Die Wärme DOCH Ascension n i c h t. PP158: Der Siebenundzwanzigste auf den achtundzwanzigsten Tag der Großen Fahrt zur See. Geschrieben in Äquatornähe am Montag, dem 28. April 2014. Drin Gogolins Herzen der Haie.

(7.58 Uhr, i.e. 9.58 Uhr Ihrer Zeit.
MS Astor, oberes Achterdeck.
3º56‘ S/16º05‘ W.
Kurs 325º NW.
Sonne.)

Das schwere Frühstück laß ich wieder ausfallen, nahm aber zum ersten Kaffee an der Achterreling zur Sonne, die da noch unter dem Horizont war, doch schon die leichten Wolken färbte, ein süßes Stückchen, „e“-dampfte da vor mich hin, sann und sinne: Schwer liegt die Wärme, in die nur zuweilen eine Brise fährt, eine von jenen, die nur die Erinnerung an eine Frische tragen, die sich kühl nennen läßt. Kühl indessen ist‘s unter Deck, ist‘s in den Gängen; jedes Mal, gestern, ging ich hinunter, fröstelte mir. Nachts war der Orion wiedergekommen; er stand um sehr wenige Grade über dem Horizont direkt im Westen; wir drehten uns drunter schon weg. Wie automatisch fange ich seit vorgestern an, unseren Kurs nach dem Sternenhimmel abzuschätzen. „Nordnordwest“, sagte ich, aufs Kreuz des Südens weisend. Unseren Polarstern, des Nordens, gibt es noch nicht.
Aber es gab Ascension. Die Insel erhebt sich aus dem Meer, nein, liegt quasi flach darin, aufgefaltet inmitten von leicht begrüntem Fels, der siebenhundert Meter hinaufgeht und, wie ich las, meistens von einer dichten Wolkenballung verdeckt ist, die für Feuchtigkeit sorgt; gestern war der Gipfel aber blank erigiert, den Spalt seiner Eichel fordernd zum Himmel. Er ganz aber selbst, der Fels, weithin umpickelt von vulkanischen Hügeln, rot, blaßrot, selten dunkler, als wären sie eine Akne der Insel; bisweilen kann man erstarrte Lavastraßen erkennen. Der letzte Ausbruch sei, hörte ich, für vor siebenhundert Jahren verzeichnet worden. Das bedeutet Sicherheit n i c h t. Ascension (ausgesprochen nicht, wie ich immer tat, nämlich französisch, sondern englisch: Äß‘ßen‘schn; eigentlich wäre Spanisch richtig: A und gelispeltes „s“,. danach „en“ und betont „ßión“) liegt zwar nur eine Schiffstagesreise von S. Helena entfernt, aber gehört, anders als die andere Insel, bereit zur Mittelatlantischen Platte; dazwischen schiebt sich ein Grabenbruch. So braucht‘s einen kleinen tektonischen Ruck nur, so daß der Erdmantel dünn wird, und eine nächste Insel kann aus der Tiefe steigen, aus Lava, die im und über dem Wasser zu Land wird. Und/oder das hochquellende Magma nutzt die bereits vorhandenen Schlote und Schlötchen, sofern nicht in den Kratern der vorherige Ausstoß allzu sehr ausgehärtet hat; ist das der Fall, ist es für den Druck viel leichter, ein neues Vulkanchen, an anderer Stelle aufzuwerfen.
Es paßt zu den verschiedenen geologischen Substanzen, daß die Färbung der Insel permanent changiert. Wir hatten gut Zeit, das zu sehen und zu beobachten, denn wir fuhren einmal herum, nachdem uns nicht erlaubt worden war, das Eiland zu betreten. Zu hoher Seegang, hieß es. „Es ist nicht unsere Entscheidung“, ließ der Kapitän über die Bordlautsprecher vermelden. Das konnte so sein, konnte aber auch nicht so sein. Zu hoher Wellengang? Wo denn? Zwar, wir sahen die Gischt an den Felsen zerstäuben, das war in Mossel Bay indes nicht anders gewesen, und auch dort waren wir mit Booten übergesetzt. Sehr viel wahrscheinlicher ist, daß George„town“ uns nicht haben wollte. Schon das Formular, das wir vor Landgang ausfüllen und immer bei uns tragen sollten, verbot uns quasi alles: Es ist nicht erlaubt, den Ort zu verlassen; es ist nicht erlaubt zu baden; es hätte schon wie eine Übertretung gewirkt, daß wir atmen.
