Nicht drüber nachdenken. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 27. September 2015.


[Arbeitswohnung, 8 Uhr
Strauss, Klaviersonate op. 5
(Goulds letzte Aufnahme, 1982)]

Um fünf auf. Um knapp halb eins ins Bett.
Schöner Abend mit E., radelnd dreizehneinhalb Kilometer hin, vierzehn zurück, weil der halbe Tiergarten gesperrt war, auf Weisung BMWs hin, wie mir einer der Wachkontrolleure erklärte, nachdem ich ihn, eine halbe Stunde lang nach irgend einer Durchfahrt irrend, um Hilfe ersucht hatte. Schon interessant, daß ein Privatunternehmen im eigenen Interesse öffentlichen Raum sperren lassen darf. Auf eine zynische Weise entschädigte mich diese Information für die Umleitung, die ich obendrein inkauf nehmen mußte.
Es wird nachts nun schon recht kalt.

Das da scheint mir >>>> der bisher beste, weil intensivste Clip zu sein. Den für heute habe ich gestern ebenfalls schon fertiggestellt, setz mich gleich an den für Morgen, produziere vor. Wenn ich die Videoarbeit als Teil nicht so sehr als werbliche (in der Hinsicht versagt sie augenscheinlich) und auch weniger als Neuvergegenwärtigung von Gewesenem, sondern als eigenständig künstlerische ansehe, habe ich kein schlechtes Gewissen – ich meine, meine Zeit zu verplempern. Wer weiß auch, wohin mich das Projekt noch führen wird – vielleicht zu – wie >>>> Werner Fritschs, mit dem sich ein naher Kontakt anbahnt, >>>> Faust Sonnengesang – mir generell neuen Ausdrucksformen? Zumal es, wie es aussieht, mit >>>> meinen Hörstücken zu einem Ende gekommen ist, nachdem sie für das neue WDR-Konzept zu künstlerisch sind, bzw. seien und ich keinen Ausweichsender mehr habe. Die Arbeiten passen nicht in die scheinrealistischen Vorgaben, denn, denke ich, der wahre künstlerische Schein überführt den Realismus des falschen dokumentarischen. Abgesehen von der finanziellen Kleinkatastrophe, die diese Situation für mich bedeutet, habe ich aber noch immer künstlerische Notlagen in nächste künstlerische Ansätze verwandelt.
Übrigens sieht Fritsch manchmal wie ein Bruder Godarts aus (nein, n i c h t Godots! Warten auf Jean-Luc Godot – isch beschtümmt‘n Uralt-Kalauer).
Also die Videos. Parallel lade ich sie nach und nach auch zu >>>> Vimeo hoch. Das ganze Erscheinungsbild ist schöner; außerdem habe ich den Eindruck, die Videos stünden dort in besserer Auflösung. Die Löwin hat dies auch bestätigt. Nur daß bei Vimeo die Zugriffszahlen quasi Null sind. Egal.
Nicht egal.
Egal –

[Henze, Die Bassariden]

Dann dachte ich, bezüglich >>>> Grimaulds, daß ich so etwas vielleicht brauche, dieses permanente sichSehnen. künstlerisch brauche, etwas personal-Unerreichbares, dem ich aber zustrebe. Es ist ja doch auffällig, daß ich meinen Animae nun schon mehrmals leibhaftig begegnet bin; kam es aber zur realen Vereinung und zu dauerhaftem Beieinandersein, habe ich die Partnerschaft noch jedes Mal zwar nicht zerstört, aber doch irgendwann aufs Spiel gesetzt, und zwar wissentlich – und, so betrachtet, mit schließlich immer Erfolg. Von daher hat die Gimauld den objektiven, einen menschlichen Vorteil, daß sie mir unerreichbar bleiben wird und ich sie also nicht verletzen kann, nicht irgendwann enttäuschen würde – wenn es denn mit dieser Dynamik stimmt, die mir gestern vor den Augen stand.

Weshalb ich eigentlich nicht bei >>>> Lyrikline sei, fragte E. gestern. Ich habe nur gelacht. Dann ein bißchen geschimpft.
Aber vielleicht sollte ich da was anbieten. Andererseits, ich mag nicht auch noch drum bitten, daß man mich abweist.
Und abermals: Egal.
Nicht drüber nachdenken.
Weitermachen.

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13 Kommentare zu Nicht drüber nachdenken. Das Arbeitsjournal des Sonntags, dem 27. September 2015.

  1. oegyr sagt:

    „egal“ … sollten unsereinem zugriffszahlen sein, die sich eh überall nur im höchstens zweistelligen bereich bewegen. zumal jemandem, dem mal soeben nebenbei (vermute ich wenigstens, wirkt wie in den schreibfluss organisch geflossen) so ein manifesthafter (und von mir 150%ig unterschriebener) satz entfleucht: „der wahre künstlerische Schein überführt den Realismus des falschen dokumentarischen Scheins“.

  2. diadorim sagt:

    also die lyrikline, das steht meist in zusammenhang mit dem poesiefestival, dann wird man für lyrikline angefragt, man verbessere mich, wenns anders sein sollte, aber die literaturwerkstatt ist nun wirklich ein ganz famoses team, in toto, die kann man tatsächlich auch einfach mal fragen, hätte ich keine scheu. da du kein reiner lyriker bist, sind die da vielleicht einfach auch noch nicht drauf verfallen, dich einzuladen. lustige anekdote, eine prosaautorin, die nun wirklich noch nie gedichte veröffentlichte und wahrscheinlich auch nicht schreibt, war mal sehr beleidigt, dass sie noch nie von der litwerkstatt eingeladen worden sei, ich sagte ihr, haste dir denn mal überhaupt das programm angeschaut und ist dir da was aufgefallen? …. die laden nämlich nur dichter*innen ein. kannste mal sehen, fühlen sich auch noch andere autor*innen intentional geschasst und das manchmal echt komplett zu unrecht. außerdem saß jemand von ihnen auch schon mal in einer jury, die dir ein senatsstipendium zuerkannte, ich würd da nicht so schwarz sehen im vorauseilenden: dann behalt doch deinen scheißhammer modus. einfach mal fragen.

  3. g a g a sagt:

    Nicht verplempert. Der offenbar intuitiv virtuose Umgang mit sich weiträumig überlagernden Bildspuren ist bemerkenswert. Unbedingt weiter kultivieren. Ich kenne den Reiz des >Auslotens dieses Effekts. Er hat eine metaphysische Qualität, weil die Bildspuren auch Zeitspuren sind und damit etwas sichtbar gemacht werden kann, die Gleichzeitigkeit der inneren Erlebnisräume, die man sonst nur aus Nachtträumen kennt.

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