Die Ungenannte wird genannt. Das Arbeitsjournal des Freitags, den 3. November 2017. Mit Nienke Jos und Christopher Ecker, dieser ffffff.


[Arbeitswohnung, 7.18 Uhr
Novemberwetter, unentwegt graugallsch]

Sie erinnern sich, Freundin, daß ich von >>>> einer Ungenannten schrieb? Nun kann ich den fahlen Schleier lüften. Nein, sie war keine Fiktion. Doch hatte ich Furcht, daß ihr Buch nicht „genüge”, wollte also erst hineinsehen, bevor ich hier >>>> diesen Link darauf lege:

Jos Einsamkeit der Schuldigen


Nur kam das Buch erst gestern an. Ich mußte es von der Post abholen, weil meine Briefträgerin wieder einmal nicht die drei Stockwerke hinauftreppen wollte; vielleicht habe ich auch nur die Türschelle nicht gehört (was vorkommt, wenn hier Musik spielt).
Ich wog den durchaus schweren Band in der Hand, umlief ihn wie das noch zu kleine Kätzchen eine noch zu große Maus, wurde dann Kater aber doch und las hinein, las in einem Zug die ersten 39 von knapp 6oo Seiten und dachte: welch grandiose und mutige Idee!
Meine Befürchtung war gewesen, nun jà, ein Buch im Eigenverlag…
(Wir vergessen immer, daß auch Prousts Recherche so erschien, manches von Schiller usw.; noch immer gilt im Literaturbetrieb, daß Selbstfinanziertes nichts wert sei; es wird entsprechend auch erst gar nicht besprochen, also von den Feuilletons nicht mal auch nur wahrgenommen; alles muß in der geförderten Sauce schwimmen, die zumindest einzwei Akzeptierte umgerührt haben, obwohl sie doch selbst darin schwimmen. Auf der anderen Seite steht ein Erfolg, den Nienke Jos schon zweifellos hat; selbst die Filmrechte seien bereits verkauft. Es gibt eine offenbar nicht zu unterschätzende Szene neben der „eigentlichen” Szene, u n t e r ihr, ließe sich sagen, doch aber in den Verkäufen vielleicht sogar „drüber”.)

Ich weiß nicht, ob Frau Jos gleich auf den Gedanken gekommen ist, ihr Buch selbst zu vermarkten, sich also nicht abhängig vom Wohlmeinen anderer zu machen, oder ob dieser Roman zuvor seinen Frustrationsweg durch die Verlage gegangen; ich weiß auch nicht, woher sie das Geld für diese Produktion hat. Der Qualität dieses Buches aber zerkratzt eine mögliche Ablehnungsgeschichte nicht mal den Lack.
Nein, die Sprache ist nicht Kunst, wahrscheinlich auch die Konstruktion nicht. Aber der Roman erfüllt, was Wolfgang Weyrauch einmal gefordert hat, oder war es Heinrich Schirmbeck? – verzeihen Sie, Freundin, ich weiß es nicht mehr, doch weiß diesen Satz: „Unterhaltungsliteratur muß die beste sein”, also jenseits der Kunstansprüche elegant formuliert, gut gebaut und spannend. Dies kann ich Frau Jos, sie verzeihe meine Überhebung, schon zusichern, daß dem so ist.
Sogar nach dem berauschenden, atemlosen und wirklichen KunstErlebnis, das mir >>>> Peixotos Roman geschenkt, habe ich Lust, in der Jos nun weiterzulesen – ein Umstand, übrigens, den sie – jedenfalls die Initialzündung – meinem „Sexismus” verdankt: Als wir bei Facebook ins Gespräch kamen, schrieb sie derart klug und vornehm dabei und gebildet, daß ich im Netz nach Fotografien von ihr suchte, doch >>>> nur ein einziges fand, das sie selbst, pfiffig uns Hengstchen als Zuckerle reichend, in Umlauf gebracht. Und wie Sie, Verehrteste, lesen, nahm ich das Zuckerle an. Allerdings bin ich derzeit für Frauen aus Gründen auch nicht wirklich „gefährlich”, die ich anderswo schon zu gestalten versucht hab. – Freilich, hätte der Text nicht gehalten, ich wäre ein wenig verstimmt gewesen.
Doch Frau Jos formuliert nicht nur prima, nein hat auch Mut. >>>> Bret Easton Ellis‚ fällt mir ein; die beiden haben tatsächlich Verwandtschaft. Ja aber, wenn sie Französin wäre, oder US-Amerikanerin – unsere etablierten Verlage kämen gut damit klar. Ein, allerdings, Frauenschänder, der selbst spricht, geschrieben indes von einer Frau, und mit Einfühlung geschrieben..! – von einer Deutschen zumal..! – o ich seh wohl, wo hier Vorbehalte gewesen sein werden. (Übrigens wäre, als von einem deutschen Autor geschrieben, auch American Psycho hierzulande kaum verlegt worden).

