Zum ästhetisch Konservativen. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, dem 26. September 2015. Kurz auch Handkes Serbien.


[Arbeitswohnung, 5.28 Uhr
Vaughan Williams, The Lark Ascending]

Bisweilen braucht >>>> die Serie, wie eine Sinfonie, ein Scherzo:




Wobei sie freilich eher eine als unabschließbar konzipierte Suite ist, man könnte oder sogar müßte von einem Medley sprechen, Medley in progress, auch als ein The Best oder, je nach Perspektive, Worst of. Und weil ich gerade, nach ‚der Lerche‘ von gestern, Vaughan Williams höre, sei >>>> der gestrigen, bzw. vorgestrigen Diskussion (‚vorgestrig‘ durchaus im Doppelsinn) die Frage angehängt, ob dieser englische Komponist nun tatsächlich ‚schlechte Musik‘ komponiert habe, weil er den seriellen Regeln der Neuen Musik nicht gefolgt ist; nicht einmal Schönberg hat er musikalisch reflektiert, sondern ungebrochen weiter spätromantisch tonal komponiert, mit einigen Tupfern Impressionismus drin, und zwar bis in die späten Fünfziger. Einen sehr unähnlich-ähnlichen Fall stellt der von mir immer wieder, ich werd da nicht müde, beworbene >>>> Allan Pettersson da, der sich jedoch, anders als der Engländer, bis heute nicht durchsetzen konnte, jedenfalls nicht weltweit.
Ich meine eher, daß sich ‚die Dinge‘ aus der Rückschau von nur fünfzig/sechzig Jahren anders ausnehmen werden und künstlerische Ansätze zusammengehen, die man in ihren Entstehungsjahren schroff, oft doktrinär getrennt hat und um die dafür ideologische Auseinandersetzungen geführt wurden. Mich selbst hat die Diskussion über Nacht dazu gebracht, mir nun a u c h Jan Wagners Regentonnenvariationen besorgen und sie lesen zu wollen, um in einer, wie sie gefordert wurde, ästhetischen Debatte wirklich mitreden zu können.
Es ist ja nicht so, daß es in der bestimmenden Lyrikszene eine restaurative tatsächlich Fraktion gäbe, eher umgekehrt. Auch so läßt sich die Auseinandersetzung interpretieren: daß denen, die das kunstideologische Sagen hatten, die Macht bestritten wird. Eine kleine, zugegeben; sie ähnelt der Macht der alten Darmstädter seriellen Schule. (Sehen Sie‘s mir nach, wenn ich immer wieder Vergleiche aus der Musikgeschichte hernehme; ich kenne mich da einfach besser aus, weil mich in der Literatur Schulen nie interessiert haben; in Sachen Musik aber wurde ich früh von Adorno geprägt und hing somit selbst solch einer Schule, und zwar über viele Jahre, an).
Und man muß unterscheiden: Das „konservativ“ oder, mit Scho gesprochen, „restaurativ“ Wirkende ist nicht notwendigerweise regressiv, also nicht notwendigerweise Kitsch. Ein wenig Kitsch, außerdem, muß, glaube ich, s e i n, wenn man denn noch vom Menschen schreiben, den Menschen zu erfassen und zu erreichen versuchen möchte, anstelle es sich im ästhetischen Elfenbeinturm ideologisch bequem zu machen (was nicht identisch mit ökonomischer Bequemlichkeit sein muß, sie sogar ausschließen kann). In nahezu allen meinen Büchern gibt es darum solche, teils auch emphatisch große, teils ausgedehnte Momente, etwa das Konzert des Pluto Symphony Orchestras, dessen Musiker Obdachlose sind, >>>>> under Manhatten. Daß diese Momente in der Rezeption fast völlig untergingen, mag an den komplexen Erzählstrukturen liegen, in die sie eingebettet sind. (Gab‘s übrigens auch noch nicht, daß eines meiner Bücher >>>> nur noch >>>> auf Französisch, bzw. >>>> in Frankreich am Markt ist; der Link hierdrüber geht zum ZVAB; jedenfalls http://amazon.de listet das Buch nicht mehr. Hier ist dringend eine Neuausgabe fällig.)
Auffällig auch, daß viele doktinäre Ideologen ihr eigenes Kitschherz von anderen Sparten befriedigen lassen; fast alle „strengen“ Literaten, die ich kenne, hängen den musikästhetisch schaurigen Beatles an; ich kenne sogar einen Literaturkritiker, der ABBA hört. Und gegenüber dem heutigen Pop sind sie geradezu versöhnungs-, bzw. mit ihm einheitssüchtig. Hängt mit der je eigenen Jugendgeschichte zusammen, das begreife ich schon. Mit etwas Abstand betrachtet, hat aber die Situation etwas schreiend Komisches: Millionen, wenn nicht Milliarden Menschen jubeln im Pop; wenn da nur eine Person einspricht, müssen er und die hinter ihm stehenden Multis bis aufs Messer verteidigt werden. Wer schüttelte da nicht den Kopf? Aber man hört ja auch nicht hin, wenn Handke etwas über Serbien sagt, oder macht es zu einem großen Skandal, in dem sich w i e d e r alle, außer eben ihm, einig sind. Genau so funktionieren Ideologien. Als Sartre die RAFs in Stammheim besuchte, auch als Bloch es tat, war das Geschrei groß. Dabei hatten sich beide nur ein eigenes Bild machen wollen. Bereits so etwas wird als heftiger Verstoß empfunden oder als ein solcher sofort affirmiert und kann zum gesellschaftlichen Ausschluß führen.

