Christopher Eckers Fahlmann im Arbeitsjournal des Montags, dem 5. August 2013, worin aber vor allem erzählt wird, worum es dem Herausgeber Der Dschungel geht. Sowie am Nachmittag: Dichters Diskretion.

8.30 Uhr:
[Arbeitswohnung. Ligeti, Lontano für Orchester.]
Auf der letzten Frankfurter Buchmesse drückte mir >>>> Roman Pliske, der Verleger des Mitteldeutschen Verlages, >>>> einen Ziegelstein von Roman in die Hand, dessen Umfang den von Argo noch weit übertrifft und von dem Denis Scheck, immerhin mein >>>> Meere-Lektor, gesagt habe, es handle sich um eines der großen Leseabenteuer der deutschen Gegenwartsliteratur; indessen für den Deutschen Buchpreis eigne es sich nicht, weil dieser keine „kleinen Verlage“ berücksichtigen könne. Letztre Aussage erboste mich, zumal sie, siehe >>>> Jung & Jung, de facto falsch ist. In Sachen Leseabenteuer scheint Scheck aber recht zu haben. Das Buch lag lange hier auf dem „zu lesen“-Stapel, und gestern, nachdem ich ziemlich an meinem Auftragstext herumgestümpert hatte und es schließlich aufgab, ein brauchbares Ergebnis erzwingen zu wollen, und weil ich auch mit dem vierten Mauergedicht nicht wirklich vorankam – der Tag war wirklich nicht sehr inspiriert und auch meine >>>> Disziplin, deren Hohelied ich morgens noch gesungen hatte, spielte Weichei – – und gestern also griff ich danach, schlug es auf und konnte zu lesen nicht mehr aufhören. Für meine eigene Arbeit war das natürlich Gift; giftiger aber war, daß ich mir dann etwas zu essen bereitet hatte, das Buch aber einfach zu dick ist, um es beim Futtern zu lesen und ich deshalb doch noch in irgendwelchen Filmen hängenblieb. Imgrunde sollte man nie allein essen, immer mindestens zu zweit; man kommt dann nämlich gar nicht auf so dumme Ideen.
Das Geschickte an dem Buch ist, wie unterschwellig sich seine auf ersten Blick realistische Erzählweise bricht, mit welch pfiffiger Art von Digression und Gleichzeitigkeiten es… ja: daherplaudert. Deshalb ist die Lektüre auch in keiner Weise anstrengend, sondern tatsächlich spannend, ja vergnüglich; spannend aber eben auch wegen der fast beiläufigen ästhetischen Pfiffigkeiten. Nur, leider, ist manchmal ein grammatischer Schnitzer stehengeblieben, auf den ersten 41 Seiten fand ich drei. Das ist allerdings dem Lektor, bzw. den Korrektoren anzulasten, nicht dem Autor. Jedenfalls bin ich ausgesprochen gespannt drauf, wie es weitergeht. Ecker läßt, sozusagen, alle Möglichkeiten möglich bleiben.

