Sechster Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 6).

Gestern, Geliebte,

Arbeitswohnung, den 24. November 2014,
montagsfruh 6.32 Uhr,
getroffen,

wurden mir Indiskretionen vorgeworfen. Wie kann das sein bei einer Sìdhe, wie das gehen: indiskret zu sein? Eine Sìdhe ist ein Geschöpf der menschlichen Phantastik (gibt es eine andere? wäre freilich zu fragen), ja, der „Fantasy“ sogar, wie >>>> Diadorim schon früh moniert hat, also ein Erzeugnis des Kitschs. Schon gar läßt sich nicht indiskret bei der Lydierin sein, einer als solcher ausgewiesenen Romanfigur; es wären denn alle Romanciers indiskret. Du, die Sìdhe, indessen bist doch gar nicht minder meine Projektion, und was war oder nicht war, kannst allenfalls Du selber wissen: ob es diese und jene SMS, ob diesen oder jenen Dialog in Skype gegeben, ob überhaupt je einen Brief. Gewiß schrieb ich in den diesen Briefen vorhergegangenen, „PP“ genannten Arbeitsjournalen von anderen Briefen, die ich verfaßt, aber niemand außer Dir, wenn es Dich denn gegeben hat, weiß, was darin steht. Auch insofern kann ich nicht indiskret sein. Und Du, erschienest Du mir zum Beispiel im Traum – normalerweise erscheinen uns Elben nie anders –, müßtest nur lächeln und sagen, „hör bitte auf“, und ich tät es. Hier bist Du nichts als meine Figur. Da sollte das doch gehen.
Wut, einmal wieder, wie damals bei >>>> Meere, klatschte, um mich zu zerschmettern, als von Steinen prasselnde Wasserbrecher über mich ein. Die oder der sie warf, nur die Steine, legte nahe, Dich zu kennen, erzählte aber zugleich, diesen Roman, also Meere, mit Abscheu gelesen zu haben. Das ist nun aber quasi das Buch, das uns zusammenbrachte, eines eben, das Du liebst. Also k a n n die Person Dich gar nicht kennen. Sie meint offenbar eine andre als Dich. So wird das sein, daß sie Dich mit jemandem verwechselt, meine Fantasmagorie mit einer realen Person identifiziert, die sie vielleicht mit mir zusammen einmal gesehen hat oder mit der ich sogar mal was hatte. Kann sein. Nur sind viele Frauen, seit jeher, zusammen mit mir gesehen worden, sei es in Cafés, sei es auf Lesungen, sei es auf Messen, sei es privat. Ich bin eine öffentliche Person, da bleibt das nicht aus. So denkt man also nun: „Ah, das muß die und die sein!“ Wer das Urbild aber abgibt, wissen nur die Vertrauten. Die wüßten es aber auch, gäbe es den Roman nur und schon als Buch. Jede große Frauenfigur hat solch ein Urbild, oft sogar mehrere Urbilder – wie etwa dieser Roman, den die Triester Briefe skizzieren oder der er als diese Briefe schon ist.
Wir haben, Herz, über Meere gesprochen. Du drücktest Dein Unverständnis darüber aus, daß man das Buch verbot und beschimpfte; es war ich selbst, der den Kläger verteidigte, Dir gegenüber seine Position einnahm und sie verstand. So viel sie mich auch gekostet hat; die Auseinandersetzung geht mir bis heute an die Existenz. Als Künstler geht man dieses Risiko ein, hat es einzugehen; ansonsten beliefert man Divertmenti, wird man zum Teil eines Betriebes und Treibens aus Shows: unwahr. Dennoch, als Du mir sagtest, in Skype, Du wollest nicht, daß ich über Dich schreibe, antwortete ich: dann müsse ich Die Dschungel einstellen, zumindest die Arbeitsjournale: das sei die Konsequenz. Ich würde sie, schrieb ich, jederzeit für Dich ziehen. Worauf Du geantwortet hast: „Ich verbiete dir nichts, was du schreiben willst, schreibst du“, sogar: „es ist gut.“ – Das können die Leserinnen und Leser dieser Briefe nicht wissen. Wie auch, wenn ich‘s erfand? Doch selbst, hätte ich es nicht erfunden, können sie es nicht wissen. Sie ahnen immer nur.
Schlimmer als die schäumende Wut des oder der sogenannten >>>> Halle Luja, die oder der sich als gewissermaßen von Dir eine Freundin oder als Dein Freund ausgab (ich habe das und Weiteres aber gelöscht, es wurde insgesamt zu viel, zu wiederholend, auch von nächsten Kommentatoren, die gern mitprügeln wollten), obwohl sie oder er eines Deiner Lieblingsbücher, Meere eben, nur mit (ich wiederhole das bewußt) Abscheu gelesen, – schlimmer als diese Wut traf mich eben, als ich es las, Peter H. Gogolins Vorwurf der Anmaßung.
Ich schätze Gogolin sehr. Er hat einen der ganz-großen Romane, einen wirklich europäischen, geschrieben: >>>> Calvinos Hotel. Wir sind einander sogar ein wenig befreundet. Um so ernster muß ich seine Vorhaltung nehmen. Indes gilt für sie dasselbe, mindestens gleiche, wie oben.
– (Bitte, darf ich meine Stirn in Deine Schulterbeuge legen, dort am Hals, Deinem? Ich kann nicht atmen ohne das, würde gern ruhen, an Dir schlafen. Muß nun so ernst sein, so argumentieren. Wo ich doch nur küssen wollte, wiederküssen, wieder und wieder. Und uns bewahren. Jetzt kam da ein häßlicher Ton hinein.) –
