EINKREISUNGEN. Michael Hametner in Gesprächen mit Sighard Gille. Exzerpte.

(Lektürebeginn: 31.7.2014, MariaHemsuchung Pankow,
beim Italiener abends.



[auf der Titelseite, Eigennotat: „Klinger siehe S. 86 ff“]
23     Es ist gut möglich, daß wir in eine neue >>>> Romantik geraten.
27     Mattheuer Satz wird gefährlich, wenn er Bildbedeutung nur der Gegenständlichkeit zuschreibt. Jedes Bild ist auch abstrakt zu sehen. Spannungsverhältnisse, Farbkontraste, Rhythmen, Hell-Dunkelkontraste, groß/klein, die Textur der Oberfläche, alles zusammen bildet ein Geflecht, das unabhängig vom Gegenstand eine Wirkung hat.
29     „Je mehr Mißverständnisse in einem Werk, deston größer ist die Kunst“ (Tolstoi).
30     Was nützt es mir als Maler, wenn der Betrachter einem Bild von mir etwas Eindeutiges ablesen kann? Damit hat er das Bild gefressen und es ist erledigt, wie ein Plakat.
35 Eigennotat: WORT: „Rakel“.
37     Gute Kunst ist großzügig, und sie ist rauh.
42     Niemand von den Kunstkritikern traut sich heute, eine Linie zu ziehen, gegen die andere Kritiker Widerspruch einlegen könnten.
43     Aber es gibt einen bestimmten Qualitätsanspruch, den man sich im Lauf des Lebens erarbeitet hat. Den möchte ich anerkannt wissen.
44     Kunst muß subversiv sein.
45     Sie haben es selbst so genannt: Kapitalistischer Realismus. (Bezieht sich auf die Baselitz, Polke, Immendorf, Kiefer der 60er und 70er Jahre.)
46     Was Mattheuer so liebte, das Politische in seinen Bildern, war die Ursache, daß mir die Bilder ganz schnell wieder entschwanden. Und auf derselben Seite, einen Absatz darunter: Fleischmaler.
63     Schlimmer aber ist, daß mittlerweile das Sehen des Betrachters vom Foto, vom Film, vom Fernsehen, von digitaler Bildkunst getrimmt wird. (Unterstreichung von mir.)
65     In einer Zeitschrift habe ich das Bld von einer Holzplastik gesehen, eine Madonna aus Italien, von der die Gläubigen behaupten, daß sie jedes Jahr einmal Tränen weine. Die Tränen zerstörten das schöne Gesicht der Madonna. Die Harmonie durch den Tränenfluß zu stören, ist auch ein formales Anliegen (…).
66     Im Grunde ist alles, was Künstler sagen, nur für sie selber gültig.
66/67   die Schönheit und das Ordinäre der Realität (…) (Unterstreichung im Original kursiv.)
68     Kunst ist nichts Objektves. Ich male meinen Eindruck von einer Person. Ein anderer Maler malt ein total anderes Porträt von derselben Person. So gesehen bleibt alles Ahnung (…).
69     astralisiert
71     Über das sehr irdische H a n d w e r k läßt sich reden. (Sperrung von mir.)
87      Die Dschungel!: (…) meine von Tag zu Tag wechselnden Stimmungszustände. Ich wollte herausbekommen, wie sehr sie sich auf die Arbeit legen (: zu seinen Selbstporträts.)
88     Ich träume beim Zeichnen noch einmal.
Direkt darunter, wichtig: Leichtigkeit ist in der Kunst keine diskutable Kategorie (…). Leicht kann auch seicht sein.
89 (Eigennotat: „Zur Versform merken.“) Dabei laufe ich Gefahr, ein Bild zu zerstören, weil ich den Zustand, in dem es fertig ist, verpaßt habe.
91/92   Aber mittels Pornographie kann Kunst entstehen!
93     Die Spannung zwischen dem, der malt, und dem, der sich darbietet, spielt sogar eine große Rolle. Wenn die Spannung für mich nicht mehr spürbar wird, wird’s kein gutes Bild.
94     Wenn man älter wird, weiß man, daß im Hintergrund der Tod zusieht. Auch bei einem Liebesakt. Die französische Umschreibung von Orgasmus lautet „kleiner Tod“.
95     Weil das Ganze sehr kommerziell ablief, war es zutiefst unerotisch.
112    Als meine Vokabeln die Farben wurden, habe ich mich innrlich von der DDR-Kunst verabschiedet.
113    Was soll diese Frage? Man beginnt immer mit dem fünften Strich. Die ersten vier sind die seitlichen Begrenzungen eines Blattes. Wohin der fünfte Strich zu setzen ist, ist immer neu.
134    Klauen, wenn man sich nicht erwischen läßt, ist gesund.
153    Ich halte nicht viel davon, die Kunst um jeden Preis in die Breite zu walzen. Es muß nicht jeder Kunst mögen und verstehen.
154    Mir mißfällt das Operieren mit „jedem“.
156    Zu einer Begabung müssen mindestens 90 Prozent Arbeit und Fleiß hinzukommen, damit etwas daraus wird. Das unterschlägt Beuys.
156    Der Staat betrachtet Kunst als Störfaktor. (Eigennotat am Rand: „Der Staat? Wer ist das?“)
157    Am Ende soll Kunst glatt und leicht sein und Spaß machen, auf jeden Fall darf sie nicht wehtun. So entsteht eine Sperre gegen die Malerei, die dem Betrachter Mühe abverlangt. (…) Heute ist Kunst eine elitäre Angelegenheit. Da darf man sich nichts vormachen.
158    Es kann keinen naiven Provokateur geben.
161 (Bemerkung von Hametner: „Die Kunstkritik behandelt in den letzten Jahren die Kuratoren großer Ausstellungen oft wie die eigentlichen Künstler.“ Eigennotat am Rand: „Logik des Kapitalismus, Primat des Händlers.“)
162    Schlimmer ist, wenn man gar nicht mehr in den Zeitungen vorkommt.
164/165  Die Ungeduld sollte von guter Kunstkritik behutsam mit einer Schule des Sehens gebremst werden.
170    Form muß Inhalt selbst sein.


(Lektüreabschluß: 1.8.2014, MariaHeimsuchung Pankow,
auf dem Balkon neben Zimmer 437.)

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