Das Argo- und Galouye-Journal des Sonntags, dem 25. März 2012. Noch mal zu den sogenannten Rezensionen von Kunden. Ob Bücher überhaupt noch sein müssen, so die Frage am Abend.

9.45/8.45 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Oh je… eben wollte ich schreiben: „pünktlich um halb fünf hoch“, da seh ich die Zeitangabe auf dem Computer, den ich auch eben erst hochgefahren habe. Warum sagt mir denn keiner, daß Sommerzeit ist? Dann wär ich gestern eine Stunde früher ins Bett. Nun bin ich also erst, nach den üblichen vier Stunden und ein paar Minuten Schlaf um halb sechs aufgestanden. Ärgert mich, wiewohl es mich auch freut, denn… allein das Wort Sommer wieder verwenden zu können, und zwar in Bezug auf die Realität, hat was Glückhaftes.
Gut also. Über ARGO weitergehockt, jetzt bis zur S. 196 von den 866 TS-Seiten. Ich komme also gut voran, die Szenen formen sich wieder. Ich will Ihnen nachher eine Kleinigkeit wieder einstellen, auch wenn es sein kann, daß sie in einer ersten Fassung schon mal drinstand; doch liegt das dann mehr als sechs Jahre zurück. Vielleicht find ich sie auch und hol sie nur nach vorn – sofern nicht sowieso schon revidiert worden ist. Mal sehen.
Auf eine halbe Stunde tranken wir nachts unser Bier: zwanzig nach 23 Uhr rief brsma an; ich konnte ihm immerhin ausreden, sich vorher zu rasieren, andernfalls es de facto zu spät geworden wäre. Kurz nach Mitternacht ging ich wieder hinauf, die Computer hatte ich bereits heruntergefahren und auf den geschlossenen Arbeitslaptop den fetten Stoß I des Romans gelegt, zur Weiterbearbeitung, die momentan erst einmal vor allem aus Wiedervergegenwärtigung besteht. Über manches, wie gut es läuft, wie furchtbar dicht manchmal, bin ich erstaunt, wenigstens zufrieden, anderes ärgert mich, ist noch nicht dicht genug erzählt, vor allem nicht nah genug an den Szenen; ich will ja immer, daß in der Sprache geschieht, was erzählt wird, ich will nicht referieren, will immer Distanz brechen. Da ist noch einiges zu tun, auch wenn der Koloß in sich schon Bestand hat. Aber so richtig da dran kann ich erst, wenn ich auch THETIS und BUENOS AIRES noch einmal gelesen, vergegenwärtigt, habe; zu letztrem gibt es bei Amazon >>>> ebenfalls so eine dusselige Scheinkritik; erst 2009 geschrieben, acht Jahre nach Erscheinen des Romans; also hat der Leser einen Band übers Moderne Antiquariat gehabt, für 1,95 Euro oder so – ich bin mir insofern nicht sicher, ob nicht auch auf ihn, obwohl er mehrere Kritiken geschrieben hat, das zutrifft, >>>> was MelusineB dort wähnt. Man kann über meine Texte vieles sagen, auch vieles Abwertende, sicher aber nicht, daß sie „eindimensional“ seien; indes „fade“ mehr eine Frage der eigenen Fähigkeiten zur Differenzierung ist. Zumal der Rezensent gar nicht bemerkt zu haben scheint, daß es sich bei dem Buch um einen Zweiten Teil handelt, der ohne den ersten selbstverständlich nicht ohne weiteres zu verstehen ist. Obwohl es Kritiker gab, in der Neuen Zürcher >>>> Stephan Maus zum Beispiel, die es konnten, schlicht, weil sie die Kriterien haben. Meine Oma zum Beispiel, die ich so sehr geliebt habe, hat den Ulysses für fade befunden, und Musils Mann ohne Eigenschaften, den sie durch Zufall in die Hand bekam, erst recht. Nicht anders geht es vielen Menschen mit der sogenannten Neuen Kunst: sie haben schlichtweg zu sehen nicht gelernt. Von der Neuen Musik sprech ich erst gar nicht. All dies geht bei den Kundenrezensionen unter. Man kommt, um gerechtfertigt urteilen zu können, um Kenntnis nicht herum, etwa dessen, was moderne Literatur ist.
Ein bißchen noch sprach ich mit Broßmann drüber, gestern nacht im Beaker’s. Wobei die Kundenrezensionen vielleicht funktionierten, wenn es nicht bei Einzelstimmen bliebe.

