Undines Wiederkehr im Großen Saal. Bemerkungen im Morgen des Arbeitsjournals vom Montag, dem 17. Oktober 2011, aus dem Hotel. Sowie zurück in Berlin.

7.25 Uhr:
[Lindens Krug, Gütersloh.]
Man bekam nichts mehr zu essen nacht, doch in der Waage, da das Heu gewogen wurde, durften wir rauchen; entsprechend teigig war die Luft. Selbst mir unangenehm, geb ich zu (notiernSe sich das: solche Eingeständnisse mach ich nicht oft). Aber >>>> die Truppe saß beisammen, gelöster als in dem strahlend weißen, kleinfuturistischen Etablissement, das als fünftes Stockwerk oben auf dem neuen Theater hockt, einem Bau, dessen Innenräume ebenfalls reinweiß sind (Betonung auf „rein“); es fehle nur noch, kommentierte Dr. Jost, ein weißer Flügel von Steinway. Da jedenfalls saßen wir erstmal herum, während sich die Bühnen-Abbauten vonstatteten. >>>> Undine kam. Sie geht jetzt nach Sierra Leone. Beeindruckend, sowieso, doch besonders für eine Wasserfrau. Dachte ich. Auch sie wollte nunmehr ins Heu.
Da waren wir erwartet: „Wie fandest du‘s?“
Das Problem ist, daß sich für kleine Bühnen einstudierte Stücke nicht ohne Änderungen auf große Bühnen verlegen lassen, nicht jedenfalls und also, wenn nicht genügend Probezeit für den nun neuen Raum war. Das Ensemble hatte einen Tag, und dieser verging vor allem mit der Technik, die ebenfalls komplett anders in einem Schauspielhaus ist als auf einer Bühne im Off. So wurden, vor allem in Akt I und II die Wege zu lang; das retardierte das Spiel, so daß die Übergänge, die in den Akteuren-selbst stattfinden müssen, nicht immer fließend waren und schon gar nicht flirrend, wie ich mir das vorgestellt habe, als ich das Stück damals schrieb: einen Zustand des Spiels zu erreichen, worin die jeweiligen Rollen – ob noch Spiel oder schon wieder Probe oder Probe in der Probe – derart unmittelbar ineinander verschmelzen, das eine Art Bewußtseinsteppich, und zwar im Zuschauer, entsteht, auf dem dann wirklich getanzt werden kann und auf dem sich, i n dem sich, der alte Mythos neu entfaltet und da eben auch glaubhaft wird. Da war jetzt erstmal zu viel Holz, jedenfalls bis zum großen Monolog der Undine, der in den dritten Akt führt. Zumal war er nun durchinszeniert worden, bzw. wurde er improvisierend ver/spielt, anstelle ihn schlicht vorzusagen. Das nahm ihm ein wenig die Kraft.
Interessanterweise drehte sich die Aufführung im dritten Akt dann völlig: je kunstvoller die Sprache gebaut war, ja auch: je künstlicher (nämlich in gebundenem Vers, der zudem stabt), desto lebendiger, desto glaubhafter waren plötzlich die Figuren – ja überhaupt – und das fand ich großartig gestern, wie das zu erleben war – werden die mythischen Wesen invermittelt „eigentlich“; die Blaßheit der Menschen wird da schlagend. Allerdings wandte meine Begleiterin ein, daß sich so nicht ganz verstehen lasse, weshalb sich Undine dann überhaupt in einen Menschen verliebte, will sagen: die Balance kippt zu sehr. Mein Einwand, schon bei Fouqué, bei Andersen sowieso, sei das so, war, ich geb‘s zu, wohlfeil; er wurde auch nicht akzeptiert. So daß ich mich fragen mußte (und immer wieder fragte gestern abend, auch während der Aufführung schon), ob nicht wirklich im Stück etwas falsch sei, ob da nicht noch etwas hinzukommen müsse, daß auch den Menschen wenn nicht direkt Magie, so doch Ausstrahlung verleihe. Hier waren sie alle zu sehr nur Pappe – über die im Stück angelegte Kritik hinaus, bzw. meine Sympathie mit den Trägern der Allegorie. Es könnte aber ebenso gut, bzw. schlecht, eine Frage der Inszenierung, nein, sondern des Castings sein, der Besetzung. Jedenfalls hatte ich plötzlich Lust, mein Stück einmal selbst zu inszenieren und während der Arbeit, wenn sich die Notwendigkeit ergäbe, auch entsprechend einzugreifen und umzuarbeiten aus der Arbeit-direkt-heraus. Andererseits wollte ich das ja gerade vermeiden, daß wieder einmal ich es bin, der interpretiert.
Noch etwas: kein Bühnenbild. Oder nur ein angedeutetes. Alles übrige dem Spiel überlassen. Vielleicht nur durch ein Licht leiten, das den Bühnenraum segmentiert. Das würde auch die Gänge erheblich beschleunigen, insofern niemand die Bühne wirklich verlassen müßte, sondern es reichte, zweidrei Schritte aus dem Licht heraus zu tun. Momentan tendiere ich überdies dazu, ein paar jener Stellen einfach zu streichen, die nach der Realität des Geschehens immer wieder fragen; eigentlich muß das nach zweidrei Malen erledigt sein.
Ich ginge also gerne noch einmal dran und baute etwas um. Andererseits liebt diese Truppe dieses Stück, das war in der Heuwaage so sehr zu merken; es wird überlegt, es für ein Festival vorzubereiten. Und ich habe auch gar nicht die Zeit, mich jetzt auch noch hierum zu kümmern.
Unabhängig aber von alledem, gab es große Momente in der Aufführung, die selbst mich, den Autor, der das alles ja auswendig weiß, noch berührten: besonders, wenn die Geister da sind und miteinander sprechen. Wenn ihre Sprache frei wird, wenn die Klagen laut werden, und zwar so, daß man sie nicht für Auszüge aus den Wahlprogrammen der Achtziger-Jahre-Grünen klingen – wie Dr. Josts Claire so spitzzüngig bemerkte, daß ich ein wenig zusammenschrak. Wiederum ging es mir, als ich das Stück schrieb, darum auch, durchaus, nicht um ein Wahrprogramm, aber um das Unheil, das entsteht, wenn man die Welt als Ware begreift, die allein für den Umsatz designt werden soll – wie sich die Seele verliert. „Mit den Menschen ist es zuende“, sagte meine Begleiterin, die die Menschen liebt. Kann sein, daß sie mir das voraushat.