Erster Latte macchiato, erste Morgenpfeife. Ich war bereits anderhalb Stunden Durchschwimmen; eine Minute nach sechs kam ich beim Schwimmbad an. Eine schlanke Frau kraulte auf der Bahn, die auch ich nahm; sie war unendlich elegant, wie ich durch die Schwimmbrille sehen konnte: ein Genuß, ihr zuzusehen, allein, mit welcher Geschwindigkeit sie das Wasser durchpfeilte, mit wie wenigen und dabei klassisch-eleganten Bewegungen, ihr Körper eine langgezogene Spindel. Ich hätte gern ihr Gesicht gesehen, wollte aber meinerseits nicht im Schwimmvorgang stoppen, und das Gesicht tauchte auch immer nur rechts kurz aus der Wasseroberfläche, offenen Mundes, um Atem zu holen. So blieb es Mysterium, das von meiner Fantasie ergänzt werden wollte. „Sie sehen wahnsinnig schön aus, wenn Sie schwimmen“, hätte ich dieser jungen Frau gern gesagt. Aber irgendwann war sie davon, und ich hatte noch vierzig Minuten Schwimmzeit vor mir.
„Armer Sportler“ kommentierte gestern jemand unter meinem Facebook-Annoncement zur gestrigen Überlegung, inwiefern mein momentaner Sporttrieb Sexualersatz sei. Gut, eine – ha! – Steilvorlage. Mir ist es aber ernst mit dem Gedanken und ich kann nichts Wirkliches dran finden, das ein Bedauern rechtfertigte. Denn letzten Endes geht es mir um ein P r o j e k t: jenes, das ich mit spätestens 26 sehr bewußt begonnen habe, damals, als ich den neuen Namen bekam, umzog und mich völlig neu sozialisierte. In der >>>> Verwirrung des Gemüts wird der Prozeß poetisch nacherzählt, und der >>>> Wolpertinger nimmt das Thema wieder auf: „Neu wollte er sein, neu bis ins Wurzelwerk seiner Sozialisation.“ >>>> Meere wiederum erzählt die Ursachen mit; fast alle meine Bücher hängen – auf poetisch verfremdete Weise, selbstverständlich – zusammen. Das Projekt, das ich mit 26 also begann, hieß: sich selbst erfinden, sich möglichst frei von seinen Prägungen machen, d.h., sich seine Prägungen aussuchen, sie wählen. Es war dies auch ein Weg, aus der nationalsozialistischen Verstrickung meiner Familie herauszukommen, von der ich nicht wissen konnte noch kann, was davon indirekt auf mich überkommen ist. So gesehen, ist Alban Nikolai Herbst selbst ein literarisches Projekt, von dem aus einiges verständlich werden kann, das vielen Leuten an mir offenbar unbegreiflich ist.
Vorausgegangen war aber noch eine andere Idee, eine, die ich bereits mit um die 20 hatte: daß man bestimmen könne – selbstverständlich im Rahmen der physiologischen/physiognomischen Grundbedingungen und vorausgesetzt, daß einen nicht eine Krankheit anfällt oder eine besonders schwere psychische Last – – daß man selbst bestimmen könne, wie man aussehe und aussehen werde. Ich hatte ein sehr genaues Bild und habe mich ihm immer mehr angenähert. Dieses Bild betrifft nicht nur das Gesicht, sondern den gesamten Körper. Auch er also ist Teil des literarischen Projekts ANH. Es geht letztlich um Selbstermächtigung, Selbstbestimmung und -bestimmtheit, um Freiheit. Dabei ist auch das Selbstbild selbstgewählt; es hängt n i c h t – oder kaum – an gesellschaftsnormativen Idealen. Sondern ich möchte so aussehen, daß ich selbst für mich, also wäre ich Frau, begehrenswert wäre. Dazu gehört eine Klarheit der Figur, dazu gehört eine Definiertheit der Muskulatur, der Körperhaltung usw. Und solch ein Projekt hört mit anhebendem Altern nicht auf, eher im Gegenteil: Nachlässigkeiten jetzt wären irreversibel. Mein Alter ist ein für Männer gefährliches; jeder Schludrian hat Folgen. Und ich muß auch schon deshalb traniert sein, weil mein Körper, nicht nur mein Geist, in der Lage sein soll, die vor mir liegenden direkt-literarischen Projekte noch umzusetzen: jetzt den Sterberoman, dann die Melusine Walser, dann das Friedrich-Buch; übern Daumen gepeilt, werde ich für letztres zwanzig Jahre brauchen; wenn es fertig werden wird, werde ich also 78 sein. Dazwischen liegen noch die geplanten Gedichtbände, liegen weitere Hörstücke, liegt vor allem aber auch – ein Herzenswunsch – eine Weltreise, die ich mit wenig Geld und zu Fuß, bzw. per Anhalter usw. angehen möchte. Mit einem kränklichen oder aus anderen Gründen nicht belastbaren Körper wäre das nicht möglich.

Aber jetzt muß ich los. Ich treffe gleich meinen >>>> Argo-Verleger zu einem letzten Korrekturgespräch, bevor der Roman nun wirklich in die Druckerei geht.
Guten Morgen.

