Die Bauernverschwörung. Verwirrtes Arbeitsjournal des Donnerstags, den 26. Oktober 2017.


[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr]

Verwirrt, weil verschlafen. Ich wachte vom Wecker zur Weckerzeit auf, die für die Löwin vorgesehen. Dabei lag ich schon kurz vor zwölf im Bett. So daß mich meine >>>> Ecker-Morgenlektüre erst recht verwirrt. Der Andere Hafen mit dem Namen „Abschied” erfindet nämlich etwas nur als es selbst; darüber hinaus hat es keine Funktion. Insofern ist es ein komplett kommunikationsloser Gegenstand, eine Monade mithin, von der wir nichts sagen können, als daß sie Monade sei. Nichts von ihr erkennen wir darüber hinaus, nicht „wofür”, nicht „warum”: außer daß sie sei, was sie sei. – Das Verwirrende ist freilich nicht dies, sondern der Name des Hafens.

Sie erinnern sich, Freundin, daß ich einmal schrieb, es sei das Problem bei Verschwörungstheorien, daß sie meistens – stimmten? Nun habe ich anderswo – in einem Film, einem Buch? – dazu einen Witz aufgeschnappt:

Sagt ein Schwein zum anderen: „Du, ich bin überzeugt davon, daß uns der Bauer nur deshalb füttert, weil er uns schlachten will. Wir müssen nur erst genügend fett sein.” Antwortet genervt der Schweinekumpel und grunzend wühlt er weiter im begehrten Gatsch: „Du immer mit deinen Verschwörungstheorien…”Guten Morgen.

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24 Kommentare zu Die Bauernverschwörung. Verwirrtes Arbeitsjournal des Donnerstags, den 26. Oktober 2017.

  1. Imgrunde ist „Verschwörungstheorie“ doch nur ein anderes, überdies redliches Wort für Schlußfolgerungen aus der Betrachtung objektiver Interessenverbindungen.

    Interessant allerdings, daß heute als „Argument“ nur noch dieses Wort genannt werden muß, und der Gegner ist ins Unrecht gesetzt. Einer detaillierten Gegenargumentation bedarf es auf diese Weise nicht mehr. Doch beweist sich das gerügte Wort so auch rhetorisch.

    • diadorim sagt:

      Nun ja, aber alle haben Interessen. Ist es nicht eher die Frage danach, welche davon, warum greifen, greifen können und warum andere nicht. Auktoriale Mächte sind eben auch nicht so leicht zu etablieren, gegenüber Tieren allerdings schon, das ist ja das Gemeine. Und ist es nicht eher auch eine Art gemeinschaftliches auktoriales Interesse, das oft greift? Das sich nur für einige noch vorteilhafter auswirkt, als für andere.

    • „auktoriales Interesse“ ist ein wirklich hübscher Euphemismus. Tatsächlich gilt die mir von einem ehemaligen Börsenkunden eingeprägte kriminalistische Frage: „Wer hat es da davon? Können Sie das beantworten, haben Sie den Täter.“
      Unabhängig davon bleibt die rhetorische Argumentationsabwehr bei gleichzeitiger Diffamierung des Gegners allein durch die Verwendung des „belasteten“ (d.h. als widerlegendes „Argument“ in den Common sense übergegangenen, darin einem Denktabu gleichenden) Begriffes „Verschwörungstheorie“ komplett wirksam; siehe oben die zwei Schweine. Daß das erste Schwein recht haben könnte (und im allgemeinen – also von Haustierhaltern abgesehen – recht auch hat), spielt keine Rolle mehr.

    • brsma sagt:

      Geschichtengetier Wir sind da immer noch nicht einer Meinung, lieber Freund. Verschwörungstheorien sind anti-komplex, homogenisieren, blenden aus, unterstellen systemischen Effekten Intentionalität und sind überhaupt ein Paradeplatz für kognitive Verzerrungen, angefangen bei Confirmation Bias und Cherry Picking. Dazu kommt die inhärente Schuldzuweisung an spezifische Gruppen (mit allen dazugehörigen Widerlichkeiten als Grundpotenzial) und die Selbstinszenierung der Gläubigen (sic!) als Hüter der Wahrheit mit allen Immunisierungsstrategien, die Paranoiker und Bullshitter so aufzubieten haben. Kurzum: eine unsägliche Verschwendung menschlicher Intelligenz.

