Einen Tag vor Afrika. Am vierzehnten Tag der Großen Fahrt. PP149, mit einer kleinen Rückschau auf den dreizehnten, der melancholisch ausging: „fern“. 14. April 2014. – Sowie am Abend: Vor Durban.

(Montag, 8.12 Uhr.
28º04‘ S/37º29‘ O.
Kurs 222º SW.)


Dies war nun zum ersten Mal auf dieser Reise: Einsamkeit. Nicht nur Fremdheit, aus denen ich auf Reisen ja durchaus Reize zu gewinnen weiß, sondern ein Alleinsein wie hinter Glas. Die fremde Sprache funktioniert da allenfalls so, wie Mikrophonanlagen, die den Gefangenen mit dem Besucher verbinden, aber über Tausende Meilen, so daß die Kommunikation immer wieder abgebrochen und/oder zerhackt wird, wie ich es hier bei Skype mit der Löwin ständig erlebe. Räumliche Entfernung, indes, ist verstehbar, seelische nicht oder nur sehr viel weniger.
Es war „Disko“ angesagt für die Nacht, und ich, ja, Sie lesen richtig, freute mich drauf. Ein tropisches Buffet dazu, dessen Früchte unser Herr der Gastronomie persönlich auf Mauritius‘ großem Markt ausgesucht hatte, handverlesen reich. Nun kam ich selbst freilich ein wenig spät, erstens gewohnt aus Berlin, daß man zu Tanzveranstaltungen auf keinen Fall pünktlich geht, sonst steht man lang noch allein herum, sondern erst sowas, sagen wir, einzwei Stunden später; zweitens weil ich die Nachtserenade noch hören wollte, im Herzen ein wenig die Hoffnung, die Musikerinnen, nachher, begleiteten mich. Aber die schmale Ukrainerin, noch schlechter im Englischen als ich, ist scheu wie eine Wölfin, tritt auf, lächelt von unten herauf mit ungemeiner Innigkeit ihre Duopartnerin an, wenn sie wählen, welches Stück sie nun als nächstes spielen; dann aber, ist die Serenade vorüber, entflieht sie wie eine Meerjungfrau und bleibt, bis der nächste Auftritt erfolgt, unter Wasser, tief drunten, in einer Muschel vielleicht, verborgen. Ich stelle mir vor, sie, die Muschel, sei ganz aus Musik. (Sie wird aber voll der Sorge sein, um, bemerkte vorhin die Löwin bei Skype, ihre Lieben daheim im geschüttelten Mutterland).
Jedenfalls kam ich aufs Achterdeck, da war die Party voll im Gang, die Oldies tönten übers Meer, und halt die Oldies tanzten. Es ist keine Vermessenheit, wenn ich das so erzähle, wie ich es tu, aber so sehr es mich in den Beinen juckte, ich mich bewegen wollte, ich hätte da einfach nicht hingehört. Zum einen, weil es etwas sehr Bizarres hat, wenn sich alte Leute bewegen, wie wenn sie fünfzehn wären, sich so zu bewegen versuchen, zum anderen, weil diese Ausgelassenheit, die herrschte, keinen Beobachter haben darf; für sich alleine ist sie in Ordnung, menschlich, sogar nahe, nicht aber, wenn das Fremde hinzutritt und seinen Blick darauf wirft. Hinwiederum war dieses Fremde ein Steppenwolf aber, der gerade deutlich auf eine Beute auswar, die sich unter den Tanzenden eben nicht fand. Und dort nicht finden konnte. Die aber, die es hätten werden können, saßen, sofern sie denn dort saßen, abseits im Rauchereck beieinander und sprachen; es geht eine Grenze zwischen dort und hier, und ich stehe mitten darauf: Sie geht, so empfand ich, mitten durch mich hindurch; ich bin von ihr durchstochen und auf diese Weise fixiert.