Denn Ascension ist Krieg. Vorbereitung auf den kommenden, Nachbereitung des stattgehabten. Von hier aus wurde zwischenlandend und bombertankend während der Falkland-Krise operiert: Die Insel liegt auf halbem Weg zwischen Afrika und Brasilien, und also sind nicht die Vulkane zu fürchten, auch nicht die Haie, vor denen an Bord jeder zweite angstzuhaben scheint. Zu fürchten sind die Teleskope, runde, die wie Kuppeln wirken und deren Weiß fast das erste ist, das man von der Insel zu sehen bekommt. In ihren Hügeln und Bergen erkennt man aber ebenfalls Trails: Kletter- und Wanderwege, die wahrscheinlich vermint sind. Ein Paradies, über das der Stacheldraht geworfen wurde. Vierhundertfünfzig (in Zahlen: 450) Einwohner und alles, fast alles, Garnisonsstationierte, die Herrschaft der unbedingten Befehlsketten, auch etwas NASA, die von hier aus die Mondexkursionen mitkoordinierte – und natürlich Versorger: kleiner Supermarkt, ein Hotelchen, falls nun doch mal ein Gast kommt. Ascencion hat nicht grundlos den Ruf, einer der herrlichsten Tauchgründe zu sein, die es überhaupt gibt auf der Welt. Ach, das war eine Lektion in persönlichem Fatalismus, wie ich da an der Reling stand und hinübersah, wo ich das Tauchteam erkennen konnte, das schon auf mich wartete. Und nicht hinüberdurfte. Insch‘allah, sprach ich leise, doch ohne auf zum Himmel zu sehn.
Aber es ist, d a ß es solch ein herrlicher Tauchgrund ist, nun wohl der Unzugänglichkeit der Insel gerade verdankt. Selbst die häßliche, in ihrer ästhetischen Brutalität unmenschlich öde Präsenz des Militärs, ein Eiter aus Hangar und Schuld, hat ihre lichte Seite: bewahrt die Insel eben vor Besuch. Nicht der einzelne Reisende macht, was ihn umgibt, zunichte, doch wenn es ihrer zehn sind, schon hundert, schon tausend… – Keine Fischerei nahbei, geschweige eine Flotte, die fischte und längst schon selbst Industrie ist; kaum je ein Schiff, außer hin und wieder einem Kreuzfahrer. „Mich wundert das nicht, daß wir nicht an Land dürfen“, erzählt mir ein Passagier. „Vor drei Jahren, als ich diese Strecke fuhr, war das genauso. Und wer da dann spazierengeht oder möchte doch nur einfach an einen Strand, nur um zu schauen, zu meditieren, wird als möglicher Spion verhaftet.“ Gunatánamo, dachte ich, obwohl d a s ein US-amerikanisches Folterlager ist, kein britisches. Ich habe einen tiefen, sehr tiefen Ekel vor Militär; nicht vor dem einzelnen Soldaten, nein, und schon gar nicht vor dem Kampf, aber vor dem Gehorsam, dieser Zwinge, die Menschen prinzipiell zu Ungeheuern macht, weil der Vorgesetzte es will und bestimmt. Ich habe einen an Haß grenzenden Abscheu vor Vorgesetzten.
Und dennoch, diese hassenswerte, Befehl über die Selbstverantwortung, über alle Ethik und Moral stellende Organisation, das Militär, schützt die Insel eben auch, als Insel, schützt die hier ungefährdete Vogelwelt vorm Schwarzen Tod des Massentourismus, schützt das Meer und alle seine Arten. Nirgendwo sonst im Atlantik sind diese noch so zahlreich zugegen wie hier. Ich weiß zwar nicht, ob, daß ich Ascencion, also die Insel selbst, ein Paradies nannte, berechtigt ist, weil ich nicht weiß, ob es dort anderes Wasser als nur der Niederschläge gibt; es kann gut sein, daß Ascension von Menschen gar nicht belebbar wäre auf ohne riesige Steuergelder vermahlende, vernichtende Dauer, aber wir waren noch nicht einmal herum, da schwammen mit uns die Delphine: glänzende, dicht unter der tiefblauen, teils strahlend türkisen Meeresoberfläche dahinschnellende Leiber, von denen Cortàzar nicht zu unrecht schrieb, sie stammten in Wahrheit vom Mond: eben deshalb sprängen sie, sprängen der einstigen