      Die viel zu oft auf fruchtbaren Grund fällt, weil wir alle _per se_ kleine Verschwörungstheoretiker sind: → https://www.goodreads.com/book/show/12743473-the-storytelling-animal – Unsere Gehirne sind so sehr auf Geschichten getrimmt, dass unser Hauptkriterium für Glaubwürdigkeit nicht Wahrheit, sondern _Kohärenz_ ist. Und damit fallen _wir alle_ auch permanent herein auf den ganzen Haufen unüberprüfter Unterstellungen, die wir in die Fantastik einbauen, die wir erst uns selbst und dann anderen erzählen (oder die uns von anderen erzählt wird) als wäre sie die Welt. Es bedarf erheblicher Anstrengung (und Übung), sich davon halbwegs frei zu machen, von den eigenen Gedanken einen Schritt zurückzutreten, sie als das zu sehen, was sie eigentlich sind und einen Abgleich vorzunehmen. Tun wir das nicht, führt das in der Kunst zu Schöpfung und in jeder Form menschlicher Beziehungen zwangsläufig zu Unglück, dem eigenen und dem der anderen.

  2. diadorim sagt:

    Um welche Verschwörung gehts eigentlich gerade genau, sprich, wer wird gerade gemästet und dann verspeist? Und ist Durchsetzung von Interessen wirklich das gleiche, ich glaube, nein. Durchsetzung von Interessen ist, wie am Börsenbeispiel gezeigt, relativ verschwörungslos, scheint mir, man muss sich fragen, wer hat etwas davon, man bilanziert schlicht, man verfolgt den Weg des Geldes, schon ist klar, warum bestimmte Entscheidungen von wem gefällt werden. Ist das aber Verschwörung? Weniger klar ist dabei oft, was das Schwein eigentlich fett macht, wenn es nicht um Schweine geht. Dass Harry Potter etwa so ein Erfolg werden würde, hat selbst Michael Krüger dereinst nicht geahnt und sein zuständiger Lektor, als sie ihn abgelehnt haben. Oder, noch anders, ich halte die Menschheit für größere Verschwörungen schlichtweg für zu blöd und zu wankelmütig in ihren Interessen. Und wenn alles weniger schlimm kommt, dann darf es selbst den Schweinen auf den Bahamas auch mal gut gehen https://www.youtube.com/watch?v=hejqAItdgRc

  3. @brsma und diadorim Auch Rationalität („Vernunft“) ist bisweilen – eine Falle.

    Meinem Hauptargument, „Verschwörungstheorie“ sei mittlerweile eine höchst wirksame rhetorische Abwehr, unabhängig von den objektiven Gegebenheiten, und die „argumentative“ Verwendung des Begriffs also unlauter, nämlich in juristischem Sinn rein suggestiv, sehe ich hier, übrigens, nirgends widersprochen. Es ist, brsma, geradezu umngekehrt zu Deiner Einlassung: Die den Diskussionsgegner diskriminierende Verwendung des Begriffs stellt genau auf das ab, was Du der Verschwörungstheorie vorwirfst. Eine geradezu – und im Wortsinn – schlagende Dialektik.

    (Gesondert zu diadorim: Machiavelli lesen.)

    • brsma sagt:

      Kommt für mich immer drauf an, ob sich eine Diskussion lohnt, es also eine Offenheit gegenüber Argumenten gibt oder ob das Gegenüber sich hinter seinen kognitiven Verzerrungen verbarrikadiert, weil zu viel Identifikation dran hängt. Je mehr Identifikation desto unbeweglicher der Geist. Bei paranoiden Denkmustern lohnt sich’s allemal nicht, da findet keine Kommunikation statt, dafür ist mir meine Lebenszeit zu kostbar. Der kritische Punkt ist schlicht und einfach halbwegs vorhandene Metakognition oder zumindest die Möglichkeit, das eigene Denken in Frage stellen zu können. Und das ist bei allen Verschwörungstheoretikern offenbar ein massive Herausforderung. Ich habe kein Problem damit, das entsprechend zu kennzeichnen.

      Rationalität ist nur dann eine Falle, wenn sie ihre eigenen Grenzen (auch wenn man einiges über kognitive Verzerrungen weiß, beispielsweise, befreit das einen trotzdem nicht davon, das erfordert sehr viel Arbeit) und die grundsätzliche menschliche Fehlbarkeit ignoriert, sich also mithin für rationaler hält, als sie eigentlich ist. Das macht sie ja auch so extrem aufwändig und anstrengend – für vieles im alltäglichen Leben _braucht_ man sie ja auch nicht, dafür waren über die größte Zeit der Evolution hinweg ein paar grobe Faustregeln völlig ausreichend: das was Kahnemann als «schnelles Denken» bezeichnet – und das ist unser aller Standardmodus. In dem sich auch viel Pseudorationalität findet – und die ist in der Tat eine Falle.

