Für Signora Silvia Soldi (1917 – 2015). Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 23. September 2015. Außerdem München.


[Arbeitswohnung, 6.06 Uhr
Busoni/Bach, Chaconne d-moll
(Hélène Grimaud): Was für >>>> eine berührend schöne Frau!
Ich sah sie eben an, zum ersten Mal, und es ging mir wie durch
mein Herz.]

Seit halb sechs auf. Die aufgefrischte Mutterhefe ging über, da war zuerst zu walten.
Und der über Nacht gereifte Teigling mußte gefaltet werden.
Die Morgenpfeife nun, der Latte macchiato.

Es gibt im >>>> Traumschiff eine Nachtszene, worin Herr Lanmeister eine greise Frau schreien und hilflos heulen hört, was immer wieder in den Ruf „Sto tanto male!“ übergeht, Es geht mir so schlimm, so schlimm. Ich selbst habe diese Szene erlebt, nicht aber auf dem Schiff, sondern bei >>>> dem Freund in Amelia und >>>> schon einmal davon erzählt. Leser:innen Der Dschungel werden sich vielleicht erinnern.
Die Schreie hallten nachts über die kleine Piazza hinter Schulzes Haus, sie hatten jeder ein langes langes Echo. Man hörte schließlich Stimmen dazu, die ebenso hilflos waren. „Manchmal“, erzählte der Freund, „kommen dann die Carabinieri und bringen sie für einen Tag ins Hospital“, das den Berghügel hinauf wenige Schritte entfernt liegt. „Aber schon nächsten Tages wird sie zurückgebracht. Dann ist für eine Woche Ruhe. Dann geschieht es erneut.“
Auch in ruhigen Momenten schimpfte sie viel, schimpfte, vorgebeugt über das Plätzchen stakend, schimpfte und schimpfte. Ein kleines greises Frauenmensch.
Gestern morgen ist es gestorben.
Deshalb werde ich meine Tagesplanung heute umwerfen und diese Traumschiffszene einsprechen und sie Frau Soldi widmen. Es spielt keine Rolle, daß ich mich, um nicht >>>> Zehnseiten.de ins Gehege zu kommen, mit anderen, eigenen Traumschiffvideos bis zur, hatte ich vor, Buchmesse noch zurückhalten wollte.

Aus München kam eine nächste unschöne Nachricht. Es scheint dort tatsächlich keine Lesung möglich zu sein, jedenfalls nicht an einem eingeführten literarischen Ort. Der Kollege, der sich nun schon mehrfach für mich verwendet hat, schrieb mir von einem „befremdlichen“, „sehr unterkühlten“ Ton. Ich bin und bleibe Ärgernis, all die Liebe, mit der ich erzähle, hin, alle Liebe her. Mein depressiver Schub mag abgeflaut sein, nicht zuletzt dank dem wiederaufgenommenen Sport, doch das tat wieder weh gestern abend. Es ist vor allem diese Hilflosigkeit: daß man sich wie auch immer verhalten und was auch immer schreiben kann, man bleibt zur Unperson erklärt, sogar von Leuten, die einen gar nicht kennen; doch sie glauben, es zu tun. Als vere r bten gesellschaftliche Urteile sich.
Jetzt warte ich noch auf die Absage vom Literaturfonds – und hoffe dennoch; i m m e r, wenn mir wieder Kraft zuwächst, hoffe ich. Manchmal fühl ich das als Fluch.

Weitermachen. Es liegt noch vieles vor mir.

Ach ja, und gestern sprach ich Pound:




Ein paar Bemerkungen dazu >>>> dort und drunter noch, zum Ton, im Kommentar.

*
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3 Kommentare zu Für Signora Silvia Soldi (1917 – 2015). Das Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 23. September 2015. Außerdem München.

  1. parallalie sagt:

    silvia silvia (in muß dich ein bißchen berichtigen)… nein, ins krankenhaus wurde sie nie gebracht, schon gar nicht von den carabinieri, die 2-3 mal sogar von selbst vorbeikamen und klingelten und sich gar beschwerten, wenn sie nicht bald reagierte, denn sie wußten von diesen panikattacken. krankenwagen hielten auch, aber das haus verließ sie außer für ein paar schritte mit ihren zöpfen und ihren vielleicht 1,50 m nie, eher immer nur eine große aufregung. much ado about nothing. ansonsten terrorisierte sie an x-nachmittagen die passanten – denn sie saß oben am fenster, nur man sah sie nicht wegen der fast ganz geschlossenen fensterläden – plötzlich erscholl dann die stimme: „signore!“ oder „signora!“ oder je nachdem, ob man bitte kontrollieren könne, dass die haustür geschlossen sei. fast alle – mich eingeschlossen – ließen sich dazu herbei, zur tür zu gehen und hinaufzurufen: „è chiuso!!!“ das mehrmals am nachmittag. dem sarg, den man zu fuß zur nahegelegenen kirche trug, folgten heute wohl nicht mehr als ein dutzend personen, die ich als platzbeobachter bis auf eine, die jeden tag dort auftauchte, niemals gesehen. greisengaraus dieses jahr auf dem platz vor und unter den fenstern: gegenüber das greisenpaar starb anfang des jahres. erst er, dann etwas später sie. schade, dass ich das eine mal, als sie schon als witwe auf der straße mich um eine zigarette bat, keine bei mir hatte. ihre flüche aus dem badezimmerfenster gegenüber werden mir noch lange nachklingen: „porca madonna d’un cane d’un mondo!“- das eigentliche, was silvia betrifft, steht im traumschiff.

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