Neunter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 10).



Ich sehe, Frau,

Arbeitswohnung, den 28. November 2014,
freitags, 7.07 Uhr,
Jules Massenet, Werther,


die beiden die Treppe wieder hinabsteigen, also von mir aus: sie wieder herabkommen, neuerlich eingehakt; während der Vorstellung lag zwar ihre linke Hand nicht auf seinem rechten Oberschenkel, doch immer wieder berührte sie ihn, als wäre sie sich unschlüssig geworden, nicht, Geliebte, „an sich“, sondern weil etwas Fremdes aufschien, als sich der Vorhang hob, sich zwischen sie und ihn schob. Sie spürte eine Nervosität an ihm, die von dem ihm fremden Kunstmedien rührte. Wahrscheinlich hat er da zum ersten Mal einer Oper wirklich zugehört.
Wir sind noch im Teatro Verdi, die Inszenierung ist, sagen wir, leidlich. Wenn man nicht hinterher eine Kritik schreiben muß, schließt der mit einem Stück Vertraute dann die Augen, um sich nicht von der Musik ablenken zu lassen. So täte, Du weißt es, Innige, ich es. Lenz aber spürt zwar etwas Mächtiges sich i n ihn heben, wie als hätte es da schon immer, nur eben unbemerkt, geschlummert, aber gleichzeitig bewirken die Bühnenfaxen (zum Beispiel sich auf dem Boden wälzende Sängerinnen und Sänger) Distanz. Die wiederum strahlt auf die Lydierin aus; also kann sie die Hand nicht auf seinen Oberschenkel legen. (Gestern, erinnerst Dich?, verwarf ich die Idee mit Werther noch, heute früh war mir danach, in Massenets Oper wenigstes hineinzuhören, ihr sozusagen eine Chance zu geben, die sie bei mir als tatsächliche Aufführungen immer wieder verspielt hat; und nun haben wir den Salat. In Italien, fast durchweg, wird meist noch von der Rampe gesungen; hier indes, Triest, Oktober, hatte ein deutscher Regietheater-Regisseur die Mätzchenhand im Spiel. Allerdings, was das Kindersingen anbelangt, hat die Oper auch faktisch einiges Getingeltangel.)
Trotzdem, im Nachhinein, noch Wochen später spürt es Lenz, bewirkt Massenets Oper eine zusätzliche Aufweichung seiner Selbstgewißheiten; immer wieder steigen nun, im Grenzhäuschen, Melodielinien in ihm auf. Er kann sie nicht wirklich fassen, deshalb nicht einmal nachsummen, aber die Charlottes und Werthers Liebe in Klang formenden Akkorde, es sind aufsteigende Dreiklänge, scheinen sich aus seiner Haut hinauszuatmen. als füllten sie die Abwesenheit der Geliebten mit sich aus. Dies scheint bisweilen aus dem Eßtisch hochzuwehen, bisweilen zittert es aus einer der Wände, oder es erwischt ihn, wenn er wieder die Holztür öffnet und auf Wiese und Wald hinaussieht oder, in Zürich, auf die Straße, die im allerfrühmorgendlichsten Kühlen erstarrt ist, gleichsam. Nur ein Radfahrer passiert sie, die Klingel klingelt leise vor sich hin. (Dort, in Zürich also, gibt es, Elbin, selbstverständlich keine Holztür, sondern Lenz hat das Fenster geöffnet, sich aufs Fensterbrett gestützt und denkt so, den Blick hinunter zur Straße, willenlos aus sich heraus.)
Dann aber muß er ihr, der Lydierin, wieder helfen, ihrer wundervollen, doch zu engen Schlangenpumps wegen, die Treppe hinunterzukommen, und sie hakt sich abermals ein. Schon rasten die Schlösser wieder ineinander. „Und? Hat es dir gefallen?“ Nein, sie siezen sich nicht mehr. Das ist keine Erzählung von Alban Nikolai Herbst, sondern Realität. Das Du ist bereits in der lydischen Hauptstadt gefallen, bereits in der, nach dem Botschaftsempfang, durchschrittenen Nacht. Aber die Lydierin, hier in Triest nach der Oper, stellt ihre Frage nicht sofort, sondern erst, als sie in die Touristenkneipe hineinsind. „Kneipe“ ist ein falsches Wort, zu deutsch-spezifisch; aber weder „Restaurant“ noch „Gaststätte“ treffen es, wenngleich letzteres der allgemein umfassende Ausdruck ist. Wir müssen, wenn wir das Verhältnis der beiden erfassen wollen, auf den Ausdruck ganz besonders achten. Du bist da, Liebste, sehr empfindlich.
„Hat es dir gefallen?“
Dann spricht sie von Intensität und wie sie ihr fehle. Da kann er nicht mit Floskeln antworten, nichts, sagen wir, normalisieren. Nach dieser Oper schon gar nicht. Was er deshalb n i c h t bemerkt und wohl bemerken auch nicht kann (ich selbst bemerkte es nicht), ist, daß sie, die Lydierin, zugleich scheut, was sie vermißt. Diese seelische Struktur wird ihre Handlungen später immer wieder bestimmen. Können wir sagen, Schöne, daß sie darin gefangen ist? Es sind Gitterstäbe der Prägung, aus der Erwartung wurde. Schon sie vollzieht die Bewegung, die mein Roman nun spiegelt, vielleicht sogar wiederholt: sich das Gewünschte versagen, um es, in der Imago, sich als ein Reines zu erhalten, das nicht gefährdet werden kann. Du als mein Innenbild, Geliebte, bist nicht länger zu gefährden, durch niemanden und nichts; allenfalls durch Deine neue reale Erscheinung. Falls Du, meine ich, mir wirklich wieder gegenübertreten solltest. Wäre dann unser Blicken nicht mehr, fiele vielleicht auch die Anima, meine, in sich zusammen.
Ich habe deshalb Angst vor unserer Wiederbegegnung, auch wenn ich mich furchtbar nach ihr sehne. Denn was tun wir, wenn sich das Blicken neu bestätigt? Was aber, wenn es das n i c h t tut? Werden auch wir dann von Projektionen sprechen und das Mythische, das wir empfanden, zu einem Irrtum machen? – So war ich, Nahste, höchst nervös gestern nacht. Ich fürchte mich vor Profanierung. Freilich für Lenz wäre sie, nüchtern-existentiell betrachtet, eine Sicherheit gewesen. Die Sehnsucht indes, dieser Frau nach Intensität, und daß Lenz sie ihr von fast allem Anfang an erfüllen wollte, und nach Unbedingtheit, wird ihn eben der Dynamik wegen fällen, die ich hierüber skizziert habe. Daß sie nicht annehmen könne, wird sie ihm später schreiben. „Bitte verzeih.“ Sie möcht sich, Herz, um es sanft zu benennen, die Sehnsucht erhalten, in der sich die Dinge nicht aussetzen müssen, nicht einer Realität, die ihnen feindlich ist und sein muß. Denn, in der Tat, nur allzu oft gehn sie in ihr verloren. Es ist fast die Regel.

