Dies furchtbare Sehnen ODER Unbegrenzt vereint zu sein (1). Zum Konzept. An Norbert W. Schlinkert.


Da ist ja fast >>>> das ganze Buch darin! Irre.

Der Grundgedanke, den ich für das Hörstück habe, ist: die Spuren des romantischen Denkens – sowohl ihres Revolutionären wie ihres Reaktionären (es ist kaum von der Hand zu weisen, daß die Romantik einen enormen Einfluß auf der Machtergreifung Hitlers gehabt hat und auf die Entfaltung seiner Ideologie) – in der Gegenwart aufzusuchen und zum Klingen zu bringen. Also: Ich begebe mich auf einen Nachtspaziergang durch Berlin, nehme ihn komplett auf, schaue in die Clubs, in die popularen Szenen von Entgrenzung usw., schneide auch da mit, und nebenher, im Innern der Hörers, also (!) aus dem Off, werden die Zitate darübergelesen. Was ich unbedingt vermeiden will, ist Erklärung. In d e m Sinn wird es k e i n Feature sein, sondern ein poetisches Hörstück. Einbauen würde ich gerne – die – große Verbindung“ (denken Sie an die Formwandler von Deep Space 9)/Entindividuation – die „Yeah!Yeah!Yeah!“-Schreie der Hippies („Yeah“ ist aus „Gea“ assimiliert, worauf Anthony Burgess hinwies) ebenso wie die Schreie der Ravers; das dann kombiniert mit dem Volksjubel zum Beispiel bei der Rede Obamas am Großen Stern… und darüber dann wieder Gedichte, Gedichte, Gedichte, sowie Romanauszüge, aus meinen eigenen Texten, aus denen anderer Autoren.

Daß die Musik bei alledem eine besondere Rolle spielt, ist klar. Hier kommt Schopenhauer zur Bedeutung, sowie, vermittelt über ihn, und sowieso, Nietzsche. Richard Wagner wird eine Rolle spielen; ich stelle mir etwa eine Modulation aus einer seiner spätromantischen Opern direkt in Deep Purple hinein vor, sowie eine Konfrontation des Dionysischen bei Nietzsche mit Jimi Hendrix und vom da aus direkt ins Heavy Metal, bzw. in den Punk (von dem wiederum, über Gothic, Wege zurück zum Grafen Dracula des romantischen Abraham Stokers führen). Usw. Klanglich will ich insgesamt den Akzent auf die Gegenwart legen; das Stück darf gar nichts Historisches haben. Ich brauche also sehr viel Autoverkehr, Tramgeräusche, elektronische Geräusche.

Ich würde auch gerne Filmszenen – rein akustisch, selbstverständlich – mit einbauen; solche dann, die sofort für eine große Menge Menschen wiedererkennbar sind; das wird aber eine Rechte- also Kostenfrage sein. Mal sehn. Immerhin habe ich auch nur eine Stunde Sendezeit.

>>>> Das furchtbare Sehnen 2

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10 Responses to Dies furchtbare Sehnen ODER Unbegrenzt vereint zu sein (1). Zum Konzept. An Norbert W. Schlinkert.

  1. Sehnen, fruchtbar gemacht Ich befinde mich im Augenblick [ich unterbrech‘ das mal kurz] bei meinem Romanprojekt im Jahre 1712 (es ist trotzdem kein historischer Roman, Leute!), also Jahrzehnte vor der literarischen Romantik, in einer Zeit, in der die Empfindsamkeit durchaus eine Rolle spielt, mithin auch die Überschreitung von Grenzen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen (Adel, Bürgertum). Ganz ähnlich ist es auch in der Romantik, da fragt zunächst kaum jemand nach Herkunft, Religion, Nationalität; viel eher wird das Emotionale, das Lustvolle, die Liebe betont, letzteres auch von Literatinnen, etwa von Sophie Mereau-Brentano in ihrem im Umfeld der Französischen Revolution angesiedelten Roman „Das Blüthenalter der Empfindung“ von 1794, in dem der Mann der Lernende und Naive ist und die Frau tatkräftig und stark.

    Doch wie das alles auf die Jetztzeit münzen? Zwei Begriffe schienen mir wichtig für eine erste (!) Annäherung der Zeiten, zum einen die Individualisierung, zum anderen die Entindividuation (im Rausch). Beides findet sich exemplarisch in Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“, denn zum einen geht es um den Bildungsweg eines jungen Mannes, bezogen auf die äußere, die Normal-Welt, zum anderen aber auch um die Blaue Blume und das Aufgehen in erotischen Träumen und Innen-Welten. Für letzteres ist die Nacht unabdingbar, von daher ist die Idee eines Nachtspazierganges naheliegend, und noch naheliegender wäre es, den Übergang von der einen Welt in die andere akustisch parallel zu gestalten – Sie kennen den Traum am Anfang des Romans, wo Heinrich ebenerdig in den Fels hineingeht, um die süßen Wonnen des Erotischen zu erleben. Hier geht es um einen Initiationsritus – „Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen“ –, dann aber auch um unwiderstehliches Verlangen, Entzücken und Berauschtsein. Hier paßte auch das „Lied der Toten“ [Materialien 6], wo es heißt: Süßer Reitz der Mitternächte, / Stiller Kreis geheimer Mächte, / Wollust räthselhafter Spiele, / Wir nur kennen euch. / Wir nur sind am hohen Ziele / Bald in Strom uns zu ergießen / Dann in Tropfen zu zerfließen / Und zu nippen auch zugleich.

    Über die Aspekte des reaktionären Denkens, über Machtergreifung und Volksjubel muß ich erst noch nachdenken. Was die Musik betrifft: da fällt auch mir was ein, es fehlt mir aber das Fachwissen, welches wiederum meine Freundin hat. Sie meinte: kuck mal da: http://www.zeit.de/2007/12/D-Klassiker

    Und jetzt zurück ins Jahr 1712. Da geht es auch ordentlich ab!

