When forty winters shall besiege thy brow. Von Shakespeare und Kraus. Die Neuübersetzung des Giacomo Joyce (54).

When forty winters shall besiege thy brow,
And dig deep trenches in the beauty’s field,
Thy youth’s proud livery so gazed on now,
Will be a tattered weed of small worth held:
Then being asked, where all thy beauty lies,
Where all the treasure of the lusty days;
To say within thine own deep sunken eyes,
Where an all-eating shame, and thriftless praise.
How much more praise deserved the beauty’s use,
If thou couldst answer ‚This fair child of mine
Shall sum my count, and make my old excuse‘
Proving his beauty by succession thine.

This were to be new made when thou are old,
And see thy blood warm when thou feel’st it cold.
Shakespeare, Sonnet II

Kark Kraus dichtet folgendermaßen nach:Dir wird, wenn in die Jahre du gekommen,
und Falten furchend durch dein Antlitz ziehn,
Erinnerung jener Schönheit wenig frommen,
die schneller als die Zeit dir ging dahin.

Und wenn dich dann wer fragt, wohin sie kam,
und wo sie, da sie nicht mehr sei, gewesen,
dann frage deinen Stolz, ob deine Scham
sie ließe aus erloschnen Augen lesen.

Doch wahrlich andern Ruhm trügst du davon,
könntest du auf die bewährte Schönheit zeigen
und sprechen: Seht, in meinem jungen Sohn
ist heut vorhanden, was mir einst zu eigen!

Durch Alter endet nicht der Lebensmut:
die Jugend, die du schufst, erwärmt dein Blut.

Selbstverständlich ist das frei, selbstverständlich geht manche Schönheit dabei verloren, etwa das Ausdrucks „in the beauty’s field“ durch das verhältnismäßig schlichte, zu Kraus‘ Zeiten wohl aber noch nicht gealterte Wort „Antlitz“; freilich elegant noch heute, wie er „where all the treasure of the lusty days“ in „und wo sie, da sie nicht mehr sei, gewesen“ umformuliert. Unglücklich hingegen finde ich das etwas holzige „in meinem jungen Sohn ist heut vorhanden, was mir eins zu eigen“ für Shakespeares enorme Nähe von Vater und Sohn, der an dessen Stelle „shall sum“ und das Alter seines Elterns (Älterns) entschuldigen möge – bei Kraus geht da eine bestimmte Form der Höflichkeit verloren, in der die „all-eating shame“ über den eigenen Verfall leise weiterschwingt, aber eben in einen Stolz überführt wird, der dem Fragenden mehr als nur die Stirn bietet: „and see thy blood warm when thou feel‘st it cold“.

(Fast unnötig, nicht wahr?, zu sagen,
daß ich diese Zeilen meinem Jungen widme.)
ANH
Amelia (Tr), 2 gennaio 2013.

>>>> Giacomo 55
Giacomo 53 <<<<

This entry was posted in GIACOMO.JOYCE. Bookmark the permalink.

9 Responses to When forty winters shall besiege thy brow. Von Shakespeare und Kraus. Die Neuübersetzung des Giacomo Joyce (54).

  1. Älterwerden. Ist auch ein Thema im Giacomo Joyce, auch wenn uns Heutigen die Dreißig nun wirklich nicht mehr Schwelle zu sein scheint; bei Shakespeare aber war man mit vierzig bereits alt. Das erzählt seine erste Sonettzeile dieser Nr. II. Eine zeitadäquate Übersetzung des Gedichtes müßte unterdessen von vielleicht achtzig Lebensjahren ausgehen: „When eigthy winters shall besiege thy brow“. Da Übersetzungen selbst altern, wäre das im Deutschen heute gut zu vertreten. Deshalb halte ich auch >>>> das von mir verwendete, ortografisch überdies verdeutschte „designt“ für restlos legitim. Es ist eine Frage, was bei Übersetzungen der Nachdichter betonen will, der vor allem doch i m m e r, ob er‘s nun möchte oder nicht, interpretiert.

  2. Avatar diadorim says:

    fast unnötig zu sagen, viele ähneln ihren eltern gar nicht, sondern, wenn, eher den großeltern ;). shakespeares sonette sind einfach enorm direkt und zupackend, mich wundert bei deutschen übersetzungen, wie leicht sie dort muffig werden, vielleicht darf man sie gar nicht als sonette übersetzen im deutschen?

    • @diadorim. Oder man ändert die Silbenzahl – was übrigens auch Kraus tat; Elfsilber werden bei ihm bisweilen Zehnsilber, was interessant ist, daß er da kürzt. Andererseits geht das Spiel mit weiblichen und männlichen Endungen verloren.

      Wenn man die Gedichte aber nicht als Sonette übersetzt, muß man sie imgrunde gar nicht übersetzen; Aussagen lassen sich auch anders treffen als in einem Gedicht. Auf jeden Fall muß ;Muffigkeit vermieden werden, nein, ist schlichtweg nicht erlaubt. Nur daß Übersetzungen selbst altern – anders als, wenn „gelungen“, ihre vorgängigen Originale. Für jeweils uns Neue ergibt das ein herrliches Betätigungsfeld, allerdings.

      P.S.: Daß Sie mit Mendel argumentieren, ist hübsch. Es geht bei Shakespeare aber nicht um physiognomische Ähnlickkeit, sondern um den Saft, den Jugend hat – und den, in der Tat, geben wir an sie weiter (sofern wir sie nicht verbiegen). Viele ähneln, möchte ich Ihnen entgegnen, ihren Eltern nicht – sie werden ihnen aber oft im Alter ähnlich, etwa ich selbst ausgerechnet meiner Mutter -, weil ihnen das mit Recht ein Grausen wäre. (Und mir ist).

