Zum Frühjahrsanfang. Trollheide (1). Von Fleuron.

Der Schnee schmolz noch in den Senken; auf den weiten Heideflächen aber dampfte es von Wärme und Feuchte. Die ersten Zugdrosseln würmten im Espenlaub um den alten Trollberg, der seine heidebedeckte düstere Kuppe über den weiten Horizont hob. In einem Dickicht von Eichengestrüpp und Bergfichten auf ödem Felde schleckten kleine blaue Anemonen Sonne; an anderen Stellen, wo das Fallaub von Jahrhunderten die Erde in fruchtbaren Humus verwandelt hatte, segelten in dem Ozean welken Laubes ganze Flotten der blauen Blume. Jetzt öffneten sie die Blattkelche, die Blütenblätter bogen sich in Schirmen über die Stengel – es war hoher Vormittag:
Da raschelte es in den vielen Spalten und Löchern rings auf dem Trollberg; aus der sandigen Tiefe des alten Hünengrabes wurde ein verdrossener Kahlschädel nach dem anderen mit seiner spielenden Zunge sichtbar. Die Kreuzottern zögerten kurz, als horchten sie die Umwelt ab, oder kamen ihnen Luft und Licht im ersten Augenblick allzu stark und überwältigend vor? – bis sie die dünnen Stielhälse weiterreckten.
Brütend steht die Mittagssonne über dem Hügel, durchglüht seine von Nachtfrösten erstarrten Lenden und dringt zutiefst in seine regenüberspülten Fugen und Löcher – da scheint es auf einmal, als öffnete sich der Trollhügel: Kreuzottern in den verschiedensten Größen und vielfältigsten Farbtönen wimmeln hervor; wenn aber die Sonnenstrahlen sie treffen, flammen sie alle in ihrem dunklen zickzacklaufenden Rückenband auf. Die Tiere finden trockene Stellen rundum im Heidekraut an den kahlen Stellen, die von den Schafen niedergetreten sind, und rollen sich in Behagen zusammen wie ein aufgedrehtes Tau oder strecken sich arglos, das runde Schwanzende niederbaumeln lassend. – Der alte, feste Stamm der großen Heideschlangen ist aus der Winterruhe wieder zum Leben erwacht.

Svend Fleuron, >>>> Tyss und Tuff
(1926: Erstausgabe Diederichs, hier nach dem TB, Sponholtz, von 1959).


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31 Kommentare zu Zum Frühjahrsanfang. Trollheide (1). Von Fleuron.

  1. Langatmig Eine sehr langatmige Beschreibung.
    Ich wünsche Ihnen einen schönen Frühling.

    • Langer Atem. Ich liebe langes Atmen. Tarkowski hat so gefilmt, Rivette, Godard… Und allein ein Wort wie „würmten“ sichert dem Autor einen Ehrenplatz.
      (Die Beschreibung geht noch weiter, es ist ja die Ouvertüre zu einem nicht kurzen Roman. Der Text geht hier in der Geschwindigkeit voran, die auch die aus der Starre erwachenden Schlangen haben. Das ist kein Disney.)

  2. Hollywood bevorzugt! Als eine Liebhaberin von Hollywood-Filmen kann ich Sie nicht so ganz verstehen :))

    • @Azadeh Sepehri. Für eine Liebhaberin von Hollywood-Filmen kann auch ich es verstehen, daß Sie den Text langatmig finden. Allerdings hat meines Wissens auch David Lynch in Hollywood gedreht. Oder irre ich mich?

  3. David Lynch Ich mag ja nicht alle Hollywood-Filme. Von David Lynch habe ich bis jetzt keinen Film gesehen. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran. Ich habe gerade im Wikipedia nachgeschaut und alle Titel seiner Filme kamen mir fremd vor.
    Nebenbei bemerkt, ich gucke auch gerne neue europäische Filme.

    • Wenn Sie jemals einen Film von David Lynch gesehen hätten, dann würden Sie sich sicher daran erinnern, 100%ig und absolut sicher. Hollywood-Kino im kommerziellen Sinne sind dessen Filme übrigens nie gewesen, entweder weil es nicht funktionierte, oder weil es nicht so beabsichtigt war. David Lynch ist jedenfalls stark vom europäischen Film beeinflußt, etwa auch von Jacques Tati, was man vor allem an der Wichtigkeit der Tonspur ablesen kann. In David Lynchs „The Straight Story“ zeigt sich die Kunst des langsamen Erzählens übrigens besonders.