15.32 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Zurück. Erst einmal die Post durchgesehen, wozu ich einen Espresso nahm. Mein Junge war mit einem Klassenkameraden hier und lernte fürs konmmende Deutsch-Diktat; jetzt sind die beiden, mit 3,20 für Speiseeis, abgezogen, und ich will meine Sachen auspacken. Dann geht‘s gleich an die Texte, die anstehn.
Berlin empfing mich fast warm mit hellstem Sonnenschein; in der Wohnung allerdings ist‘s doch recht kühl. Ob ich aber heute bereits Kohlen aus dem Keller hole und den Kachelofen einheize? Eigentlich ist mir noch gar nicht danach.

18.42 Uhr:
[Verdi, Don Carlo (italienische Fassung), MET-Mitschnitt von 1997.
Zum Sundowner den >>>> Talisker.
>>>> Motzeks Evening Latakia.
Stilton Cheese.]

Also doch: „Papa, wann heizt du wieder? Das ist immer so schön, wenn ich meine Füße an den Ofen legen kann.“
Was tut man dann?
Man geht in den Keller, schnappt sich die Eimer, füllt sie, schnappt sich das Ofenbesteck und den Blechschutz und schleppt alles die Etagen hinauf. Aber man tut das erst, wenn der Junge weg ist, weil man ihn ja überraschen möchte morgen. Dann heizt man die ersten Briketts ein und läßt die untre Klappe offen, damit diese Barren durchglühen können. Damit morgen der Ofen wirklich auch heiß ist.
Und wenn dann dieses vorbereitet ist, setzt man sich an den Schreibtisch zurück und nimmt einen Talisker und dazu, was man nämlich gerade las, Bissen Blauschimmelkäses. Hört den Verdi, schon um, vor der >>>> Premiere an der Deutschen Oper, die italienische mit der früheren französischen Fassung zu vergleichen, die man, erinnert sich der Kenner, stets vorgezogen hat. Und dann fängt man an, das Exposé eines neuen Romanes für >>>> mare zu skizzieren. Außerdem sind Briefe zu schreiben. Der Pressetext für das Krausser-Hörstück immerhin ist heute bereits abgegeben.