  3. „Überwetzung“. Als ich eben diese neue Giacomo-Joyce-Parzelle >>>> bei Twitter annoncierte, verschrieb ich mich in „Die Neuüberwetzung des Giacomo Joyce“, merkte das zwar rechtzeitig und korrigierte es, möchte Ihnen diesen wundervollen Verschreiber aber auf keinen Fall vorenthalten.

  4. Avatar diadorim says:

    ja, eben, das ist no go, keiner will wie seine eltern sein, weder im saft noch von den genen her, und manchmal ist es wirklich erstaunlich, wie wenig kinder ihren eltern ähneln, noch erstaunlich ist es aber, wenn sie es tun, dass man gepflogenheiten seines elternhauses annimmt, ist allerdings fast unvermeidbar, das stimmt, es sei denn, man wurde von wölfen groß gezogen. bis hin zu bestimmten gesten, nachahmung scheint ein enormer trieb.

    • Nachahmung@diadorim. Ich glaube nicht, daß es sich darum handelt; Nachahmung setzt zumindest einen gewissen Willen voraus, den wir aber im Elternfall oft gar nicht haben. Vielmehr wirken Prägungen, also Programme, die meist Zeit brauchten, um sich zu entfalten und um sich gegen unsere Willen durchzusetzen, mit denen wir sie überschrieben, die dann aber sie überschreiben – unmerklich; deshalb die Zeitspannen.
      Es gibt aber auch erstaunlich schnelle Phänomene; etwa, worüber ich >>>> dort schrieb, daß man anfängt, etwas schon früh so zu tun, wie man es bewußt gar nicht gelernt haben kann. Anderes, Eigenschaften etwa, liegen sofort auf der Hand. Dazu gehört meiner Erfahrung nach besonders Lebensenergie, auch nicht nur Leistungswillig- sondern fähigkeit; bei mir ein Programm meiner extrem starken Mutter. Ich hab’s geerbt, wenngleich ich in meiner Jugend gegen nichts so angerannt bin wie gegen ihre Leistungsbesessenheit – aber ich rannte mit ihrer Energie dagegen an, was ich erst heute kapiere, wie sehr ich da schon geprägt war. Von meinem Vater habe ich nur die Kunstleidenschaft, die er aber, da schwach, niemals zu einem wenigstens einigermaßen gedeihlichen Ende bringen konnte. Alles fing er an, alles ließ er ausrinnen. So auch war er als Vater. Bei Schwierigkeiten entfernte er sich, wo meine Mutter, säkularprotestantisch, ja -calvinistisch, den Kopf runternahm und zu den Waffen griff. Mein Vater weinte eher oder vergrub sich und beklagte die unrechten Läufte der Welt, die doch harmonisch möge sein.
      In mir geht nun beides zusammen, indem ich ihn, den meine Mutter tief verachtet hat, liebe, indes ich gegen sie bis heute weiterkämpfe und dennoch, auch eben darin, ihr folge. Noch immer, nun schon lang nach ihrem Tod.

    • Avatar diadorim says:

      na ja, als kind ist meist das zuhaus mittelpunkt der welt, ich glaube, man ahmt da unwillkürlich nach, prägung klingt so unwiderruflich, daran glaube ich kaum, und an mir erfahre ich auch anderes, ich fühle mich meiner familie nicht besonders verbunden, manchmal schmerzlich nicht verbunden, da bestimmte innerfamiliäre allverständliche gesten mir nicht (mehr) geläufig sind, kurz und gut, ich fühle mich oft fremd in meiner familie, obwohl ich ein sehr enges band mal zu meiner mutter hatte, aber auch so etwas kann sich verändern, scheint mir, durch räumliche distanzen zb. ich glaube, vieles entspringt auch gewissen erzählungen über familie, was man bei chechov gut nachlesen kann, die man sich gerne erzählt, wie familie sei, bei genauer überprüfung stellt man aber häufig fest, so ist es gar nicht, die mutter ist ganz anders eigen als man selbst eigen ist, vielleicht ist es auch einfach unerträglicher, wenn man sich sagen muss, man steht nicht so wirklich in einer langen kette, sondern ist irgendwie doch allein und nicht verbunden, erfahrungen, die ja auch eltern machen, wenn sich kinder abwenden, auch ein topos, man hat sich aufgeopfert und man erntet nichts als undank und gleichgültigkeit von seinen kindern. auf jeden fall scheint das mit dem weitergeben und weiterleben in und mit seinen kindern nicht ganz so einfach zu sein. bestenfalls, denke ich aber immer, man bleibt sich sein leben lang gut freund, auch als familie, daran glaub ich auch, dass es das geben kann, weil, oft denke ich auch, die familie sind ja auch nicht die schlechteren menschen, wenn sie auch nicht die besseren sein müssen, aber die schlechteren sind es meist eben auch nicht, kann man was draus machen.

    • Ich hingegen denke. Daß die Prägungen sehr viel schärfer sind, als unser Freiheitsirrglaube zulassen will. Neben den genetischen Dispositionen schreiben sich früher Erfahrungen ein, und das Gehirn speichert sie und verarbeitet sie weiter: verarbeitet uns. So, genau so, werden wir. Andere Einflüsse, selbstverständlich, kommen hinzu; sind sie existentiell, etwa Toesbedrohung, schwere Krankheit, tiefe Verlust, aber auch tiefe Glückserfahrungen, revidiert dies die Prägungen. Das ist klar. Dennoch ist vie Folie längst beschrieben; anderes, wie bei Palimpsesten, wird lediglich darübergemalt.

    • Avatar tom says:

      Herkumft Was wir frueh beobachten und erfahren laesst uns nicht mehr los. Dennoch Goethe: „Das hat mein Vater von mir geerbt.“

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .