Welch Wahnsinn, geschätzter Monsieur Messiaen! Das jubelnde Orchester. Die Turangalîla-Sinfonie der Jungen Deutschen Philharmonie unter Kristjan Järvi.

Turangalîla bedeutet also gleichermaßen: Gesang der Liebe,
Hymne an die Freude, Zeit, Bewegung, Rhythmus und Tod.
Die Turangalîla-Sinfonie ist ein Gesang der Liebe und eine
Hymne an die Freude, an eine übermenschliche, überschäumende,
blendende und maßlose Freude. So ist auch die Liebe, die sie dar-
stellt: schicksalhaft und unwiderstehlich –

Olivier Messiaen.
Das ist der Jungen Deutschen Philharmonie auf den Leib geschrieben, nämlich des Jungen Ausgelassenen halber, die ich bei einem Stück des tiefreligiösen Messiaens niemals erwartet hätte; die Turangalîla-Sinfonie kannte ich noch nicht, hatte auch tagsüber nicht die Zeit, mich auf den Abend vorzubereiten, indem ich mir etwa >>>> die Aufnahme, die ich mir mit dem Orchester besorgt hatte, für das dieses Stück eigentlich geschrieben wurde, anhörte, den Bostoner Sinfonikern unter Ozawa. So war ich nun fast von den Sinnen, als ich in das ausgelassenste, zugleich strukturierteste, abenteuerlichste, doch kalkulierteste und raffinierteste Lärmen geriet, das mir seit langem zu Ohren gekommen – ein Lärmen der tanzenden Lebensbejahung, zu dem Kristjan Järvi denn auch immer wieder tatsächlich tanzte, oben gefaßter Dirigent, doch mit den Füßen auf dem Dancefloor, und auch sein Nacken und der schöne, herbe Männerkopf swangen, um das Verb mal imperfektisch rechtzudeutschen. Drei Leute, älteren Jahrgangs, verließen, da ihnen dies alles wohl zu krawallen, den Saal, zu laut und viel zu ausgelassen, so gar nicht bürgerlich Distanz. Und die jungen Musiker gaben, was das Zeug nur hielt. Geradezu amüsant, wie sich die Schlagwerker ihre Rhythmen weiterreichten, hinreißend der Paukist, wie er seine Pauke kippt und abhört, und das ist jedenfalls in Ozawas Einspielung n i c h t zu hören, daß im, ich glaube, zweiten Chant d’amour an einer Ecke Bauarbeiter stehn, die dem Mädel auf der andren Straßenseite ihr Bewundern des sich wiegenden Popos mehrmals hinterherpfeifen – die >>>> Ondes Martenot vergißt es dabei fast zu wummern, während man im Sternenblut vor Freude nächtlich sogar Autos hört. Was durchaus nach Charles Ives klingt. Und überhaupt bedient die Sinfonie den Auftraggeber voll, indem sie bisweilen Musical wird, sich hochhebt in den Kitsch, da möchte man „Hollywood“ denken. Wäre nicht das Stampfen Stravinskis so eigentlich wütig im Spaß. So auch das meistens solistisch geführte Klavier, das deutlich von Skrjabin herkommt, mit derselbe entschlossenen, ja harten Virtuosität, die Arme der Stefanovich flogen nur so nach dem Anschlag. Leitmotivisch dazu, quasi insistierend, der Choral im brüllenden Blech: das thème-statue:

– fünf Terzen, die nach Messiaen für >>>> Prosper Mérimées Iller Venus stehen, auch sie schon zu einer Spielart von Liebe verführend, wie Turangalîla insgesamt um Tristan und Isolde gelegt ist, mit allem Seufzen, Schmachten, wo keiner danach fragt, ob das nun vornehm sei, allem Jauchzen eines >>>> Warschauer Konzerts – ja, genau diese Klangaura gibt es hier – und aller Zerknirschung wieder dann, die sich an der Form fängt: da jammert dann die Ondes Martenot, als im Dévelloppement de l’amour das große Stürzen anfängt, Orchesterstürzen nach dem kurzen Scherzo Turangalîlas 2. Nicht mal für Esoterik läßt Messiaen, der spiritualistische Mann, uns Zeit, keine Abfinderei, nein, setzt euch aus! in dem hellen, leuchtenden Wahnsinn oder Liebeswahn, für den die – ja, was ist es? wirklich Sinfonie? – geschrieben. Dem Tanzschritt nach ließe sich viel eher von einer monströsen Suite sprechen, indes als eines Concerto grossimo, grossissimo, grossississimo, in dessen fast anderthalb Stunden wenigstens dreißig Minuten lang Stravinskis Widergänger tobt: Jede Liebe >>>> Frühlingsopfer. Doch ist von Zeit nichts zu merken: Als es mit furiosem Tutti zuendeging, war’s, als wäre neun Uhr noch nicht erreicht; dabei hatte es kurz nach acht erst angefangen mit dieser leichten schwersten Musik. Wer zu den Konzerten nicht gehen kann, der schaue in der >>>> Digital Concert Hall nach. Dort steht bis zum 12. April die Aufführung unentgeltlich zur Verfügung. Das ist ein Geschenk —. Langer nicht Applaus-nein-J u b e l. Noch als der Saal schon zu zwei Dritteln leer, steht Publikum an der Rampe für seine Ovationen an.