Hab gestern schon das Video für heute vorbereitet, muß aber noch mal ran: einige Hintergrundspuren haben sich vertauscht; ich habe wohl irgend einen falschen Befehl eingegeben (weshalb „irgend einen“ zusammenzuschreiben sei, ist mir nie klargeworden – auch „klar geworden“ nicht -; deshalb schreibe ich solche Worte, wie es mir sinnvoll erscheint). Danach will ich sofort ans Video für morgen. Denn ich weiß zum Beispiel noch gar nicht, wie ich es mit der >>>> Youtubeserie während meiner Lesungsreisen halten soll; entweder, um das „täglich“ nicht zu unterbrechen, ich produziere vor oder stelle direkt kleine Takes von den jeweiligen Veranstaltungen ein, etwa Tag für Tag von der anstehenden Buchmesse.

Und was meine eigene Lyrk anbelangt, schrieb mir >>>> Werner Söllner zu den nun >>>> erstmals im Druck erscheinenden ersten fünf Béart-Stücken, ich verlangte von meinen Lesern sehr viel: „Wenn sie im Text bleiben wollen, müssen sie Dir folgen, wohin Du sie auch führst. Das Parlando auf manchen Strecken kann nicht darüber hinwegtäuschen. Dieses ‚eng bei Dir/dem Autor bleiben‘ kostet sehr viel intellektuelle und emotionale Kraft.“ Ganz so ‚restaurativ‘ kann es um meine Gedichte mithin nicht bestellt sein. Jedenfalls freue ich mich sehr darüber, daß der Zyklus jetzt teilweise aus dem Netz in die Druckform hinaustritt. Mit dem bisher letzten Stück übrigens bin ich immer noch nicht weiter: die drei Frauen, Mutter, Tochter, deren Freundin, der wissende ältere Mann, der eingezogene Andere, grad gab ihm die Mutter ihre Hand in seine und zog ihn; und die jungen Damen tippen auf ihren Smartphones und kichern, während sich die Loggia, von ihnen unbemerkt, in Circes Höhle öffnet, oder in >>>> Frau Venus‘. Selbstverständlich in d i e s e m Sinn habe ich oben die Feige gegessen – „gierigen“, wie mir mitternachts die Löwin SMSte, „Mundes“.

[Hélène Grimaud, Bachs Chaconne von Busoni.
Ich habe jetzt das Bild der Pianistin,
wie sie versunken spielt,
auf den Desktops.]


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11 Kommentare zu Zum ästhetisch Konservativen. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, dem 26. September 2015. Kurz auch Handkes Serbien.

  1. diadorim sagt:

    viel spaß mit jan wagner und seiner „brutalen faktizität mörderischer lebenswirklichkeiten“! himmel, was bin ich froh, dass brad mehldau gestern genial durch die beatles hindurch spielte.

