, bitte 37, einen Takt vorher…-:“ – „Stop. Die Piccolo bitte schneller, und die Streicher: Wäääääh!machen, quäken… aber das heißt, wir müssen früher Beginnen. Haben Sie Mut zu dem häßlichen Ton.“ – „Ja, genau, jetzt haben wir’s. 38 bitte, 38 -:“

Ein seltsamer Vogel ist so’n Aal,
im Wasser lebt er meist,
Kommt doch bei Mondschein
dann und wann
ans Uferland gereist

„Jetzt Tempo!“ Und große Burleske mit schillerndem Absturz… „Und jetzt machen wir das alles noch mal Stück für Stück, ich wollte das eben nur einmal ganz durchlaufen lassen. Wir gehn noch mal auf 38 -:“ Ohlmann dreht sich zum Orchester. Mag er jetzt in es hineinsingen? Ja, er mag. Er singt dem Orchester v o r! Das ist fantastisch, weil sich jetzt wirklich, in der vertrautesten Publikumsferne, Nähe herstellt. Grandiose Idee! „Farbe… und jetzt wieder Tempo primo… schaun wir, daß das nicht zu laut wird, auch die Celli.“ Derweil ich dazulese, was Dr. No >>>> wieder zu meinem Wolpertinger geschrieben hat, >>>> auf den ich ich ja gerade bezüglich der Gurrelieder neulich zurückgekommen bin, mit denen einer seiner Altweiberfäden, doch festens, zusammenhängt. „Bitte hier einen Millimeter schneller, vier vor 44, da haben wir die Es-Klarinetten.“ „Sie gehörten nie zu den Frommen….“„Das Geheule, wo er sagt, das seien Eulen, ist wirklicht laut, aber alles dann bitte wieder Piano. Machen wir fünf vor 46, 5/8 -:“sobald die Eulen klagen“ „Noch viel zu viel, bitte. Machen wir sechs vor 47 das ‚frisch‘ – ‚auch dieser‘—:“ „auch dieser hat’s verdient“ – „Jetzt verklingen… so… ja…. ganz zart…“ Und wieder Scherzando mit Klagfanfare. Über die Funktion des Narren hier wurde bereits ein wenig geschrieben; ich hoffe, später noch dazu zu kommen, ihm meine eigene Interpretation zu geben, die allerdings sicher nicht abgelöst von anderen sein wird…. ah, Udo Samel kommt auf die Bühne… „Wir gehen bitte acht vor 79 und begrüßen Udo Samel, unseren Specher.“ Samel dreht sich g l e i c h zu den Musikern. „Sò bitteschon, die letzten drei Takte vor..-: jetzt bin ich bei… die letzten drei 4/4… -:“ „Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut,/ nun duckt euch nur geschwind“ Abbruch. „Ach, jetzt haben wir wirklich auf Anhieb alles verstanden… nur die Klarinetten. Nochmal bitte.“ „Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut“ Für mein Empfinden ist Samel zu leise, viel zu leise für einen gesprochenen Text, der ganz unbedingt zu verstehen sein muß, wenngleich das Mückenschwirren des Orchesters ganz hinreißend ist. „Jetzt bin ich beim Zweieinhalber…“ „Still! Was mag der Wind nur wollen?“ ….. – Solo-Cello Friedemann. Fein! Und die Mücken erneut, von denen wie nicht wissen, ob sich nicht fast durchsichtige Elben von Kleinfingerlänge unter die gemischt haben….

Ach war das licht und hell!

„Mann, der geht richtig rein da“: sagt Zag. Das Orchester applaudiert. „Wir machen das noch mal Stück für Stück. Von Beginn. Es beginnt sehr leise. Bitte schön zart machen.“ „Soll ich wieder ins Orchester?“ Von hinten: „“Wäre besser, mal andersrum, dann können wir das hören.“ Das Pult wird gedreht. „Acht Takte vor 79, vier Viertel -:“ – „Bitte nochmal, nicht so spät -:“ – „Sehr schön!“ – „Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut“ Ja, jetzt ist es verständlich. Das Orchester sackt weg. Kurze Besprechung Zag/Samel, neue Aufnahme: „“Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut“ — „Gut, bitte alle, 80, Crescendo, dann bitte wieder zurück. Machen wir drei vor 80.“ – „Ich weiß, daß st wirklich alles sehr schwer für Sie, aber… was jetzt einfach zu sehr dominiert sind die langen Töne in den Hölzern… da, wo alla breve steht, da immer etwas zurück. Drei vor 80 -:“

STILL! WAS MAG DER WIND NUR WOLLEN?

„Ach Mensch, was mach ich da denn immer falsch im Tempo?“ Schaut zu Zag, der lächelt. „Hier mußt du… schau…“ Denn Samel, der den selbstverständlich Text auswendig weiß, spricht ihn nach den Noten… An liebsten, hieß es, spräche er f r e i…. aber dann wäre die ohnedies schon zu große Gefahr, aus Tempo und Partitur zu fallen, zu groß… Übergang, das Orchester läuft hoch. „Können wir das bitte einmal“ so Zagrosek „mit Mikro probieren?“ Was ich für eine gute Idee bei diesem irrsinnig großen Klangkörper halte, zumal dann, wenn das Haus voll ist. Um Sie zu erinnern: Sichern Sie sich bloß Ihre Karten! Netzverbindung unten. „Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut…“ Ja, jetzt ist es sehr deutlich, g u t deutlich, auch wenn es eine Irritation der Klangquelle gibt… wie bei einem phasenverschobenen Anschluß…. Aber geht da nicht auch etwas Musik mit ins Mikro? Höre ich das falsch? „Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen. Bis morgen.“
Und wir, wir diskuteren noch ein wenig die „Mikro-Frage“.

Ihr
ANH
www.albannikolaiherbst.de
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>>>> Aufführungen:
12.06.10
13.06.10
Karten 28 / 36 / 44 / 50 / 60 €