Es ist besonders eine Angelegenheit der Körper; ich bin nach wie vor trainiert und, abgesehen von der blöden Achillessehne rechts (wenn ich zurück bin, werd ich nun doch mal zum Sportarzt gehen müssen), in geradezu vibrierender Verfassung: So etwas will. Aber geht nicht zusammen mit den Älteren, kaum denen der gleichen Generation, weil eben die Körper der anderen so vernachlässigt wurden; kaum jemand, der nicht Bauch hat, kaum mal eine elastische Biege der Rücken, Spiel der Sehnen der Schenkel, Gesäße, die nicht hängen; und dazu der Geist: bei wem er ist, war gestern nicht beim Tanzen, denn das, denkt Gregor Lanmeister, der ja auch nicht mittanzt, hat Gründe, deretwegen er eben nicht mitttanzt. Ja, beschämt ein wenig, hat er sich auf sein Bootsdeck zurückgezogen, wo er nicht einmal mehr die Musik hört, sondern nur immer das Meer, das Meer, auf dem er davongleiten wird.
Und „natürlich“, so möchte ich schreiben, waren es alles Paare gestern abend, die ja ihre Reise machen, man ist als Einzelner auch insofern schon fremd, Paare, die zurückblicken und sich im Tanzen erinnern: ein höchst intimer, persönlicher Vorgang, der sich nur unter Gleichen mitteilen läßt und sich so austauscht und nur unter Gleichen nicht affig wirkt, sondern da ganz für sich wahr ist. – Also wartete ich, bis sich die Reihen lichteten. Der Mond stand hoch über uns, beinahe voll, mit einem riesigen Halo, und warf achtern ein glimmendes Silber über das Meer. Noch saßen die jungen Leute in der Raucherecke, auch die Geigerin. Vielleicht sie doch, dachte ich. Und fing für mich, abseits, zu tanzen an. Eine Art Lockuf der Gesten. Er wehte und verwehte über die Reling, wie mir der neue Schal um den Nacken flatterte in seinem blassen und nach Braun verwischten Ockergold. Eine Filmszene, dachte ich, es dürfte niemand sonst da sein. Selbstgenügend autoerotisch: aber eben das war es ja nicht, sondern vergebens. Hätte ich sprechen können, wirklich sprechen, ohne nur radezubrechen, ich hätte dem allen eine Wendung gegeben, vertraut in meiner Sprache mit meinen Abgründen, die ich in den Wörtern schillern lassen kann, schlittern, kreisen; es wäre mir nicht schwer gewesen, das no go zu unterlaufen, das durchaus sinnvollerweise Crew von Passagieren getrennt hält, aber diese Abgründe sind mir in der fremden Sprache vergittert. Ich ahne, wo die Fallen liegen, aber zeige immer daneben, und stürzte selbst hinein, wo ich im Deutschen mit Eleganz hinunterzuklettern verstünde, Surfern gleich hinunterzu<>gleiten. Ohne Vollendung der Sprache, ist man als erotischer Spieler disqualifiziert; eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, hier aber, in der doppelten Zwischenwelt dieses Schiffes, seiner selbst wie der meinen, brennt sie sich unter die Haut, und man trägt sie wie ein Tattoo aus Fremdheitspheromonen: Keiner sieht es, aber jeder nimmt es wahr.
Welch eine Erlösung dann, momentlang selbstverständlich nur, als einer der Sängerinen, mit der ich schon ein paarmal geplaudert, auf mich zutrat, nach meinem Befinden fragte, und ich legte kurz den Arm um ihre Taille und sie sich, ebenso kurz, in ihn hinein: Berührung. Dann ward sie schon davongerufen von den Freunden und Kollegen. Ich aber ging zur Bar, nahm einen nächsten Whisky und gab es auf.