21.49 Uhr:
[Verdi, Don Carlo, letzte Szene.]
Das Exposé ist fertigskizziert. Morgen früh werd ich noch einmal drübergehen und es dann an Mare schicken. Danach geht es gleich an einen neuen Text zu Paulus Böhmer. Nein, noch nicht den Vortrag für das Dezember-Symposion, sondern noch etwas ganz anderes. Sollte morgen fertigwerden, damit ich mit dem Jungenroman loslegen kann. Zudem denke, daß ich bereits in dieser Woche mit einer Arbeits-Zweiteilung anfangen muß: Frühtags/Vormittag ARGO, damit das Riesending im Herbst nächsten Jahres auch wirklich erscheinen kann, dann Mittagsschlaf, bzw. Sport, dann Jungenroman und die anderen Arbeiten, die anstehen, etwa ab November das neue Hörstück, das Ende November fertig produziert sein muß. „Zwischendurch“ dann auch immer wieder die kleineren Arbeiten, Opernkritiken, CD-Kritiken usw. Ohne harte Strukturierung wird das alles nicht zu schaffen sein; ich muß auf jeden Fall wieder aufs 4.30-Uhr-Aufstehen zurück, was wiederum bedeutet, daß ich damit aufhören muß, später als gegen Mitternacht ins Bett zu gehen.
Viel Schischkin gelesen, übrigens, heute. Ich stand die ganze Zeit, im Bistro nämlich, weil der Zug derart voll gewesen ist. Gestern nach Köln und Gütersloh war, unter Mitnahme mancher Kisten Sekt, die Vereinigung Deutscher Altersheime unterwegs, heute war es die Vereinigung der bergischen Mittelstufen, die alle nach Berlin wollten. Mich scherte es nicht, weil ich halt >>>> mit Schischkin unterwegs war. >>>> „Venushaar“ ist ein wirklich großartiger Roman. Hettche hat ihm, >>>> sagte er, einen Preis gegeben. Und jetzt singe ich dieses Duett mit, für mich ( – noch immer hören wir die italienische Fassung).

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3 Kommentare zu Undines Wiederkehr im Großen Saal. Bemerkungen im Morgen des Arbeitsjournals vom Montag, dem 17. Oktober 2011, aus dem Hotel. Sowie zurück in Berlin.

  1. Henze sagt:

    Nur so viel! Nach eigenem Selbstverständnis und Bekunden verstehen sie
    sich als „freie Schauspielgruppe des soziokulturellen Zentrums Weberei Gütersloh“, Sie müssen sie also nicht als „Truppe“ denunzieren. Gütersloh leidet nicht nur unter „Mohntagen“, sondern auch unter langjähriger Militarisierung. Ein wenig mehr Sprachsensibilität. Nur als Bitte vorgetragen.

    • Armer Henze. Schauspieltruppe ist ein alter Begriff, der auch in außermilitärischen Zusammenhängen verwendet wurde. Abgesehen davon bin ich nicht das, was man einen Pazifisten nennt, da ich der Meinung bin, daß es sehr wohl Situationen gibt, in denen Wehrhaftigkeit angeraten ist. Ich fände es einen ungerechten Akt, Soldaten grundsätzlich zu diskriminieren, auch wenn andres höchst bequem und darum billig ist.
      Im übrigen ist Kunst durchaus auch Kampfbegriff.
      Die Militarisierung hat sich Gütersloh wie Deutschland insgesamt selbst eingebrockt, auch das muß gesagt sein. Also wenn Sie schon politisch sein möchten. Und die Briten stehen/standen dort – ein Land, das man durchaus keinen Kriegsgewinnler an Deutschland nennen kann, im Gegensatz zu einem ähnlichsprachigen Länderverbund. Ich kann mich nicht erinnern, daß England sich nach Kriegsende deutsche Verbrecher ins Land geholt hätte, um von deren Können zu profitieren.

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