„Alle Menschen schlafen“. Das Arbeitsjournal des Freitags, dem 18. September 2015. Abends mit Stockhausens Michaelsreise.


[Arbeitswohnung,
7.12 Uhr]

>>>> Das da hat mich extrem Nerven gekostet, und Zeit, und dennoch sieht man die eigentliche – fast achtstündige – Arbeit nicht mehr, ganz objektiv nicht. Denn nachdem der Computer meldete, nachts um halb elf!, er brauche zum „Render“n, also zum Mischen und endgültigen Abspeichern der mp4 z e h n !! Stunden, gab ich es wütend auf, mehr noch frustriert, und haute das jetzige Ergebnis in dem alten Schneideprogramm in knapp einer Stunde hin. Überhaupt dachte ich, wie sinnlos, was du nun schon wieder machst! Die paar Zugriffe rechtfertigen doch all den Aufwand nicht, zumal einen neuerlich unbezahlten; es ist wie mit deinen Büchern – aber damals, als ich sie anfing, war ich so voller Zuversicht, die mit den Jahren mein Trotz ersetzte, früh schon der Kampfgeist, immer aber im Glauben, „man“ werde erkennen. Freilich setzt das ein „wollte“ voraus. Das offenbar nicht da war noch ist. Man will n i c h t.
Nun also dieses Videoding. Jeden Tag einen Clip setzt mich unter Druck, sehr, weil ich anderes, das mich frustriert, dazu wegdränge; es wäre aber auch nicht auszuleben, weil sich gar nichts tun läßt: Ich bin da in die Passivität gepreßt. So auch jeden Tag die Frage, ob ich mir wirklich, wie meine Gegner meinen, nur etwas einbilde, ob letztlich all meine literarische Arbeit das mißlungene Ergebnis einer lebenslangen narzißtischen Selbstfiktion ist, der ein allenfalls mäßiges Talent entspricht. Andrerseits andre. Ein befreundeter Literaturwissenschaftler schrieb mir gestern: „… – das ist alles unverändert skandalös“, und die Löwin, der ich‘s zitierte, stimmte zu: „Nein, du bist nicht hysterisch.“ Dagegen Sabine Scho, die versucht, die Vorgänge auf banale Normalität herunterzubrechen – am liebsten schriebe ich „hinunter“, aber es entspräche nicht der Realität; und vielleicht hat sie ja recht. Ich zweifle und zweifle, fühle mich ökonomisch hoch bedroht, beobachte täglich fast panisch das Rauf und das Runter der >>>> amazon-Verkäufe, eher das Runter, nur in den Zahlen ist es ein Rauf; so ist kein Blumentopf zu kaufen, auch nicht die Blume allein. Dem entsprechen die raren Youtube-Zugriffe aufs genauste.
Wieder also etwas stemmen, denn das ist es, was keiner will oder nur wenigste wollen?
Heute morgen übrigens, ich hab es – zäh, wie ich bin – noch einmal probiert, rechnete das neue Programm die Filmdatei in nicht einmal dreißig Minuten; offenbar war der Arbeitsspeicher vollgeknallt und löschte sich nicht; dennoch kann ich die alte Version jetzt nicht gegen die bessere austauschen: Youtube läßt dies nicht zu. Aber ich kann, und werde es, den neuen Clip in >>>> meinen Vimeokanal einstellen. Das läßt sich heute wieder machen, weil meine Platzbegrenzung aufgefrischt ist (wöchentlich hat man 500 MB frei). Dort muß ich mich ja nicht an die „richtige“ Tagesreihenfolge halten; vielleicht hat es sogar einen Reiz, auf, sagen wir, Tag 6 Tag 49 folgen zu lassen.
„Arbeitstechnisch“ bin ich ein Zwängler, keine Frage.
Auch in der mir nötigen Routiniertheit der Abläufe. Es macht mir wenig aus, nach wie heute nur vier Stunden Schlafs um sechs aufzustehen; ich muß es aber täglich tun: Ein einziger Tag der Unterbrechung, des Sichgehenlassens, und ich fliege aus der Routine raus. So auch mit Romanen, so mit den Gedichten. Für mich ist Stetigkeit Arbeitsvoraussetzung. Übrigens schon seit Jahrzehnten; wer Die Dschungel verfolgt hat, weiß das.

Der Mops ist wieder hier, wahrscheinlich für drei Tage. Wenn ich heute laufen gehe, im Friedrichshain, nähme ich ihn gerne mit, weiß aber nicht, ob er die etwas mehr als sieben Kilometer durchhält. Amélie anrufen, fragen. Zumindest eine SMS schicken, in ihr Etablissement.