    • diadorim sagt:

      Ich geh in der Macchia wandern, dit muss ersma reichen.

    • ersma@diadorim: „…, dit muß >>>> brsma reichen.“

      (Es gibt Vorlagen, die böse werden, wenn wir sie ignorieren.)

      [Übrigens: „Macchie„, mit „e“. – Ich habe den Fehler auch lange gemacht. So ist meine Vorlage freilich kaputt.]

    • diadorim sagt:

      Ich mache ja keine Fehler, ich habe nur kein Interesse daran, alles richtig zu machen :). Was hälst Du eigentlich von Eribon und Louis?

    • Eribon (noch) nicht gelesen, und bei Louis weiß ich grad nicht mal, wen Du meinst. Meine wirklichen >>>> Entdeckungen liegen meist abseits der gehypten Bücher – auch weil Hypes für mich nahezu immer unter, wie ich es neulich nannte, Generalverdacht stehen. Sogar, wenn ein von mir entdecktes Buch zum Hype erst wird, erlahmt mein Interesse fast durchweg. Wobei es Ausnahmen gibt, zu denen etwa Pynchon und Lobo Antunes gehören; >>>> Schultens zählt nicht dazu, da ein wirklicher Hype (leider) noch nicht erreicht ist. Unter den Lyrikerinnen will ich aber >>>> Daniela Danz nennen, deren >>>> Pontus-Band sich, wie ich erfuhr, über fünftausendmal verkauft hat – für Verslyrik ohne Deutschen Buchpreis geradezu ungeheuer.

    • diadorim sagt:

      Für mich gibt es gerade keine wichtigere Bewegung, als die die Didier Eribon, Édouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie losgetreten haben. Ich habe im LCB neulich nur endlich endlich endlich gedacht und war kurz vorm Heulen. Eribon las ich im letzten Sommer, völlig ergriffen, Louis‘ „Ende von Eddy“ gerade erst und „Im Herzen der Gewalt“ habe ich mir gerade zugelegt und beim LCB den ersten Eindruck bekommen. Hype ist Eribon erst geworden, die Übersetzung kam ja mit 7 Jahren Verspätung, dank Tobias Haberkorn, dem Übersetzer, der es Suhrkamp vorschlug und dort nur im Paperback, an. Niemand hat das geahnt, außer vielleicht Haberkorn selbst, wie sehr diese Themen verfangen werden, auch in einem deutschen Literaturbetrieb, der geflissentlich das Fass der Herkunft nie angetastet hat, weil er ganz genau weiß, er verteilt seine Felle unter sich, was heißt, zumeist unter bürgerlich akademisch aufgewachsenen Autor*innen. Und eine nachwachsende Generation wird sich das nicht länger gefallen lassen, auch in Deutschland nicht, so viel wurde klar, denn es waren sehr viele Studierende gekommen. Dieser Hype, auf den habe ich gewartet, den gab es seit Pasolini nicht mehr.

    • @diadorim: Das verstehe ich, der ich aber weder bürgerlich.akademisch aufgewachsen bin, noch bin ich’s, hm, proletarisch. (Mein, nun jà, „Eltern“haus war, unabhängig von der Familienherkunft väterlicherseits, kleinbürgerlich; meine Mutter wollte da raus, wollte erst ins Bürgertum. Was ihr nach vielen Jahren gelungen ist. Mein Vater erschien erst auf der Bildfläche, als ich siebzehn war; er lebte als – quasi – tagelöhnender Außenseiter, teils sogar autark, letzteres bis zu seinem frühen Tod. Keine Krankenversicherung, keine Altersversorgung. Ich selbst wollte aus dem Kleinbürgertum ebenfalls raus und entdeckte mit etwa zwölf die europäische Kunstmusik und schnell auch die Literatur.)
      Pasolinis Kunst, übrigens, lebt wesentlich von seinem inneren Katholizismus und der Auseinandersetzung mit ihm; ich möchte es eine, allerdings hoch-ambivalente Heilshoffnung nennen.
      An der Situation in den Kunstbetrieben ist nicht die Herkunft schuld, sondern der Umstand, daß zu Macht Gelangte sie in jedem Fall sich wahren wollen – ganz unabhängig von ihren Herkünften. Solange Menschen Mainstreams anhängen, wird sich daran nichts ändern, kurz: solange das ersehnte „Wir“-Gefühl sie antreibt. Da offenbar hier starke, zumal unbewußte Instinktreste? wirken, glaube ich an, sagen wir, Veränderung durch Aufklärung nicht mehr. Aber meine Skepsis mag Ausdruck meines unterdessen fortgeschritteneren Alters sein.