Kurz, das Ding ist wirklich spannend, höchst lebendig, wenn auch jetzt schon sich eine Beklemmung ahnen läßt. Denn der „Held” ist geworfen. Wer Lesestoff zum Wegfressen haben will und dennoch nicht unter Niveau sein, ist umso aufgehobener, in Hegels Sinne, hier. Nur eine Warnung, noch, vielleicht: In „Dingen” Sexualität soll der Roman recht heftig werden. Jokenderweise hat die Autorin selbst eine Warnung in das Buch plaziert – aber möglicherweise als ironische, dann recht böse Spitze gegen unsere Korrekt-Nässe:

Bitte gehen Sie sorgfältig mit dem Inhalt um.
Stellen Sie sicher, daß der Roman nicht in
die Hände von Kindern und Jugendlichen gelangt.

Das hat den Witz der Bizarrerie, daß deutsche Fernsehsender bestimmte Sendungen aus „Jugendschutzgründen” erst nach 22 Uhr ausstrahlen dürfen, was bekanntlich weniger oder gar nicht die Darstellungen von Gewalt anbelangt als etwa die unverhüllte Ansicht männlicher, ob nun stupend in der Tat oder nicht, Gemächte, ganz zu schweigen von Einblicken in den >>>> Ursprung der Welt – bizarr und restlos weltfremd, weil jede und jeder Dreizehnjährige mit einem einzigen Klick sich diese Blicke hineinziehen kann und es auch ganz sicher tut. Bis halt auch das langweilig wird. „Papa, kannst du mich bitte vom Aufklärungsunterricht befreien? Es ist so öde, die haben gar keine Ahnung!” So mein Junior mit zwölf oder dreizehn, selbst da schon, wie ich, von den biederen postpostmodernen Meiers genervt.

(UN)ZENSIERTER LINK

*

Schöne Erzählung von Bruno Lampe, nämlich eines teverinen Monodrambesuches >>>> heute, der mich wohl eher ungewollt an Robert HP Platzens Leere Mitte:Lilith denken ließ, für welches Stück ich seinerzeit das Libretto schrieb – ein schließlich eher verunglücktes denn gelungene Projekt, weil uns der Rahmen von >>>> Éclat nicht genügend Zeit ließ, bzw. ich einfach zu lang war, als daß Platz hätte den Text angemessen in Musik setzen können. Mea culpa allezeit. „Es war wie eine betrunkene Travestie des Büroalltags: Man führte dieselben Gespräche, lachte über dieselben Scherze, war aber bei all diesen Verrichtungen heillos betrunken.”
Geben Sie zu, liebste Freundin, daß diese Bosheit wirklich feinst, >>>> von Ecker, zugestochen ist: „Sozializing” als Verrichtung, ja was fällt uns da ein? –: um in den Gründerjahren noch etwas zu bleiben, das Herzerl an der Plumpsklotür. Woraufhin der Held hernachts dann im Halbschlaf (nicht, um meine tägliche Morgenlektüre abzuschließen, doch das ist der Effekt) „mit dem eigenen Nichtdenken so konfrontiert worden sei, als hätte er in einen leeren Spiegel geblickt”:



So nämlich heißt der Andere heutige Hafen: Der Leere Spiegel.

*

Was heut ansonsten ansteht, Schönste, entnehmen Sie >>>> dem DTs, wie dem gestrigen leider, daß meine Arbeitsvornahmen dem schließlich Erreichten noch nicht ganz entsprechen. Macht aber nichts. Der Weg liegt vor mir klar. Außerdem muß ich wegen der momentan nötigen Seelenhilfen oft unterbrechen. Dennoch, sogar ein neuer Briefwechsel, der gegenseitiges Weiter verspricht, ist begonnen. Und die Frage steht an, ob die Neuausgabe der >>>> Aeolia bereits im nächsten Frühjahr oder nächsten Herbst herauskommen soll; die hier verlinkte Ausgabe gibt es nämlich tatsächlich nicht mehr. Daß sich für diesen Zyklus ein neuer Verlag gefunden hat, überhaupt mal ein Verlag (die alte Ausgabe war der Auftrag einer Galerie, quasi als Katalog), stimmt mich froh: denn nun werden die Gedichte nicht länger von Bildern erschlagen, zu denen mein Verhältnis schon damals höchst ambivalent gewesen ist. Sie kennen meine Vorbehalte gegenüber allzu gegenständlicher Malerei. Auch bei Fotografien habe ich immer ein Problem, sie für Kunst zu halten, gleich, ob ich sie mag oder nicht.

Abends kommt Besuch. Die ehemalige, doch langjährige und ihm tief vertraute Geliebte meines Wahlvaters hat sich angemeldet, mit ihrem neuen Gefährten. Bis die beiden hier eintrudeln, muß einiges geschafft sein..

Seien Sie umarmt. Ich denke an Sie ständig.
Ihr ANHold

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