Hochnervös. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 6. September 2015. Traurig.



Die >>>> Serie hält mich in Atem, auch wenn die Aufrufe, je intensiver ich mich auf einen Aspekt – wie zur Zeit auf den des Sanften – konzentriere, zunehmend weniger werden. Entweder liegt es an der Uninteressantheit dieser Person, bzw. Figur oder daran, daß Konzentration-selbst als Rezeptionshindernis empfunden wird. Dennoch, so habe ich auch meine Bücher geschrieben, immer jenseits von Mainstream und Ideologie; die Folgen habe ich zu tragen, es bleibt mir aber eh nichts anderes übrig.
Kein Lyrikmood mehr zur Zeit.
Tut mir leid. Ja, es tut mir tatsächlich leid. Ich mochte >>>> die Form sehr, und nicht nur, weil sie mir eine lebbare Distanz gab.
Mir geht zuviel nah.
Alles außer der Videoserie ist jetzt >>>> auf die Traumschiffpremiere gestellt (morgen werde ich sie auch hier in Der Dschungel annoncieren), auf die ich mich aber nicht freuen kann, sondern die ich herbeibange, aus faktischen wie persönlichen Gründen. Diese mag ich nur andeuten: Wieder tue ich einer Nahsten weh, sehr weh, und wieder komme ich aus der Lage nicht heraus. Nein, diesmal hat es nichts mit Der Dschungel zu tun; ‘s ist ein Innenkonflikt, eine währende Trauer, die sich notwendigerweise – : im Sinn von Determiniertheit – überträgt. Nein, keine Rationalisierung; wir sind zu fein gebaut für die. – Die anderen Gründe sind „faktisch“: Wer soll denn da hinkommen, wenn das Buch nicht bekannt ist? Ich habe schlichtweg Angst, in dem Riesensaal vor zwanzig Leuten zu sitzen. Wie ich gerade für >>>> dieses Buch damit umgehen würde, keine Ahnung. Es wäre eine mir furchtbare Niederlage, gerade bei einem Roman, der eben nicht experimentiert, nicht sogenannt „schwierig“ ist, sondern zärtlich, liebe- und hoffnungsvoll und ohne jede Provokation. Der auf meine Hypotaxen verzichtet, völlig klar im Stil und zudem an einer einzigen Person bleibt, die fast allen Menschen, die das Buch bisher lasen und mir Rückmeldung gaben, innig wird.
Aber wenn über das Buch nicht geschrieben wird, erfahren wenige von ihm; wieso sollten sie dann an den Wannsee kommen? Im Innern bereite ich mich auf das alte Verstell„spiel“ vor: selbstbewußte Miene zur Katastrophe zu machen. Wär ja nur ‘ne persönliche.

Sie können‘s auch so sehen: Die Dschungel ist eine Strategie der Werksicherung. Meines Wissens gibt es keinen zweiten Romancier, der öffentlich derart privat ist, nicht aus Exhibitionismus, wie mir so billig wie stetig vorgeworfen wird, sondern weil ich die Dynamiken erzähle, aus denen Geschichten, Gedichte, auch Vorträge entstehen, weil sie eben nicht aus dem Nichts kommen, sondern begründet sind; sie sind nicht ablösbar von der Person. Also wird die Literaturwissenschaft – wenn es sie weitergeben wird – hier ein Forschungsfeld finden wie nirgendwo sonst; eben das bewahrte meine Bücher vorm Vergessenwerden.
Als ich Die Dschungel gründete, war das noch nicht im Focus. Damals ging es mir schlicht darum, mir >>>> nicht den Mund verbieten zu lassen. Aber der Focus schärfte schnell seine Blende. Dazu kam dann, was ich schon in den Endachtzigern mit den >>>> Dschungelblättern angefangen hatte, also sowohl die Polemik gegen umgerechte, bzw. voreingenommene, nicht textbezogene Kritik wie die literarästhetischen Versuche. In sie führte ich neu die Frage ein, welche Rolle das Private für sie spielt. Es war dies – auch – eine politische Entscheidung, zu der mich einige Arbeiten im Umkreis der feministischen Künste inspirierten, bzw. öffneten sie mich für diesen Ansatz.
Man sah das nicht, sieht es bis heute nicht. Klar, ich „bin“ Macho, sowas paßt nicht ins Bild.
Ich ging auch nie Schnittchen essen bei Schröders.
Bin überhaupt unsozial: kein Fußball, kein Bob Dylan, auch ABBA übrigens nicht.
Überhaupt nichts, woran man dem Volk seinen Spaß macht.
Elitäres Arschloch, eitel und vermessen PUNKT
Der darf gar kein solches Buch wie das jetzt geschrieben haben, sanft für ein würdiges Sterben. Isser gar nich‘ fähig zu. Guckenwa doch gaanich‘ ers rein. (Und wenn wir gucken, finden wir garantiert einen Satz, dessen Wörter unstatthaft dastehn: manieriert halt, artifiziell. Also wirklich, der Typ ist kein Handke, schon gar nicht Lobo Antunes! Der soll sich an die deutsche Denkungsart halten!)
Außerdem, wenn wir das jetzt besprechen, gucken sich die Leute vielleicht auch die früheren Bücher an. Das muß verhindert werden. Seid euch, Kollegen, des Risikos bewußt. Wie stünden wir dann da?