Wenn wir jemanden sehr lieben, so sehr, daß wir Eins mit ihr und ihm zu werden meinen, übernehmen wir da auch ihre und seine Haltungsformen? – Vielleicht. Nicht selten, physiognomisch, werden Hundehalter ihren Tieren ähnlich. (Nein, k e i n Massenet-Tag heute; nach dem Werther werde ich zu Frank Martin zurückkehren, dessen kompositorische Strenge mir guttut: Le Vin herbé – seine, Martins, s k e p t i s c h e Sicht auf den Tristan. Ich bin nun so weit, so auch den Roman zu betrachten. Indessen Dein Hemdchen, das ich immer noch eng an mir halte, wenn ich einschlafe – ich dachte schon gestern vo ihm: wird sich sein Duft verloren haben, werde ich es vielleicht rahmen, hinter Glas. Wäre ich ein Maler >>>> wie Fichte, ich spannte es einem meiner Materialbilder ein. – So vieles weist darauf hin, daß ich, wären meine Lebensumstände andre, selbst zu malen beginnen würde: mit meinen Händen zu gestalten, wie das Brot, das ich – auch wenn ich pausieren mußte, weil es einfach zu viel geworden ist – fast unablässig weiterforme; insofern ist Lenzens Grenzhäuschen zu Slovenien etwas, das ich mir für mich selber wünsche: Kartoffeln anbauen, Holz schlagen, Du weißt.)

