Elfter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 13).



Die Fairies, die unter dem Namen Sìdhe (sprich: Schii) oder
Daoine Sìdhe bekannt sind, sind (…) die Aristokraten der
Fairies: erlesene Schönheit, guter Wuchs, ehrwürdiges Alter
und uneingeschränkte Macht zeichnen sie aus. Ihrer sinnbe-
törenden Musik vermag kein Mensch zu widerstehen. (…)
Ihre leichte Berührung kann (…) Krankheit oder Wahnsinn
verursachen, und ihre Elbenpfeile führen sofort zu Lähmung
oder Tod. Wenn die Sìdhe sich zu einem Menschen hinge-
zogen fühlen und ihn begehren, wird er geraubt und muß ih-
nen als Liebessklave oder Knecht dienen. Auch wenn ein
Mensch nur wenige Tage mit ihnen gelebt hat, kehrt er ver-
wandelt zur Erde zurück: als Heilkundiger, Seher, Geistesge-
störter oder Dichter.


Arbeitswohnung, den 30. November 2014,
sonntags 8.35 Uhr,
Pierre Buzon, La Vie,


Weshalb ich das, Innige, zitiere? (Nancy Arrowsmith, Die Welt der Naturgeister, Handbuch zur Bestmmung der Wald-,. Feld-, Wasser-, Haus-, Berg-, Hügel und Luftgeister aller europäischer Länder, Frankfurtmain 1984)
Weil gestern nacht, als ich vom Adventsbazar zurückkam, bzw. von den längeren Aufräum- und Putzarbeiten hernach (die Klassenzimmer waren wieder in eine Ordnung zu bringen, die den nächsten Unterricht möglich werden läßt); und vierfünf von uns Eltern zogen danach in die BöseBubenBar, wo wir bis zwei Uhr nachts tranken, aßen, plauderten, schließlich in eine durchaus bewegte Diskussion über die für unsere Jugend allzu, meinten drei, einfach zugängliche Pornographie gerieten (Du wirst Dir denken können, welche Position ich vertrat); aber ich habe, stell Dir vor! sogar ein wenig, Liebste, geflirtet; – weil jedenfalls gestern nacht, als ich von all dem heimkam, Arrowsmiths schönes Buch aus dem Regal gefallen war. Es lag aufgeschlagen, der Umschlag eingeknickt, mit dem Rücken nach oben auf der Couch.
Das war – und ist – mehr als nur irritierend. Denn außer mir war nachmittags niemand in der Wohnung gewesen, mein Sohn, der außer mir als einziger einen Schlüssel hat, hatte am Bazar mitgeholfen und war später in eine Skype-Konferenz eingebunden gewesen. Also mußte das Buch von selbst herausgefallen sein – was nicht leicht ist, weil in diesem von Wand zu Wand und Boden zur Decke reichenden Regal die Bücher fast gepreßt nah aneinanderstehen; zieht man an einem, kommen immer gleich die Nachbarn mit heraus. Du weißt das, Liebste, hast es selbst probiert. Insofern ist es, daß ein Buch da herausfällt, nicht nur nicht leicht, sondern eigentlich völlig unmöglich, und zwar sogar dann, wenn wir annehmen, mein Nachbar habe in der Wand auf seiner Seite herumgebohrt. Und auch sowieso, ich bitte Dich!: von selbst
Ich hielt das offenbar dennoch Geschehene sofort für ein Zeichen, wie ich alles, was mit uns geschehen und um uns, von Anfang an für zeichenhaft, realisierte Metaphern, gehalten habe, wenn nicht für symbolisch. Das Buch hätte sich doch auch bei den, sagen wir, Fylgiar aufschlagen können, bei den Folletti oder den Vilen. Nein, es legte seine Seiten über die Sìdhes auf die Couch, und zwar genau dort hin, wo unter der dünnen satinglatten, kunstsamtweichen und tiefroten Überdecke Dein Hemdchen lag. Das bestätigt mich auf, möchte ich fast sagen, naturhafte Weise in meinem, von allem Anfang unserer Begegnung an, Gefühl, daß durch Dich etwas in, für mich, Erscheinung trat, das sich seit unserer Trennung wieder aus Dir fortbegeben hat: ein „anderes“ Wesen und Geschöpf jenseits unserer Realitäten. Es hat Dich immer, wenn wir beisammenwaren, ausgefüllt, sich Dir innen in die Haut geschmiegt, und wurde an Dir Form, die „Du“ zwar blieb, und zwar vollkommen, aber dennoch Dieses war, zugleich. Auch so etwas fällt unter das, was ich unter dem Möglichen verstehe. In einem sehr gewissen Sinn hat es durch Dich, und unser Uns, in die Welt kommen mögen, wirklich werden.
Nein, wir können nicht davon ausgehen, daß Lenz etwas ähnliches überhaupt dachte, als ihm die Lydierin zum ersten Mal gegenübersaß. Seine gesamte Geschichte, aber auch das Setting dieses Business-Events machen das unwahrscheinlich. Doch spürte er sofort die Gewalt: „ihrer sinnbetörenden Musik vermag kein Mensch zu widerstehen“. Du mußt Dir, Geliebte, nur klarmachen, daß das, was Arrowsmith mit Musik meint, nicht nur konkret Musik ist, sondern sie, diese Musik, gelangt auch anders in unsere Wahrnehmung, zum Beispiel durch das bloße Ansehen. Es bekommt etwas über sich hinaus, ist bereits selber Ekstase und schwingt so. Deshalb dringt es sofort in die Augen. Wir hören dann Musik, o h n e sie zu hören; wir sehen sie statt dessen. Weil wir das nicht gewöhnt sind, sind wir hilflos. Und auch der Wahnsinn, den Arrowsmith nennt, kann davon eine Folge, schließlich, sein. Ich habe den Begriff „Wahn“ nicht grundlos schon mehrfach in diesen Briefen verwendet. Denk bitte noch einmal an Kokoschka zurück. (In den Kreis der europäischen Geister paßt deshalb Lenzens Erlebnis am Boden der Grotte, wo diese Tür ins Neben führte, sehr genau.)

Buzon, „La Vie“: seltsame Musik. Ich werde sie nicht lange ertragen, ein Evergreen nach dem anderen, auf dem Pianoforte dargeboten wie in den Bars, als sie noch verraucht waren. Der Klavierspieler spielt wie für sich allein, während um ihn herum die Gläser klirren und meist so leise wie in Kirchen gesprochen und, anders als in Kirchen, geflirtet wird. Manchmal lacht jemand hell. Die Rechnung später ist hoch –
Lange werde ich das nicht aushalten, schrammt zu nah am Kitsch, doch einem meditativen. Immerhin, wirst Du nun sagen. Und wirst lächeln, wenn ich Dir aus der Flasche nachschenke, die, nachdem ich es getan, in den silberfarbnen Kühler zurückkommt (ist die Flasche leer, mit dem Hals nach unten). Lenz kennt sich in den Bars wie auf Empfängen aus, und Du weißt zu repräsentieren, leicht und lächelnd und gewandt. Dennoch registriert er an der Lydierin eine gewisse, fast sogar herbe Femdheit; es ist, als ob nur ihre Oberfläche, gleichsam automatisch, spräche. Er hat sie zum ersten Mal, in Zürich, mit zu Geschäftspartnern genommen, kommenden, wie er hofft. Der Barbesuch ist eine wichtige Acquise; er kann, denkt Lenz, über Eure ganze Zukunft entscheiden. Deshalb bist Du, als er Dich drum bat, für ein paar Tage zu ihm gefahren. Noch hat er nicht gekündigt, aber seine Ehe ist schon zerbrochen. Er ist zuhause ausgezogen. Erst nahm er drei Tage lang ein Hotel. Da freilich wolltest Du noch nicht kommen… nicht Du, verzeih, die Lydierin natürlich. Ich bekomm schon wieder alles durcheinander. „Das mußt du alleine klären, es war d e i n e Entscheidung.“ Ja, sie sagt sogar: „Ich habe damit nichts zu tun.“ Tatsächlich hat sie seine Trennung nie verlangt – wenn wir, Geliebte, von der Szene in der lydischen Hauptstadt absehen, Du weißt schon, als sie seinen Ehering ins Meer geworfen hat. Nach Zürich flog sie nicht, bevor er sich die kleine Interimswohnung genommen hatte. Erst zwei oder drei Monate später zog er nach Triest, via Panfilo Castaldi, gelbes Steinhaus, verblichen-weiße Fensterläden, oben dritter Stock. Wenige Straßen weiter der Giardino Pontini, in dem er die Lydierin, gewissermaßen öffentlich, eines Nachts nahm, weil sie das wollte und es ihm sowieso auf nichts mehr ankam, das für ihn vorher gegolten hatte, schon gar nicht auf gesellschaftliche Konsense, die einen akzeptabel machen.
Ich greife vor, Pardon. Gib mir mal eben Deinen Arm, ja, den. (Ich streife den Ärmelhauch bis über die Ellenbeuge und lasse meine Zunge darin spielen.)
Jedenfalls bringt mich Buzons evergreene Klimperei auf diese Bar zurück. Ich fand die Platte, ja, Vinyl, unter den anderen Scheiben, die ich noch nicht mit Archivnummern versehe habe, seit nunmehr schon Jahren nicht. Die meisten sind von meiner Mutter nachgelassen. Manchmal ziehe ich eine, wie den Buzon nun, und höre mir an, ob ich sie behalten werde. Diese hier, erinner ich mich, hab ich schon immer weggeben wollen. Nicht mein Niveau. Doch plötzlich wird sie wichtig. Als hätte sie, Du Nahste, auf ihren Einsatz gewartet, ihr Stichwort, könntest Du sagen. Und wirklich! Die Musik dieser Platte paßt auf Zürich wie nach Triest. Als liefe ein sehr alter Film in frühem Technicolor oder nachkoloriertem Schwarzweiß, chamois. Sprich das mal aus, mit Deinem Stimmfallmelos: cha – mois. Verstehst Du, was ich meine? Spürst Du, wie der Lydierin Anwesenheit, in der Bar, alles außer ihr, und außer Lenz, in dieses Chamois hineintaucht? Wirklichkeit und Imagination kehren sich um. Und dann sagt die Lydierin – Bar, am weißen Flügel Buzon, Gläserklimpern, dezentes Sprechen an der rotpolierten Theke, geschüttelt, nicht gerührt – blickt auf und sagt – sie sitzen in den schweren bordeauxfarbenen Ledersesseln, sie, also die Lydierin, rechts von ihr Lenz, ihr gegenüber der dicke Schweizer Rechtsanwalt des noch dickeren Japaners, neben ihm dessen Spritzgußtüte von Frau und neben der die zitronige Dolmetscherin, die der Anwalt mitgebracht hat – dann sagt die Lydierin leise, doch ausgesprochen deutlich: „Haben Sie auch nur geringste Ahnung, wie langweilig Sie sind?“
Und steht auf.
Das japanische Ehepaar versteht natürlich kein Wort, und die bebrillte Dometscherin will es in ihrem prüd gefältelten Schottenrock (große goldfarbene Sicherheitsnadel – und das schlimmste: backfischsrot gefärbte Nylons!) auch besser nicht übersetzen. – Wiederum Lenz ist nur starr.
„Was haben Sie gesagt?“ fragt der dicke Rechtsanwalt. (Im Büro ist er cholerisch, hier weiß er sich gut zu beherrschen).
„Daß ich Sie langweilig finde.“ Lächelnd wendet sie sich ihrem Geliebten zu. „Also komm, ich habe keine Lust, noch weitere Zeit zu verschwenden.“ Es geht um sechs Millionen in Fonds zu verwaltende Dollars, um weitere zwei für kleinere Arbitragegeschäfte; außerdem glimmt im Horizont die gesamte Hedgestrategie des Konsortiums, das der Japaner vertritt.
Nicht, daß die Lydierin das prospektive Geschäft als solches anzweifeln würde, beileibe nicht. Es ist einfach so, wie sie sagt: Es langweilt sie. „Und wage es nicht“, sagt sie zu Lenz, „dich bei denen da zu entschuldigen, schon gar nicht für mich, aber auch nicht für dich. Das einzige, was du jetzt tun mußt, ist, dich zu entscheiden. Ob du mich wirklich lieben willst. – Bitte gib den Blouson.“ Den hatte sie, weil die Bar überheizt ist, abgelegt; Lenz hatte ihn neben sich fast zärtlich über die Armlehne drapiert. Buzon spielt einfach weiter.

(10.05 Uhr,
Jón Leifs, Söguhetjur op.26.)

Oder bist D u hiergewesen? Ich meine, als ich für die Aufräumarbeiten nach dem Bazar fortgeradelt bin… Hast Dich einfach ins Zimmer gehoben, um ein weitres Mal zu sein? Wie du gestern morgen dort lagst, bevor Du wieder verwehtest. Und dann bist Du die Bücherreihen abgeschritten und hast die Arrowsmith entdeckt und aufgelacht? zärtlich, aber? um dem Dichter zu zeigen, so ganz ist er halt d o c h nicht allein? Es würde auch erklären, weshalb gestern, als ich einschlief, das Hemdchen wieder duftete, stärker als vorher, weil Du es neu eingesprüht hast. Heute morgen war ich benommen von dem so erfrischten, Deinem wogend lächelnden Duft. Lenz, Geliebte, nach seiner Wandlung und Deinem Fortgang, hat ganz denselben Gedanken: daß das, was i n Dir schon bei seiner ersten Begegnung mit der Lydierin a u s Dir herausgewollt oder sich gewünscht hat, von Dir zur Welt gebracht zu werden, vielleicht geblieben ist. Vielleicht ist es ihm ja gelungen, und Du, als es sich realisierte, warst gar nicht mehr vonnöten? so daß es überhaupt nichts ausmacht, wenn die Lydierin nun wieder fort ist, also ihre biografische Konkretion. Daß es letztlich um Präsenz geht, nicht etwa um Gegenwart. Ist denn nicht, Schöne, alles sowieso im Hirn? – Ich komme, Du merkst es, auf unsere Projektionen zurück, wenigstens auf meine.

(Stimmt es? Du bist zu Deinem Journalisten zurück?
fragt

Alban)

*

(11.56 Uhr,
Jón Leifs, Hafis.)

M u ß ich, Geliebte, heute zum Sport? Vorvor- und vorgestern durfte ich nicht, gestern konnte ich nicht, und heute steht mir der Sinn nicht danach, noch stehn‘s die Sinne (Rilke schreibt notorisch unapostrophiert, immer stört mich das, stehns). – Ich lese über >>>> Jón Leifs: kraftvoll markierte Metrik. Wann ich seine Musiken, und warum, in meine Klang-Mediathek aufgenommen habe, weiß ich nicht mehr. Der kompositorische Ansatz erinnert mich an die frühe und mittlere Phase >>>> Kalevi Ahos. Laß uns auf jeden Fall weiter über Musik sprechen; zumindest das geht ohne eine Antwort von Dir.
Sport oder nicht Sport. Ich bin müde dieser Tage, gedrückt, die zu frühe Dunkelheit setzt mir mehr zu, je älter ich werde. Deshalb sollte ich besser mittagschlafen, anstatt den Körper zu fordern – was ein mir wiederum vollkommen fremdes Ansinnen ist. Aber wenn ich mich wenig bewege, mich am und überm und, ja, i m Schreibtisch vergrabe, läßt sich es sich mittlerweile aushalten, daß Du gegangen bist. Hier auch habe ich meine, sag‘s nur, sprich dieses Wort ruhig aus, Halluzinationen. Es sind derzeit die einzigen zärtlichen Momente eines Mitmir- und meines Beisichseins, ich bin nur dann nicht allein. Links stützt mich die Lydierin, rechts stützt mich Lenz. Der stößt mir sogar manchmal den Ellenbogen in die Seite, um mich aufzumuntern. Er weiß wohl, wie eng sein Geschick an mir hängt: ob auch er über Deinen Verlust schließlich hinwegkommt, der für ihn der Verlust der Lydierin ist, einer mithin ganz anderen Frau, als Du es bist. Denn Du hättest Dich niemals so verhalten wie in der Bar sie, wärest menschlicher gewesen, rücksichtsvoller, sozusagen; schon gar nicht hättest Du ihm vorgeworfen, daß er Dich nie verletzte. Dir ist das alles völlig fremd. Du würdest solch ein Verhalten, woher hab ich das Wort jetzt? verabscheuen. Für alles hättest Du Nachsicht, alleine aus Deiner Liebe für Lenz, nur nicht für das. Aber auch die Lydierin, gesteh ihr das bitte zu, hat lange, z u lange wahrscheinlich, Nachsicht gehabt, und ebenfalls aus Liebe. Ich meine wieder ihren Journalisten. Die Wahrheit ist, daß e r keine hatte. Ihm ging immer der Beruf vor, den er als seine Sendung verstand. Dahinter hatte alles zurückzustehen. Darum entschied sie sich für Lenz. Sie spürte unmittelbar, daß für ihn nur sie vorgehen würde. Dazu die Pheromone… –
Aber sie täuschten. Die Frau wurde und wurde nicht schwanger. Um zu einem Arzt zu gehen, war sie zu stolz – und zu nachsichtig eben, um es von Lenz zu verlangen, ja, auch nur zu erwarten, nur zu hoffen. Durch zwölf Monate probierten sie es, dreizehn mal achtundzwanzig Tage. Dabei war doch alles so klar gewesen, evident, wie ich schrieb. Tatsächlich, nachdem sich die Lydierin umgewandt hatte, folgte Lenz ihr aus der Bar. Er sagte zu seinen Gästen nicht einmal „Entschuldigung“, folgte ihr auch darin. Selbstverständlich zahlte er noch die Getränke. Hätte die Szene in Triest stattgefunden, sie wären schon jetzt in den Giardino gegangen, wären sogar hingelaufen. Sie befanden sich aber in Zürich. Es war November und kalt; Schnee war bereits angesagt. Das bedrückte beide. So kamen sie nicht auf eine Alternative.
Er gab ihr alles hin. Und da, genau da, in dieser Nacht, als sie die Wohnungstür hinter sich schließen, seiner Interimsbleibe, genau da faucht sie diesen Satz: „Weshalb verletzt du mich nie?!“
Was hat sie denn erwartet? Daß er sie, als sie den ja nun wirklich unverschämten Satz zu seinen erhofften Geschäftspartnern gesagt hatte, bei denen sitzenblieb und sie weggehen ließ, ohne sie zu begleiten? Sollte er ihren Journalisten wiederholen, mit ganz derselben Rigidität? Das konnte er nicht, in der Tat. Die hatte er nicht. In ihm war alles sie.
Er verteidigte sich nicht, sondern er weinte. Fast brach er zusammen. Da legte sich ihre Wut, und sie tröstete ihn, strich ihm übers Haar, leckte die Tränen von seinen Wangen. „Mehr“, sagte sie, „gib mir mehr davon. Bitte bitte gib mir mehr!“

(Laß mich mich schlafen legen – eine Stunde, Nahste, nur.

A.)

*


(15.22 Uhr,
Leifs, Island-Ouvertüre).

… eine Stunde nur“: Glaubst Du, Liebste es? Erst eben bin ich wieder aufgewacht, habe selbst den permanenten Ruf des iPhone-Weckers überschlafen (nein, er war nicht ausgeschaltet, sondern das Gerät hat gedacht, ich laß dem Mann seinen Schlaf). Meine Wange waren (sind) unter den Augen verklebt, als wäre ich wirklich Lenz gewesen und Du wärst gewesen, die über sie leckte. Nein, ich habe nicht geweint, doch Du – „Du“: „Du!“ (Du weißt, wie hauchend das zu sprechen ist und doch mit dem Ausrufezeichen), – … D u hast geleckt (wieder als die Geistin)?
Tatsächlich wird das etwas werden, das sich zwischen den beiden in all den dreizehn mal achtundzwanzig Tagen mehrfach wiederholt. Daß er zusammenfällt und sie ihn tröstet. Ihr wird das irgendwann zuviel. Dabei versucht er es, ja, er versucht‘s: – sie zu verletzen. Doch ist er darin ziemlich kläglich. Er hat einfach kein Talent dafür, nicht mehr. Wie anders denn, als daß sie ihn schließlich, ob sie will oder nicht, ein bißchen verachtet? Dabei ist jedes Bißchen immer g a n z, das liegt Verachtung inne. Wie kann sie da noch bei ihm bleiben? Dann, Herz, besser doch verabscheut werden. Im Abscheu steckt ein klarer Gegner, sogar Feind. Zwar könnte Lenz damit nicht leben, ich aber kann es. Es gäb mir die Struktur zurück. (Meine Dynamik: mein eignes, das mir Verlaß, Verletztsein und -werden. Imgrunde bin ich der Lydierin recht ähnlich, indessen wir uns, Geliebte, darin wohl unterscheiden. Hätte ich besser wohl ihr als Dir begegnen sollen?)

Amélie hat sich wieder gemeldet, die, war mein Eindruck, ihrerseits von mir verletzt gewesen ist, nach dem, was ich Dir >>>> am vergangenen Dienstag erzählt habe. Auch dafür ließe sich mir Indiskretion vorwerfen. Ohne das ist aber Lenz, wie‘s ihm nach der Trennung geht, nicht zu verstehen oder nur abstrakt, nicht in der Schmerzhaftigkeit, die sinnliche Erzählungen brauchen. Außerdem mußte ich … , nein, „auflachen“ ist zu viel gesagt, auflächeln aber d o c h, als ich unter >>>> „Paleo“ nachlas und „gesteigerter Sexualtrieb“ fand. Exponieren wir Null, dann bleibt sie bei sich, und multiplizieren wir Brüche mit sich selbst, wird die Zahl zunehmend kleiner. Es liebt sich trauernd schlecht, auch wenn man mit dem Gedanken abermals spielt, es wieder zu versuchen.
Dennoch, ich habe Ja gesagt. Also werde ich heute abend wieder unterwegs sein. Ein schweres Gespräch, vielleicht, steht mir bevor. Doch mach Dir drum keine Sorgen; Leichtigkeit habe ich derzeit sowieso nicht, nicht in mir und nicht an mir. Es gelingt mir schlecht, sie vorzutäuschen, jedenfalls bei Menschen, die mich kennen. Den andren kann es so egal sein, wie sie mir sind.
Aber stell Dir Lenzens Staunen vor, als die Lydierin diese T ü r öffnet, fast ganz unten im sogenannten Duomo grande der Grotta gigante. Comune di Sgonica, provincia di Trieste.
Lenzens zweiter Besuch, noch ist er nach Triest nicht gezogen. Die Lydierin holt ihn in in einem eleganten Cabrio vom Flughafen ab, einem alten Peugeot 504, graugrünes Metallic, Teakholzarmaturen. Die blitzenden Speichenräder allerdings sind ein bißchen typfremd.
Sie fährt wie eine Teufelin, auch am nächste Tag die gewundene Straße in den Karst hoch, als sie ihm die Grotte zeigen will. In jeder hart genommenen Kurve lacht sie auf. Er mag den Mutwillen dieses Fahrstiles sehr, fühlt sich völlig sicher, vertraut auf ihre Reaktionen, auch wenn das Auto wirklich nicht als Sportwagen gebaut ist.
Sie läßt, als sie auf der weiten Sandfläche parken, das Wagendach geöffnet. Logisch, daß sie dann auch den Wagenschlüssel nicht benutzt (eine elektronische Verriegelung kennt dieses Mittsiebziger-Modell noch nicht). „Wer sollte es wagen“, ruft sie auf seine vorsichtige Bemerkung aus, „mich zu bestehlen? Mich?!“ Und lacht wieder. Dabei ist Slovenien so nahe, Dieben steht halb Osteuropa offen. „Nun komm schon, ich will dir was zeigen!“
Über der Grotte ein auf mehrere Busladungen aus Menschen ausgelegter Glaskastenbau. Doch scheint die Zeit nicht zu sein, die beiden sind beinah für sich. Deshalb müssen sie warten, Führung erst ab zehn oder zwanzig Personen. Für Lenz hat die Lydierin einen dicken Pullover dabei, am Boden der Grotte herrschen auch sommers kaum mehr als zehn Grad Celsius.
Die kleine Gruppe steigt ab, auf jeder schmalen Empore fällt sie, die Lydierin, ihrem neuen Freund um den Hals. Er spürt sofort, daß sie was vorspielt, nicht ihre Liebe zu ihm, nein, sondern sie den anderen. Wenn sie zurückbleiben, soll das niemanden Wunder nehmen. Diese Turteltauben! Sie ist wirklich geschickt. „Damit will man Elben fangen“, sagt sie einmal und kichert, weist auf die beiden geodätischen Pendel, die von der Domdecke die knapp einhundert Meter bis fast ganz unten zum Boden reichen. Universität Triest.
Aber erst auf dem neu angelegten Wiederanstieg bleiben sie wirklich zurück. „Warte!“ flüstert sie. Hält ihn an beiden Händen. Sie lauschen, wie sich die hallenden Stimmen langsam nach oben entfernen, zwei, drei, vielleicht sogar vier Minuten lang. – „So, jetzt komm“, sagt sie dann, „aber sei still. Nicht mehr sprechen jetzt.“ Langsam zieht sie ihn mit sich um mehrere hohe Tropsteingebilde herum, überklettert die durchgezogene hüfthohe Absperrung. Und auch wenn er friert, Lenz folgt wie in Trance. Dann diese Tür.
An dieser Stelle, Geliebte, erinnere Dich bitte an Arrowsmith, die ich eingangs des heutigen Briefes zitiert habe: „Wenn die Sìdhe sich zu einem Menschen hingezogen fühlen und ihn begehren, wird er geraubt und muß ihnen als Liebessklave oder Knecht dienen. Auch wenn ein Mensch nur wenige Tage mit ihnen gelebt hat, kehrt er verwandelt zur Erde zurück: als Heilkundiger, Seher, Geistesgestörter oder Dichter.“ Zum ersten Mal in dieser Erzählung wird sich nun zeigen, daß auch die Lydierin eine Sìdhe ist und dies in gar keiner Weise weniger als Du. W e n n Euch etwas verbindet, wenn überhaupt, dann das. Da ich ein Dichter schon bin, ist, als wir beide die Grotta wieder verlassen haben, eine folgende – aus bürgerlicher Sicht – Geistesgestörtheit obligat gewesen; für Lenz hingegen kommt zu ihr noch ein rasendes Altern hinzu, das auch die letzte Kraft aus ihm heraussaugt. Doch was er drinnen, hinter der Tür, erlebt, wiegt das auf. Er wird seine Liebe nie bedauern, auch später nicht, als er wieder getrennt von ihr ist. Nur kann ich sein Erlebnis jetzt nicht mehr erzählen, denn लक्ष्मी rief eben an: ob ich mit ihr und unserm Sohn und den Kleinen mit über den Weihnachtsmarkt gehen möge, den es seit heute wieder gibt (Du weißt wo, ich zeigte es Dir).

Ich möcht‘ das gerne tun und habe soeben Amélie angerufen, um unser Essen auf morgen zu verschieben. So ist nun nichts gedrängt, außer, daß ich noch schnell duschen muß. Denn für die Grottenerzählung brauche ich weitere Zeit, vor allem, weil ich eine Verbindung zwischen ihr und den Kapellen Deiner Achselhöhlen herstellen muß. Das verlangt Geschmeidigkeit ohne Hetze.

A.

*


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2 Kommentare zu Elfter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 13).

  1. (Zu dem Journalisten. Mir fällt ein, daß er auch Kriegsberichterstatter sein könnte. In einem Märchenbuch wie diesem ist es besonders wichtig, Zeitgeschichte festzuhalten. Zumal auch hier ein Grund zu finden wäre, dessentwegen die Lydierin ihren Partner, den vor Lenz, verläßt. Sie hält die ständige Ungewißheiten nicht mehr aus, nicht die permanente Angst um diesen engagierten Mann. Auch hierfür kann ich auf eine Geschichte zurückgreifen, deren quasi Zeuge ich war: Der ehemalige Freund einer guten Freundin war Fotograf in Krisengebieten; seine Bilder wurden weltweit gedruckt; er war berühmt. Die Freundin war es, die ihre Angst um ihn nicht mehr aushielt und die ihn deshalb verließ. Tatsächlich wurde er wenige Jahre später in Afghanisten erschossen, kniend von hinten in den Kopf. Ich arbeite heute mit seinem Photoshop; starte ich ihn, leuchtet als erstes s e i n Name auf: Volker Handloik. – Also vielleicht der Lydierin vorigen Freund nicht Jessir, sondern Volker nennen. Allerdings ist Jessir näher an Lydien, und auch zu Triest paßt Volker nicht richtig.)

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