Hohe Nervosität.
Traurigkeit, auch Angst.
Keine gute Rampe, um in diese Premiere zu rutschen.
Doch wer außer mir gäbe es öffentlich zu?
Trag ich am Dienstag eine Krawatte? Oder komm ich in Jeans und Lederjacke?
Es regnet. Heute ist der erste Tag, an dem ich keinen hellen Anzug mehr trage. Gedecktes Braun statt dessen.
Es regnet. Der Sommer ist vorüber.

(Ich überlege ernstlich, ob ich diesen Winter wieder nicht heize. Kein Geld für Kohlen momentan. Hab‘s ja s c h o n mal gemacht, vier Winter hintereinander, den ersten, um zu sehen, ob ich‘s im Notfall kann, die andren drei andren waren Sport, um mein Selbst zu trainieren.
Es geht, is‘ nur blöde bei Damenbesuch. Doch wie es jetzt aussieht, wird‘s eh keinen geben. Wenn aber doch, stelle ich halt den Heizlüfter auf.)

Ein junger Kollege, den ich literarisch sehr schätze, schrieb mir, er sei nach Nizza ausgewandert; dort werde er bleiben, so lange das Geld reicht. Er bekommt irre Vorschüsse, auch wenn sich die Bücher schlecht verkaufen, versteht das selbst nicht. Aber ich versteh‘s. Es gilt dasselbe wie bei den Preisen: einmal auf dem Karrussell, bleibst du für immer drauf. Sofern du keinem ans Bein pißt.
Seid also achtsam und fügt euch. Oder, wie er, wandert aus. Dann ist das Risiko geringer. Ihr müßt halt nur die Mittel haben. (Glaubt mir, ich täte es dann a u c h.)


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5 Kommentare zu Hochnervös. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 6. September 2015. Traurig.

  1. Mangan sagt:

    Die Person ist uninteressant (und bemitleidenswert), weil sie immer die gleichen peinlichen Gefühle hervorruft.

    • @Mangan. Der Sanfte ruft in Ihnen peinliche Gefühle hervor? Das finde ich interessant. Inwiefern tut er das? Womit? Daß man ihn bemitleiden kann, finde ich aus bürgerlicher Sicht, die Besitzstandshäufung und -wahrung braucht, nachvollziehbar, aber dieses Gefühl der Peinlichkeit verweist auf etwas noch anderes. Können Sie es präzisieren?

  2. oegyr sagt:

    Eindruck zur Video-Reihe „Der Sanfte“ An der Reihe „Der Sanfte“ gefällt mir neben der Figur vor allem der Ort, den sie (auf-) sucht, „die Brache“. Figuren sind ohne ihre Orte nicht denk- und auch nicht beschreibbar, was gerade die nachträgliche (Film-) Bebilderung zeigt. Die Brache aber, dieser Ort des Dazwischen, des Schon noch nicht mehr, ist ein in der Tat sanfter – gerade in der Brutalität seiner Verheerung, der sich doch widerständig zeigt – wie der Sanfte selbst.

    Und ist nicht auch da Traumschiff ein nämlicher Ort, einer des Verschwindens und dadurch sanft wieder Auftauchens? Das werden nicht viele so sehen, gerade nicht die vielen, die morgen nicht kommen. Aber gerade gegen deren Unaufmerksamkeit gilt es, solche Orte (und die sie bevölkernden Figuren) zu bewahren – vor dem Vergessen. Denn aus ihnen, jenen Orten, wächst immer wieder die ANDERSWELT. Viel Glück gleichwohl morgen, wenn das Traumschiff über (Kleists!) Wannsee schippert.

    • @Ögyr, „gilt es, solche Orte zu bewahren“. Ja. Es ist dies auch eine Form der – menschlichen, humanistischen – Geschichtsschreibung, eine Schreibung von unten, aus der Perspektive dieser Menschen, – einer zwar, das läßt sich mit Recht einwenden, poetisch imaginierten, aber es hält eine Möglichkeit fest, die andernfalls zum Verschwinden gebracht, bzw. – wie es in dem neuen, dem >>>> Clip von gestern heißt – „weggemacht“ würde.

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