    • @diadorim zum Hindurchspielen. mit seiner brutalen faktizität mörderischer lebenswirklichkeiten: Hm, das klingt aber gar nicht mehr nach Restauration, eher nach (neo)expressionistischer Dichtung, oder? Man denkt an August Stramm oder auch Arthur Lundkvist.
      Doch daß man sich wenigstens selbst angesehen haben muß, worüber man spricht, ist Dir bewußt, oder? Wie ich gestern schon schrieb, war mir alles, was ich von Jan Wagner bisher hörte, zu brav, zu wenig ambivalent usw. Das schien mir einem Bedürfnis vieler Leser:innen zu entsprechen, woraus nun dieser Erfolg auch erklären würde,. soweit er über den Effekt des Buchpreises hinausgeht. Aber zu dem Buch selbst kann ich so halt noch wenig sagen. Und wenn das Ding nun mal – offenbar – derart zur Diskussion steht, komm ich nicht drumrum. Im übrigen habe ich zu „konservativ“ etc. oben schon geschrieben, wobei grad ich nun wirklich kein Großbürger-Autor bin. Vielleicht das mal ein wenig mitbedenken. Pro Wagner ist nicht notwendigerweise contra Scho, Schultens, Rinck, um mal nur die bedeutenden Frauen zu nenen.

    • diadorim sagt:

      das buch steht gar nicht zur diskussion, es steht etwas zur diskussion, das sich mit ästhetischen debatten nicht aufklären lässt, da muss man ran, das ist meine überzeugung dabei. dafür muss man sich aber gesellschaft anschauen, und was da gerade so los ist, wer liest und warum? und wieso schießen wohlfühlmagazine wie landlust dermaßen in die höhe in den auflagen, wenn, dann muss man das hermeneutisch angehen. das sind nicht ein paar mehr oder minder gelungene verse, das ist der hallraum in dem ihr echo erklingen kann oder eben nicht.

    • @diadorim ff Auch, um das nachvollziehen zu können, muß ich die Texte erst kennen. Für 99/100 aller vielgehörten Musikstücke ließe sich allerdings Ähnliches sagen. (Wohlfühlmagazine sind wie jede Form von Eskapismus absolut keine neue Erscheinung; was Du monierst, gilt für die meisten Spielfilme, Bilder usw. genauso; also wenn wir streng sind, müssen wir tatsächlich Adornos Negative Ästhetik herbeiziehen, von der ich mich Göttinseidank zumindest zur Hälfte gelöst habe. Sonst wär mir nur das Verstummen geblieben. Aber die Grundfragen, das in der Tat, sind nach wie vor zu stellen. Da bin ich ganz auf Deiner Seite.)

  2. gewitterbogen sagt:

    kann es sein, dass die 5 beart-stücke im aprilheft des literaturboten erschienen sind und nicht im aktuellen juleiheft? siehe: http://hlfm.de/l-der-literaturbote/archiv/l-115116-ohne-den-mond-waeren-wir-tot.html

    • @gewitterbogen: Neinnein, im Aprilheft stand von mir ein kleiner Mozart-Dialog, den ich mal für die Salzburger Festspiele geschrieben hatte, aber dort nicht genommen wurde, weil er, war zu hören, „zu pikant“ gewesen sei. (Ich hatte als Spielmaterial die Bäsle-Briefe genommen).
      Die fünf Stücke aus dem Béart-Zyklus werden tatsächlich im Oktober erscheinen.

    • gewitterbogen sagt:

      achso, gut + danke sehr für den hinweis!

  3. Peterchens sagt:

    Man hört nicht hin wenn Cosic etwas über Serbien sagt, denn Cosic ist Serbe, er hat in Belgrad gelebt, wo die Nationalisten wüteten, die Tschetniks sich auf den Krieg vorbereiteten und dort nun sitzen und darüber reden, wie sie den kleinen Kindern die Ohren abschnitten, die Frauen vergewaltigten, Kehlen durchschnitten.
    Von all dem will der saubere Handke nichts wissen, er pisst lieber mit einer Rede in das Grab eines Mörders, wer es mag. Wetten Herr Herbst, Herr Keuschin meldet sich wieder, weil er ja während des krieges in Bosnien oder Serbien war. Nun ich habe ihn dort nicht gesehen, weder in Serbien noch in Bosnien, wahrscheinlich hat er sich hinter Handkes Gerechtigkeitssinn versteckt.

    • @Peterchens. Daß es in Serbien Massenmörder gab, Völkermörder, ist gar nicht bestritten. Es gab sie auf allen Seiten, von den politisch Verantwortlichen bis zu den Soldaten und Bürgern. Das sage ich, obwohl auch ich nie dort war. Genau hier steckt das Problem.

  4. (Tr.)
    Krafttraining, ungesplittet
    leichtes Auslaufen
    77 kg

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