Des In den Abends erster auf den zweiten Tag: nach Westen. In den Abend (5)/Traumschiff 13. PP138, 1. (ff) und 2. April 2014.



(Dienstag,
21.52 Uhr.
Ragna Schirmer spielt Johann Sebastian Bach: Goldberg.)

Nun bin ich also auf See. Herzliche Verabschiedung im Sundancer, die zehn AUD Schlüsselpfand mochte ich nicht zurücknehmen; man ist ja nicht zum Piefke geboren. Ziemliche Wuchterei des Rucksacks und beider Kleidersäcke, 32 kg, wie ich seit Berlin Tegel weiß, plus all der Technik im zusätzlichen Arbeitsrucksack, ich denk mal: locker 38 kg, insgesamt. Aber meine Achillessehne ließ mich heute morgen sehr zufrieden, freute sich fast, hatt‘ ich den Eindruck, daß sie nicht nurmehr noch mich alleine halten sollte. Wir wachsen mit der Herausforderung.
War auch nicht weit, nur eben die Pakenham St hinein, über die Geleise des kleinen Bahnhofs und noch der allerdings ein wenig dröge Anmarsch seitlich des halben Victoria Quays; schließlich Formularkram in sechs Gruppen, vielleicht auch sieben, ich gehörte zur Sechs. Vorher war das Gepäck abgegeben. Als ich bei meiner Kabine ankam, stand alles schon davor.
Die Tür öffnen – und vor Glück fast vergehen – :

:
Ausgeräumt, als erstes den Arbeitsplatz gerichtet, ich bin da fast zwanghaft penibel, nein, nicht nur „fast“. Dann das übrige aus den Rucksäcken genommen und endlich auch die Anzüge sich aushängen lassen, deren einen ich schließlich anzog: Typenwechsel. (Zum Abendessen selbstverständlich Krawatte, auch wenn ich der einzige Passagier sein sollte, der so etwas trägt.)
Noch war ich mit der Packerei nicht ganz fertig, erklang über Bordlautsprecher die Ansage zur Notfallübung. Jeder nehme sich seine Schwimmweste aus der Kabine, Zuordnung der Decks nach soundso; ich mußte mich mit vier anderen Gruppen in der Astor-Lounge einfinden. Zuordnung wiederum der Gruppen, man muß ja wissen, welches Boot. Meine Schwimmweste, schon mal gleich selber angelegt, saß selbstverständlich nicht korrekt. Ausziehen, entzwirbeln, anziehen. So geht das. Hatte ich echt vergessen. – Peinlich, aber grinsen.
Tja.
Strammstehen in drei Reihen vor den Rettungsbooten, deren Buge in Stirnhöhe hängen und da auch hängenblieben. Immerhin hab ich die gesamte Übung auf Band. Hat vor mir bestimmt noch keiner gemacht.
*******

(Das Schiff rollt. Ich werde in den Armen aller meiner Musen schlafen, so tief. Übergang zur Regenzeit, ich schrieb‘s >>>> heut morgen schon. Spucktüten bereits sind hinter sämtliche Handläufe geklemmt:

„Müssen wir leider so machen“, erwidert ein Steward auf meine spottende Bemerkung und zuckt die Achseln.
Wir rollen weiter. „Rollen“ bedeutet, daß sich die Astor nicht nur nach vorne in die Wellen legt, die sie dann gleich wieder heben, momentan jeweils zweidrei Meter, sondern es gibt zugleich eine Art Drehbewegung um die vertikale Mittelachse; genau das ist es, was so wenige vertragen. „Holla!“ dachte ich anfangs, „solltest wohl diesmal auch d u ..?“ – groovte aber schon mit, groovte gen Bar und holte mir den ersten Campari-Soda, den ich draußen vor der Bar anstelle meines Abendmalts trank („Abendmahlts“):


