Zehnter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 12).


Soeben

Arbeitswohnung, den 29. November 2014,
7.58 Uhr (Sonnabend),
Martin, La vie l‘importa,


sah ich kurz – ich bin noch nicht lange aufgestanden, blieb lange gestern wach – … also ich sah kurz zur Couch, und da lagst Du, liegst Du noch immer. Das ist seltsam, ich spür auch gar kein Glück, eher eine Beklemmung. Tief schläfst Du, tief, das Hemdchen über den Augen. Wie oft habe ich in unserer zu kurzen Zeit morgens dagestanden und staunend auf Dich gesehen, einfach, weil es Dich gab, das Wunder Deines Dus gab? Wie leise, wenn ich erwachte, ich durch den Raum ging, nur auf meinen Ballen, um auf keinen Fall Geräusche zu machen, die Dich hätten wecken können! Und habe die Espressomühle, stand ich in der Küche, in eine Decke eingewickelt, damit Dich schon gar nicht das schrille Jaulen ihres Motors störte. Dann, war der Latte macchiato bereitet, auf den Ballen wieder an den Schreibtisch. Dort immer wieder mein Blick zu Dir, wie jetzt.
Was mich beklemmt? Daß ich mich nicht erheben sollte und die paar Ballenschritte zu Dir tun, mich auf keinen Fall zu Deinem Leib hinunterbeugen, schon gar nicht Dich berühren, weil ich dann merken würde, daß Du ein Geist bist, nicht die wirkliche Frau. Daß ich durch Dich hindurchfassen würde, wenn ich es dennoch wagte, und faßte dann nur leere Decke, leeres Kissen und darunter das Laken. „Du“, sagtest Du, „Du“. Und nahmst Dir auch mich als ein Wunder.
Und jetzt, in meiner Erscheinung, streicht das Vorbei das Vorbei durch. Vielleicht, daß, wenn ich so weiter imaginiere, diese Erscheinung, eines jetzt noch nur Geistes, wirklich spürbar wird, ich meine: auch für Haut? Noch ist sie nur ein ruhender Wind, ein ungefähres Kräuseln von Luft, die aufsteigt. Wär dies das Allerhöchste nicht, für den Künstler, einen wirklichen Körper wiederzuerschaffen? Es wäre freilich nicht Deiner, nur des gebliebenen Dus in mir. Wie ginge das dann mit den Pässen, Du weißt schon, mit einem Personalausweis, zum Beispiel? Körper müssen essen. Wie wärst Du demografisch registriert, müßte ich Dich wohnsitztechnisch melden? nein, Du selbst Dich? Und in der Geburtsurkunde, was stünde drin, wer stellte sie aus? Ich selbst ganz sicher nicht.
Ich wär auch nicht Pygmalion und Du nicht Galatea, schon gar nicht eine MyFairLady, wenngleich, Sìdhe, fairie schon. Wir könnten sagen, praktisch – verzeih mir meinen Selbstspott. (Ich hab sogar ein Bild gefunden, doch leg es hier nicht bei; es ist wirklich zu kitschig. Aber Du merkst, Geliebte, wir sind bei Nasrin wieder. „Wenn es eine Tochter würde“, sagte die Lydierin zu Lenz, „möchte ich sie Nasrin nennen.“ – Wann hat sie das gesagt? Wo? Mir fällt nur ein: ganz unten in Sgonicos Grotte. Es gab da eine Tür. Doch davon kann ich erst später erzählen. Tatsächlich sind die Lebensumstände beider da schon ausgesprochen schwierig geworden. Aber es stimmt, sie sind ein zweites Mal dort hingefahren.)
Galatea! Wenn man sich vorstellt, daß sie als Geschöpf der Reinheit, ausgerechnet sexueller, gedacht war! g e g e n die Freiheit der weiblichen Lust -. Wie sollte das passen bei einem wir mir?
Schneeiges Elfenbein mit seltnem Geschick und Gelingen
schnitzt er indes und verleiht ihm Gestalt, wie auf Erden geboren
lebt kein Weib, und es weckt sein Werk ihm verlangende Sehnsucht.
Wirkliche Jungfrau scheint die Gestalt, und man meinte, lebendig
sei sie und wolle, wofern nicht Scham es verböte, sich regen.
So lässt Kunst nicht sehen die Kunst. In Entzücken verloren,
fasst zu dem scheinbaren Leib Pygmalion glühende Liebe.

