III, 341 – der spitzfünd’ge Lehrbegriff der Freiheit

Nachrichten aus der Welt. Vorvorgestern. Um 17.54 sei geboren Eva Marie. So kommt nach dem Großneffen auch die Großnichte. Und der Großonkel doppelt sich und überlegt, ob er nicht doch mal wieder nach R. fahren sollte. Und es rührte doch irgendwie. Der Name selbst ein Echoraum.
Einen solchen gab’s auch vorgestern, ein Tag, der sich zumindest tagsüber gewittrig gebar und dem Tag die Hänge vorzog. Einen Moment das Gefühl, ich müsse das Modem vom Netz nehmen, aber das Zählen der Sekunden zwischen Blitz und Donner verschob die Gefahr in sichere Ferne.
Am Tag davor noch rief mich F. an, der Römer, der halb im norwegischen Bergen, halb hier in Amelia lebt. Sonntag abend seien Freunde von ihm hier bei Valda, um Jazz zu spielen. Es regnete nicht mehr, es blitzte nicht mehr, die Welt war trocken genug. So daß ich hinunter ging. Das Betreten der Pizzeria kam dem Verlassen meiner Behausung gleich. Ich hatte Pink Floyd gehört, und hörte beim Betreten Pink Floyd. The Allhologlobesounds der derzeit Allabende. Aber in diesen Compilations wird Ummagumma ziemlich verschwiegen zugunsten des Erlauschbareren. Des in seinen gängigen Rhythmen sich Ergehenden.
Rhythmen. Das waren auch diese drei aus Rom gekommenen Freunde des F. (er habe, deutete er mal an, gar irgendwann das Dante-Institut in Norwegen geleitet (mittlerweile schreibt er Artikel auf Norwegisch fürs Lokalblatt)), die er von seiner römischen Jugend noch kenne, als sie noch 14 oder wer weiß wie alt waren. Auf jeden Fall die Generation der kurz vor dem Ende des WK II oder kurz danach Geborenen.
Und die spielten den Jazz der 20-30-40er Jahre. Schlagzeug, Keyboard, Klarinette. Und begriffen sich tatsächlich als eine Art Konservatorium dieser Art von Rhythmen. War im recht intimen Kreis sehr angenehm. Bewirkte unwillkürliches Lächeln. Eine Art Klangmuseum. Bei einem der letzten Stücke sagte ich zu F., es fehle hier nur noch die Stimme von Armstrong.

https://www.facebook.com/photo.php?fbid=736369886564485&set=a.153020168232796.1073741830.100005744400714&type=3
Fra i clandestini nel locale di Valda

>>>> Foto (c.): Valda Coco; Bruno Lampe sitzt ganz links.


Unwillkürlich kam mir jetzt (aber jetzt war gestern) Pavese dazwischen wegen R. und der neuen Großnichte, deretwegen mich sogar die nunmehr Doppeloma, also meine Schwester, vorgestern anrief. Es ging um seinen Heimatbegriff und seine, in dessen Zusammenhang, Auffassung von Mythos. Damals an der FU hätte es schon eine Arbeit werden können, wäre nicht das Unbehagen gewesen, mich in einer Umgebung zu bewegen, in der Selbstverständlichkeit herrschte, wo bei mir nur ein Fremdsein wie ein Tu-More dem Tu-Wat sich entgegenstellte.
Beim Blättern in Paveses ‘Handwerk des Lebens’ diese dick unterstrichene Stelle gefunden (mit Bleistift daneben ein Hinweis auf Stifter, wahrscheinlich – während der Olympischen TV-Spiele in Moskau geschrieben – aus der Zeit einer Seminarbeit über ihn, für die ich bloß eine ‘vier’ bekam, hatte mich aber auch allzusehr an Schmidt dabei verbissen (man erinnere sich seiner Landschaftszeichnungen im stifterschen Sinne: links ein Schenkelchen, rechts ein Schenkelchen, und dazwischen strömt der Bach hervor))):
“Der mythische Ort ist nicht der individuell einzigartige, vom Typ des Heiligtums oder ähnlichem [….], sondern vielmehr der mit gewöhnlichem, allgemeinen Namen, die Wiese, der Wald, die Grotte, der Strand, die Lichtung, der in seiner Unbestimmtheit alle Wiesen, Wälder usw. beschwört und alle mit einem Symbol-Schauer belebt.”
Solange ein Wort wie ‘Zissen’ nicht eingebracht werden kann, weil dieser Flurname für mich nicht mehr genau zu verorten ist, bleibt es bei solchen Worthülsen. Oder der ‘Malloh’, die Fahrt einmal auf verschlungenen Waldwegen von R. nach Knesebeck. Das Wissen um diese Waldwege. Als Kind begleitete ich meine Eltern zu verwunschenen Stellen im Wald, an denen haufenweise Bickbeeren wuchsen. Die blaue Zunge, die man herausstreckte.
Die Vorderen wußten sich damit noch verwachsen.
>>>> Eggers Arbeit, dessen ‘Val di Non’ ich nun auch gelesen, geht in diese Richtung, aber ungeheuer weit darüber hinaus.
Dieweil auch weiter im Kleist, dem eine gewisse Komik selbst in den desperatesten Situationen nicht abzusprechen ist, in der Herrmannschlacht, im Prinzen von Homburg, im vor einer Stunde ausgelesenen Michael Kohlhaas, subsumiert meinetwegen darin:
“der spitzfünd’ge Lehrbegriff der Freiheit” (Prinz von Homburg).
Oktoberrevolution: das Ding an Sich wird zum Centenaire. Um jetzt festzustellen, daß der ‘Hundertjährige’ von Obaldia sich nicht unter O in der Bibliothek zeigen will. Mögte eventuell dem Zettel gleichzusetzen sein, den der Kohlhaas im Angesicht des Kurfürsten von Sachsen verschlingt. Was sind schon Weissagungen einer Oktoberrevolution. Klar, es begeistert allemal, den Chor der Roten Armee singen zu hören. Pathos. Keine Ahnung, wo der Obaldia gelandet ist. Wahrscheinlich in irgendeinem Haufen, der wahllos um sich schießt, um mich von ihm abzuhalten, weil es der Hundertjährige möglicherweise verboten hat, ihn an einem solchen Tag zu zitieren. Soweit ich mich an den Text erinnere, wäre es ihm wahrscheinlich lieber, sich zum hundertsten Geburtstag der Monroe zu äußern. Hm, das wäre in neun Jahren der Fall. Erleb’ ich vielleicht noch. Aber bis dahin ist unbedingt der ‘Centenaire’ wiederzufinden.
“der spitzfünd’ge Lehrbegriff der Freiheit” (Prinz von Homburg).

III,340 <<<<

Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.