Zurück, Du hast recht, zu den beiden:
„Welch eine Beleidigung für eine Frau!“ Das ruft die Lydierin sehr leise aus, tonlos geradezu. Und hat nun also doch von ihrem Partner gesprochen, in der Triester Kneipe (ich habe noch kein Bild; das, d a s ich habe, ist ein Berliner). – Er rühre sie nicht mehr an.
Diese F r a u? denkt Lenz: wie kann das gehen?
„Seine Arbeit“, sagt sie.
Bitter.
In diesem Moment will er von ihr zum ersten Mal ein Kind. Auf ihrer Stirn habe, wird sie später spotten, „erhöhter Östrogenspiegel“ gestanden, eine Bemerkung, die ihn seltsam verletzt – wohl der ihr inneliegenden Profanierung halber. Diese hat die Distanzierung schon geleistet, gegen die sein unbedingtes Ja sich stemmt, das freilich ihre Unbedingtheit in sich aufgesogen hat, ohne sie gar nicht geworden wäre. Es sind diese Zusammenhänge, was er nicht begreift. Ich begreife sie, Liebste, ja selbst erst – indem ich ihn schreibe, diesen unsern Roman. Und wollte imgrunde doch schweigen, nur spüren und riechen

an Deinem Hals:

links

in der Beuge

Alban

*

(11.30 Uhr,
Massenet, Werther da capo:
Musik i n h a l i e r e n.)

– „ … von ihr zum ersten Mal ein Kind“: Du weißt, Geliebte, dies ist nicht das, was wirklich g e w e s e n. Möglicherweise, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, hat – so daß der Lydierin spöttische Bemerkung durchaus nicht aus der Luft gegriffen ist, und eben deshalb ist Lenz so verletzt, – … möglicherweise hat eine künftige Mutter da den künftigen Vater ihres Kindes gespürt, „rein“ physisch, weil die Körper immer mehr wissen als, die sie haben, wir. Und der künftige Vater spürte die wollende Mutter. „Wie konntest du sofort auf dieses Thema kommen?“ fragtest Du, und ich, in unsrer ersten Nacht, antwortete, ich hätte es gerochen. Denn das stimmt. Ein Jahr zuvor hatte ich es ebenfalls gerochen. Meine Instinkte sind klar, viel klarer als jedes Abwägen und überhaupt Denken. Und beide Male stieg der Duft ins Blicken, wurde Blicken. Ich bin geneigt, davon zu sprechen, daß ein Kind seine Eltern erkannt hat, mehr noch, sie gerufen hat. Leise aber, nur der Nase vernehmlich. Es hatte noch so gar keine Stimme. Also konnte es gegen die Realität nichts tun, als sie die älteren Rechte, solche des Tatsächlichen, gegen das Mögliche wandte. Daß ich, der Möglichkeitenmensch, alles für es tat, was ich konnte, müssen wir nicht mehr besprechen. Immer wieder haben die tatsächlichen Frauen daran zu leiden bekommen, wenn ich gegen das, was sich notwendig eingespielt hatte und so auch gut gewesen ist, den neuen Ruf vernommen habe; immer genügte Evidenz.
Nur muß sich hier der Roman ein nächstes Mal von uns unterscheiden; wir tun dem Leben nichts hinzu, wenn wir, Sìdhe, es repetieren, sondern verdoppeln es dann nur, wie immer auch künstlerisch gestaltet. An ein Glas Wasser reicht sowieso kein Satz: >>>> Ceci n‘est pas un pipe. Wasser steht höher als die Sätze, Wörter stillen niemandes Durst. Immerhin kann ich Dich in diesen Briefen Frau nennen, wie ich es eingangs oben tat: die meine, auch wenn Du‘s eines andren bleibst. Indem ich das tue, bewahre ich des Möglichen Recht und akzeptiere dennoch Deinen Wunsch und Willen. Auch das ist eine Entfernung, die der Deinen, nur auf andrem Wege, folgt. Allerdings verliere ich Deinen Geschmack. Willst Du wirklich sehen, wie jetzt die Blumen ausschaun?
Man müßte, wie ein Bildhauer kann, Deinen Leib, wie Max Klinger, formen können: aus Sätzen aber, Klingersätzen. Wenn ich‘s doch nur vermöchte! (Dann wärest Du freilich erkennbar. Nichts hätte ich, glaube mir, lieber. Nichts darf ich weniger tun. Muß darum Deine Brüste umerzählen, wie ich es schon begonnen habe. Diese Leuchtkraft ihrer Spitzen! Die fast mathematische Rundheit der Höfe, der feine Streifen Haares über der Spalte d‘origine du monde… „marmo di porfido” – .
Ich schau doch schon gar nicht mehr nahe, schaue als Gestalter. Hätte ich momentan das Geld, wenigstens wäre Dein Parfum längst besorgt: um mich diesem Entschwinden ins Abstrakte zu erwehren, das Imaginäres immer ist. Bitte, Herz, schicke mir eine Probe und halt mich, Dich zu halten, a n!)

Kapellenblicken.

„Mein Haar liegt falsch. Hast du denn keinen Fön?“

Dein Morgenlächeln geht Lenz nicht aus dem Herzen. Dabei wußte die Lydierin selbst nicht, daß man beim Erwachen derart lächeln kann; sie ward sich ihrer Fähigkeit erst bei Lenz bewußt, nicht aber schon in der lydischen Hauptstadt und auch noch nicht bei seinem ersten Besuch in Triest. Allerdings schliefen sie da zum ersten Mal miteinander. Noch aber sprach sie es nicht aus. Darum war auch sie, anders als Lenz dachte, der sie immer als die Wollende wahrnahm, der er folgte, – darum war sie, ganz wie er, alleine ihrem Körper ergeben, der gar nichts anderes wollte, nichts darüber hinaus, als Haut an Haut zu liegen.

Erinnerst Dich, Sìdhe? – wie ich in Dir geleuchtet habe? (Du hörtest nachher Donnergrollen).
Drum schreib ich jetzt von Höhlen.

A.

*

(14.30 Uhr.
Espresso.)

Es ist so kalt geworden, Sidhe! Draußen hat der Frost begonnen. Nun tritt er zweifach ins Zimmer, klettert von dort durch das offene Fenster herein und steigt aus mir selbst von ganz drinnen. (Sich zu entfernen macht kalt.)
Der Schmerz kommt in Wellen. Ich kann, ja ich kann, doch ich will‘s nicht: ohne Dich leben. Mein michEntfernen ist eine Bäumung, als krümmte mein Leib sich ums Herz, um‘s zu schützen, und weitete außen, rund sich verhärtend, die Haut aus. Da sind manche Sätze, die ich schreibe, aufgestellten Stacheln gleich. Betrachte ich die, dann stech ich mich selbst. – Sie haben Widerhaken.

[Frank Martin, E la vie l‘importa.]


„Ein Jahr nur“, sagte die Löwin, „warte nur ein Jahr, nur einige Wochen…“, alles werde schon anders gefühlt. Aber daß ich mich kennte, erwiderte ich; nach der schwersten meiner Trennungen brauchte ich fünf Jahre, um die Frau überhaupt wiedersehen zu können, und verweigerte darum jeden, bis dahin, Kontakt. Ein früherer hätte mich zusammenbrechen lassen. Und Κίρκη? Sie sah ich ein einziges Mal – nach einem davor ersten, bei dem ich im Publikum saß. Und immer noch nicht ist sie völlig aus mir heraus, doch war nun von Dir, endlich!, überblendet, meiner Errettung, wie ich gehofft hab. Wie ich geirrt hab.
So denk ich jetzt manchmal, ich ruf Dich einfach an, schick Dir eine Nachricht: will nicht von Dir ferne sein, laß uns, wie man so schreibt, Freunde wenigstens bleiben. Damit zumindest unsere Gespräche bleiben, der intime Austausch von Gedanken. Doch wie dann mich beherrschen, mich ständig zurückziehn, wenn ich merke, wie es in mir ansteigt? Ich atme, Sìdhe, durch Deine Lungen, Dein Mund holt in mich Luft. (Daß nun auch read An >>>> vom Frost spricht!)

Doch ich muß nüchtern sein. Wenn Du den distanzierten Brief lesen könntest, den ich gestern an meine zweite Sprecherin schrieb! Du würdest erstarren wie ich selbst. Aber ich darf hier nichts riskieren; die Stimme dieser Frau ist, gerade in der Balance mit Chohans dunkelwarm grundierter, wesentlich für das Hörstück, Du weißt schon, zur Kreuzfahrt. Da darf nichts schieflaufen mehr, nachdem nun die Formalien endlich in den Hafen geholt sind. Professionalität ist erfordert. Ich werde >>>> Paulus Böhmer bitten, den Lanmeister zu sprechen. Täte er das, wär‘s absolut ideal. Ich führe sofort nach Frankfurt, nähm ihn als O-Ton auf; er muß nicht, ja darf nicht ins Studio. (Selbstverständlich hätte ich ihn bei der Produktion gern dabei, „einfach“, damit die andren ihn hören, wie das aus der Welt-selbst zu uns heraufsteigt).
Das Kreuzfahrt-Hörstück: Meine Entstehung des Doktor Faustus.

Doch Höhlen, Geliebte, G r o t t e n! (Ich habe geschlafen, mittaggeschlafen einmal wieder, und tief. Es war tatsächlich klug, daß ich gestern nicht zum Training bin: mein Husten ist fast weg; nur morgens noch, vom allzu vielen Rauchen, rasselten etwas die Bronchien. Drum geh ich heute auch nicht schwimmen und setze das Gewichtestemmen um einen weiteren Tag aus. Bin ja mitten im Roman, drehe die Schwächung in Kraft, indem ich sie weiter fokussiere und nicht wegseh. Niemals, Schönste, niemals verdrängen! Sondern sich aussetzen. Auch deshalb die Wellen. Du weißt es, da bin ich mir sicher, daß ich von uns geträumt habe, dort auf der Couch.)

Grotten, sagt‘ ich, rief ich, Grotten! Meine erste hast D u mir gezeigt. Schau, ich habe den Prospekt noch:

Auch da war es schon, als sie hinabstiegen, die Sìdhe und der Faun, kalt. Sie spürten es auch, anders als die Lydierin und Lenz, von deren innerer Wärme, es war sein erster Besuch in Triest, der Tropfstein schneller tropfte. Wo ihre Füße hintraten, wuchs nun sofort ein Moos: vier Sohlenspuren Grüns. Alles wurde Vermehrung, hätte man meinen können. Indes der „Satz“ fiel erst zwei Wochen später. Nein, er stieg und schwebte. Bitte, gib mir ein Kind. Ich hab‘s mir immer so gewünscht. Sie weinte. Er konnte es nicht glauben: diese stolze Frau! Und trotzdem trug sie bis zum Schluß im Portomonannaie die Fotografie ihres Partners – des lenzvermeintlich vorigen – mit sich herum. Uneingedenk ihres Ausrufs: „Welch eine Beleidigung für eine Frau!“
Ist sie zu diesem Mann zurückgekehrt? Lenz weiß es nicht. Er schließt wieder die Tür, bleibt aber vor ihr stehen, sieht nicht in den Raum, sieht nur das Holz an, lange. Wenn er doch wenigstens, wie ich, Brot backen könnte! Hat er wohl das Kind nicht gezeugt, nicht ihr zeugen können, weil ihm die Erde letztlich fremd blieb, schlimmer: e r blieb‘s der Erde? Hatte sie wohl zu lange schon verraten in seinem Banker-Leben, wie ich die „einfache“ nahe Sexualität, die Du mir wiedergeschenkt hast. Nun kommt vielleicht die Rechnung, die man mit Impotenz bezahlt.
Denn ich, Du Frau, ausgerechnet ich – mag nicht mehr! Zuletzt hast D u mich getrunken. Das hat sich mir zu bewahren. Wer so etwas erlebt hat, zum allerersten Mal – noch m a l! „Warte nur ein Jahr“: Wär das denn wohl zu glauben? Und aber, Elbin, wenn, dann wie? Jedenfalls ist es, bei aller Entfernung, noch lange nicht die Zeit, die Sektflaschen zu köpfen, um betrunken das gleiche mit Almas Puppenkopf zu tun, geschweige für das Abschiedsfest die Freunde einzuladen. Man entscheidet sich sowieso bei Papier fürs Verbrennen; den Ofen dafür hab ich hier.

[Frank Martin, Le vin herbé.]


Ah, aber glaubst Du‘s? Soeben, ich habe nach der Post geschaut, konnte ich beim Nachbarn die Sendung mit dem Whisky abholen, den Lena, meine unbekannte Leserin, mir geschickt hat. Und eine, schreibt sie, „bittere Begleitung“, habe sie, aber versteckt, beigelegt. Ich hätt sie wirklich nicht bemerkt. Warte, Liebes, ich geb Dir ein Bild:

(An diesem Tisch hast Du gesessen, haben wir gegessen. Wie Du den Tintenfisch-Sugo mochtest! Und, Du weißt noch, meine ersten selbstgeöffneten Austern, mit dem Austernmesser aus Triest. Du gabst mir in den Mund, so gab ich Dir. Denn auch das ist zu erzählen, wie Lenz die Austern aus der Lydierin empfängt. Er saugt sie aus ihr heraus, unten.)