*****



Einen Tag vor Afrika. Morgen werden wir die Ozeanüberquerung abgeschlossen haben, dann noch die Küste hinunter auf dieser See etwas schippern, bis wir das Kap umrundet haben und in den Atlantik einfahren sein werden. Vorher aber, morgen, Durban. Ein Wiedersehen für mich – nach, rechnete ich vorhin übern Daumen, achtundzwanzig Jahren -, dem ich entgegenfiebre. Um acht Uhr werden wir im Hafen angelegt haben und von Bord gehen können; erst um 20 Uhr abends wird es weiterfahren. So daß es unwahrscheinlich ist, daß ich morgen hier schreiben, bzw. von dem Erlebten schon etwas erzählen werde, sondern wohl erst übermorgen wird in Der Dschungel etwas davon stehen. Ich möchte mich aber, weil es zwar wahr, zugleich aber so unfair ist, was ich über die gestrige „Disko“ schrieb – weil es letztlich frustriert ist („frustra“ heißt „vergeblich“) – entschuldigen, bevor ich dieses schließe, und tu es, und meine Entschuldigung sieht so aus:


Damit ist bei i h n e n alles Recht, nicht bei mir.
*******



(20.41 Uhr.)


Ich war gestern zum Früchte-Buffet ein wenig zu spät gekommen, das schrieb ich Ihnen bereits. Die Küche, heute, schuf den Ausgleich, was zudem den Vorteil hatte, daß ich auch dort, zur späteren Verwendung, einige Töne aufnehmen konnte. Und ich habe einen neuen Cocktail entdeckt, auf der Basis meines allabendlichen Campari-Sodas: Negroni. Bitter und schwer, serviert im Whiskyglas. Campari, Gin, roter Wermut.
Als ich aß, unterm vollen Mond, war das Meer wie eine Elefantenhaut so zäh. Und schillerte doch. Ich esse fast immer allein, bin dessen aber zufrieden. Schon deshalb, weil alle anderen drinnen dinieren, indessen mich, wenn es nur geht, nichts, aber auch fast nichts unter Deck hält, schon gar nicht ein Restaurant.
Für Durban, morgen, gilt Sorgfalt in der Kleidungswahl. Nicht zu westlich, vor allem nicht „kolonial“. Weiße aufgekrempelte Hose, lose das Hemd darüber, am besten die indischen Sandalen, aber weil ich weiß, daß ich wieder Kilometer um Kilometer gehen werde, nehme ich auch noch die unterdessen fast zerrissenen Chucks mit, schon wegen der wehen Achillessehne. – Eine, übrigens, der besten Tarnungen, die es gibt, ist eine Plastiktüte, die man wie frisch vom Einkauf trägt. Schon mein kleiner Arbeitsrucksack, so praktisch er ist, wär mir zu provokant. Daß ich weiß bin, ist Risiko genug – nach den bitteren Erfahrungen, die diese Menschen mit uns haben. Und gegenüber den allermeisten von ihnen ist jeder von uns, auch wenn nach westlichen Kategorien arm, nicht nur begütert, sondern – reich. Und das ist ein Fakt.
*******


(Ab morgen, Leserinnen, Leser, sind wir wieder zeitidentisch.)
*
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13 Kommentare zu Einen Tag vor Afrika. Am vierzehnten Tag der Großen Fahrt. PP149, mit einer kleinen Rückschau auf den dreizehnten, der melancholisch ausging: „fern“. 14. April 2014. – Sowie am Abend: Vor Durban.

  1. gast sagt:

    Jetzt spüre ich zum ersten mal Widerwillen, hervorgerufen durch Inhumanität.
    Entschuldigung ist nur: Einsamkeit.

    • Was@Gast, ist hier inhuman? Erklären Sie’s, anstelle zu behaupten. Dann werde ich auch antworten können.

    • gast sagt:

      Inhuman ist: auf alte Menschen schauen und ihre von den gelebten Jahren geprägte Körper vergleichen mit (imaginierten) jüngeren. Und damit immanent abwerten. Nicht ihre augenblickliche Freude, am z. B. Tanzen, achten.
      Und: sich vergleichen, ebenfalls abwertend, mit Gleichaltrigen, die ihren Körper nicht so gestählt haben wie Sie. Vielleicht hatten sie gute Gründe? Vielleicht hat ihr Leben anderes von ihnen gefordert? Ich würde eher Achtung und „Wissenwollen“ erwarten.

    • PHG sagt:

      Inhuman geht … … als Befund natürlich viel zu weit. Eichmann ist inhuman.

      Freilich muss ich gestehen, dass ich ebenfalls ein gewisses Problem mit den von „Gast“ (warum können diese Leute eigentlich nicht mal ihr Gesicht herzeigen? Haben vermutlich kein Gesicht, na auch egal.) inkriminierten Textpassagen hatte.

      Das will ich erklären. Erstens fühlte ich mich frapant an Thomas Mann erinnert, wie er im Zauberberg über seine Figuren herzieht. Ich erinnere mich, dass ich, als ich den Zauberberg erstmals las, wütend an den Rand schrieb, wenn ein Autor derart verachtend über seine Figuren schreibe, so solle er es doch besser sein lassen. Nun haben Sie zwar noch nicht in Ihrem Buch – das es ja noch nicht gibt – so geschrieben, aber doch in den vorbereitend entstehenden, sagen wir mal, Metatexten. Und mir scheint, dass das eindeutig in eine falsche Richtung zielt.