Er, Gogolin, geht aber weiter, zieht eine, meine, Absicht aus meinem Unterfangen ab: Ich wolle Deine Lebensumstände zerstören, ja sogar Dich beschädigen. Niem a l s wollte ich das, niem a l s! (Daß ich das überhaupt schreiben muß!) Wo nimmt er das her? Wenn ich etwas beabsichtigte, etwas außerhalb des literarischen Prozesses, dann allenfalls, daß Dir gut wird. Das allerdings. Und Du weißt das. Du hast Dich, hättest Dich, wenn es Dich gab, außerdem entschieden. Ja eben! Deine Entscheidung war klar, läßt keinen Spielraum, jedenfalls mir nicht. Die Dichtung sei ein Gefängnis der Trauer; so hat es Pound formuliert. Im übrigen sind Gogolins Folgerungen exakt solche, wie sie zum seinerzeitigen Verbot von Meere geführt haben: „Ich will nicht, daß der und die das lesen“. Das Argument stach vor Gericht. Anders als in diesen Briefen ließ sich der Betroffene gut recherchieren, schlicht einer Widmung wegen, die ich in das Buch geschrieben. Hier schreibe ich keine, nur immer der Sìdhe – wie von allem Anfang an. (Selbstverständlich schriebe ich gern eine Widmung. Doch wer wär gemeint? Ja, ich schenke Dir einen Roman, das ist wahr, aber schenke ihn Dir als einer Anonymen. Tatsächlich hat es Stimmen gegeben, die vermeinten, die Briefe seien an Κίρκη gerichtet, eine ganz andere Frau, aus der in der Tat die Lybierin nun mitsynthetisiert wird; Du wirst es an den Brüsten lesen. Wieder andre erwogen sogar, ob nicht abermals Irene, die Heldin aus Meere, in ihrem, der Briefe, Focus stehe; und so weiter, und so weiter; dies alles hinter den Kulissen.)
Die Vorwürfe, sämtlichst, sind alt, ich schrieb es bereits gestern. „Du hast mich vorgeführt wie ein Marktweib!“ rief entrüstet, ebenfalls in einem Brief, die große Duse aus. Sie meinte D‘Annunzio. „Ich hätte mir besser ein Buch von Dir gekauft, anstatt mich auf Dich einzulassen.“ Er hatte ihre Liebe in Il fuoco abgeschrieben. Und >>>> Montauk? Max Frisch und die Bachmann? Viel klarer, offener, mit dem Finger gezeigt, als Dein ungefähres Triest. Den Werther habe ich bereits genannt.
Dennoch schmerzt mich Gogolins Ansicht. Sie ist ein hartes Verdikt. Deshalb schrieb ich oben, unter Ort und Zeit, „betroffen“: ganz unbanal, sehr schlicht gemeint. Denn er unterstellt mir, jedenfalls in dieser Angelegenheit, einen schlechten Charakter. Es wäre alleine an Dir, das zu meinen; die Hintergründe, letztlich, verstehst auch nur Du. Selbst die Löwin, als Mitbetroffene, ahnt nur, so viel sie auch weiß. Aber sie schaut aus der Kunst und schaut als Kunst: nicht biographisch, sondern prozeßhaft. >>>> Große Texte gelingen ihr. Der Anlaß, wiewohl für sie äußerst schmerzhaft, interessiert sie nicht, nur, was entsteht, in ihr, in anderen. Was entstehen kann. >>>> „Doping“, sagt sie. Darin die zwei wichtigsten Sätze: „Wir sind, was wir sein wollen. Kein Schutzraum, keine Opfer, kein Schuldgefühl.“ Reines Geschehen: das Leben.
Meine Briefe nicht als Kunst zu verstehen, streicht insgesamt die Kunst durch. Klar könnte man hingehn und wühlen, Indizien sammeln, um ans Licht zu zerren, wer das denn nun sei, die „gemeint“ ist. Aber weshalb sollte man das tun? Das erst würde Indiskretion machen, würde sie schaffen. Um dann mit den Fingern draufzuweisen als meine; es wär aber deren. Und es blieben Indizien, so oder so. Nur die Betroffenen wissen. Wer Dich aber liebt, kann das tragen, ja muß es; kann wer das nicht, dann liebt er Dich nicht, sondern e r steht, Geliebte, sich höher. Auch in diesem Sinn mag ich – ich spreche wahrscheinlich>>>> Katalysator geblieben sein. Daß jemand zu einer Figur wird, der Dichtung, mag als schmerzhaft empfunden werden, aber wenn, dann doch nur deshalb, weil man als eigentliche Person dennoch weiterbesteht, vollkommen unangefochten sowohl für sich selbst als für die Nahsten. Sofern sie nah sind. Du wirst von der Dichtung, meiner hier, nicht anders berührt, als hätte jemand ein Foto von Dir gemacht, daraus ein Ohr, die Nase, drei Locken Haars geschnitten, vielleicht einen Schulterausschnitt noch, und dieses mit anderen Teilen aus Bildern verfugt. Nicht einmal die Portraitmalerei gibt wirklich Wirklichkeit wieder.
Auch wenn die meisten Leser:innen sie dafür halten, ist Dichtung kein Spiel und nicht „Freizeit“ (was immer das sei). Sie ist E x i s t e n z. Deshalb ist sie unbeliebig. Du, Ersehnte, weißt das. Du liebst es, Du bist dem verfallen. Daher Dein berauschend heller Blick auf Texte und Dein direktes Leid, ja ein Ekel, wenn etwas so hingeschmiert worden ist. Ich stelle Dich mir als meine vor allem auch künstlerisch Vertrauteste vor, eine, der ich sofort glaube, wenn sie sagt: Das geht so nicht. Ja, sie muß nur zaudern, um mich-s e l b s t gegen irgend einen meiner Sätze argwöhnisch zu machen. (Skype ist offen, Du kannst mich jederzeit zur Rede stellen, und ich stehe ein. Wenn Du willst, lösche ich alles.)

