Regen… Regen auf den Palimpsest, über den es herbstlich windet. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 29. Oktober 2017. Mit Bruno Lampe, José Luís Peixoto ff, Karol Szymanowski, Allan Pettersson und einer niederzuschlagenden Invasion auf recht pikantem Feld.


[Arbeitswohnung, 7.19 Uhr
Szymanowski, Violionkonzert I
Regen, Regen, Regen, Regen]

Und während ich der Angst auswich,
wich ich der Hoffnung aus.

>>>> Peixoto, S. 76


Erst einmal >>>> Bruno Lampes Tagebuch lesen und durchsehen; ich lektoriere diese Einträge nicht, aber „korrigiere” sie zuweilen. Mitunter fehlt ein Komma, mitunter muß ein Bezug präzisiert werden. Von einem vertrauten Freund erwartete ich dasselbe. Sein alter ego ist Lyriker; das freilich macht die Arbeit heikel, zumal(en) Lampes Notate oft Dichtungen mimikrieren, die derzeit seine Lektüre. Manchmal schreibe ich vorher eine kleine Email und frage an.
Heut zum Beispiel ist’s ein „sich”.
Und der Egger hinterläßt Spuren im Kleist, unter denen, wenn wir etwas scharren, Joyces Eulenklugheit vorschaut. Dichtung, die es wirklich ist, ist immer Palimpsest. Es gereicht ihr, anders als der Malerei, zum Vorteil, daß wir die oberen Schichten nicht wegschaben müssen; sie bleiben vielmehr ganz unzerstört erhalten.

[7.43 Uhr]

Gestern war meine Vorgabe deutlich: kein Arbeitsjournal, auch keine sonstige Dschungel, bis ich nicht endlich diese vermaledeite Szene fertig hätte.
Gegen sechzehn Uhr war es erreicht, und ich griff sofort zum >>>> Klavierfriedhof Peixotos, worinnen nun auch nicht nur der Sohn, nein auch der Enkel spricht. Sie sprechen alle drei mit einer so ähnlichen Stimme, daß sich die Zeiten weiter und weiter zusammen-, daß sie sich ineinanderziehen und Muster deutlich werden, Familienmuster. Aber nie zuvor habe ich dies in einer ähnlich poetisch-magischen Sprache gelesen.
Ich werde das Buch heute zuende lesen, nur die Korrekturen vorziehen, die mir meine Contessa gestern nacht noch gewhatsappt. Es sind nicht viele; an zweidrei Stellen muß überlegt werden. Im übrigen ist sie mit dem Kapitel, schrieb sie mir, glücklich, sehr sogar. Da ist sie mir voraus, den es beklemmt, umso mehr, wenn ich Peixoto lese, dichten eben nicht zu dürfen.

[Szymanowski, Violionkonzert II]



Aber vielleicht ist dies auch erlösend, ohne daß ich es spürte: nämlich objektiv erlösend. Weil sich Peixotos Sprachschönheit und Bilddichte von mir wahrscheinlich gar nicht erreichen ließen, und dann doch besser profan sein als zweifünftelgrandios: „Sie hören auf, bevor sie angefangen haben”, sagte Godard. Womit er meine Generation meinte. Im >>>> Wolpertinger, ganz zu Anfang, habe ich den Satz zitiert. Für den es nun endlich, glaub es, wer es will, eine Zweite Auflage geben soll, allerdings als Paperback, da die Erste nicht mehr über den Verlag erhältlich.
Ich selbst mimikriere doch schon lange nicht mehr; zuletzt tat ich’s mit zwanzig: Es waren bewußte Übungen, so wie junge Maler zu kopieren lernen (wenn sie’s denn noch lernen; das kursivierte „wenn” ist ein „sofern”), um ein Gefühl für den Strich zu bekommen. Bei mir war es, übrigens, Kafka, dann eine Zeit lang García Márquez. Brecht etwa ging nie an mich ran; seine Gedichte entdeckte ich erst mit um die vierzig. Kafka, vorher, wurde von Jean Giono geschlagen; er ist seither in mir schachmatt. Bei Brecht war mir stets zuviel Proletariat-als-ein-Wesen, also anthropologische Ideologie: Gesellschaftsschicht als Volk. Mochte ich nicht, mag ich noch heute nicht, auch wenn sich vorgestern diadorim >>>> in einem solchen wiederfand.