      Und der zweite Punkt, aus dem heraus meine gelinde Negativ-Reaktion auf Ihren Text stammte, das war eine starke Irritation. Denn ich dachte, da geht er auf dieses Schiff, um ausgerechnet über Alter und Tod zu schreiben. Und nun vermag er sich so wenig darin einzufühlen, dass er es nötig hat, in dieser deutlichen Selbstabgrenzung seine eigene körperliche Leistungsfähigkeit und dessen äußere straffe Form hervorzuheben. Da stimmt für mich etwas nicht zusammen. Ich hätte erwartet, dass Sie sich Ihren Figuren während der Reise mehr und mehr annähern, statt sich in dieser Art von kraftvoller Selbstbehauptung der Unterschiede zwischen sich und ihnen zu vergewissern.

      Wissen Sie denn nicht, dass Hermann Broch gesagt hat, er wäre beim Schreiben von „Der Tod des Vergil“ beinahe selbst gestorben?

      Alles Gute Ihnen und dem Buchprojekt, wünscht PHG

    • gast sagt:

      „Eichmann ist inhuman“. Meinen Sie nicht, daß es auch eine Inhumanität in der Gesinnung gibt, aus der vielleicht, im schlimmsten Fall, ein Phänomen wie Eichmann entstehen kann? Ich denke, Inhumanität ist zuvorderst eine Gesinnung.
      Übrigens ist „PHG“ auch nicht unbedingt ein Gesicht.

    • parallalie sagt:

      well, das hieße ja, ANH den stempel eines gesinnungstäters aufzudrücken. ich halte dagegen, daß es nichts humaneres gibt, als die facetten des menschlichen seins zu beschreiben, so narzißtisch sie auch sein mögen. das verschweigen solcher facetten erst ermöglicht eichmänner. außerdem sind Sie, gast (Gast), schluderig: klicken Sie nur auf PHG und Sie werden ein gesicht sehen! eine insofern sinnfreie debatte, nur Sie bleiben der anonyme gesichtslose (wenn Sie auf parallalie klicken, kommen Sie in mein blog, dort gibt es ein impressum), der – sagen wir mal – ‚denunziant‘. – @ PHG: vergessen Sie bitte nicht die situationen, in denen man sich selbst als randerscheinung empfindet im vergleich zu einer gemeinschaft, die sich nach einem gegenseitigen einverständnis, das ungeschrieben ist, aufeinander bezieht und einen selbst im eigenen empfinden ausklammert (bei Hanns Henny Jahnn gibt es eine solche szene – Perrudja? -, wo indes junge leute sich vergnügen, aber das macht keinen unterschied). auch halte ich es für eine ganz natürliche abwehrreaktion gegenüber des sich-nicht-wirklich-verständigen-könnens. zur sprache kommt ein sich nicht verleugnendes propädeutikum. man vergleiche in bezug auf das altern auch Wollschlägers ‚Anderrede vom Weltgebäude herab oder Kleine Mauerschau des Alterns‘, wo er dem altern keine komplimente zu machen weiß.

    • phyllis sagt:

      Erwartungshaltungen Die „Alten“ als Menge kommen nicht gut weg. Stimmt. Verachtet werden sie aber auch nicht. Es gibt da einen Schauer von Seiten des Autors, einen „So nicht“ – Impuls, den ich in Zusammenhang mit den übrigen Kreuzfahrt-Texten lese. Ich lese, wie der Autor langsam (auch merklich zögernd) versucht, sich der Hauptfigur seines neuen Romans anzunähern, immer mal wieder aus dessen Augen zu sehen.
      Ein alter Mann. Ein Abschied nehmender Mann. Ob der milde ist, ob er die Menge, die ihn umgibt, die anderen Alten, mit Nachsicht und gütiger Zuneigung betrachtet, sei mal dahingestellt. Das hat bisher niemand festgelegt, schon gar nicht der Autor, der seine Figur erst ganz langsam erspürt. Einen solchen Prozess öffentlich zu machen, ist verdammt heikel.

