Von Dominik Riedo, Wolf v. Niebelschütz ff: Achterbahnen.

>>>> Dominik Riedo an ANH:

Nun mal unter uns: >>>> Das von Ihnen angetönte Problem von Arkadien scheint mir das Problem fast aller seiner übrigen Arbeiten zu sein. Es gibt zum Beispiel Gedichte, die sind nun wirklich nur im Kontext einigermassen zu ertragen, oft nicht mal so (etwa: Aufbruch zur Schlacht). Das vom Inhalt her.
Was die Qualität betrifft: Es gibt zwei weitere Romane von WvN, auf die ich natürlich sehr gespannt war (sie liegen in Marbach, wo ich den gesamten Nachlass gesichtet habe, etwa 80 Archivschachteln). Aber, oh weh, oh weh: Wie kann jemand NACH dem Blauen Kammerherr noch so etwas Schlechtes schreiben wie „Barbadoro”; >>>> es gibt das Ding in einer zur Novelle umgearbeiteten Fassung als ebenfalls postume Veröffentlichung. Und die Kinder der Finsternis sind dann wieder gut. Man versteht es nicht. (Ich versuche es dann in der Bio einigermassen zu fassen.)
Ich bin auch auf Stellen getroffen, wo Niebelschütz der Kriegspropaganda wohl auf den Leim gegangen ist (im Sinne von: Nein, oh nein, alles, bloss die Russen nicht. Abendland, oh Abendland, was machst Du bloss, wenn die Russen kommen…!). Was sich mit seiner traditionell konservativen Haltung trifft. Er ist ja wohl nur gegen die Nationalsozialisten gewesen wie das auch Jünger etwa war: weil er selbst viel traditioneller dachte und sie ihm von der nicht geförderten „geistigen“ Bildung her missbehagten. Auch die Theaterstücke sind – mit einer Ausnahme – kaum richtig gut.
Summa summarum: Ausser den beiden bekannten grossen Werken könnte man ihn höchstens mit einem klug ausgesuchten Essay-Band noch unter die Grossen rechnen. Vielleicht mach ich das mal. Wert sind es seine beiden Gross-Werke ja auf jeden Fall. (Kennen Sie >>>> Ruth Schori Bondeli: „Der postmoderne Kammerherr”? Da natürlich auch die These wieder… ist von 2005.)

Dieser Beitrag wurde unter Korrespondenzen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Responses to Von Dominik Riedo, Wolf v. Niebelschütz ff: Achterbahnen.

  1. @Dominik Riedo: zum Konservatismus. Manchen >>>> verstellt das allzu „Aristocratische” den Blick, fürchte ich. Jünger allerdings dürfte ein noch mal anderer Fall sein: es gibt bei ihm solche Achterbahnen nicht im Niveau, ebenso wenig wie bei dem politisch wirklich widerlichen Céline (über den ich>>>> ein Hörstück geschrieben habe – eine der wahrscheinlich aggressivsten Arbeiten, zu denen ich mich je getrieben sah) oder dem Pound der Vor-Kerker-Zeit. Dazukommt, daß, wahrscheinlich, die Abwehr, die etwa der Kammerherr ja auch erfuhr, narzisstische Kränkungen auslösen kann, die zur Verhärtung eskapistischer Haltungen führen, eben auch: politischer. Da muß man dann ganz genau schauen, wo die politische Haltung nicht eben doch auch eine begründete Skepsis formuliert. Der ist dann das Ideologische zu nehmen, und sei’s wider Willen ihres Autors. Bei Pound ist das unterdessen geschafft; Benn hat selbst dafür gesorgt, Jünger bedingt auch; Niebelschütz aber blieb ohne Wirkung und Einfluß: hätte er die Zeiger auf Moderne gedreht, wäre das möglicherweise anders geworden. Aber schon, wie er sich über „Romantik“ ausläßt, womit er meist Spätromantik meint, ist voller Ressentiment.
    Zu Barbadoro bin ich übrigens anderer Meinung als Sie. Ich las die Novelle zum ersten Mal (ich notiere in die Bücher immer, wann ich sie las und wiederlas und wiederlese) 1990, da war ich 35, und ich fand das Ding marginal, ganz wie Sie, und ohne Ausstrahlung. Nunmehr, zwanzig Jahre später, ging mir das völlig anders: mit einem Mal hat der Text Geruch, Gesicht, Farbe und wirkt sehr nach; er ist auch, wie ich das gerne nenne, von poetischer Gerechtigkeit: es ist ein R u s s e, sowjetischer Offizier, der sich schließlich zu den Geistern des Abendlands schlägt… das Ganze freiliich soldatisch formuliert. Aber ich hatte unterdessen Bekanntschaft mit hochgebildeten Soldaten, vor allem einem, gemacht und zu begreifen begonnen, welches Denken, vor allem: Fühlen es da gibt – eines, das man erst richtig begreift, wenn man viel Kleist inhaliert hat. Und wenn Sie solche Erfahrungen literarisch nehmen – ich selbst bin zwar sicher kein Pazifist, aber strikt antimilitärisch gesonnen, nach wie vor -, dann bekommen sie einen Wert des Gefühls, der sich übertragen läßt. Man begreift dann, wie ideologisch s e l b s t man gesonnen war, und nimmt vorsichtig Abstand und bekommt Nähe gerade zu Barbadoro.
    Heikel, politisch heikel, ist das insgesamt deshalb, weil ja Hitler (ich meine das, für was er steht) von etwas Ausgang nahm, von dem auch Niebelschütz Ausgang nahm – und viele andere mit ihm. Denken Sie an Klages, denken Sie an den Wandervogel, ja selbst Kommunismus und Sozialismus hatten ähnliche Ausgangs-Auren (was in dem Wort Nationals o z i a l i s m u s nur allzu deutlich drinsteckt); das im Verbund mit Rassen-Ideologie, vornehmlich dem – schon im Wort ungenau – Antisemitimus, ergibt ein höchst ungutes Gemenge, wenn man da die Strukturen nicht klar auseinandernimmt. Wichtig ist dabei, sich zu vergegenwärtigen, glaube ich, daß der Materialismus, der sich wirtschaftlich Bahn brach, gar nicht zu Unrecht die Leute übelfühlig machte; hier etwa sticht Marx mit dem Begriff der Entfremdung nach wie vor, heute vielleicht sogar gründlicher denn je. An Niebelschützens und anderer Konservativer Klagen ist ja was dran, aber man muß das austarieren: deren Werke gehören auf e i n e Waagschale, und andere Werke gehören auf die andere; erst zusammen ergeben sie etwas, das man zum Humanismus zählen kann. Subtrahieren wir nur eines davon einfach weg, weil es uns politisch mißhagt, dann hängt die Erkenntnis im Ungleichgewicht, und wir ideologisieren uns abermals.
    Manche Texte brauchen ihre Zeit. Durchaus möglich, daß es Ihnen, wenn auch Sie Barbadoro in zwanzig Jahren wiederlesen, ebenso wie mir ergeht.
    Das mit der geistigen Bildung beginnt derzeit, auch für mich ein Problem zu werden; Stichworte werden für mich ebenfalls Abendland und Herkunft. Das ist kein „über alles“, sondern gedacht als „zu jenem und diesem h i n z u und daneben“; etwas, das für mich, wenn ich über den fundamentalen Islamismus nachdenke, eine große Rolle zu spielen begonnen hat: was bedeutet Kulturverlust und was verlieren die, die Kultur verlieren; dagegen wiederum: was gewinnen sie. Usw. Man kann verschiedene, dabei je durchaus berechtigte Positionen dazu einnehmen; wichtig ist allein, daß man sie b e w u ß t hat.