    • B.A.Zimmermannns Requiem für einen jungen Dichter. Ich kenne das Stück gut und habe es auch hier – für einen, der neben seiner poetischen Arbeit über Musik schreibt, hat das selbstverständlich zu sein. Ob ich es beiziehen werde, weiß ich allerdings noch nicht; vieles an der Komposition ist, anders als bei den übrigen Werken Zimmermanns, ausgesprochen zeitverhaftet. Das macht sie manchen Features Alfred Anderschs ähnlich.

      Ofterdingen, klar. Zu Ihrer Bemerkung in Ihrem Buch bzgl. der technikwissenschaftlichen Orientierung Novalis‘ meinerseits die Bemerkung, wie auffällig, die Vorliebe der Romantiker insgesamt für Mineralogie ist. Das liegt an der Tiefe, worin sie suchen. Auch da nämlich (so man’s nicht erhellt): Dunkelheit. Es ist eine große Vorliebe zeitgenössischer Clubs, daß man sinnvollerweise immer erst nach 23/24 Uhr dort hingeht.

    • Deep Purple oder noch tiefdunkler Es ist ja nicht nur die Tiefe als solche oder als metaphorische. Spannend ist ja auch der wechselseitige Bezug von kalter Technik, die ein Salinen- und Bergwerksinspektor wie Novalis beherrschen muß, und Mythologie und Sagenwelt. Die Vorstellung, daß die Unterwelt nicht unbelebt ist, ja daß sogar die Steine nachwachsen, wird ja in der Romantik nicht etwa von der Vernunft hinweggefegt, sondern mit dieser in Bezug gesetzt. Das Dunkle wird so auch nicht aufklärerisch erhellt, es behält seinen Platz, so wie der Widersinn seinen Platz behält. Wegen dieses Widersinns muß das Helle aber dann doch auftauchen, so wie es nach dunkler Nacht in einem Club zu ertragen ist, wenn man zwecks Heimfahrt einen U- oder S-Bahn-Wagen betritt. Das ist dann die technische Seite der Welt – kann grauenvoll sein, und so HELL!

    • Avatar Red Skull sagt:

      nanu? So schnell? „…schaue in die populären Clubs…“ „nehme die Musik auf..“ Pfui, Pfui….wenn das keiner merkt…Kennen Sie dieses schöne Ding von Walther Ulbricht:
      http://www.youtube.com/watch?v=tberaaHLTPE

      So hört sich das – recht plötzlich, geradezu – eiligst..an:
      Plötzlich interessiert am großen „Sehnen“ ???? Zug verpasst, Bahnsteig verwechselt, Fahrkarte verzettelt?
      Rog und Bob im Weh Deh Er? Peinlich peinlich..

    • @Red Skull. Wie kommen Sie auf „plötzlich“? Mit „Zug verpaßt“ hat das wenig zu tun, allenfalls mit: „wieder ausgestiegen, weil zu laut“. Im übrigen muß man kein Huhn sein, um die Qualität eines Omeletts beurteilen zu können; das ist viel eher sogar hinderlich.

      Was finden Sie übrigens „peinlich“? Klingt schräg, ein solcher Terminus aus einem solchen Mund.

    • @Schlinkert: Selbstverständlich. Ohne die technische Andere Seite wäre es Kitsch – wozu einiges in der Bewegung, vielleicht sogar das meiste, denn auch verkam: in vielem Pop zum Beispiel, aber auch besonders im „esoterischen“ Bereich der Grünenbewegung und ihrer theosophischen Vorläufer inkl. Anthroposophie, worüber auch einiges „Völkische“ mit da reingeschleppt wurde. Aus klassischer und klassizistischer, bzw. rational-instrumenteller Sicht ist das eine ziemlich giftige Brühe. Wie wir Deutschen ja nun bitter wissen.

    • Avatar Stretman Hilfreich sagt:

      Ein Huhn kann die Qualität eines Omeletts doch gar nicht kennen, weil es doch Teil des Omeletts ist, ja ohne das Huhn wäre das Omelett beinah nicht denkbar

    • @Stretman Hilfreich. Eben.

    • Machen Sie sich frei! Goethe, dem allenfalls ein gewisser jugendlicher Hang zum Pietismus vorzuwerfen wäre, hat die Romantiker nicht nur um seiner eigenen Stellung als Dichterfürst willen auf Distanz gehalten und offen kritisiert, sondern auch, weil diese bald schon einen zunehmenden und aus Goethes Sicht fatalen Hang zu Religionsdingen zeigten. Die vielbeschworene „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Romantik und Spätaufklärung trifft auf zunehmende Verstädterung und den zaghaften Beginn der Industrialisierung usw.) führt am Ende auch sicher dazu, daß die romantische Bewegung zum einen nationaler wird, bedingt auch durch den Widerstand gegen Napoleon, zum anderen sich in unpolitische Biedermeierlichkeit verwandelt, in Untertanentum und Kleingeistigkeit. Konformität allerorten, Ruhe ist immer noch die erste Bürgerpflicht, Anderssein ist grundfalsch. Welch ein Kontrast zu den bestimmenden Ideen der Frühromantik, wie sie etwa im sogenannten, von Hegel, Schelling und Hölderlin verfaßten „Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus“ (welches aber erst Anfang des 20. Jh.s entdeckt wurde) benannt sind. „Die erste Idee ist natürlich“, so heißt es dort, „die Vorstellung von mir selbst, als einem absolut freien Wesen.“ Was ist davon geblieben? Wandervogelbewegung, Pop, Kitsch und FKK? Keine Ahnung!

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