Ezra Pound: Properz‘ Fürbitte um das Leben seiner Dame. Die No 26 aus dem dritten Buch der Elegien. Erster Übersetzungsversuch.





Hier nun, Persephone, hör auf die Stimme Deines Herzens,
Hier zeige, Pluto Du, nicht Deine größre Härte.
So viele tausend Schöne sind den Avernus schon hinab,
Da lasset oben mit uns Eine.

Mit Euch ist Iope, mit Euch die glänzend-weiße Tyro,
Mit Euch sind Europa und die schamlose Pasiphae
Und alle Schönen Troias und alle aus Achaia,
Aus den untergegangenen Reichen Thebens und des vergreisten Priamus‘;
Und all die Mädchen Roms, so viele so sie waren,
Schieden sie hin, und Eurer Flammen Gier haben sie verzehrt.

    Hier nun, Persephone, hör auf die Stimme Deines Herzens,
    Hier zeige, Pluto Du, nicht Deine größre Härte.
    So viele tausend Schöne sind den Avernus schon hinab,
    Da lasset oben mit uns Eine.


Pound:

Here let thy clemency, Persephone, hold firm,
Do thou, Pluto, bring here no greater harshness.
So many thousand beauties are gone down to Avernus,
Ye might let one remain above with us.

With you is lope, with you the white-gleaming Tyro,
With you is Europa and the shameless Pasiphae,
And all the fair from Troy and all from Achaia,
From the sundered realms, of Thebes and of aged Priamus;
And all the maidens of Rome, as many as they were,
They died and the greed of your flame consumes them.

Here let thy clemency, Persephone, hold firm.    
Do thou, Pluto, bring here no greater harshness.    
So many thousandfair are gone down to Avernus,    
Ye might let one remain above with us.
    



Propertius:

HAEC tua, Persephone, maneat clementia, nec tu,
Persephonae coniunx, saevior esse velis.
sunt apud infernos tot milia formosarum:
pulchra sit in superis, si licet, una locis!
vobiscum est Iope, vobiscum candida Tyro,
vobiscum Europe nec proba Pasiphae,
et quot Troia tulit vetus et quot Achaia formas,
et Thebae et Priami diruta regna senis:
et quaecumque erat in numero Romana puella,
occidit: has omnis ignis avarus habet.


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2 Kommentare zu Ezra Pound: Properz‘ Fürbitte um das Leben seiner Dame. Die No 26 aus dem dritten Buch der Elegien. Erster Übersetzungsversuch.

  1. Anmerkungen zur Neuübersetzung von Pounds Prayer von Properz. Eva Hesse, Pounds nach wie vor die deutschsprachige Statthalterin, übersetzt folgendermaßen:

    Persphone, hier halte Deine Gnade stand,
    Laß walten, Pluto, keine weitere Härte;
    Soviel tausend Schöne fuhren zum Avernus,
    Laßt wenigstens die eine oben bleiben.

    Bei euch ist Iope und die schimmernd-weiße Tyro,
    bei euch Europa und die zuchtlose Pasiphae,
    Und all die Lieblichen aus Troja und Achaja,
    Aus den zerfallnen Reichen Thebens und des alten Priam;
    Und all die römischen Mädchen, soviel es waren,
    Gierig belecken eure Flammen allesamt.

    Persephone, hier halte Deine Gnade stand,    
    Laß walten, Pluto, keine weitere Härte;    
    Soviel tausend Schöne fuhren zum Avernus,    
    Laßt wenigstens die eine oben bleiben.    

    Ich finde das nicht akzeptabel, vor allem nicht, wenn man mit der lateinischen Vorlage vergleicht.
    Mal im einzelnen:
    – Der zweite Vers bezieht sich deutlich auf Persophone, indem Properz Pluto namentlich gar nicht nennt, sondern ihn als Persephones Gatten anspricht (Persephonae coniunx); genau das erklärt aber die „greater harshness“ – nämlich größer als Persephones. Bei Hesse wird diese Strophe bezugs- und also ihres Sinns entleert: keine größere Härte walten zu lassen als die seiner Frau. Deren Milde Properz aber anruft (die sie als Kore hatte und jedesmal wiederhat, wenn sie aus dem Hades auf die Erde zurückkehrt, für den Frühling und Sommer)
    – „down to Avernus“ ist schon bei Pound nicht ganz korrekt; Properz schreibt vom „inferno“; der Lago Averno galt den Römern als Eingang dort hin, nicht als die Unterwelt (Hades) selbst. Deshalb in meiner Version statt Hesses „zum Avernus“ nun „den Avernus hinab“
    – Hesse unterschlägt Pounds altengliche Anredeformen („Thou“/„Ye“/ „thy“); ich habe versucht, sie ins Prädikat zu übernehmen („lasset“ statt „laßt“) und durch Großschreiben der Anreden ( „Eure“/ „Du“); dem entspricht, daß ich auch „die eine“ großschreibe: Eine.
    – Das „They died“ des zehnten Verses läßt Hesse einfach weg, obwohl der Satz es braucht: „And all the maidens of Rome“ setzt ja, weil vorher ein Semikolon stand, neu an, ist grammatikalisch also nicht Fortsetzung der vorangegangenen Aufzählung. Gemeint ist „Und alle Mädchen Roms starben“, und zwar mit elegischer Wiederholung des Subjekts: „Und alle Mädchen, sie starben“. „As many as they were“ ist nur ein verstärkender Einschub.
    – Im selben Vers wird bei Hesse aus „consumes them“ ein lediglich-Belecken, was viel zu geschönt ist; außerdem ist es sexualfeindlich.
    Weshalb ich für „Prayer“ „Fürbitte“ statt „Gebet“ gesetzt habe, liegt auf der Hand.

    Pound selbst ging mit Properz übrigens sehr frei um, insofern er von der Elegie die letzten sechs Verse

    nec forma aeternum aut cuiquam est fortuna perennis:
    longius aut propius mors sua quemque manet.
    tu quoniam es, mea lux, magno dimissa periclo,
    munera Dianae debita redde choros,
    redde etiam excubias divae nunc, ante iuvencae;
    votivas noctes, ei mihi solve decem!
    wegläßt und durch die erste Strophe als quasi einen Refrain ersetzt. Daß er dies so tut, unterstreicht die Emotionalität seines Gedichtes enorm. Es ist höchst interessant, daß er es eben in die „Personae“ hineingenommen hat, die sich betont mit der troubadourischen Minnedichtung befassen. (Pound schlüpfte in die Rolle der Troubadours und schrieb viele dieser Gedichte a l s sie.) Besonders der Ton einer deutschsprachigen Nachdichtung muß das wiedergeben können. Deshalb habe ich mir meinerseits die Freiheit genommen, Pounds Refrain Properz‘ Ausrufezeichen zurückzugeben – dem Drängen einer klagenden Fürbitte angemessener als ein Punkt.

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