(8.44 Uhr.)
Aber um was, Sìdhe, geht es denn? Suchen wir nicht alle nach dauerndem Glück? Versuchten nicht, es zu schaffen? Und wissen zugleich um die Begrenztheit: wie alles immer zusammenfällt, heute schon oder in fünf Jahren? Oder nach zehnen, fünfzehn, zwanzig? Wie gehen wir damit um? Wie, wenn so geblickt worden ist? Du weißt, was ich meine. (Ich hatte über das „Du!“, ein beinah gehauchtes, schreiben wollen, und das „Du“, das darauf folgte, und abermals: „Du…“ „Du…“). Wir b e i d e sprachen vom Wunder.
Das soll nun verweht sein? Daß es so etwas g a b, solch ein Wunder? Das soll vergessen werden wie nie gewesen? Nein! Die Geschehen haben auf Spuren ein Recht, und die Spuren werden Werke. Es können Bauwerke sein, denk ans Taj Mahal; Lieder können es sein, Bilder, Geschichten. Sie alle, die guten, ästhetisch, bezeugen. Es ist unsere Art von Dauer, die uns gegebne, die sich auswischen eben n i c h t läßt, und wenn es gelingt, n i emals mehr. Meine Freundin Alexandra hat mir gesagt, große Lieben wollen ein Kind. Das, für die Lybierin und Lenz, wird ein zentrales Thema sein. (Ich spreche selbstverständlich von dem Roman; wir sind, Geliebte, beim Thema von gestern). (Ich wollte der Lybierin Brüste beschreiben; einen ganzen >>>> Zyklus habe ich Brüsten verschrieben; er ist noch immer unvollendet). Daß man sich derart anschauen kann: das soll ungestaltet bleiben, wenn der Blick nicht mehr ist? Wer wird ihn dann noch glauben? Asche zu Asche.
Aber Kunst, die ist Phönix!
(Wie gut tut‘s, mit Dir weiterzusprechen! Grad dieses Nahe hat auf Gestaltung ein Recht; Ich kenne meine Verpflichtung. Indessen von Dir, wenn es Dich gab, löst es sich ab. Ohne die es nicht wäre. Musen sind, fast mehr noch als Liebe, Projektionen. „Zum zweiten Mal habe ich die Mutter meines Kindes getroffen.“ Wie konnte ich, Du Wundervolle, wissen, daß es Roman werden würde? Ich dachte es anders und irrte mich. Mehr ist gar nicht geschehen als das. Man zeugt nicht allein, auch keine Bücher. (Wenn es nach meinen Kritikern ginge, stünde ein Abortus nun an: Ausschabung. Möchtest Du das?)