Und dann, >>>> bei Ovid, nachdem ihr geopfert, der Venus, worden ist:
Wiederum nahte sein Mund; mit der Hand auch prüft er den Busen.
Siehe, das Elfenbein wird weich, und befreit von der Starrheit
sinkt an den Fingern es ein, fügsam wie Wachs vom Hymettus,
das von der Sonne erweicht sich unter dem knetenden Daumen,
schmiegt in manche Gestalt und brauchbar durch den Gebrauch wird.
Während er staunt und zagend sich freut und Täuschung befürchtet,
naht er mit liebender Hand der Ersehneten wieder und wieder:
Ja, es ist Leib. Aufheben, geprüft mit dem Daumen die Adern.

(Für mich wär‘s zu früh, Dich schon zu prüfen… „Dich“! nein: die Erscheinung.)

Doch aber, Liebste, sag, wär das denn e i g e n t l i c h das Wunder? Ist es vielmehr nicht ungeheuerlicher, daß sowas einfach in die Welt tritt, ihm, Lenz, gegenüber? Und ist d a – o h n e daß er zuvor etwas floh. Er hat auch gar nichts gesucht, wollte nur diesen Geschäftsabschluß machen. Mit seiner Ehe ist er völlig zufrieden, man hat sich kommod arrangiert und immer noch Sex, wenn auch weniger als früher. Wobei das Idiom hier genau stimmt: Sex h a b e n. Mit der Lydierin, „haben“. „hat“ er nichts, wird er nie haben. Nicht eine einzige Sekunde ist profan, nichts handlich, nichts läßt sich „handeln“ – englisch ausgesprochen, in der beruflichen Sprache seines Verkehrs.
Als Du mir gegenübersaßest. „Ich habe ein Buch von Ihnen gelesen, konnte monatelang kein andres mehr lesen.“ Oder hast Du mich da schon geduzt? Ich weiß es nicht mehr. Aber nichts, gar nichts hatte ich geformt, nicht einmal etwas gewollt. Du kamst und Du warst.

Ich scheue mich, erneut zur Couch zu schauen. (Pygmalion ist Verzweiflung).

„Als Du mir gegenübersaßest“: Wir müssen uns Lenz ja nur vorstellen, Liebste. Der Vater war Hauer, im Bergbau, hart auch als Mann, und sentimental. Wahrscheinlich hat er viel getrunken, war auf Kräuterschnäpse versessen. Die Mutter hielt, was nur ging, und hielt aus. Drei Kinder, vielleicht vier, ein Studium ausgeschlossen, allein schon deshalb. Also, nach der Mittleren Reife, eine Bankkaufmannslehre. Bemerkenswerte mathematische Begabung, Lenz wird betrieblich gefördert. So steigt er auf. Muß fortan zeigen, daß er wer ist, daher sein Protz. Imgrunde ist er weich wie sein Vater, der früh starb, nicht an der Staublunge, die er zwar hatte. Sondern bei einem Herzanfall, ganz unversehens. Kommt aus dem Berg und fällt um. Da steht die Mutter alleine (imgrunde stand sie das freilich seit je). Bei der Beerdigung zieht eine Blaskapelle, Laien, durchs Dorf. Lenz ist das peinlich, ist mit dem Porsche gekommen und hat im Gasthaus ein Zimmer genommen. Ins Elternhaus? Auf gar keinen Fall. Seine Frau kam nicht mit, nur sein spätpubertierender Sohn, der den verschwiemten Opa so wenig gemocht hat wie seine Mutter, die sich Lenz geangelt hatte, als sie merkte, der läßt sich gut gängeln. Aber er war auch die Wahl ihrer Rebellion gegen ihr eigenes, ein geldstandsbewußtes Elternhaus. Lenz zu heiraten mag auch Liebe gewesen sein, zumindest Verliebtheit, vor allem, weil er gut aussieht. Man kann aus ihm etwas machen, das spürte sie sofort. Doch vor allem war es ein Akt ihrer Emanzipation. Unwahrscheinlich, aber auch ohne Bedeutung, ob die Beteiligten ihre Dynamiken kennen. Jedenfalls kannst Du, Geliebte, Dir nun sicher gut vorstellen, wie diese Frau tobt, als die Lydierin ihren Mann da herausholt. Auch deshalb erlebt er sie als Erlösung… Erleuchtung, wie ich das zu dieser Briefe Anfang nannte. Und bleibt doch imgrunde verloren, tauscht die eine starke Frau gegen die andre. Die sich deshalb in ihm irrt und ihn dann wieder verläßt.
Doch was ließ sie irren? Ich muß die Frage wieder stellen und wieder. Was hat denn s i e in ihm gesehen? Deshalb nun auch zu ihrem Partner ein Wort, dem vor und vielleicht auch wieder nach Lenz. Er ist Journalist, einer von der, wie es heißt, kritischen Sorte. Für ihn ist das Geschehen schon deshalb unbegreiflich, weil er es als einen Verrat empfindet. Seine Gefährtin als nun Gefährtin eines Wirtschafts-, wie er nicht nur ein bißchen pauschal verurteilt, –verbrechers. „Mit welchen Aktien handelt der Mann?“ ruft er aus. „Und für wen? Willst du dich mitschuldig machen?“
Sie konnte ihres Freundes Rigorosität noch n i e ausstehn, diese unbedinge politische Radikalität, die die Verfallenheit von Menschen nicht sieht. Nächtelang haben sie darüber diskutiert, diskutieren sie immer noch. Aber sie liebt ihn. Bis sie ihn Lenz wegen abstreift. Dennoch seine Fotografie weiter bei sich getragen. Doch sie sehnt sich nach Weichheit, und Jessir, so heißt ihr Gefährte, will keine Kinder. Darüber kommt sie nicht hinweg. Nicht nur will er sie, Kinder, sowieso nicht – „In diese Welt setze ich kein Baby!“: immer immer rigoros -, sondern auch aus pragmatischen Gründen. „Du stündest ganz allein, ich bin doch so viel unterwegs.“ Außerdem befürchtet er, einer Familie keine finanzielle Sicherheit bieten zu können. Er ist wie die Lydierin Freelancer, bekommt Aufträge nach Angebot. Nicht selten recherchiert er auf eigene Faust; allein die Reisen sind oft teuer. Nicht immer nimmt man ihm Arbeiten ab, auch schon deshalb, weil sie fast durchweg in Machtzentren zielen. Man will sich‘s nicht verderben.
Die Lydierin aber sehnt sich nach einer Familie.