Olivier Messiaen
Turangalîla-Sinfonie
Junge Deutsche Philharmonie
Tamara Stefanovich, Klavier. Thomas Bloch, Ondes Martenot.
Kristjan Järvi.

Die nächsten Aufführungen:
Fr 30.03.2012 / 20.00 Uhr    Erlangen, Heinrich-Lades-Halle
Sa 31.03.2012 / 20.00 Uhr    Heidelberg, Heidelberger Frühling
So 01.04.2012 / 19.00 Uhr    Frankfurt, Alte Oper
Mo 02.04.2012 / 20.00 Uhr     Hamburg, Laeiszhalle
Di 03.04.2012 / 20.00 Uhr    Ludwigsburg, Forum am Schlosspark

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6 Responses to Welch Wahnsinn, geschätzter Monsieur Messiaen! Das jubelnde Orchester. Die Turangalîla-Sinfonie der Jungen Deutschen Philharmonie unter Kristjan Järvi.

  1. Verschwinden mancher Beiträge Ich werde aus Ihrer Seite nicht schlau. Manche Beiträge finde ich nicht mehr, und weiß nicht warum. Werden sie entfernt oder landen sie irgendwo im Archiv?

    • @Frau Sepehri zum „Verschwinden“. Nein, die verschwinden nicht, sondern werden bisweilen von der Hauptsite heruntergenommen und befinden sich dann nur in den Rubriken, die nach Themen geordnet sind. Konzert- und Opernkritiken z.B. bleiben ein paar Tage auf der Hauptsite stehen, danach können Sie sie in der Rubrik „Oper“, bzw. „Konzerte“ abrufen. Das Arbeitsjournal wiederum findet sich immer unter „Arbeitsjournal“, manchmal zugleich auf der Hauptsite, manchmal gar nicht, manchmal nur einen Tag. Ähnlich verfahre ich mit allem, was an Aktualitäten gebunden ist, z:B. mit den Dokumentationen der Entwicklung meiner Hörstücke. Bis das Hörstück gesendet wurde, findet man sie auf der Hauptsite, danach nur noch unter „Hörstücke“.
      Es lohnt sich also, mal ein wenig durch die Rubriken zu surfen.

    • IM Literaturverwalter sagt:

      Es lohnt sich sicher, hier durch verschiedene Rubriken zu „surfen“. Wirklich.

      Festhalten sollte man trotzdem, dass Beiträge, die dem Veranstalter dieser Seite nicht ins Ego passen, einfach offenbar im Nichts verschwinden.
      Halt: Doofes Auswahltum; mangelndes Selbstbewußtsein und all die anderen nideren Sachen. Keine Zukunftsorientiertheit.
      Eben blasses Egomanentum.
      Aber egal. Kennt man ja.
      Und: Macht ja auch nix.

    • @IM Literaturverwalter, Frau Sepehri zur Kenntnisnahme. Was Sie da schreiben, ist kompletter Blödsinn. Dazu paßt, daß Sie derartiges immer wieder behaupten, und selbstverständlich anonym. Nach Denunziantenart halt, bzw. nach Art von Leuten, die anderen anonym Übles nachreden, sie vielleicht sogar anzeigen mit anonymen Anrufen, um sich dann, bekommt der Angezeigte Schwierigkeiten, daran einen runterzuholen. Wahrscheinlich ermangels eines Menschen, der Sie liebt, bzw. mit Ihnen vögeln möchte. Egal. Einsamkeit hat mein Verständnis, auch wenn sie Miesheit bewirkt. Ist eben ein Symptom.
      Was tatsächlich gelöscht wird, sind eben üble Nachreden, Beleidigungen, Unterstellungen. Und selbst da bin ich oft weitherzig und riskiere, für die von mir vertretene Freiheit auch der Kommentatoren mir wichtige Bekanntschaften zu verlieren – siehe etwa meine Auseinandersetzung mit >>>> Keuschnig.

      (Ich reagiere auf Sie jetzt überhaupt nur noch, anstatt Ihren übelwollenden Blödsinn zu löschen, alleine Frau Sepehris wegen, von der ich mir sicher bin, daß sie in ihrem Herkunftsland Gesinnungen wie der Ihren schon begegnet ist und deshalb sehr gut versteht, was ich meine. Übrigens schreibt man „nieder“ mit „ie“. Soviel Selbsterkenntnis sollte auch in Ihnen sein.)

    • Ihre Erklärung Danke für Ihre Erklärung. Ich glaube, ich würde selber nicht darauf kommen, wie Ihre Beiträge archiviert werden. Jeder hat ja seine eigenen Methoden.

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