„Eitelkeit“. PP42, 13. November 2013: Mittwoch. Und Zahnschmerz gegen Nervosität.

„Da haben Sie ja etwas gefunden“, sagte die Löwin am Telefon, „was Ihre Nervosität im Zaum hält“, wobei sie, die Nervosität, immer wieder den Charakter einer deprimierten Grundierung zeigt, die durch die Oberfläche… na ja, „schimmert“ wäre zu hell ausgedrückt. Jedenfalls so lange ich mit >>>> Argo beschäftigt bleibe, ob für >>>> das Fest heute abend, ob mit Lesungen, kann ich von der Reflexlosigkeit nicht wegdenken, mit der auch wieder dieser Roman geschlagen ist. Das wird erst anders werden, es wird mir erst dann quasi egal sein, wenn ich im nächsten Buch wirklich drinstecke. Alles, was uns bleibt, was uns aber gut bleibt, ist: weiterzumachen, eben n i c h t aufzugeben, nicht zu resignieren, sondern abermals alle Hoffnung zusammenzuziehen, die wir als Jugendliche hatten, und auf unser jeweils neues Projekt auszurichten, a l l e wir, gleichgültig, was es denn nun war, das wir uns vorgenommen hatten – haben, muß das heißen, denn wir lassen nicht nach.
Was die Löwin meinte, aber, ist, daß ich gestern quasi den dreiviertel Tag mit Computer-„Hygiene“ beschäftigt war. Das ging morgens los, als sich die pdf-Fahnen der Spreetöchter nicht korrigieren ließen, ich fälschlich annahm, es liege an meinem eigenen Programm, es deinstallierte und neu installiert, nix, gar nix, immer noch nix – bis ich einfach eine Argo-Fahne ausprobierte, und da lief alles wie geschmiert. Also an die horen geschrieben und um neue Fahnen gebeten. Die kamen auch, und meine Korrekturen ließen sich problemlos einfügen. Aber der Computer meldete mit mehrfachen Ausrufezeichen: Kein Speicherplatz mehr auf Partition C! Also ging ich dran, Datenschrott zu löschen, auch selten benutzte Programme zu löschen, andere Daten zu verschieben usw. Sowas frißt Zeit, sehr v i e l Zeit, und genau darin besteht die Ablenkung. Die ich mir aber gar nicht leisten kann, wenn ich mit der Rezension des >>>> Fahlmanns rechtzeitig fertig werden will. Zumal ein Termin arg näherrückt, der für das Traumschiff wichtig ist, dessen Entwürfe aber stocken. Und dann wird einem klar, was alles n o c h so liegenblieb, und der bittre Wille, sich abzulenken, steigt noch. Wenn dann noch die Routine in die Knie geht, die man sich eingerichtet hat, um durchzuhalten, in meinem Fall das tägliche Training, ist innerlich Land unter: Land unter Schlamm.
Wir alle brauchen Bestätigung, aber brauchen sie auch von angemessenem Ort und in angemessenem Rahmen; daß einem die Freunde zusprechen und daß sie an einen glauben, reicht nicht. Es s i n d eben Freunde, sind Freundinnen, und sie tun, was solche selbstverständlich tun; es wären sonst keine. Darin liegt aber eben die Crux. Bestätigung für objektiv erreichte Leistung muß ebenso objektive sein: das Wort meint ein Fremdes; Freunde hingegen gehören ins Subjekt-selbst, liegen ihm an. Deshalb tut ihr Zuspruch zwar gut, er heilt aber nicht die Wunde.
Dabei bin ich mir des Umstands sehr bewußt, wie Anerkennung im Betrieb zustandekommt – in jedem, wahrscheinlich, in dem Qualität nicht nach faktischen Kriterien bewertet werden kann, sondern nach Stimmung, Einschätzung und den jeweiligen Geschmacksvorlieben bewertet wird: Man muß Freunde in den Juries haben und in den Feuilletons und/oder Leute, die meinen, einem etwas schuldig zu sein. Andernfalls geht man da unter, ja stört sogar. Und hat man sich Gegner geschaffen, die über Macht verfügen, oder sitzen drin Leute, denen ganz einfach die Kleidung nicht gefällt, die man trägt, dann ist es quasi aus. Deshalb ist meine Fahlmann-Rezension auch so wichtig, ideologisch wichtig, denn ich kenne den Autor, Christopher Ecker, nicht einmal; man kann fast sagen, er ist mir egal. Es zählt für mich nur dieses – große – Buch, und nur auf dieses beziehe ich mich. (Fast schon zuviel, daß ich ihn gestern „sah“, auf Fotografien sah, die dem >>>> kleinen Materialienband beigegeben sind, der gestern ankam; wie er, Ecker, da in Paris steht mit seinem Stadtplan und der darunter gelegten Weltkarte, suchend, poetisch witternd, – das erinnerte mich an mich selbst, an mein Selbst vor zwanzig Jahren, als auch ich durch Paris streifte, es regnete dauernd, ein wirklicher Totensonntags-November, um die Wege zu finden, die danach nicht nur die Stimmung der >>>> Orgelpfeifen von Flandern geprägt haben.)

