Reisejournal: Raffaela reloaded. Montag, der 28. Februar 2011. Berlin und Conthey (Rätien).

5.38 Uhr:
(Arbeitswohnung. Beethoven, op. 132.]
Auf geht’s. Nur noch eben mir ein Brötchen schmieren und die Morgenpfeife zum Latte macchiato ausrauchen. Während der Fahrt werde ich meine >>>> Rusalka-Kritik schreiben. In einer halben Stunde werde ich in der SBahn zum ICE sitzen

Ich liebe diesen Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit.

17.08 Uhr:
[Arcadia raetiae.]
Der Zug war enorm voll, bis Wolfsburg morgens sowieso, aber erstaunlicherweise auch wieder ab Karlsruhe. Grenzübergang problemlos, obwohl mein Paß in einem Monat ausläuft; ich kam noch nicht dazu, den neuen abzuholen: Das werde ich am Donnerstag nach meiner Rückkehr tun.
Das Programmheft durchgearbeitet; spannend, daß sich die Autorin des Hauptaufsatzes, Corinne Holtz, zu der ich gleichsam hinfuhr, da sie offenbar in der Schweiz lebt, – also daß sie sich derart deutlich >>>> auf Jost Eickmeyer bezieht. Darauf werde ich in meiner Kritik, die ich fast fertigskizziert habe, gesondert eingehen. Fertig bekam ich sie leider noch nicht; ich schlummerte dann doch einige Zeit oder schlief sogar etwas. Immerhin habe ich noch zweimal Dvořáks Rusalka gehört, so daß sich in meinem Innern allmählich Ohrwürmer gebildet haben, die ständig weiterklingen und jetzt hierhin, in diese Landschaft, nicht richtig passen wollen. Was ihnen aber einen besonderen Reiz verleiht. Selbstverständlich bin ich mir darüber klar, daß „Arkadien” ebenso wenig hierher gehört; deshalb nenn ich’s ja ‚ratiae’; wiederum ein Et in arcadia ego hätte den falschen Bezug, weil ich hier l e b e und also davon absehe, Schädeln in ihre leeren Augen zu sehn. Madame ist, seit ich hier bin, auch befriedet. Sie hegte einen Groll auf mich, den sie in einen Ring beschwor; sie härtete ihn mit einem goldenen Siegel; nun steckte sie’s mir an. Das ist nicht ohne Verpflichtung.
Unsere Unterkunft liegt außerhalb des Orts und ist vergleichsweise einfach; etwa gibt es keine Zentralheizung, nur Öfen. Die aber schon bullerten, als mich der Fahrer abgeholt und hochgefahren hatte. Die Sicht ist grandios, ohne aber so zivilisationsfern zu sein, wie ich das oft schätze. Madame teilt meine Vorliebe nicht; ich habe es nahezu immer mit luxuriösen Frauen zu tun. Ich meine, wer hat schon solch einen nicht nur Zweit-, nein Drittsitz? „Ich muß mich pflegen lassen können”, sagte sie vorhin, „ich will mir neue Kleider kaufen, vor allem Schuhe, und dazu nicht hundert Kilometer fahren müssen.” Zudem behauptete sie, grantige Männer verlören durchaus nicht an Anziehungskraft, ich solle nur an den alten Jean Gabin denken. Frauen hingegen lockten dann nie. Wobei ich, was ich wirklich brauche, in einem Rucksack dabeihaben kann; das erstreckt sich auch auf Anzug mit Weste, Hemd und Krawatte(n). Seit man ins Netz kann, ist auch mein Bücherbedarf auf einzwei pro zwei Wochen zusammengeschnurrt, indes ich früher immer Lexika mit mir herumschleppte.
Die kleine Wanderung machte ich allein. Darüber war ich dann aber froh, als mir die blutjüngste Lombardin, seit der antiken Klassik exiliert, entgegenhüpfte; bronziert noch von Italien, ist sie bis heute Migrantin geblieben. Aber sie wußte es nicht – so hat ihr Französisch gejubelt. Das muß ich Ihnen nicht sagen, nicht wahr? – das dachten Sie sich schon selbst –, daß sie, als ich um ihren Namen fragte, Raffaela sagte –Jetzt will ich wieder an die Kritik, die Sie morgen früh dann lesen können.

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4 Responses to Reisejournal: Raffaela reloaded. Montag, der 28. Februar 2011. Berlin und Conthey (Rätien).

  1. Avatar Chantui says:

    Genesen an die Gottheit.was bist Du für ein verrückter und doch genialer Typ? !
    nicht unlecker…also setze dich in ICE von Berlin nach irgendwohin.. und schreibe…deine kritik…als ob es darauf ankäme !

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