    • tom sagt:

      Die indischen Filme sind sehr langatmig. Womöglich reden die Kulturen bei all der gemeinsamen Geschäftemacherei ganz schön aneiander vorbei. Aber ich schweife ab.

  4. Anti-Hollwood. Langsamkeit, Poetik. Slbstverständlich ist die Begrifflichkeit „anti“ hier falsch, weil die poetische Beschreibung v o r Hollywood war, so daß man, wenn überhaupt, Hollywood eine anti-Poetik nennen müßte. Was aber auch nicht in jedem Fall stimmt, wie schon hierüber zu lesen.
    Statt also Hollywood weiterzudiskutieren, möchte ich gerne noch einmal auf einen der poetischsten Anfänge einer Beschreibung verlinken, die ich überhaupt je gelesen habe, >>>> nämlich der Provence.

  5. german sagt:

    Mehr Pepp Ja, der Text braucht mehr Aktion. Nicht viele Menschen haben heutzutage die Geduld so etwas zu lesen…

    • @german. Wer sagt denn, daß es viele sein müssen? Viele haben auch Joyce nicht gelesen und nicht Musil, nicht Borges und nicht mal Celan. Der Ruf nach Aktion ist der Ruf nach Ablenkung, Entertainment. Das seine Berechtigung hat, aber nicht in die Kunst gehört. Deshalb gibt es die Trennung von U und E.
      (Manchmal hör auch ich gern U, ob nun Mozart, ob Joni Mitchel, aber ich weiß um den Unterschied zu, sagen wir, Penderecki und Pettersson.)

      Nein, viele braucht es nicht, aber einige. Und die braucht es dringend.

    • Cole sagt:

      Ein vor DunkelGeifer schmatzender Text – einförmig getaktet von Reizwörtchen nach Reizwörtchen, regelrecht holprig in so etwas wie „Expressionismus“ – Feldsteine, „Kahlschädel“ geradzu auswringen wollend.
      DüsterTrief.

      Und dazu David Lynch stellen ?

      Wie – ?

    • @DunkelGeifer. …schleckten kleine blaue Anemonen Sonne…

    • Cole sagt:

      „Brütend steht die Mittagssonne über dem Hügel, durchglüht seine von Nachtfrösten erstarrten Lenden und dringt zutiefst in seine regenüberspülten Fugen und Löcher „

      Lesen Sie den Satz zweimal und Ihnen wird vielleicht ein wenig unbehaglich von dieser Synchronizität „Brütend … durchglüht … von Nachtfrösten erstarrt … und…
      regenüberspült … „

      Die brütende Mittagssonne nach einem heftigen Regenguss … wahrscheinlich .. von Nachtfrösten noch erstarrten (Hügel)Lenden.

      Oh Fleisch, teil-entwurmbar oh ihr Zugdrosseln und FinkenflugSchwäremer. 🙂

    • @Cole zum Brüten. Ich wüßte nicht, wie man das, was da in der Natur de facto geschieht, politisch korrekter ausdrücken könnte, wenn man zugleich in der N ä h e des Geschehens bleiben will. Ich kenne, was hier beschrieben wird. Es ist ungemein genau. Daß die Szene zugleich ein Sexualbild ist, ist selbstverständlich. Lebende Natur i s t Sexualität, und Sexualität fragt nicht nach Moral. Das wäre sowieso eine unangemessene Kategorie für ein Tierbuch, das nicht wie Disney ist.
      Ich bedauere bei der Szene nur, daß die Sonne im Deutschen nicht männlich ist; das Eindringen wäre sonst deutlicher.

      (Zudem wurde der Text 1926 geschrieben. Sie können auch Döblin nehmen und werden nicht Unähnliches finden. Oder Hans Henny Jahnn dreißig Jahre nachher.)

    • Cole sagt:

      Nehmen Sie den Anfangssatz dazu : „Der Schnee schmolz noch in den Senken; auf den weiten Heideflächen aber dampfte es von Wärme und Feuchte.“ und schon ist da eigentlich kein langsames Erzählen, sondern ein greadezu überstürztes, zusammenstürzendes Erzählen … über den „Ozean welken Laubes ganze Flotten“ …

      So wie ich diesen Text rhythmisch auffasse, fühle und lese interpretiere ich zumindest nicht im Entferntesten eine Affinität zu David Lynch – also dessen Filmsprache ist doch viel raffinierter, viel weicher und subtiler – ist sie das.

      Ja die Brütetemperatur ist wohl in der Regel eine moderate Temperatur, obgleich eine brütende Hitze doch eher so im allgemeinen einer Wüstenregion zuschrieben ist … dieses „durchglühte“ allerdings schmeckt meinem Verstehen nach Glutofen, nach Metallschmelze.

