Nicht mehr. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 2. September 2014. Mögen.



[Arbeitswohnung,
10.46 Uhr]

Nicht mehr mögen
auch nicht mehr können
auch nicht ertragen, daß wieder jemand von Selbstmitleid spricht
ins Leere schreiben, fastLeere, die Freunde sind ja da
aber das ist ohne Relevanz, sie sind auch bei den Nichtbegabten
aus Freundschaft (wie es sich gehört), und aus Liebe

müßte Überweisungen tätigen, kann nicht
Lähmung, nah das Wasser unter den Iriden

immerhin: seit acht Uhr >>>> an dieser Skizze gesessen, sie auch >>>> schon eingestellt, wiewohl bestimmt noch nicht fertig; der letzte Vers hat noch nicht das richtige Wort, „verfliegende“ ist ein Behelf; es sollte ja das Fahren des Zuges enthalten sein, nicht schon der Flieger, auf den der Zug zufährt:
Abschied/Wehmut/(Hin)Fortbewegung: das brauch ich
zugleich Bewußtsein von Endgültigkeit
aufgeben
| aber was dann?

Es setzt mir enorm zu, hier noch mehr als in Italien, wo ich immerhin entfernt war,
nicht auf die Longlist zum Buchpreis gekommen zu sein
alles sieht jetzt dorthin, das
Traumschiff kann beiseitege|legt werden
Dahin die Hoffnung auf ein Einkommen, das es endlich rechtfertigen würde, von einem Beruf zu sprechen | doch wenigstens mit Sechzig
Das Bewußtsein: – was ich tue, is‘ Hobby Nett, haben viele
(wie einer feierabends tüftelt) | ‘s schreiben eh längst mehr als noch lesen
Gehör ich mit rein, Teil einer Masse | nix
Besondres, abgesehn vom Größenwahn
und einer sogar noch größren Ei|tel|keit
die wir ihm entschieden killen | auch mit
Nach|Reden falschen Teasers und
Verschweigen
(hat nie gelernt, wie unsereins zu schuften
hat nie gelernt, sich anzupassen
aber wir sind mehr:
Uns einen Strich zu machen durchs | Jeder hat seinen Preis
was fiel ihm ein?!)
Fliegende Mantas: Was soll das sein?
Spinner und außerdem | man zeigt nicht Schmerz
trägt ihn für sich ins Magengeschwür
wir tun das auch | und feiert noch das Leben
selbst wo wer stirbt | anstelle allgemein zu klagen!
Unverläßlich außerdem, was Politik betrifft
will sich nicht einordnen | gar schon nicht: lassen

Aber die Kraft geht mir weg
Muß mich entschuldigen für was ich tu‘
„Ach intr‘ssant | habe den Namen noch niemals
gehört Wie war er? Albert nochwas? Herbst?
Nee, tut mir leid -“
„Das ist doch ein Ribbentrop, der!“
„War mal an der Börse, sieht man ja gleich.“
„Die sterben nie aus. Schon, wie der guckt!“
„Hat Geld, ist reich, hält‘s nur geheim. | Denkt, wir fallen drauf rein.“
„Sonst könnt der sich so‘ne Haltung nich‘ leisten,
wie dicke Kloßbrühe klar.“
„Und diese Frauengeschichten, na, jetz‘ isser halt auch alt,
siehste die Risse? müss’ma nur ‘n bißchen pulen.“
(Bin ganz ohne Geld | habe | Angst.)