    • diadorim sagt:

      Auch bei Dir greift die überindividuelle Regel. Korelliere Herkunft allein mit Literaturpreisdichte, es wird wenig Ausnahmen geben. Auch Du kannst anstellen, was Du willst, der Kreis stand Dir nicht offen, nicht, weil Du nicht Mainstream bist, aber da Du Dich eben nicht an ein größeres Publikums wendest (wie es der Mainstream tut), wärst Du angewiesen auf den Support der Gemeinde, den verweigert sie Dir, denn Du bist nicht Ihresgleichen. Die Popkultur ist darum den Weg des Mainstreams gegangen, weil sie auch wusste, sie muss sich ihr Publikum selbst suchen. Das traurige, Du bist nicht mal in der Ablehnung individuell gemeint, ich genau so wenig, uns fehlt schlicht der Stallgeruch. Und diese drei Herren aus Frankreich haben das in ihren individuellen Geschichten einfach noch mal sehr gut gezeigt. Da sie eh schon am Rand standen, in der Gesellschaft, sie sind alle schwul, haben sie alle auch schon erfahren, was es heißt, nicht dazuzugehören.

    • „Stallgeruch“. Exakt das sagte Wilhelm Kühlmann geradezu als erstes zu mir, als wir uns fast ein Jahr nach seiner fulminanten Wolpertingerkritik persönlich trafen, anläßlich einer Lesung in Mannheim, 1995 oder 1996. Er trat auf mich zu und sagte: „Ich bin Kühlmann. Und ich kann Ihnen sagen, weshalb der Betrieb Sie nicht mag: Sie haben keinen Stallgeruch.“

      Stimmt, habe ich nicht, hast auch Du nicht. Laß uns das als ein Privileg begreifen. Wir können die ganze Insel überschauen, weil wir nicht mitten auf ihr stehen. So halten wir sie schon deshalb nicht für Festland.

      Proust hatte ebenfalls keinen Stallgeruch, auch Kleist nicht, nebenbei bemerkt.

    • @diadorim, Eribon ff: Soeben gefunden: >>>> Von Hannah Lühman. Worin der Satz, daß in Deutschland „wir“ >>>> keine autofiktionale Literatur hätten, ganz sicher falsch ist; >>>> Frau Lühmann kennt sie nur nicht, ein Umstand, der indessen ihr kaum anzulasten ist. Denn aus lebens- und sogar berufspraktischen Gründen hängt sie, wie auch ich selbst, von dem ab, was ihr kenntlich gemacht wird. Das (bewußt) Verschwiegene geht dabei, so ist’s ja auch die Absicht, unter.

      (Ich werde ihr gleich, über Twitter, einen Link zu diesem Kommentar schicken.)

    • diadorim sagt:

      Ach ja, die Welt gibt es ja auch noch. Habe ich da gedacht, Betonung auf noch…
      Eribon und Louis haben so viel Zuspruch in Deutschland, da wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Und sagen wir es mit dem Hessischen Landboten, den gerade erst irgendso ein überbepreister Dichter auf die Botanisiertrommel reduziert hat, in dem er geschmuggelt wurde: „Das Gesetz ist das Eigenthum einer unbedeutenden Klasse von Vornehmen und Gelehrten, die sich durch ihr eignes Machwerk die Herrschaft zuspricht.“ Der Hessische Landbote, Erste Botschaft. Darmstadt, im Juli 1834. Früher hat diese herrschende Klasse nonchalant zu allem geschwiegen, jetzt wehrt sie sich schon mit Händen und Füßen, was heißt, wir sind einen bedeutenden Schritt weiter, Dank Eribon und Louis! Andere freilich möchten das Geld und den Ruhm eines Büchners schon mitnehmen, aber doch auch daran erinnern, dass Büchner nach Fisch gestunken haben muss. So einer wäscht sich ja nicht, das klebt ihm immer an. Es ist ein Trauerspiel.

    • Na jà@diadorim. Wenn wir darüber nachdenken – Preisnamen zu Preisnehmern -, bliebe uns echt nur der Suizid. Allein, wer alles den Kleistpreis bekommen hat… Kleist, Kleist zu Kleinstskribenten, – die -innen echt nicht ausgenommen… Noch schlimmer fast: Döblin. Oder Hölderlin.

      Was nun aber Lühmann anbelangt, wäre es nicht falsch zu argumentieren; „die Welt gibt es ja auch noch“ ist eine fahle, ja falbe Rhetorik.