Der Lydierin Brüste. Beinahe Muskeln. Ich erinner mich gut, habe sie noch in der Hand, ihre Phantome, in beider Hände gerundeten Flächen. Die Sìdhe ist um die dreißig, vielleicht fünfunddreißig. Das hat mich oft fast wahnsinnig gemacht, daß ich Brüste schon fühlen kann, wenn ich sie nur ahne; selbst durch BHs fühle ich hindurch: Meine Sinnlichkeit läßt sich nicht täuschen. Mit mir selbst, als Denkendem, sich Vorstellendem, hat das wenig zu tun, sondern ist unmittelbar. Es sind die Brüste einer viel jüngeren Frau. Aber auch das sagt uns nichts. Wie Muskeln sind sie, wirklich. Sie stehen, die Spitzen zeigen leicht nach oben, der Wölbung ihres Aufliegens folgend. Du hast keine kleinen Brüste, man kann sie nicht umfassen, nicht mit einer Hand. Lenz ist frappiert; meine Fähigkeit kommt ihm zum ersten Mal zu. Damit kann er erst nicht umgehen. Immer hat er geargwöhnt, es gebe solche Brüste nur als zu Artefakten umoperierte. Ich erinnre mich an R*; deren waren genau so. Man begreift es nicht, daß es das gibt. Sie haben in ihrer Perfektion fast etwas Asexuelles. Doch läßt man sich auf sie ein, ist man verloren, wenn man ein Mann ist. Dabei kommt es auf sie gar nicht an. Lieben wir, ist es egal, wie sie aussehn. Ich hatte, Herz, eine Geliebte einst, deren Brüste wirklich hingen, sie mochte sie anfangs nicht zeigen. Berauschendes haben wir dann angestellt mit ihnen: eine Art Besessenheit, gegenseitiger, wie mit fast keinen nachherigen, die sich mir blößten, mehr möglich. Und abermals wird man mir sagen: Indiskretion. Abermals könnte man wühlen. Auch hier wär‘s nicht schwer. Nur liegt der Anlaß zu lang zurück, um zu reizen. Josephine.
Frauen, Frauen, ich setz Dich, Geliebte, aus allen zusammen. Wie wir, erinnerst Du Dich? selbstverständlich tust Du‘s!, über die SBahn-Geleise schritten, nachts, alle die Stränge entlang, um nach den Füchsen zu schauen, die nach unseren Küssen schauten, als ich Dir sagte, daß ich Dich liebe. Lenz und die Lydierin werden das wiederholen, jeden Atemzug, den wir da taten. Sie bekommen ihren Atem von uns. Und wie wir vor dem Kieferbild standen, Lilith, Hamburger Bahnhof. Wie alles an uns nah war, alles ein Zeichen: dieselben Interessen und Leidenschaften, Begeisterungen, alles eines: Wir. Nie vorher habe ich solche Entsprechung gespürt: Dies gehört zusammen. (Das Brot zusammen brechen, zusammen kochen, zusammen lesen, zusammen arbeiten, zusammen Musik hören, zusammen die Banalität verachten. Mein Zeh in Deinem Mund. Niemals vorher so eng aneinander geschlafen. „Schnarche ich?“ „Ja.“ Du schnarchtest auch. Ich lächelte, als ich es hörte. Und komme dabei von den Brüsten ab, Deinen, diesen Muskeln, die sich aus ihrem Gewölbtsein recken, die Spitzen sind wie Finger.)