„Wär mir, was dir, auch nur drei Mal passiert, nur dreimal hintereinander,“ sagte gestern die Löwin, „hätt ich den Betrieb längst verlassen… nie, niemals das J a h r e ausgehalten. Wer bin ich denn?“
Wer wäre ich aber ohne dies? | Bin doch nur Wort
Bin geschriebenes Bild | außerhalb nix
und dann stehste da und hast
als erfolgreicher Geschäftsmann über deine Mitreisenden hergezogen
: „ham wa doch imma jesacht, wat dit für eina is‘“
und hast in den zwanzig Jahren vorher eine Trilogie geschrieben,
die nicht eine Rezension wert war | wie auch Elegien
alles für nichts | hast ein verbotenes Buch über die Liebe geschrieben
unendlich nahe | und gilt als ein Mißbrauch
Sie nannten mich in Rom schon einen Kinderficker | wegen der jüngeren Frau
und als ich in Frankfurt die Vergana vortrug | sprang
ein Journalist auf und zischte: „Kinderschänder!“
Ich trage all das mit mir
hatte über Tragik geschrieben, eine Ver|fallenheit
für die wir nichts können, die uns aber ist
wenn wir noch spüren
als wär nicht darin Geschichte mit|erzählt
schuldlose Schuld und | wie wir uns fügen müssen
wie wir uns bäumen, es hilft nichts
: Das kauft dann sowieso keiner – | „Du hast keine Leser“:
dtv um 2002, und strich mich aus den Posten | Mit „Meere“
war‘s dann endgültig aus | mit dem und sei‘s nur Respekt
Seither der Unhold den meidet | wer im Betrieb auf sich hält

So stand ich gestern abend, nach dem Regen, in der Nacht
und mochte nicht mehr
Holte die Familie ab | erster Ball des Sohns
und sie glitzerte, die Nacht | leuchtete | glühte mir zu
des Töchterchens Hand in der meinen
Da kam an der Ampel das Glück über mich
kamen der Duft und die Klänge
Ich stand wie in Wasser, das warm | steigt
Erdwasser Allwasser
und dachte „Nein! – Nein, ich | gehe noch nicht.“
Wir haben ein einziges Leben | dann nicht mal Nacht mehr
Nichts nur Nichts
Da soll ich von mir geben, von mir lassen | was ich besungen?
Ist nicht jeder meiner Texte eine Preisung?
Will ich das nicht mehr weitergeben? aufgeben also
woran ich glaube?
Für die reservierte Entferntheit?
Für die Korrupten?
Für die pragmatischen (jeder hat | seinen Preis)?
Oder weiterstehen, aufrecht | weiter durch die Jauchen waten?
: für deine Kinder und | sei es nur ihnen | zeigen:
Das war einer, der‘s wagte und durchhielt

?



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4 Kommentare zu Nicht mehr. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 2. September 2014. Mögen.

  1. (Immer, in Gegenwart der Kinder, immer, von Kindern umfaßt,
    ist es, als zöge von ihnen die Hoffnung
    auch in mich zurück; das ist seltsam: Sie füllen mich an, müssen nur lachen
    oder traurig sein, damit ich sie trösten | darf
    Daß ich für sie sorgen darf
    Daß ich sie schützen darf

    Sie geben mir ein Dasein, Hiersein, Vorhandensein:
    Ich neben der Literatur (auch ohne sie):
    nur Kinder – mein Antidepressivum:

    v o r b e h a l t l o s leben.)

  2. Bodo Blaumann sagt:

    Longlist Irritiert mich nach nochmaliger durchsicht der Liste ebenso, dass Ihr neuer Titel „Traumschiff“ nicht unter den Nominierten ist. Liegt es daran, dass Ihr Roman erst im August veröffentlicht wurde?

    • @Bodo Blaumann. Nein. Das Buch erschien in der in Frage kommenden Zeit. Eingereicht war es früher als pünktlich. Wir wurden sogar um einen Text für die Anthologie gebeten, die aus den Büchern der Longlist entstehen soll – für den Fall, daß dieses Traumschiff nominiert werden würde. Wurde es nicht.
      Wie wir nun wissen.
      Menschen schließen, die wissen, sehr Verschiedenes daraus.
      Für Veranstaltungen war es oft ähnlich. „Wir würden gern erst die Druckfahnen sehen“. Klar, nachvollziehbar. Als sie dann vorlagen: „Tut uns leid, 2015 ist restlos ausgebucht.“ Hier nun schließen Sie bitte selbst.

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