Und dann wieder einmal die gerümpfte Nase über meine Eitelkeit! Das >>>> in Heidelberg. Er, ein nicht unbedeutender Hörer, habe anfangs Schwierigkeiten mit meiner großen Eitelkeit gehabt. Ja, was habe ich denn getan? Das Jackett ausgezogen, die Weste aufgeknöpft, die Krawatte abgebunden, bevor ich las. Dazu wiederum eine Freundin: „Es reicht doch schon, daß du in diesen engen Jeans aufgetreten bist, daß du so etwas trägst und tragen kannst.“ Und >>>> Katharina Schultens, vor einigen Wochen: „Eleganz wird nicht verziehen.“ Dagegen eine noch andere Freundin: „Darum geht es nicht, Sondern um Sexiness. Man darf nicht sexy sein in diesem Betrieb, schon gar nicht ein Mann.“ Dagegen ich: „Es sei denn, man hat Macht.“ Und wieder die Löwin: „Wer es geschafft hat, dem wird a l l e s verziehen.“ Sowie ich: „Nicht nur verziehen. Sondern dann, nur dann, wird die Eitelkeit sogar goutiert.“
Was aber meinen die Leute mit meiner Eitelkeit? Daß ich keine Pickel habe und auf meinen Körper achte, ja daß ich ihn liebe? Ganz offenbar. Es ist ein, glaube ich, furchtbar deutsches Problem, undenkbar in romanischen Ländern. Bescheidenheit wird erwartet, indes die Machtspieler ganz mächtig schieben und walten: Sie surfen auf der Kleinbürgerei.

Um halb sechs auf, bewußt nicht zum Sport, sondern gleich an den Schreibtisch. Weiter mit den Fahlmann-Exzerpten, vor allem dieses Produktivitätsprotokoll, egal, was die Leute wieder einmal sagen werden. Vor allem: Weitere, letzte, Vorbereitung des Anderswelt-Festes. Und Bangen, daß nur wenige Leute kommen, daß eben wieder „nur“ die Freunde kommen, sie mögen mir diese Sätze verzeihen, ich verdanke den Freunden sehr viel, verdanke ihnen beinahe alles. Jedenfalls, daß ich noch bin. Sie sind die Grundlage, aber die Wirkung k ö n n e n sie nicht sein. Wenn jemand nur für die Freunde schreibt, allein für einen engsten Kreis, dann hat er verloren. Oder muß sich – eine Hoffnung ganz aus wehenden Gardinen – auf eine Welt verlassen, die n a c h ihm kommen wird. Oder nach ihr.

(7.55 Uhr.)

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Eines, obwohl’s sogar im Titel steht, hätt ich jetzt fast vergessen: Zur Ablenkung der „Nervosität“ gehört offenbar auch, daß der Zahnschmerz wieder da ist. Es läßt sich von einer Verschiebung sprechen, im Wortgebrauch der Psychoanalyse. Der Ziegenfuß daran ist, daß Verschiebungen sich real manifestieren können: objektive Einschränkung werden. Deshalb werd ich heute auch noch zum Zahnarzt gehen; auch, beim Essen, der Kiefer schwillt wieder an und schmerzt. Unklar, ob Psychosomatose oder materialer Zahnstein, der die Speicheldrüse verstopft. Ich habe nicht vor, sowas sich chronifizieren zu lassen. Hypochondrie ist mir zuwider.
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5 Kommentare zu „Eitelkeit“. PP42, 13. November 2013: Mittwoch. Und Zahnschmerz gegen Nervosität.

  1. (Interessante Bewegung. Kaum thematisiere ich den Zahnschmerz, hört er auf. Ziemlich, das Unbewußte, tricky.)