(Indiskretionen).

(9.37 Uhr.)
Du bist wieder in Eurem Daheim, nicht wahr?
Erinnerst Dich, wie ich Dir folgte, ich in Berlin, Du in Triest? Wie wir sogar die Entfernung in unser Liebesspiel taten, als ein Spiel von Liebe? – „bin am arco di riccardo“, SMStest Du mir. „kannst du mich sehen?“ – In Google Earth ging ich Deinen Weg mit. – „treffen mit giulia auf der unità.“ – „Hab Dich, küß Dich, grüße sie bitte!“ – „jetzt via dei capitelli. umarm Dich.“ – „Geh nur weiter. Ich folge.“ – „via di cavana, oberes ende.“ Nur bisweilen haben wir Italienisch gesprochen, geschrieben immer auf Deutsch.
Giulia.
Deine beste Freundin.
Fast hätte ich sie getroffen, als ich bei Dir in Triest war. Was wird sie jetzt sagen? Sie sei mein stärkster Fan, hat sie ausrichten lassen. Für sie war ich Literatur und bin es ihr nunmehr geblieben. Was, Geliebte, bleibt mir sonst?
Bleiben und dauern. Niemals dauern.

Eine andere Freundin hat mir geschrieben, ich werde ihr nachher antworten. Meine Briefe an Dich erinnerten sie daran, es sei auch für sie wieder Zeit, intensiv zu leben: „Intensität bedingt auch ein Viel-Geben von sich, ja, zu viel für den anderen oft“, womit sie sich auf gestern bezieht. „Ich kenne das und habe angefangen, zurückzunehmen irgendwann. Aber was bleibt dann?“ Doch sei es ja wahr, daß Intensität viele Menschen er- und verschrecke. Was bleibt dann, eben, wenn wir uns, Liebste, unsererseits davon verschrecken lassen? Was werden dann wir? In einem ihrer letzten Briefe an Lenz schreibt die Lydierin: „Ich möchte mich neu zusammensetzen.“ Und weiter: „möchte wieder, weil ich hier liebe, mich einwohnen, neu, mutig, klar sein. Keine Flucht mehr in ein anderes, mögliches Leben.“ So hab ich nun doch einen der Briefe wiedergelesen. Neu, mutig, klar sein. So, niemals anders, sah ich Dich i m m e r. Daß Lenz es nicht kann, bitte versteh das. Ihm ist es, Bücher zu schreiben, verwehrt. Schon für Briefe fehlt ihm imgrunde die Kraft. Denn er, anders als wir, ist voraussetzungslos und hat, um sich zu füllen, gar nichts als Dich.

Alban

*


(17.03 Uhr, nach dem Sport.)
Schau, Geliebte, mein erstes selbstgebackenes Ciabatta:



Ich hätte es gerne mit Dir angeschnitten, sogar Dich zuerst probieren lassen. Aber so lange kann ich nicht warten, es würde verderben. So schnitt ich noch vor dem Sport, ein Fehler, den Knust ab und aß ihn. Himmlisch, Elbin, elbisch!