Für den heutigen Clip hab ich noch keine Idee; ich muß ihn aber früh fertigen, weil ich abends mit meinem Sohn, worauf ich mich freue, >>>> im Stockhausen sein werde. Nein, ich werde mich nicht unterkriegen lassen, schon gar nicht von einem Programm. Kurz auf etwas Abstand gehen: Andere erlernen es in einigen Wochen, wenn nicht Monaten. Ich begriff in den vergangenen Tagen sehr genau den Begriff „Spiel“. Mein Sohn hat gespielt, stundenlang. Und darüber gelernt. So spielen die Jugendlichen auf ihren Handys, so lernen sie vor den Bildschirmen sich vorzubereiten und bereit dann zu s e i n. Jede Form von Technikfeindlichkeit sperrt sie von den Möglichkeiten und den Notwendigkeiten aus, die in unserer Zukunft auf sie warten.

Die Sonne scheint.

„Alle Menschen schlafen“: Manchmal fällt mir vor dem Inhalt der Titel eines neuen Buches ein:

Alban Nikolai Herbst
ALLE MENSCHEN SCHLAFEN
Roman

Ich saß vor dem Videoprogramm, war verzweifelt, dachte an die Nächte, wenn wir alle hinwegsinken, wir Freien wie die Gefangenen, wir im Glück wie in der Not, >>>> die Fliehenden sogar – und da, genau da stand mir dieser Titel vor Augen: täglich, selbst im Knast, eine Tür zur Erlösung. Alle Menschen schlafen: Nach dem >>>> Traumschiff das organischste, nämlich „natürlichste“ aller Themen. Allerdings habe ich vorher die Triestbriefe fertigzuschreiben.

Und >>>> n o c h was.

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7 Kommentare zu „Alle Menschen schlafen“. Das Arbeitsjournal des Freitags, dem 18. September 2015. Abends mit Stockhausens Michaelsreise.

  1. diadorim sagt:

    ich empfinde die realität dabei weniger banal, als durchaus brutal, aber diese brutalität an ihr kommt mir leider sehr normal vor, weil ich sie nicht nur bei dir erlebe, mir fallen aus dem stegreif einige autor*innen ein, die schlicht vergessen wurden. mir ist klar, dir hilft diese sicht der dinge nicht, mir hat sie immer geholfen, das unterscheidet uns. ich sage das aus dem ganz einfachen grund, weil ich glaube, menschen verbringen nicht die zeit mit ausgeklügelter ablehnung und ränkeschmiederei, nein, sie verbringen sie damit, ihren interessen nachzugehen. bei den wenigsten ist das interesse aber von ablehnungen bestimmt, du stellst ja auch nicht im wahn denen nach, bootest sie aus, die du verachtest, du arbeitest an den dingen, die dir freude bereiten. dennoch muss ich in deinem fall nicht recht haben, kann ja durchaus sein, dass dich einige wirklich auf dem kieker haben, ich sage nur, wie es mir vorkommt, ganz generell. du bist autor und du bist gerne autor, das steht außer frage. ich wüsste da keine lösung als weitermachen. entwürdigend finde ich es allemal, was das für ökonomische folgen hat. das würde ich auch nie kleinreden. wenn ich eine lösung wüsste, ich würde sie dir umgehend verraten. und hysterisch habe ich dich nie genannt. ich kenne doch auch nur einen bruchteil der genese im betrieb bei dir und ich kenne andere autor*innen, die sich auch gerne mal überworfen haben mit verlegern zb, nicht so wenige. das scheint mir eigentlich auch eine definition zu sein von autor*in. unzufriedenheiten mit verlegern und verlagen sind mir bei jeder und jedem bekannt, auch bei denen, die mehr verkäufe erzielen, und das nicht zu knapp. ebenso unzufriedenheit über die öffentliche wahrnehmung. von daher ist es für mich normal. brutal normal und normal brutal.

  2. diadorim sagt:

    und, um das abzuschließen, wenn ich wirklich annähme, der betrieb existierte als auktorialer dr no in der absicht, mich konsequent abzuwehren auf allen ebenen, dann dürfte ich erst gar nicht mehr auf ihn bauen, oder müsste erkennen, dass das nicht ganz hinhauen kann. dass das bei dir nicht ganz hinhauen kann, ist klar, sonst würde keines deiner bücher verlegt. die hürde ist genommen und das immer wieder. der zweite level, damit kohle machen, ist eben verdammt schwierig, für alle.

  3. born sagt:

    Unfreiheit Mir tut es schmerzlich weh die Dschungel zu lesen. Alles ist so verhärtet, so mit aller Macht gewollt, so wenig leicht, oft auch wenig zugänglich.
    Das Wollen, der Trotz, die Wut, der Zweifel, die Disziplin, der Zwang. In den vielen Jahren Dschungel lesen habe ich einiges davon bewundert, anderes verdrängt. Ich vermisse Leichtigkeit im Trotz, Lachen in der Wut, Hoffnung im Zweifel, Hedonismus in der Disziplin.