Heimat zu. Einer der Märchen, selbstverständlich, der Träume, nicht des realen toten Trabanten. Und da schon taten sie es, sprangen. Es war, als hätten sie bemerkt, beobachtet zu sein, hätten all die Finger gesehen, die auf sie zeigten, und wollten sich nun präsentieren g a n z, in aller ihrer selbstbegeisterten Herrlichkeit. Nur, wer kein Empfinden für Schönheit hat, würde es wagen, diese Lunaren eitel zu nennen. Ach, puritanistische Prüderie… was sag ich?: Blasphemie! Doch selbst solch lebensfrohe lunare Kapriolen, so dankbar ich für sie war, kennen ihre Kehre: Hier wär ich, dachte ich, unter Delphinen getaucht -. Vorbei.
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Die Wehmut ging noch bis zum Abend in mir um. Ich würde nie wieder hierherkommen in meinem Leben, wußte ich und weiß ich.
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Schwieriger, weniger luxuriös als Enttäuschung, war das für die Crew. Einen ganzen Seetag nun mehr, an dem man nichts sieht außer Dunkel, nichts ißt außer dem vom Vortag, an dem eingebunden in die feste Disziplin ist, paramilitärisch, des Bordlebens – und für wie wenig Geld. Das wollte ich auch wissen, was man hier eigentlich verdient. Manch Zimmer„mädchen“ und die Arbeiter 400 Euro pro Monat, manch Musiker 700. Steuerfrei, in Ordnung, und bei freier Kost und Logis. Aber daheim müssen doch Mieten bezahlt werden… So ist zu verstehen, daß, selbst wenn sie könnten, die meisten am Oberdeck nie erscheinen; es gibt sogar einige, die überhaupt nie einen Landgang unternehmen, eben, weil sie sparen müssen. In den Offiziersrängen freilich, auch im Management der Unterhaltungssparten, sieht es ein bißchen besser aus. Und abermals: das Vorgesetztentum. Verdient wird nicht nach objektiv geleisteter Arbeit, sondern nach Rang. Mein luxuriöses Schiff ist ein sozialer Spiegel der übrigen Welt.
Wieder nagte ich am schlechten Gewissen, geradezu unstatthaft privilegiert. Als hätte mich eine Fügung gesegnet. Es ist wie bei der FAZ: Es sei eine Ehre, für sie zu schreiben, da brauche man nicht auch noch ein angemessenes Honorar. Hier ist‘s die Erfahrung, die man auf Weltreisen mache, was den miesen Lohn mehr als nur ausgleiche. Hie wie dort: perfide. Und nun, die es unbedingt wollten, durften nicht mal mehr an Land. Selbst wenn sie zugeben – auf Nachfragen, selbstverständlich – , wie enttäuscht sie seien, lachen sie uns dabei an oder, sind sie asiatischer Herkunft, lächeln. Das tut fast am meisten weh.
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Trainiert also, am Abend vor dem Trinken, um mir wieder Form zu geben. Alkohol hat Kalorien. Auch der Kraftraum der Besatzung war proppedickevoll. Es gibt in Gogolins Herz des Hais eine Stelle, die eine Meditation beschreibt, in welcher das Ich vom Körper getrennt wird, nichts als „Zeuge“ sei, nicht etwa Betroffenes selbst. Ich habe Gefühle, aber ich bin sie nicht, ich habe Gedanken, aber bin sie nicht, habe Schmerzen und bin auch die nicht. Ich bin der Zeuge. – Gogolin erzählt hier den absoluten Gegenentwurf m e i n e s Glaubens. Ich bin – und w i l l es sein -, was ich empfinde, fühle, denke. Will nichts darüber hinaus sein. Ich will ein Teil der Welt und nicht sein außer sie. Erde. (Es gibt in dem Buch einen homosexuellen Dirigenten, der Frauen nicht begehren kann, weil sie, wie er sagt, „ihren Ursprung nicht verleugnen können“ und immer Sekret seien; ich aber begehre sie genau deshalb. Der „reine“ Geist ist nicht nur frigide, nein, er ist lebensfeindlich wie das Militär. Und viel sentimentaler – schlecht, ja b ö s e sentimental -, als es je der Geilheit möglich wäre. )