Vorweggegangen war ein Gespräch in Skype. Du weißt ja, wenn ich hier bin, wartet es mit mir, bisweilen, in meinem Ifönchen, auch unterwegs. Jedenfalls eine junge Frau aus dem tiefsten Bayern, die sich schon vor zwei Tagen gemeldet hatte: ob sie mich in ihre Kontaktliste aufnehmen dürfe. Ich fragte nach, weshalb; es geschehe zu oft, daß Damen mit eindeutigem Webcam-Interesse vorstellig würden, die Geld verdienen wollten. Wogegen ich prinzipiell nichts habe; Du weißt, wie ohne Vorurteil ich bin. Nur, bezahlen für Sex? Sicher niemals. Nein, nein, so etwas habe sie mit mir nicht vor, und wenn, schrieb sie kokett, dann für umsonst. Tatsächlich wolle sie meine Adresse wissen, um mir eine Flasche Talisker zu schicken, „damit sie sich“, tippte sie, „wieder anständig betrinken können und nicht dauernd zu diesem Fusel greifen müssen.“ – Also liest sie die Briefe offenbar mit.
Du kannst Dir, Schönste, vorstellen, daß dies der Anfang weiterer Gespräche war, deren eines heute dann doch sehr eindeutig wurde, womit ich zweideutig meine. Also ging ich nicht nur mit einem dummerweise angefüllten Bauch, sondern auch einer deftige Erektion zum Sport. Für die Leistung ist das nicht unbedingt gut. Irgendwann vergaß ich sie aber beim Stemmen, eigentlich schon auf dem Stepper (20 Minuten höchste Stufe; war heftig heute, aber es ging). Denn ich fing wieder über Lenz nachzudenken an.
Was kann es, Innige, sein, daß die Lydierin an ihn zieht? Ich habe imgrunde keine Erklärung. Nichts, was ihres ist, wäre seines; er lebt ja rein in Finanzen. Ein purer Faktenmensch: sofern wir unter Fakten auch Geld verstehen und sein Verkehren. Projeziert sie also in ihn, ausschließlich? Ich kann es mir nicht denken. Wie lange, zumal, wäre das durchzuhalten? Andererseits wird die Gewalt dieses ersten Liebesblickens so ganz besonders deutlich, weil es eine Erklärung eben nicht hat. Das macht es wertvoll und stürzt den Banker ja auch, stürzt ihn seelisch. Was tut nun dann s i e?
Sie öffnet ihm eine Welt.
Und er folgt.
So denke ich‘s mir momentan. Oder muß ich dieses Konzept verwerfen? Läßt sich das Blicken so halten? Falls ja, wär die Sìdhe extrem dominant.
Nein, es.

Ich spreche immer, immer wieder von unsrem Blick, Deinem, meinem InUnsBlicken. B r a u c h t es vielleicht dafür den Künstler? Aber ich will doch verfremden! Die Verhältnisse einfach umzukehren kann nicht funktionieren. Wir müssen mehr von der Lydierin wissen, Kindheit, Elternhaus, familiäre Herkunft. Emanzipation. Eine Hochbegabte. Was also will sie mit Lenz, von ihm – was sieht sie in ihm? (nicht für immer, das wissen wir schon, denn sie geht). Oder schlägt die Sehnsucht nach Sicherheit durch? „Frauen, die Mütter werden wollen, sind pragmatisch.“ Selbstverständlich hat das sein Recht.

Noch etwas anderes, Schöne. Ich kann Dir nicht mehr treu sein, nicht sexuell. Deshalb werde ich Dich heute betrügen (wir sind uns einig: ein falsches, ausgesprochen ungutes Wort). Aber nur, um mich zu schützen und meinem Körper gut zu sein. Es hilft nicht, Dir nicht, nicht mir, wenn ich verpriemle. In vorhin dem Skypegespräch wurde mir das klar. Also habe ich telefoniert. Kann aber sein, daß ich versage, wiewohl das bei kaltem Sex unwahrscheinlicher ist, als wenn man liebt. Die Angst, nicht zu genügen, ist geringer, ja für einen Dominanten gar nicht da. Vorausgesetzt eben, daß er nicht liebt. Tut er‘s, zerfallen die Kategorien. Erinnerst Du Dich? Auch darüber haben wir gesprochen. Und ich versank in Dir, ohne Rest. (Es ist zum Beispiel kaum glaubhaft, daß Lenz die Sìdhe fixiert, dann benutzt. Er ist eher der Typ Mann, der, wenn es ihn überkommt, ins Bordell geht – nicht aus unmoralischen Gründen, sondern, wie mein Stiefvater tat, um von unten den Druck loszuwerden und wieder einen klaren Kopf für seine Entscheidungen zu haben. Letztlich – der Mann, er war Wirtschaftsanwalt, hatte das ausgerechnet – sei es auch sehr viel preiswerter, als um eine Frau zu werben. All die Essen, die Geschenke, die Einladungen… Er sah das komplett nüchtern, kalkulierend.)
Es wird mir wehtun, Dich zu, sei’s drum: betrügen; ich werde es als fremdgehn empfinden. Denn das ist es wohl auch: ein Gehen mit einer Fremden. Sie wird mir, so lange es Dich für mich gibt, niemals wirkend nahkommen können.

A.

*


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