    • Das Aricratische war auch mir zu Beginn eher unverständlich. Man lernt es mit der Zeit als etwas zu fassen, das wohl eher eine Art „Aristocratie des Geistes“ meint als alles andere. Und da hat Niebelschütz ja durchaus recht. Wie sehr die Bildung, die wenigstens vorhanden sein sollte, um seinen Kammerherr zu geniessen, zumindest hier in der Schweiz fehlt, habe ich feststellen müssen, als ich es mal mit 19jährigen Schülerinnen und Schülern lesen wollte, später mit Studenten … Man könnt‘ glatt zum Kulturpessimisten werden (was ich immer wieder zu verhindern suche, bei mir selbst).
      In dem Zusammenhang: Dass auch WvN’s Begriff des Abendlandes durchaus viel dem hat, was auch mir gefällt, musste ich mir nach ersten kritischen Reaktionen darauf bald mal eingestehen. Und dass Jünger nicht mit Niebelschütz in einen Topf geworfen kann, sehe auch ich so. Ich meinte eher, dass auch er nicht aus einer demokratischen Haltung heraus gegen den Nationalsozialismus eingestellt war. Aber es bleibt ein Phänomen, dass man einigen Mitläufern von damals kaum Schuld zuweist, bei Niebelschütz aber die wenigen Stellen zusammensucht, die ihn verdammen können, wenn man sie nicht im Kontekt zitiert. Er ist Ende der 1930er-Jahre wegen politischer Missliebigkeit von seiner Redakteur-Stelle geflogen. Das sehen die werten Damen und Herren dann aber selten.
      Die narzisstische Kränkung stimmt, meine ich. Aber eher NACH dem Barbadoro. Ich kenne halt seinen gesamten Briefwechsel und die Tagebücher. Auch schlimm war die Ablehnung der Theaterstücke und der Gedichte der frühen 1950er-Jahre. Beim Kammerherrn hat er immerhin einige Tausend verkauft in den ersten Jahren.
      „Die begründete Skepsis“: genau! Aber manchmal geht er dann schon sehr weit. Nun, er hatte es im Leben nicht einfach. Viele Krankheiten. Auch sie haben ihn zunehmend verbittert. Dass dann 1959 nochmals so ein Werk kommen konnte wie die Kinder der Finsternis verblüfft da sogar. Und deshalb war’s dann danach ganz schlimm, als die Kritiker ihm DBK gegen die KdF gehalten haben. Teilweise jene, die zuvor den Kammerherr nicht gut genug fanden … Wie sehr seine Erschöpfung über den Lauf der Welt (es gibt da zahlreiche Briefstellen) am Ende dazu beigetragen hat, dass er nach der erfolgreichen Operation (Entfernung eines Hirntumors) an einem nosokomealen Infekt verstorben ist, bleibt allerdings Spekulation.
      Bei Barbardoro bin ich also auf das Wiederlesen gespannt, das kommen wird, wenn ich am Kapitel darüber sitze (in einigen Monaten wohl). Eventuell mehr dazu dann.

      Ja, was gewinnt man, wenn man „Kultur hat“?

  2. Avatar dominikriedo sagt:

    noch mehr gründe gegen den Nationalsozialismus Anzufügen wäre noch: Es hat noch weitere Gründe bei WvN gegeben, gegen den Nationalsozialismus eingestellt zu sein, natürlich. Und im Blauen Kammerherrn steht am Ende ja eine bestimmte Art der Demokratie da… Aber Niebelschütz hat grosse Herrscher oder Diplomaten schon sehr bewundert (wogegen man ja auch nichts haben muss…)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.