Die andere Post öffnen, Liebste, eine Honorarbestätigung vom WDR, erst einmal >>>> dafür. So verwirrt bin ich gewesen und bin es immer noch, daß ich vergessen habe, die Sendung hier zu anoncieren.

A.
16.17 Uhr.)

*



(17.28 Uhr.
Boris Blacher, Klavierkonzert Nr. 1.)

Mein Sohn war eben hier und hat erneut nach Dir gefragt und hat seinen Nachmittags-Espresso getrunken und hat das letzte Elbenbrot gegessen, zwei Scheibchen und den Knust, das Deinen Namen auf der Rinde trug. (Der nächste Sauerteig steht schon bereit, ich werd gleich kneten dürfen, dankbar, so dankbar für diese nahe Erde: Sie gibt mir sich, fühl ich, als Dich.

Hab ich von Deinen Beckenknochen schon geschrieben?)

Ravel, G-Dur, schon wieder dies Gefühl. Aufstehen, zu den Schallplatten gehen und suchen, unter „R“. Den ganzen Tag bin ich nicht aus dem Morgenmantel herausgekommen, darunter die Leggins, den Rolli; als ich den Whisky holte, warf ich einfach einen Wollmantel über, Du trugst ihn einmal. Deshalb ließ sich‘s denken, ich zieh mir D i c h jetzt an.

A.

*

Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Neunter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 10).

  1. diadorim sagt:

    „sich das Gewünschte versagen, um es, in der Imago, sich als ein Reines zu erhalten“ ist das minne? versagt man sich wirklich etwas, das man wirklich will und haben könnte? ich glaube nicht so ganz daran. hm.

    • @diadorim zur „Versagung“. Nein, man versagt es sich nicht, im Gegenteil eher. Die Imago erschafft ja. Aber die Versagung, als eine passive, war vorgängig, zumindest oft. Dies zum einen. Zum anderen wirkt, wenn es sich um ein Selbstversagungs“unternehmen“ handelt, dahinter wahrscheinlich ein Zweifel an, das scheint mir wichtig zu sein, dauernder Erfüllung. Einer Imago hingegen ist diese Dauer eigen. Wenigstens hat sie die Möglichkeit. Nur bei Wilde, Dorian Gray, altert das B i l d. (Nach wie vor eine g r o ß e Erzählung).

    • diadorim sagt:

      „denn alle Lust will Ewigkeit“? hm. ich glaube einfach, man muss eine begabung dafür haben, nicht nur in der imago glücklich sein zu können, etwas, dass autoren vielleicht eher schwer fällt, logischerweise. dorian gray, die passende antwort zum geschehen hier, ja, das mal etwas weiter gedacht und den roman als leben begreifen, statt das leben als roman, da wäre man dann näher an meinem verständnis, vielleicht.

    • „glücklich sein zu können“, als Vornahme – die sich deshalb erfüllt? Ich habe schwere Zweifel, es klingt mir auch zu sehr nach kapitalistischer Ratgeberliteratur: Zehn Tips, um glücklich zu sein, Wie ich mir Freunde gewinne. Ich halte das für, sagen wir, verhaltenstherapeutische Tips, um Praktikabilitäten herzustellen, ohne an die Ursachen zu gehen.
      Außerdem glaube ich nicht, daß Autor:inn:en – oder Künstler:inn:en insgesamt – sich sonderlich, in diesem Punkt, von anderen Menschen unterscheiden. Was sie unterscheidet, ist die Materialform, die ihre Imaginationen annehmen, auch die von Glück.
      Tatsächlich meine ich, übrigens mit der Löwin, daß es sich uns gibt. Oder eben nicht. Egal, was wir dafür tun oder sogar dagegen. Deshalb hilft es so sehr, das Leben als Roman zu begreifen. Hingegen den Roman als Leben zu begreifen, griffe zu kurz und ins Leere; allenfalls kann er ein Teil des Lebens sein, aber auch da nur ein kleiner.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.