11.25 Uhr:
[Zurück. Ligeti, Requiem.]
Gutes Beisammen mit dem Verleger; auf rund 500 Seiten aber nur wenige Zweifelsstellen durchgegangen: Schreibvarianten, Auszeichnungen, kleine im Lektorat noch übersehene Fehler, etwa in der ortographischen Behandlung von Sätzen, die im Berliner Dialekt stehen. Ansonsten ein höchst zufriedener Mann: „Das gibt es in diesem Text überhaupt nicht, daß ich das Gefühl habe, hier müsse eingeschritten werden. Selten sowas.“ Problem aber sei: Es sei absolut keine Literatur für Frauen, sondern dezidiert männliche Literatur. „Das ist für einen Verleger schwierig, weil die meisten Buchkäuferinnen eben Frauen sind.“ Und Pynchon? frage ich, und Döblin? „Da guck dir mal die wirklichen Verkaufszahlen an!“ Wondratschek, fällt mir noch ein. Wohlgemerkt, es geht nicht wirklich um Frauen, sondern es geht um Buchkäuferinnen und Buchleserinnen.
Mich begleitet dieser „Vorwurf“ schon lange.
„Zu männlich“. Nun ja. (Feuer, Pfeife, Stanwell).
Aber: Über zwanzig Bestellungen von Argo zur Rezension, „sämtliche großen Zeitungen“; alle, offenbar, seien neugierig. „Das habe ich so noch nicht gehabt.“ – Vielleicht ist meine Befürchtung, Argo könne in den Feuilletons ebenso ignoriert werden, wie es den >>>> Elegien geschehen ist, dieses Mal wirklich grundlos. Vielleicht ist ein Roman, zumal ein solcher, tatsächlich etwas anderes. Jedenfalls kehrte ich eben ziemlich zuversichtlich wieder heim, und zuversichtlich werd ich jetzt an meinem Text über Dichterfreundschaften weiterschreiben, will nur vorher noch an >>>> Marebuch das Exposé des Traumschiffs schicken.

16.10 Uhr:
[Grigorij Krein, Violinsonate G-Dur.]
Jetzt – endlich! – die durchgreifende Idee für den Dichterfreundschaftstext gehabt: denn ich kam während des Erzählens in Bereiche, die aufzudecken schlichtweg in diskret gewesen wären; das gilt besonders für meine Dichterfreundschaften zu Frauen, aber auch dort, wo aus den einstigen Freunden heutige Gegner wurden. Ich will niemanden in die Pfanne hauen, aber eben auch nicht Falsches erzählen, bzw. behaupten. Und da war der Gedanke plötzlich da: allen Beteiligten werde ich Namen längst verstorbener Autor:inn:en geben, klassischer, vielleicht sogar antiker Dichterinnen und Dichter. Damit habe ich dann alle Möglichkeiten zu erzählen offen. Von dem Verfahren ausnehmen werde ich nur diejenigen, die bereits verstorben sind, etwa >>>> Manfred Hausmann. – Jetzt hab ich richtig Lust auf das Ding bekommen.

17.25 Uhr:
[Chaya Czernowin, Mi mecha’a.]
Der Entwurf ist fertig. Ich hab ihn der Löwin geschickt, ob sie, bevor ich ihn abgeb, einmal drüberschaut. – An sich müßte ich nun gleich an den Nibelungentext, aber hab Lust, den >>>> Fahlmann weiterzulesen und werde ihr nachgeben. Sowas gegen acht geht’s dann in die Strandbar zum Profi: Ich möchte unsre Montagstradition gern wieder etablieren. Den Fahlmann werd ich mitnehmen und an den Nibelungentext morgen zur Früharbeit gehen. Am Mittwoch nachmittag noch einmal Elfenbein, und aber die ganze nächste Woche wird der Überarbeitung des Neapel-Hörstücks gelten. Die Arbeit hat mich wieder im Griff – und: ich sie.

This entry was posted in Arbeitsjournal. Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .