Von Bibern: Untriest 80. Montag, der 4. Mai 2015.


Arbeitswohnung, 7.11 Uhr
Beethoven, Zweites Klavierkonzert (Kempff)

Hat mich, Liebste,

geschafft, die Sauna gestern. Neun Gänge nach den anderthalb Stunden Durchschwimmens, davon vier Aufgüsse. Jedesmal unterschätze ich die Anstrengung und daß man dauernd, draußen, Viertelstundenschläfchen hält. Hinterm hohen Zaun jubilierendes, ja geschmettertes Vogelzwitschern; bei einem mußte ich sogar auflachen, derart insistierte es auf seiner Daseinslust. Vielleicht war das Tierchen auch ein wiedergewordener Heine, der durch die Lattenspalten lugte und sich über die menschlichen Körper amüsierte oder über sie herzog, seinem Mitgetier zur Freude. Tatsächlich sah ich in den siebeneinhalb Stunden nur zwei schöne, den eines bereits älteren Mannes und den einer jungen Frau. Alle anderen waren vernachlässigt – nicht ungepflegt, nein, sondern wie etwas behandelt, auf das man nicht wirklich Wert legen müsse. Welch beschämender Umgang, dachte ich, spürte ich, mit der Physis; und war doch ziemlich froh darüber, und nicht nur aus ästhetischen Gründen, mein Training wieder aufgenommen zu haben. Und dämmerte schon wieder weg.
Zum Lesen kam ich also nicht. Aber im Zug werde ich dazu kommen. Gegen 14 Uhr will ich aufbrechen.

Komisch, daß ich gestern anfing, diese Klavierkonzerte wiederzuhören, und heute abermals mein Sinn danach steht. Die ersten beiden sind noch ganz luftig, wiewohl ich denke, daß mit Beethoven die säkulare Bekenntnismusik in die Welt kam.
Schon gleich zwei Briefe heute morgen. Das Traumschiff stößt dort auf, erwartbare und nachvollziehbare, Zurückhaltung, wo Menschen derzeit selbst mit dem Tod umgehen müssen, ob dem eigenen, ob – schlimmer – dem ihrer Nahsten. Schreiben sie mir dann, antworte ich selbstverständlich, und zwar möglichst umgehend. Es gibt etwas, vor dem wir verstummen müssen, auch aus Haltung, aber wir können, und müssen es vielleicht auch, dieser Stummheit Ausdruck geben. Anders wäre es nicht menschlich.

Die Löwin rief an. Sie will aus Wien nach Frankfurt kommen. Also habe ich noch gestern nacht einen Vorteig angesetzt. Sie wünscht sich ein Brot und möchte zusehen, wie ich den Teigling knete. Ich werde es auf dem Landsitz tun, über den ich vor mehr als vier Jahren >>>> dieses Gedicht schrieb. Auch dort werden mich die Vögel umschmettern. Es soll dort jetzt ein Biberpärchen geben, im Teich da mitten im Garten. Die alte Dame Löwinnenmutter bange um den Baumbestand. Ich schlug ausgleichshalber die Ansiedlung eines Braunbären vor, >>>> mußte mich aber belehren lassen, daß weder Bären noch Wölfe für den Biber wirklich eine Gefährdung sind. Wer ständig neue Geschichten scheibt, muß dauernd recherchieren.

So, mein Herz,
hab einen guten, vom Leib gesegneten Tag.

A.

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