      Es ist keine leichte Aufgabe für einen, der scharf zu beobachten gewohnt ist, sich in eine umarmende Verfassung zu begeben. (Muss er das denn?)
      Und der Herr Lanmeister ist vielleicht ja ein ganz anderer, als wir erwarten? Oder ich erwarte. (Muss mir das ewige „wir“ abgewöhnen)

      Ob nun „human“ oder „inhuman“: als Leserin ist mir ein Text, der schmerzt, der auch meine Ängste anspricht, wichtiger als einer, der mit gütiger Geste alle Schärfe der Wahrnehmung zu bereinigen sucht, bevor sie Schaden anrichten kann.
      Dass auch ich als alte Dame nicht der Lächerlichkeit würde preisgegeben sein wollen, muss ich nicht extra betonen. Deshalb habe ich ANH’s Text ziemlich wachsam gelesen.
      Weil auch ich über das Älterwerden nachdenke. Darüber, ob es Souveränität geben könnte von Seiten der Älteren gegenüber den Jüngeren. Ob ich, wäre ich alt, wäre ich ungelenk, krank, traurig, oder einfach nur aus dem Leim gegangen, den Spieß nicht umdrehen könnte, und würde.
      Ob ich nicht einen wie den alten Lanmeister, würde er mich zu verunglimpfen suchen, nachsichtig belächeln könnte.
      Was also aus der Figur wird, wissen wir nicht. Ob er zart ist. Oder weise.
      Dass aber der Autor bemüht war, jenen realen Menschen, die er beobachtete, bei aller Abgenzung ihre Würde zu lassen, scheint mir offensichtlich. Gelingt vielleicht an manchen Schiffstagen besser als an anderen. Gelingt auch viel leichter, wenn man sich einer einzelnen Person zuwendet: eine Menge von Menschen zu beobachten hat immer etwas Verkorkstes. Weichzeichnen will man nicht, abwerten will man auch nicht, differenzieren ist gut, aber ohne Überheblichkeit, ach je.
      Die Romanfiguren, zumindest aber „Typen“, die sich langsam aus den Beobachtungen herausschälen: ist es schon dreist, sie als Typen herzunehmen, oder beginnt die Anmaßung erst, wenn man die Figuren ausdifferenziert, ihnen Gefühle zuschreibt, die sie „in Wirklichkeit“ nicht haben?
      Um einen Roman zu schreiben, in dem gestorben wird, muss man nicht selbst sterben. Romanschreiben ist doch kein Method-Acting.
      Oder?

    • Anonymous sagt:

      errare humanum est.

    • & sagt:

      green des lebens golden boom

    • gast sagt:

      @parallalie: “ …zur Sprache kommt ein sich nicht verleugnendes propädeutikum…“Uiuiuiui! S o muß man reden, sonst ist man „schlampig“, gar ein „denunziant“. Gelehrtes, unverständliches Gewäsch, geht auch in die Richtung „inhuman“.
      Da sind mir die Überlegungen von Phyllis doch viel überlegenswerter, und das werde ich tun.
      Mir ist auch jetzt erst klar, daß sich so langsam eine Romanfigur mit der echten Person Herbst vermischt.

  2. derdilettant sagt:

    „Souveränität im Alter“ gibt es ganz sicher. Und sie beginnt vermutlich damit, die Blicke junger, gestählter Körper selbstverständlich auszuhalten. Z. B. aushalten aus Desinteresse, oder vielleicht aus Mitleid. Denn bemerkenswert an der vom Autor beschriebenen Szene ist ja nicht, dass einer eine Gruppe tanzender älterer Menschen vermeindlich der Lächerlichkeit preisgibt, indem er seine Gefühle beim Anblick der Gruppe beschreibt. Bemerkenswert ist, dass hier offensichtlich Menschen ihren Spaß haben, während einer allein bleibt (physisch und emotional). Ausgegrenzt durch Barrieren aus Sprache, Konvention (Crew als no go) und Lebensalter. Dass die Bariere des Lebensalters eine vom Autor selbstgezogene, also in dessen Kopf sich reralisierende ist, macht die Sache spannend. Das Maß an Distanz zur Physis älterer Menschen zieht jeder selbst.Es wird beeinflusst durch gesellschaftliche Konventionen, hat aber letztlich mit dem Blick auf sich selber, und wie man sich wahrnimmt, zu tun. Unser Autor ist sich und seiner Physis anscheinend sehr gewogen. Wenn – oder dass andere da nicht mitziehen, gilt es dann auszuhalten. Niemand aber hat jüngst dieses Dilemma so elegent und schlagfertig umschifft wie Cher, die in einem Interview sagte (befragt, ob denn Menschen in ihrem Alter ihre Musik hörten): Ich verkehre nicht mit Menschen meines Alters.

    • PHG sagt:

      @dilettant: Stimmt zwar alles, aber ja nur grundsätzlich. Nicht aber, wenn einer erklärtermaßen ausgezogen ist, um das Fürchten zu lernen – sprich über Altern und Tod zu schreiben.

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