  2. Katja Thomas sagt:

    Lieber Alban,
    die Herausstellung, die Offenlegung deines „Daseins“, deiner künstlerischen Bewegung, auch, deiner Eitelkeit, deines Kampfs um deine Sache, deiner Liebe zur Literatur, deiner Rituale, auch: deinesSchwimmens, deines Laufens, wirkt (auf mich) sehr befreiend.
    Es ist eine Befreiung, weil gerade wegen ihres unbedingten Zugs, wegen ihres direkten HERAUSSTELLENS; auch, weil diese Gesten das Spiel mit der Verschleierung (jetzt hier im Weblog) hier nicht benötigen, es (dennoch) den Anspruch auf Dichtheit und Relavanz nicht verliert.
    So verliert auch die Eitelkeit ihren eitlen Zug, eben weil sie herausgestellt, gezeigt wird.
    Für manche mag das nicht erträglich sein, sie denken sich: Das könnte ich auch, warum tu ich es nicht, warum aber dieser eitle Gockel. Ärger über die Herausstellungen (Hahnenkämme, Schmuck, Facetten) anderer resultiert meist aus einer Unzufriedenheit mit dem, was man vor sich selbst und vor anderen von sich selbst herauszustellen bereit und fähig ist. ICH BIN DOCH VIEL MEHR, denkt man dann, VIEL MEHR ALS DAS WAS ICH ZEIGE.

    Ich wünsche Dir und Euch heut Abend von Herzen ein schönes Fest!!

    • Liebe Katja Thomas, erst einmal freundschaftlichen Dank.

      Zur „Sache“: Darum geht es ja gerade, daß ich nicht bereit bin, die erwarteten Unterwerfungsgesten abzuleisten, auch nicht zum Schein, weder, um einem sozialen Druck zu genügen, noch um – statt mit meiner Arbeit – damit irgend eine Form von Erfolg zu erschleichen: weil man den Leuten unterwürfig oder, sagen wir mal das Wort, „bescheiden“ besser gefällt; auch „verwundet“ gefällt ihnen, denn man wirkt dann schwach, was wiederum die Macht der Mächtigen stützt. So daß sie sich, sofern sie denn wollen, „großherzig“ zeigen können usw; auf die Arbeit selbst kommt es dabei gar nicht an oder nur am Rande. Vielmehr will ich gleichberechtigt dastehen und sagen: „Seht her, das habe ich gemacht, und nun urteilt“ – aber eben allein aufgrund der Arbeit, nicht aufgrund meiner Jeans oder meiner Anzüge.
      Außerdem haben „bescheidene“ Menschen, wenn sie nicht gewollt sind, g a r keine Chance mehr; sie werden dann nämlich einfach vergessen, fallen nicht einmal mehr als unbequem auf; nicht einmal ihre Namen mehr durchstreichen muß man. Sie kippen ins Nichts weg, und so verschwindet ihr Werk und hat auch kaum noch Aussicht, wiederentdeckt zu werden, weil eben keine Spuren hinterlassen wurden.
      Was nun die Eitelkeit angeht, so steh ich mit ihr wirklich nicht allein; sehr viele Künstler:innen – und nicht nur die – haben sie gehabt, und sie hatten sie aus gutem Grund: um nämlich nicht auch noch an sich selbst zu verstummen. Es ist sehr leicht, unbescheiden und uneitel zu sein, wenn man Erfolg hat, man wird dann genügend von außen gestreichelt. Und es ist ein Unterschied, ob die Eitelkeit sich ins Werk frißt oder allenfalls eine seiner Hüllen ist. Wenn ich vortrage, etwa, bin ich tatsächlich nichts als mein Text, bzw. sein Interpret, und es gilt für ihn ein „prima le parole“; wenn ich schreibe, sowieso. Für Einfälle bin ich dankbar, manchmal über sie glücklich; für Eitelkeit ist da gar kein Platz.

      Ich habe mich immer, um ein Wort André Hellers zu verwenden, zugeben wollen, mit allen Schwächen, aber auch meinen Stärken, und ich glaube, daß wir alle das tun können sollten und sollten: uns z e i g e n. Sonst zeigen sich immer nur die, die aus welchen Gründen auch immer eine card blanche zugestellt bekommen haben. Denn wenn wir die Gründe dafür untersuchen, wird uns nicht selten schlecht. Nicht zuletzt hat auch d a s gesagt zu werden – auch wenn wir dafür bestraft werden. Wir sind nicht im Leben, um uns korrumpieren zu lassen. Es wäre zu klein.

      (Je mehr von uns sich zeigen, um so kleiner wird das Risiko werden, übrigens. Ich steh auch nicht völlig allein, Helmut Krausser etwa tut’s ähnlich, wenn auch nicht im Netz.)

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