PP50, 21. November 2013: Donnerstag. Weiterhin vor Tanger (Berlin).

(7.02 Uhr.)
Folgende Idee: Die PPs, wenn der Roman erst einmal in Fahrt gekommen ist, außer mit ihrem jeweiligen Datum mit den Koordinaten versehen, an denen sich das Traumschiff gerade befindet. Das wird in der Summe andere Verdichtungen auf dem Zeitstrahl ergeben als der Roman selbst. Echtzeit vs. Poetische Zeit.
Reizvoll.
Nehme ich eine „tatsächliche“ Tour oder halte ich mich an die, die ich dann – sofern es klappt – tatsächlich mitfahren werde? Stevenson griff immer auf eigene Erfahrungen zurück, und er wußte, warum. Es ist ein objektives Arbeitshindernis, daß ich die Tour noch nicht habe (keine Gerüche der Häfen und Städte, keine Geräusche). Dennoch, notfalls werde ich mir auf der Weltkarte eine zusammenbasteln: aber ungern. Bis dahin arbeite ich mit „Platzhaltern“, das heißt, einer imaginären Reise, die aber den Nachteil der fehlenden sinnlichen Erfahrung hat. Vor ein ähnliches Problem werde ich in wenigen Jahren beim Friedrichroman gestellt werden; ähnlich aber notwendigerweise, weil sich des Staufers Reisen nur sehr bedingt nacherleben lassen: die Welt hat sich seit dem Mittelalter signifikant verändert.

Heute also >>>> nach Weimar; um Viertel vor vierzehn Uhr muß ich aus dem Haus. Dummerweise wird es bei der Lesung keinen Büchertisch geben, so daß ich selbst einige >>>> Argos mitbringen muß, auch paar >>>> Elegien, >>>> Chapelles und anderes, >>>> den Joyce sowieso. Arge Schlepperei. Also den Rucksack nehmen. Für gerade mal drei Tage! (In Leipzig Seminar für >>>> START, direkt anschließend).
Mitnehmen: den noch recht schmalen Traumschiff-Hefter.
Ich freu mich aufs Wiedersehen mit >>>> Gause. Während der Zugfahrt >>>> den Kjærstad weiterlesen, was ich ausgesprochen gerne tu. Durch Weimar flanieren am Nachmittag; ich komme relativ früh an. Vorbesprechung erst um 19 Uhr.

Seit fünf auf, Wäsche zusammengepackt und raus in den Morgen, dessen Licht noch Nacht war: jetzt dreht sie sich, die Wäsche, in Trommeln. Fünf Maschinen wurden es. Um acht wieder hin in den Waschsalon: Trocknerarie. Im Hellen immerhin. Und auch dabei kann ich lesen.

Die Erkältung klingt langsam ab. Noch aber kein Sport, zeitlich wäre es damit heute sowieso eng geworden. Bei jedem Satz, den ich tippe, denke ich über den Rhythmus nach, werfe um, stelle Wörter um, Sinneinheiten um usw. Das Arbeitsjournal ist immer auch Klangarbeit gewesen; so sind es die PPs. Manche Sätze denke ich laut.

Ich brauche einen Nachnamen für den alten Herrn, der das Traumschiff erzählt. Der Vorname, Gregor, ist zu undistanziert; ich bin mir nicht einmal sicher, ob er im Roman jemals genannt werden wird. Seltsam ist, auffällig ist, daß Argo mit einem InSeeStechen aufhört und das Traumschiff eben auf See beginnt. Dabei haben die Bücher miteinander gar nichts zu tun. Außer eben diesem. Ich will sie auch gar nicht verschalten, nicht einmal Türen von dem einen ins andere öffnen, nicht einmal Luken, durch die man von dort nach hier, bzw. hier nach dort schauen kann. Sich jeden solchen Witz verkneifen: zu sterben ist kein Ulk. Was mir vorschwebt, ist vielmehr, Angst in Güte aufzulösen.

*******

(Weimar, ACC Galerie.
Auf meinem Zimmer, Stockwerkchen III.
Sundowner’s Talisker, 18.10 Uhr, aus dem Flachmann ins Glas.)
18.10 Uhr.)

Angekommen, auch bereits die Bücher in der erstaunlich geräumigen Galerie aufgebaut. Viele schmale Gänge, zu deren Seiten sich verhältnismäßig große Räume öffnen, die sich sogar für Installationen eignen. Im Sälchen, darin ich lesen werde, steht ein Schwanenscooter: eine sehr große pedal- und kettengetriebene Seifenkiste, die irgendwann einmal auf die Bühne eines Lohengrins gefahren sein wird, also ge„schwommen“. Ich werd das Ding nachher fotografieren. Jetzt will ich erst einmal, in diesem hübschen, mir angenehmerweise kaum beheizten Zimmer die Lesestellen heraussuchen..Danach werd ich unten im Haus, darin ein CaféRstaurant, eine Kleinigkeit essen: thüringisch gewiß.
Als ich vom Bahnhof hierherspazierte, ein eigentümliches Heimatgefühl, das sich verstärkte, als ich in einem Papierladen nach Bleistiften mit Verschlußkappen aus Radiergummi fragte und mir in tiefstem, bzw. höchstem Dialekt geantwortet wurde. Wie plauderten ein wenig, der nette dicke Papierhändler und ich. Zweimal beteuerte er, daß es zu „Ostzeiten“ sowas gegeben habe, unterdessen werde nach sowas aber nie mehr gefragt.
Nasses Laub auf den Straßen, Spätherbst, überhaupt keine Enge.

(Nur gelesen während der Fahrt, nicht geschrieben.)

*******

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu PP50, 21. November 2013: Donnerstag. Weiterhin vor Tanger (Berlin).

  1. Detlef Hansi Winter sagt:

    einmal Ribbentrop, immer Ribbentrop, wann sind Sie eigentlich darauf gekommen, etwas besseres zu sein?

    • @Detlef Hansi Winter. Und wann sind S i e darauf gekommen, daß es sich faschistoid bequem lebt? – Sie verstehen mich nicht? Oh, wir hatten in Deutschland einige Erfahrung mit der Abstammungs“lehre“…. Etwas Nachhilfe-Unterricht gefällig?
      Und woher nehmen Sie Ihr – offenbar: – „Gefühl“, daß ich mich für etwas besseres hielte? Etwas Besseres als was und inwiefern? (Das letzte Wort bedeutet: „in Bezug auf was“. Jeder Arzt hat recht, der sich in Bezug auf medizinisches Wissen für etwas Besseres hält als Sie und mich zusammengenommen.) – Was ist es, daß mich für Sie so provokant macht? Daß ich die Feigheit Ihrer Anonymität nicht teile, sondern Gesicht zeige?

      NOTA:
      Ich lösche DHWs Kommentar nicht, damit erhalten bleibt, wie einige Deutsche immer noch drauf sind: sippenhaftbegeistert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.