    • @Cole zum Zusammensturz. Ein „zusammenstürzendes Erzählen“ kann ich schon deshalb nicht sehen, weil dies ja der Anfang eines ganzen Romanes ist, eines, der mich als Jungen tief beeindruckt hat. Wobei Sie mit David Lynch völlig recht haben; es wurde mit ihm auch kein Vergleich gezogen, sondern Lynch wurde ins Feld geführt, als es um „zu langsam“, „mehr Action“ und dergleichen ging im Zusammenhang mit der Hollywood-Liebe >>>> Frau Sepehris. Das haben Sie wahrscheinlich überlesen. Die beiden gehören vollständig anderen Welten an; andere Parallelen als eine der Geschwindigkeit zu ziehen, wäre absurd.
      Über die Angemessenheit von Brüten und Glühen können wir jetzt stundenlang diskutieren, ohne daß wir uns wahrscheinlich einigen würden. Überdies war Fleuron Däne. Seine Tiererzählungen finde ich meisterhaft, auch wenn mir die politische Linie des Autors so wenig behagt wie wahrscheinlich Ihnen. Machte ich sie zum Kriterium, dürfte ich weder Pound lesen noch den frühen Thomas Mann noch gar Céline.

    • Cole sagt:

      „hoher Vormittag:“

      Wenn ich das lese, werde ich schon vorsichtig.

      Ich sample ein wenig weiter und da steht :

      „Da raschelte es in den vielen Spalten und Löchern rings auf dem Trollberg“ – ein wenig später ist ja die „brütend steht die Mittagssonne“ und sind die „regenüberspülten Fugen und Löcher“.

      Na gut, da schnell noch „ein verdrossener Kahlschädel nach dem anderen mit seiner spielenden Zunge sichtbar“ wird, so ist da halt blanke, derbe fantasy im Spiel – bei Espenlaub, Eichengestrüpp und Bergfichten … nö es ist stilistisch nicht das, was ich gerne frequentiere …

      Glühen kann auch die Maid, der Berg, die Glühkerze des Selbstzünders … das Glühen ist schon geradezu universalistisch … „alsdann begann die Maid, ihn auf’s heftigste durchzuglühen“ ( spontane Eigenkreation )

      Nein, über Geschmack muss ja nicht gestritten sein ( Politisches interessierte mich daran nicht ).

      Nix für ungut.

      Cole

    • „Hohe Vormittage“. Sind genau das, was mich immer gelockt hat. Da ist nämlich Pan nicht weit, mein Lieblings-Halbgott: „Panstun“ als halbironisches Verkürzungswort heißt das im >>>> Wolpertinger, dessen TB-Ausgabe von seinem Gesicht geziert wird, sogar, obwohl ich davon nichts wußte: Pans Stunde, in der die Grenzen verschwimmen, sich auflösen, flirren, auf eine heidnische Weise frei; in „heidnisch“ steckt „Heide“, es riecht dort sogar arcadisch, das kommt von den Koniferenhölzern, die neben der Macchia dem europäischen Süden seinen herben, doch honigsüßen Duft bereiten. Dagegen „alsdann begann die Maid, ihn auf’s heftigste durchzuglühen“ – das klingt, als wären Sie ein Anhänger von… hab grad seinen Namen verdrängt. Egal. Es gibt da so ’ne Richtung.

    • Cole sagt:

      Anhängerschaft ist meins nicht … ja durchzuglühen, so peu a peu … ( ein wenig präziser gesagt ) … und Anhänglichkeit mag ich auch nicht um mich herum so auf Dauer.

      Richtung ?

      Ich bin kein Freund stilistischer Homogenität ( es sei denn im Songformat / Musik – da ertrage ich offensichtliche Geschlossenheit noch, da suche ich Geschlossenheit geradezu, als Perfektes … Perfektion, die ich nicht einmal von einer Suite erwarten würde, naja, andere Baustelle ).

      Vielleicht mag ich auch deshalb so David Lynchs‘ Montagetechnik ( die ich nicht durchschaue, immer noch nicht bei ‚lost highway‘ und ‚mulholland drive‘ …
      also irgendwie heb ich mir da zwei Leckerbissen für anayltisches Schauen wohl gut auf )

      Mit Mythen hab ich es nicht.

    • tom sagt:

      Der Cowboy ist feilich auch ein Mythos. Es gibt keinen David Lynch ohne den Mythos Cowboy. Ich vermute übrigens, dass das, was bei der Montage noch übrig geblieben ist, das ist, was für den Cowboy das Ganze ist. „Blue Velvet“ mindestens ist ein Cowboyfilm.