So, will an Galouye. Es sind noch zweieinhalb Romane zu lesen, bevor ich mich an die ersten Skizzen setzen kann.

Oder bin ich doch um halb fünf aufgestanden? Würde die Müdigkeit erklären, die ich empfand. Denn geweckt hat mich der Wecker des iPhones, das sich, sah ich gerade, auf die Sommerzeit schon eigenständig umgestellt hat. Dann hätt ich jetzt viel länger an ARGO gesessen als geplant – was wieder erklärte, weshalb ich so weit vorgedrungen bin – über zwanzig Seiten mehr als gestern. Hm. Das klär ich nicht mehr auf.

21.32 Uhr:
Der Tag verlief nach DTs; mein Junge führte mich in die zweite und dritte Lage des Cellospiels ein; da werde ich nun üben müssen.
Im übrigen gelesen, gelesen, gelesen.
Zweierlei beschäftigt mich. Zum einen Galouyes Simulacron 3. Ich hatte schon damals, als ich >>>> THETIS schrieb, immer wieder an Faßbinders „Welt am Draht“ denken müssen, aber gar nicht mehr gewußt, wie der Film hieß und daß er von Faßbinder war. Ich sah den Film mit achtzehn im Fernsehen, jedenfalls muß das so gewesen sein, wie ich unterdessen recherchiert habe. Er hat enorm auf THETIS gewirkt, nahezu vierundzwanzig Jahre später. Und nun lese ich zum ersten Mal den vorhergegangenen Roman; zum Teil sind die Parallelen frappierend, das geht bis in Nebenfiguren – auch wenn die Gestaltung selbst und die Bezüge, die THETIS eröffnet, ganz andere sind. Darüber habe ich anderswo schon geschrieben – und wie es, als mir das während der THETIS-Arbeit bewußt geworden war, darauf ankam, bewußt Umschreibungen vorzunehmen. Galoye ist realistisch plotbetont, so auch der Stil, das ist bei THETIS anders…. aber daß er Zenons Schildkröten-Paradox hernimmt, fast gleich zu Anfang, und bei mir der Held ausgerechnet Achilles (Chill Borkenbrod) heißt – aus völlig anderem Grund, aber vielleicht eben auch nicht nicht nur, weil das Unbewußte halt seine Spuren legt -, das macht einen schon baff.
Das Zweite, und darüber will ich vielleicht morgen eine neue Miszelle der >>>> Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens schreiben: Zum ersten Mal lese ich einen gesamten Fremd-Roman am Bildschirm; hatte eine pdf ergattert. Das Erstaunliche: ich lese unterdessen viel flüssiger so als in einem Buch, ermüde überhaupt nicht, ja nehme den Text viel intensiver wahr, als ich vorher Galoyes Print-Ausgaben wahrgenommen habe. Da hat sich etwas verschoben in mir, mag sein, durch die unausgesetzte Arbeit mit Der Dschungel am Bildschirm, mag sein auch, durch die unausgesetzte Arbeit am Bildschirm mit meinen eigenen Texten. So daß ich mich eben erstmals gefragt habe: ob „das mit den Büchern“ wirklich überhaupt noch sein muß. Für einen wie mich ist das ein blasphemischer Gedanke. Aber er ist.
Döblins Wallenstein steht da, weil ich vorhin
eine Wahnsinnslust, ihn zu lesen bekam.

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2 Responses to Das Argo- und Galouye-Journal des Sonntags, dem 25. März 2012. Noch mal zu den sogenannten Rezensionen von Kunden. Ob Bücher überhaupt noch sein müssen, so die Frage am Abend.

  1. Grämen Sie sich nicht, lieber ANH, die SOMMERzeitverwirrung haben jetzt viele, das gehört zum Frühling wie die aus diesem heraus erklärte Müdigkeit. Ebenfalls nicht grämen sollte man sich, wenn ungeübte Leser keinen Zugang finden zur Literatur, denn daß das Lesen auch Müh‘ und Arbeit ist, bevor es auch beseelt und entführt, wollen viele Menschen nicht einsehen. Erst gestern schrieb ich eine Kleinigkeit über das Schreiben und das Lesen und den Zauber. http://nwschlinkert.de/2012/03/24/das-schreiben-von-romanen-13/

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