    Ich fühle mich hilflos und ausgeliefert wenn ich hier lese. Die Ehrlichkeit macht das, aber ertragen, das, ist schwierig und meine Hoffnung dass schließlich alles gut wird, wird immer kleiner.

    Am ende wird doch immer alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

    • @born. „Ich vermisse Leichtigkeit im Trotz, Lachen in der Wut, Hoffnung im Zweifel, Hedonismus in der Disziplin.“ – : Ich auch. Sehr. „Woher nehmen Sie nur Ihren unbrechbaren Glauben an das Leben?“ hat man mich bisweilen gefragt.

      War also alles mal da, über fünfeinhalb Jahrzehnte, und mehr, deutlich mehr als bei anderen. Die Schläge in den Nacken für Meere, die Bamberger Elegien, Argo, jetzt das Traumschiff haben mich geschwächt; geh ich zu mir auf Abstand, sehe ich eine chronische Kränkungsstörung. Über die Ursachen habe ich oft geschrieben und mich oft gegen sie gewehrt; imgrunde ging’s mit meinem Herkunftsnamen schon los. Erkrankung aber fängt an, erst dann an, wenn man begreift, daß sich zu wehren vollkommen sinnlos ist. Dann muß man lernen zu akzeptieren und sich ergeben, auch dem Unrecht, auch jedem Mobbing. Einem wie mir fällt das schwer.

  4. born sagt:

    noch etwas wollen mir scheint, das Sterbebuch zu schreiben und die Chance verweigert bekommen zu haben, noch einmal am entstehen von Leben beteiligt zu werden, hat die düstersten Wolken aufziehen lassen die je über Die Dschungel hingen.
    Das Leben ist noch lange nicht zu Ende, ein neue Generation wird kommen, der zu schreiben und vorzulesen sein wird. Mir scheint das verharren an einer biographischen Stelle, das kneipsche Wassertreten ohne Fortbewegung, macht krank. Anerkennung findet schon statt, das man von ihr nicht leben kann ist schmerzlich – ja – aber kein Grund nicht weiter zu machen. Mir scheint die Hektik krank, das ewige streben nach der Form sowohl körperlich als auch in der Kunst – ich habe nie geglaubt das man(n) das ewig aufrecht erhalten kann,. Die Kunst nun wird sein, einen der vielen bis zum zerreißen gespannten (nervlichen) Fäden zu lockern, ohne das Gebäude einstürzen zu lassen. Lassen Sie es gehen Herbst. Bitte. Es ist Zeit seinen Blick weise über die vielen Dinge des Lebens schweifen zu lassen und sich des Glücks bewusst zu werden das es heißt ANH zu sein. Sie haben mir so viel bei gebracht über das Leben, waren so ein wundervoller Lehrer, Sie sind ein Freund den nicht viele haben und so möchte ich Sie sehen. Als einen ruhenden Pol in mitten dessen was die Turbulenzen des Lebens sind. Ich warte auf das Liebes Buch. Nach dem Sterbebuch.

    • @born. Sie deuten den Anlaß richtig, denke ich. Dennoch: „ich habe nie geglaubt das man(n) das ewig aufrecht erhalten kann“:: es kann nur um Form gehen; verliere ich sie, bin ich restlos verloren. Die Löwin hatte schon recht, mich wieder zum Sport zu, na ja, „treiben“. Ich spüre, wie die schleichende Resignation sich in Wut zurückschwingt, was Kraft bedeutet, auch Aggression, klar, nicht aber aufgibt. Der Schlüssel dafür ist tatsächlich die Form. Was die Weisheit anbelangt indes, sie kommt nie aus Verletzung, schon gar nicht aus ständigem Weiterverletztwerden. Die Blicke schweifen lassen können, wie Sie gern möchten – und auch ich stelle mir das schön vor -, wird mir vielleicht dann mit Neunzig zuteil. So schrieb ich’s in den Bamberger >>>> Elegien:

      Möglich, mein Sohn, daß ich bald sterbe, obwohl ich so alt, uralt, ein Greis werden, der des Naturlaufes halber gebrechlich ist, wollte – noch über die Grenzen des Körpers hinaus und erst dann aus erschöpfter Hinfälligkeit endlich weise; anstatt wie die Rosen zu sein, wenn sie im Garten noch immer neu aufblühen möchten, doch können sie’s nicht mehr. (…) Ich wehte fort. Doch sähe zuvor über die Frauen und Kinder dahin. Das wollt‘ ich auch noch erschöpfen. Das wäre meine Zeit für den Geist. Nähme, als Alter, meiner Frau Hand, der Geliebten – auch sie will, die jüngre, schon altern -, nähm sie mit einer und ordnete, was sich dem Abscheiden vorordnen läßt, mit der andren. Dann ginge ich. Keiner, auch Du nicht, würd es recht merken. So stünde die stille Musik noch für Wochen, daß ich mal war, in den Räumen.
      Neunte Elegie, Anfang

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