Ein dichter, sehr sehr warmer Wind geht, notierte ich am Abend, und: „daß ich ausgerechnet jetzt, hier, an Paris denken muß! ans 18. Arrondissement, an die Rue Macadet“ – – dachte uns zusammen, sie und mich, so daß sie ganz atlantisch mit mir wurde, südatlantisch. Und morgen wird der Äquator durch sie hindurchgehn.

(9.54 Uhr.)

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5 Kommentare zu Die Wärme DOCH Ascension n i c h t. PP158: Der Siebenundzwanzigste auf den achtundzwanzigsten Tag der Großen Fahrt zur See. Geschrieben in Äquatornähe am Montag, dem 28. April 2014. Drin Gogolins Herzen der Haie.

  1. PHG sagt:

    Aber auch das Gegenbild … … des ungeheuer körperlichen, kraftvollen Herzens des Hais gibt es darin. Das ist so voller Vitalität, dass es gar nicht sterben will.

    • @PHG zum Haiherz. Ja, aber da i s t er schon tot. Nur daß das mechanische Herz noch schlägt. Und außerdem: Wer w i l l schon sterben?

      (Dafür, nachdem dies Buch zuende, in die Sprache und Konstruktion der Seelenlähmung geradezu g e f a l l e n. Ich schrieb es eben schon im Kommentar. Zu d e m Buch, mit großer Sicherheit, werde ich wieder schreiben.)

  2. Den Äquator werden wir heute nacht gegen eins überfahren, hör ich soeben von Sam. Er kam mir, in Uniform noch, auf der vorderen Treppe zum Atlantikdeck hinunter, er ging hinauf, entgegen. Ich werde auf jeden Fall aufbleiben, vielleicht auch an Deck schlafen und nicht in meiner Kabine. Falls die Bar noch aufhaben sollte so spät, werden wir Sekt trinken, denke ich mir.uik

    (Lese nunmehr Gogolins „Seelenlähmung“, einen Roman, der in Konstruktion und Sprache wieder ganz vorzüglich ist. Leicht, in den als quasi-Dialoge eingebauten Zwischentexten, weht Johnsons Jakob heraus, jener der Mutmaßungen. Einmal nur den Ton gehört und, wie bei Kafka, niemals vergessen: kein wohl-, sondern nach Schicksal temperiertes Klavier.)

    18.31 Uhr:
    • PHG sagt:

      Das hätte er sich … … auch nicht träumen lassen, der Roman, dass er nun gewissermaßen während einer Äquatorüberquerung gelesen worden ist.

      Hoffe, dass er weiterhin standhält. Ihr PHG

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