    • diadorim sagt:

      Frau Lühmanns Argumente sind so schwach, Houllebecq dagegen ins Feld führen und es abtun, mit, das gabs ja schon bei Bourdieu, das verlangt mir nur ein müdes Lächeln ab, weil ich sehe, dass es den Wunden Punkt des Betriebs trifft, es längst überfällig war und nun, zum ersten Mal, der Betrieb das merkt und sich positionieren muss und merkt, die Felle gehen ihm schwimmen, wenn auf den Zug nun endlich mehr aufspringen, und das werden sie, denn sie sind gemeint, ohne sich verleugnen zu müssen. Das ist nämlich endlich, mit Eribon und Louis, eine personalisierte Form der Bourdieuschen Soziologie, die die Menschen erreicht und das ist nichts Privatistisches, sondern ein immens politischer Akt. Und die Lühmanns und die Welt, die den Trend einfach verschlafen noch dazu, wird es noch wundern. Lühmann zitiert Houllebecq ja mit dieser fahlen Rhetorik: Eribon, ach ja, den gäbe es ja auch noch. Diese Bewegung ist nun ins Rollen gebracht, bezeichnend nur zu sehen, wer sie aus welchen Gründen gern ans Stoppen bringen möchte, da kehrt sich der ganze erzkonservative Geist von unten nach oben, der diesem Literaturbetrieb zugrunde liegt, das macht nochmal sehr viel klar.

    • Eribon ff. Ich sehe momentan gar nichts rollen. Es gilt des Antonio di Padua Fischpredigt, so und/oder so. Denn „die Welt“ verschläft keine Trends, sondern sie ist sie – oder mit Benn gesprochen: macht sie. Wenn denn die WELT die Welt ist. Für was sich freilich, notierte schon Kraus, jede Zeitung hält.

    • diadorim sagt:

      Du hattest ja auch gar keine Zeit, das Rollen zu bemerken. Ich war zwei Mal bei Lesungen und Gesprächen mit Eribon, die Säle waren eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn schon überfüllt, das sind Aufläufe wie zu Foucaults Zeiten und auf den Podien sitzen dazu Vertreter dieses neuen sciological turns, die sich über Generationen hinweg kennen, Louis war bei Eribon in den Seminaren, es sind keine Solipsisten, sie sind Anfang 20 und Anfang 60, DAS alles gab es so lange nicht und das setzt schon enorm was in Bewegung. Keine Bewegung, bei der die Büchnerpreisvergabestellen irgendwie mitgehen würden, das ist auch klar, aber eine, die gerade diese Stellen marginalisieren wird, so rum kanns ja auch gehen. Und den Überhang der Popliteratur, der kann jetzt auch einfach mal gehen, Hannah Lühmann und Ronja von Rönne können ja auch weiter SUVs testen https://www.welt.de/motor/article142259184/Claire-Siehst-du-nicht-links-steckt-der-Schluessel.html Geht nach Hause Neopopliteratur, ihr ward schon beim ersten Mal der reine Tulpenwahn.

    • Bin@diadorim gespannt. Und hoffe allerdings, daß nicht am Ende alles marginalisiert sein wird, außer der „Correctness“. Denn d a s ist es, was ich kommen sehe. Der durch den Buchpreis erfolgten Marginalisierung des Büchnerpreises wird die Marginalierung der Künste insgesamt folgen; sie fallen zurück ins Entertainment, nur halt nicht feudaler Herr(schaft)en, sondern der in ihrem Geschmack zunehmend total bestimmten Massen: Quote halt. Panem et circenses: >>>> Soma.
      „Tulpenwahn“, à propos, ist ein so schönes Wort! Warum es diskriminieren, kaum daß es auf die Welt fand?

    • diadorim sagt:

      Tulpenwahn ist ja ein Terminus Technicus, als die Börsen in Holland im Goldenen Zeitalter heiß liefen und Tulpenzwiebeln zu unvorstellbaren Preisen gehandelt wurden. Ja, das Wort ist zu schön und auch die Tulpen sind mir noch lieber, stimmt, heute ist manche Flora auf jeden Fall zu schade für solchen Vergleich, da längst zu selten geworden. Ich glaube, die Marginalisierung der Künste schreitet jenseits dessen eh voran. Im Gegenteil, wenn nicht mehr Menschen Zugang gewährt wird und sie gefördert werden, die es wirklich auch brauchen, verliert man ein mögliches Publikum, das eh denkt, all das sei nicht für sie, das ist noch viel fataler für die Künste, man kommt gar nicht drumrum, Menschen zu beteiligen, die man sonst gern raushält, so kommt es mir vor.

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