[Pettersson, Streicherkonzert I]


Szymanowsi schob ich gestern in mein Klangkontinuum, weil ich besonders aus Petterssons drittem Streicherkonzert anders nicht mehr hinausfand und vor allem sein, Szymanowskis erstes, Violinkonzert in seinen schwebenden Harmonien tatsächlich sehr schön ist. Aber schon bin ich zu Pettersson zurück: da hat sich eine Tür geöffnet, die bisher von seinen Sinfonien verrammelt gewesen ist; zumindest standen sie meinem Verständnis im Weg.
So auch lese ich Peixoto wie ein Wettschwimmer, der zwischendurch nach Atem ringt, weil bisweilen durchaus gefährdet, vom Wellengang der Sprache überschwappt zu werden. Es ist aber nicht „nur” die Sprache, sondern auch die Konstruktion des Romans. Und eben fiel mir, auf der Toilette, ein, daß er, Peixoto, heute genauso alt ist, wie ich es zur Zeit des Wolpertingers war. Mit knapp vierzig ganz auf der künstlerischen Höhe. Der Wolpertinger kam mir ja wegen „der Generationen” in den Sinn. In der Kunst berühren sie sich manchmal über eine Generation hinweg, so wie gewisse Eigenschaften in den Enkeln wiederkehren, Töchter und Söhne indessen unberührt lassen. – Weshalb habe ich eigentlich Peixotos >>>> bei Septime vorhergegangenes Buch nie gelesen? Jedenfalls habe ich keine Erinnerung daran, es getan zu haben.
Es muß hier irgendwo herumliegen.

Und die Toilette, Freundin, jaja. Auch über so etwas spricht „man” nicht. Nur habe ich mir grad etwas eingefangen, daß die morgendlichen Erleichterungen ziemlich schmerzhaft macht, weniger sie selbst zwar, als nachher mich zu reinigen. Papier benutze ich ja sowieso nicht, seit ich in Indien belehrt worden bin, wie unsauber es sei. Doch allein das Wasser jetzt läßt mich die Zähne aufeinanderbeißen.
Ich hab’s mir schon vor Jahren eingefangen, Eines, das wie Herpes lange schläft, dann unversehens wieder ausbrechen kann. „Sex ist gefährlich, nun jà”, kommentierte trocken die Löwin, die ich warnend anrief. Seinerseits der Arzt hatte, was los war, zu spät erkannt; nun mußte er mich zum Chirurgen schicken, die Dinger zu entfernen. Nächster Termin aber erst Mitte Dezember. Inkazeptabel. Also ich wieder zum Arzt zurück, verschreiben Sie mir das und das. Er tat’s, wenn auch mit skeptischer Miene. Die setzt er, wenn ich komme, sowieso immer auf. Hier aber hat er wahrscheinlich gewußt, was damit auf mich zukommen werde, und hätte es vorgezogen, mich betäuben zu lassen.
War auch nicht ganz ohne Komik. War sogar sehr komisch, wie ich da breitbeinig stehe, einen Spiegel auf dem Stuhl, ich weit darüber vorgebeugt zwischen meinen Oberschenkel hindurchschauend, um mir das Zeug zu applizieren. Anders kann ich ja nichts erkennen. Die Scham läßt mich vorher stets die Jalousien herabziehn; ich wär sonst vom Hinterhaus aus zu sehen. Am ersten Tag kicherte ich deshalb noch. Am zweiten knirschten schon die Zähne.
Das Zeug schlägt ungeheuer an. Alles, was ich an Abwehrkräften habe, scheint sich gesammelt auf den Feind zu stürzen – und in der Tat, er brennt. Doch bleibt das Schlachtfeld selbst nicht davon unberührt, sondern wird getränkt mit Messer und Schneide und Schrapnells und, Göttinseidank nur metaphorisch, Blut, geschlagen wie die Milch meiner Latte macchiati, doch von den wild geschwundenen Morgensternen meiner inneren Kämpfer.
Da muß man als Schlachtfeld erst mal durch.
Aber ich habe heute früh erstes Marsglück bemerkt: Die Feinde waren schon nicht mehr zu fühlen; mit zwischen die Zähne schmal gezogener Luft tastete ich mehrmals nach. Noch aber werden einige in ihren Unterständen lauern. (Anders als offenbar viele andere Menschen fasse ich mich dort auch an und trag nicht den Handschuh von Papieren dazwischen.)
Immerhin gut, daß ich soviel Sport getrieben habe: Ich kann auf den Muskeln meiner Arschbacken sitzen. Während der Arbeit spanne ich sie darum unentwegt an, was den Vorteil eines unentwegten Körpergefühles mit sich bringt: ein auch physisches Selbstbewußtsein. Wir sind zu sieben Achteln Körper, mindestens. Darüber nicht zu schreiben (zu sprechen), heißt bewußt zu täuschen.

[Pettersson, Steicherkonzert III]


Oh über die verlogene Anthropologie!
Jedenfalls muß ich zwei Wochen erotischer Askese einlegen, eine davon „zur Sicherheit”. Dann werde ich auch den Sport wieder aufnehmen; erst mal wieder laufen. Ist eh fällig.

Ach, Freundin, Petterssons Tränen, immer wieder – unversehens, bevor immer der Strom wieder losbricht. Wie ich dann mitsingen möchte, und halt mitbrumme; manchmal greife ich zu dem langen silbernen Art-Deco-Brieföffner, der stiletten rechts neben mir liegt, und dirigiere mit. Das sind die Momente, in denen ich ganz bei mir bin und allen Schmerz vergesse; das Leid indessen wird zu Klangglück, indem es, ungedämpft, in der Gestalt der Schönheit lodert.
Und das, Schönheit, sollen wir aufgeben?
Niemals, Freundin, das niemals!

Pettersson Streicherkonzerte

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