    • Cole sagt:

      Echt ?

      Hups, wo ist denn zumindest bei mulholland drive ein cowboy ?

      Gut, ich seh da immer nur diese hollywood-typen, den Filmemacher, die zwei Mädels, das alte Ehepaar … hm, Mann hab ich ein beschissenes filmisches Gedächtnis … und bei lost highway … Saxofonspieler, knackiger Automechaniker, Gangsterboss, mystery man, Pornoproduzent, die lady, die besorgten Eltern des Mechanikers ( hat der Paps nen Cowboyhut auf und Cowboystiefel, hm, könnte sein )

      lost highway ist für mich ein fast durchwegs satirisches Ding ( Richtung fantasy )

    • tom sagt:

      @ cole
      Na wenn der Elefantenmensch kein Cowboy ist.
      Aber Spaß beiseite… Ich gebe auf, die Fakten sprechen für Sie.

    • Cole sagt:

      Fakt ist doch nur, dass ich kaum in der Lage bin, leicht gründlich über beide Filme ( ansatzweise ) zu reden.
      Klar, da involviere ich hochtrabend die gute, alte ‚Filmsprache‘ und implodiere dann haltlos schon beim Cowboyhütchen.
      So ist das.
      Wobei ich es allerdings für äusserst schwierig halte, sämtliche gestalterischen Mittel des Films mit ausschliesslich Sprache zu vergleichen … Erzähltempi… naja… erzählerische Zerklüftetheit… Bizarrerien

    • Core sagt:

      da gibt es keine die, da gibt es nen schlinkert, nen tom, nen anh, nen keuschig, ne mesuine, abgestriffene, hartbetroffene, abgekanzelte, daisy dicky dizzy overlooked ( overlocked ) person.

      Azadeh Sepehri

      generell meine freundin ( also potenziell )

    • Cole sagt:

      eine der dreivierfünfsexsiebenachtneunzehn ( dekalogverdächtigen ) nummern anheischigmachbaren, wie anemonen-flüsternd einer dummen soone

    • cole sagt:

      sofort bringf ich euch um, ich bin nicht mal ra.

    • Cole, yes I am sagt:

      hey ihr wie pfützen – so im allgemeinen hier, ihr seid ncihts als pfützen, ein wenig gedärm, plastikblut, coca cola und herr christus, der eurer heiland. mohammend. abraham und die hardcore gitarre ( und einefrau die dazu , zu so etwas singt )
      melde sich jemand morgen ich fiick überaus gerne, ich liebe euch, die ihr so gut iwe unique seid

    • Schon hübsch, aber auch traurig. Wie sich Lobster, der Junkie, schließlich immer wieder selbst decouvriert; eigentlich nicht dumm, nimmt er irgendwas ein, säuft auch, und dann beginnt er zu lallen. Hier >>>> seine Website. Daß er an mir sein Vaterproblem austrägt, ist deshalb so irre, weil ich sein Vater nicht bin.
      (Falls sich jemand der von ihm An“gesprochenen“ verletzt oder belästigt fühlen sollte, bitte kurz bescheidgeben; ich lösche dann. Andernfalls laß ich das Zeug als Dokument der Verwirrung stehen; denn letztlich muß dieses Mensch einem leidtun.)

    • Beleidigung Ich bin aus meinem persischen Blog Beleidigungen gewohnt.
      Aber ehrlich gesagt, habe ich gar nicht verstanden, warum mein Name in seinem/ihrem Kommentar vorkam, und ob er/sie mich überhaupt beleidigen wollte oder nicht. Ich habe, außer Bahnhof, nur verstanden, dass er/sie gerne Freundschaft mit mir schließen will. Dagegen habe ich keine Einwände, solange diese nur online ist :))

    • lobsta sagt:

      the. frühling.

      die sprossen gehen aus denfenstern.
      sie wandern.
      oh du verzagt hölderlin
      mit deiner holden line am draht zur maschine.

      ( wie sie tropft )

      benegnität.

      oh du durchzechte frühlingsnacht, wie ein bleibend ereignis unverholdeter blösse, du grüntrinkende und grünholdtrunkene.

      du funkelnd schauder plasmatischer verwegenheit du schelmischfrohflunkernde schönheit du, du selbst, du da – zwinkerst mich an über deinen sexistischen applikationen, du sexistin, lässt es raushängen, wie schön schon.

    • underon sagt:

      das ist my new ad

      ress

      http://syncrash.blogspot.de/

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