So wird das Bild nun deutlicher, hoff ich.

Deine Achselkapellen. Die Achselkapellen der Lydierin.
Fresken.

[Frank Martin, Sechs Moonologe aus „Jedermann“.]


Jetzt habe ich d o c h noch einmal zu Dir gesehen. Immer noch, wirklich, liegst Du da, aber hast Dich auf die andere Seite gedreht. Kann sein, daß mein Tippen Dich stört. Jedenfalls vernahm ich einen leisen Stöhner. Der ließ mich schauen.
Deine linke Schulter, die schmale, liegt ganz bloß. Da mußt Du, Herz, doch frieren! Doch wenn ich, was ich während unserer Tage oft tat, jetzt zu Dir hingeh, um die Decke über sie zu ziehen, zieh ich sie vielleicht über Nichts. Denn daß Du nur aufwachst, fürchte ich nicht. Da wirst Du nämlich wieder lächeln: weil Du mich siehst und mich an jedem neuen Morgen genau so wenig fassen konntest wie ich Dich. Daß es uns gab.
Drum schlafe nur weiter, ich rauche auch nicht. Darum kann ich das Oberlicht schließen. Aber um den Ofen muß ich mich kümmern. Leider macht das etwas Lärm. In jedem Fall werde ich jetzt das Wasser für Dich aufsetzen, damit, wenn Du wachwirst, der Tee bereitsteht. Und dann, dann werde ich es w a g e n, meine Sìdhe zu küssen:

und sei es in eben das Nichts Deines,
ich kann es aber hören,
Atmens.

Alban

*

(12 Uhr,
Fank Martin, Der Sturm.)Viel mehr werde ich Dir, Sìdhe, heute nicht schreiben können. Adventsbazar in der Schule meines Sohnes; ich bin als Helfer eingeteilt, vor allem auch abends für den Abbau. Da braucht man kräftige Leute. Selbstverständlich wirst Du mir dennoch im Kopf herumgehn. Schwirren wirst Du, Geliebte, nachdem Du auch vom Bett geschwirrt bist, einfach vergangen, schimärische Luft, die Du warst. Dabei bin ich nur einen Augenblick nicht aufmerksam gewesen, hab momentlang von Dir weggedacht. Weil das nächste Brot fertig gebacken, dachte ich, war. Ich schnitt es an, nein, noch etwas klebrig (habe gestern ein Mehl aus Haselnüssen und Leinsam mit hineingeknetet); also zurück in den Ofen. Ein schweres Brot diesmal, nach dem luftigen Ciabatta. Und als ich zurück ins Arbeitszimmer kam, warst Du verschwunden. Nur das Hemdchen lag noch da, wo Dein Kopf gelegen, das Ohr auf dem Kissen, das andre mir für den Blick.
Da war ich auf andre, als vorher, Weise beklommen. Diese Verwühltheit, aber nur offenbar meine. So hab ich das Bett halt gemacht.
„Keine Frau“, sagte gestern nacht die Löwin, „kann sich in dieser erkennen: derart erhöht. Frauen sehen sich nicht so, nicht ideal.“ Nur kann ich ideal an Dir, als reiner Erscheinung, nichts finden, obwohl doch die reine Erscheinung Idee eben i s t. Die Lydierin ist viel konkreter als Du unterdessen und Lenz bald konkreter als ich. So wäre auch über mich, als den Briefautor, zu sprechen: Wo kommt er her, was ist sein Wünschen? Außer, meine ich, daß er Dich zurückwünscht. Das allein wäre banal und würde seine Anstrengung, Dich sich neu zu schaffen, kaum erklären. Und reicht der Kinderwunsch? Es gäbe andre, ihn zu erfüllen. Nein, es muß etwas sein, das mit seinem, sagen wir, Konzept (in Wirklichkeit ist es Empfindung) der mythischen Begegnung zusammenhängt – einer, die aus dem Realen herausfällt, aber von selber Faktizität ist. Das sie nicht akzeptiert und sich nicht, wir sprachen schon darüber, ergibt. Alles muß er erstreiten. Das i s t bei Kindern, die nicht gewollt gewesen sind, so. Die sich schließlich selber schaffen, wenn sie ausgewachsen sind; sie fangen zu wachsen da erst an, und alles wird zum Zwist mit der Prägung und mit der Norm. Es sind Ausgestoßene. Du kennst die Fremdheit von Dir selbst. Ich meine das nicht sentimental oder klagend, sondern quasi ontologisch. Allein ihre Erscheinung stört. Und dann, plötzlich, treffen sich zwei und stören sich nicht nur nicht, sondern sind ein, von allem Anfang an, angeschmiegtestes Eins. „Nur“ noch die Umstände müssen jetzt stimmen. In seinem Fall und der Sìdhe hat nichts an ihnen gestimmt, weniger, viel weniger noch bei ihr als bei ihm. Er hätte es aufgenommen. Selbstverständlich. Aber nicht jeder ist Kämpfer. Und sie hat ihr Haus längst, zumal über Jahre, gebaut, auch wenn die Wände ständig bröckeln. Aber sie liebt sie, schon weil sie sind. Weil sie Geschichte haben. Weil sie mit Hoffnungen verfugt sind, Sie müsse nur, denkt sie, warten, Liebes, und da sein, verläßlich. Denn wirklich liebt sie. Seine Frage, was, geht ins Leere – wie beinah jedesmal, wenn wir nach Liebesgründen fragen. Pheromone, vielleicht, aber auch nur zum Teil, geben Antwort. Nicht wenige Frauen haben Kinder von anderen Männern als ihren Partnern (die meisten der Männer wissen es nicht); über die Liebe gibt das keine Auskunft, allenfalls über das Erbgut.
Genau so möglich ist es, daß die Lydierin ihren Freund Lenzens wegen verläßt, obwohl sie ihn liebt, nach wie vor. Das ist sogar wahrscheinlich. Wir sind keine Wahlverwandten oder nur in seltenen Fällen. Wenn sie uns aber begegnen, in prästablisierten Harmonien, ist ein furchtbarer innerer Streit auszutragen. Wie wir uns da, fürchte ich, entscheiden, das, Sìdhe, hängt nicht von uns ab. Imgrunde entscheiden wir uns immer für, nie gegen, und nach dem, woraus wir gemacht sind. An was wir glauben. Deshalb kann uns das Blicken erscheinen, aber wir schließen die Lider. Die meisten Menschen, wenn in verläßlichen Verhältnissen, tun es quasi sofort. Es ist wahrscheinlich falsch, von einer „Flucht“ zu sprechen; das Wort wäre, wie Du es getan hast, genau so anzuwenden, wenn man sie verließe. Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie.
Wieso, noch einmal, reagiert der Briefautor anders? Auch er lebt ja in einer stabilen, zwar nicht normierten, doch innigen Beziehung. Es läßt sich in seinem Leben verfolgen, wie immer er dem, was werden könnte, vor dem, was ist, den Vorzug gab. Weshalb vertraut er dem Mythischen mehr als dem vertrauten, ja traulichen Verlaß? Noch kann ich Dir, Innige, Antwort nicht geben. Vor allem nicht, wie er Dich gesehen haben konnte, vorhin, auf dem Couchbett: genau so deutlich, als hättest Du wirklich dort gelegen. Ich komme nicht umhin, das für wahnhaft zu halten. Möglicherweise ist aber der Roman der Grund. Das Erleben ausschöpfen, es nicht zerfließen lassen:
>>>> Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

So leben wir und nehmen immer Abschied.

A.
(13 Uhr.)

*


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