(Es lohnt sich und sei jeder und jedem empfohlen, die und der mir auf dieses Schiff folgen möchte, das Getränkepaket zu 25AUD pro Tag zu buchen; schon jetzt, dabei bin ich erst seit nachmittags an Bord, hab ich diesen Betrag locker erreicht; witzigerweise wird neben „prime spirits“ auch der Espresso extra berechnet, ist also nicht unkludiert; das entspricht der Eigenwilligkeit, daß es zum Salat kein Olivenöl gibt. Andere Kultur, Europa hin, Europa her; englische Reederei; dafür ein auffallend leckeres Kürbiskernöl. Geht das, es aus gerösteten Kernen zu pressen? So schmeckt es nämlich.)
Und an Deck.
Musi is‘.
Aberr nicht meine. Also flieh ich schlendernd zum Bootsdeck hinunter und weiß, kaum daß ich angekommen, sofort: Hier wird Gregor Lanmeister sitzen. Da ist es still. Da wird er immer hinkommen, wenn er für sich sein möchte. Ich muß dort eigentlich nur auf ihn warten, er wird mir in den Blick spazieren.
Für den Roman ist die Passagier-Zusammensetzung ohnedies ideal; fast alles alte Leute. Ich falle, nicht nur wegen meiner Krawatte, sofort auf, vor allem, weil ich ja nun ziemlich zerrupft als Backpacker an Bord kam. So entdeckt mich auch Christian, der, stellt er sich vor, Hotelchef. „You‘re German?“ Ob ich wohl dieser Journalist sei? Woher soll er auch wissen, daß ich das als Beleidigung empfinde? Brav schluck ich meine Entgegnung – „A journalist? Never! But a poet…“ – hinunter und lächle und erkläre, derweil ich weiter meine Abendcigarre rauche, was ich eigentlich vorhab. – „Ah, die Aufnahmen!“ ruft er vorbehaltlos aus. „Wir sollten uns treffen, müssen uns treffen.“ Lacht. So do I. Sofort ein Einvernehmen, wie mit dem Keeper an der Bar: „Your name‘s?“ „Alban.“ „Alban?“ „Alban. – An‘ your‘s?“ „Sugar.“ „Oh that‘s not difficult.“ Woraufhin diesmal e r, dieser also, etwas hinunterschluckt, nämlich sein „Indeed“, das ihm aus den schönen Augen leuchtet. Schon klar, daß wir fortan befreundet sind, der dunkle leuchtende Mann und ich. Meinen Abendwhisky bekomme ich included.
Dann alleine, mit einem weiteren Whisky, nach vorne an den Bug und in die wahnsinnig glänzenden Sterne, weißglühende Nadelmassenpracht, geschaut. Ich bin da! Abermals Glückswallung.
Aber vorher noch haben uns fast die gesamten drei Semeilen, die zur nationalen Zone gehören, australische Soldaten… tja, verfolgt, so sah es aus, in sprichtwörtlich rasenden Manövern: Wie entre ich ein Schiff? Auf Bordberührung, immer wieder. Wahrscheinlich haben die Steuerleute gewechselt, jeder sollte mal. – „What are they doing?!“ frag ich einen Steward. „It‘s a training?“ „Yes, it‘s training.“
So warn denn die Stunt-Einlagen auch schon gegeben, jedenfalls für alle, die aufmerksam schauten. Das waren nicht sehr viele. Allein indes die Fotos sind, geben Sie‘s zu, atemberaubend:


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[Mittwoch,
7.25 Uhr.
Britten, Cello Symphony (Truls Mørk).]

Als ich die Augen aufschlug, gleich neben meinem Bett:

Sport oder nicht Sport? Nicht Sport, sondern etwas arbeiten, erst einmal, dachte ich – nach dem Kaffee allerdings, der für „Early Birds“ ab sieben bereitsteht, was nun nicht wirklich früh ist; zumal gibt es „normales“ Frühstück sowieso ab halb acht.
Vorher geduscht, rasiert, für ein Schiff extrem luxuriös, jedenfalls so, wie ich hier nun lebe. Dann hinauf, den Kaffee in den Kumb, aufs Achterdeck, wo sich das Wetter unterdessen schon anders präsentierte:

Die letzte Zigarette aus Hong Kong geraucht; an sich Unsinn; mit meinen eCigarillos bin ich doch völlig zufrieden.
Gesonnen, über die Reling gebeugt.
Ich war gewiegt
Gewiegt asleep
So mag er‘s denken, Gregor Lanmeister, sowie, daß wir schon heute über die erste Zeitgrenze schwimmen werden („fährt“ ein Schiff? tatsächlich? ja, aber, denn es ist auf Fahrt…); er hat schon, der Herr Lanmeister, v i e l e solche Grenzen überfahren, die Zeiten sind für ihn, anders als noch für mich, keine festen Größen mehr. Er aber hat auch nicht vor, noch irgend etwas festzuhalten; er fotografiert weder noch nimmt er Töne auf, sondern er fließt, so mag sein Empfinden ihn rühren, mit den Strömungen dahin.
Ich habe ihn freilich „wirklich“ noch gar nicht gesehen. – Soll ich suchen? (Jemanden anderes statt dessen, älter noch als er, vorgebeugt, aber kantig, das schüttere, dennoch sehr lange graue Haar, dessen nur Spitzen weiß sind, wild vom Wind hinaufgeweht, fast punkig in diesen Momenten, doch eine lange Geschichte in seinen scharfen Antlitzfalten. Er wandte die Augen dem Meer zu, ich sah ihn nur erst von der Seite, dann nur von hinten. – Achtgeben, Herbst.

Die Sonne steigt höher, und die See färbt sich blau. Erste Sätze sind, nach dem Frühstück, in den Roman zu schreiben; einiges aus diesen Berichten, das dürfen Sie mir nicht übelnehmen, wird sich „an Formulierungen“ sowohl im Roman als auch bereits im Hörstück wiederfinden. Seltsam: „Ich war gewiegt/gewiegt asleep“/ein Schlaf sein, so gewiegt/ein Schlaf geworden selbst. Sieben Tage „reiner“ See liegen vor mir. Das ruft nach einer Strukturierung, die Gregor Lanmeister schon lange verlor; sollten wir miteinander ins Gespräch kommen, werden wir reden, als riefen wir einander aus verschiedenen Welten, wenn auch leise, zu: selbst nah aneinander wie mit zu Trichtern geformten Händen vor den Lippen. Hingegen ich fürs Hörstück schauen werde, mit wem ich später sprechen möchte: Es eilt hier nichts, die Wellen bauen sich ruhig auf und fallen ruhig wieder. In diesem langen Rhythmus hebt sich zu Seiten und fällt es mit ihnen, das Schiff.

Frühstücken gehen. Dann dieses in Die Dschungel stellen. Und den Roman beginnen.
Sowie das Meer aufnehmen, für das Hörstück: nachmittags.

Der Morgen liegt immer im Osten.
Das Wort Durchlaufsinn für „Richtung“.

Auf dieser, der unseren, Welt.

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(9.15 Uhr.)
Tiefes sanftes unentwegtes Wiegen.
Nur See. So weit die Augen sehen. Wer wir sind, und was.
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2 Kommentare zu Des In den Abends erster auf den zweiten Tag: nach Westen. In den Abend (5)/Traumschiff 13. PP138, 1. (ff) und 2. April 2014.

  1. phyllis sagt:

    Dass, und w i e Sie erzählen, zu erzählen beginnen in diesem seltsamen Rollen (nicht des Schiffs, sondern des Geistes), in dem ich die ersten Eindrücke des alten Herrn Lanmeister an Deck erahne: wie schön!

  2. cellofreund sagt:

    Super, es klappt! Aus Berlin zurück stelle ich fest, dass wir Sie wirklich begleiten dürfen. Herrlich die Bilder, und was bisher in „Die Dschungel“ zu lesen war. Ich freue mich richtig auf die Reise, ein bisschen als wäre ich selbst mit dabei. Wie regeln wir nur das mit dem Obolus- @schlavmayr z.B? Was in jenem thread angedacht war, sollte nicht verpuffen.

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