Der Astronaut im gynäkologischen Stuhl. Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 9. November 2017.


[Arbeitswohnung, 6.25 Uhr
Latte macchiato, Morgenpfeife]

Zwei Zettelnotate:
1) Scham bedeutet Unterwerfung.
2) Endlichkeit verstehen; manche früher, manche später.
Ich gehörte stets zu den Schnelleren.
(„Die Menschen
sind so langsam!” rief beinah gequält, als er vor Jahren mal
hiersaß, >>>> Peter H. Gogolin aus.)


Ah ja: N o c h eins:

Das schönste Kompliment, das mir neulich
jemand machte: „Sie kochen wie ein Bauer.”


Mein Schreibtisch liegt voll solch handschriftlicher Zettel, manche sind jahrealt und wurden (werden) irgendwann aneinandergetackert. Dann sind es schmale Häufchen und, wenn auch sie noch aufeinandergelegt, Türmchen mit quadratischem Grundriß. Ich müßte mir Zeit nehmen, die ich nicht habe (oder nicht fühle), sie durchzusehen und zu verwerfen oder präzis formulierend abzutippen, um sie unter den >>>> Notaten oder >>>> Paralipomena einzustellen. Bis eben habe ich das schon begonnene Projekt der „Fröhlichen Wissenschaft” vergessen, für das >>>> Broßmann eine eBook-Lösung erarbeiten wollte; er hat es wohl ebenfalls vergessen. Ich war auch unwillig geworden, weil ich Die Fröhliche Wissenschaft, also Nietzsches wundervollen, weil seinerzeit noch frechen Titel, längst anderswo aufgenommen fand. Dieser Bezug ist mir jetzt schon entwendet (ich war früher, siehe obenst, als die anderen, halt aber nur in Der Dschungel).

Die Nacht war besser als die letztvorigen, auch wenn ich das Medikament, das mir durch sie hindurchhelfen soll(te), gestern nicht mehr bekam. Ich radelte von Apotheke zu Apotheke, niemand hatte es vorrätig; schließlich gab ich es auf und bestellte. „Morgen früh um neun.” Doch wann ich‛s nachher abhol, ist eigentlich wurst, da ich die Direktive mitbekam: Nur für die Nacht. „Eine weitere also schlaflose wieder”, murmelte ich, erneut in meiner Stammapotheke gelandet. Aber der Seufzer war imgrund schon ironisch. Mich füllte ein Siegergefühl.
Nämlich, Freundin, kein Krankenhaus. Und nicht nur nicht das. „Ich kann nichts mehr sehen. Da ist gar nichts mehr.” So beschied der Arzt, als ich…
nun jà, ich hatte zum ersten Mal das Vergnügen, auf einem gynäkologischen Stuhl zu sitzen. Deshalb hattest du, dachte ich spontan, diese Infektion! Damit ich auch dieses einmal erlebte, ein Frauengeheimnis. So also fühlt man sich, also frau, wenn frau da aufgespreizt liegt. Wobei „liegen” ein ganz falscher Ausdruck ist. Frau schwebt halb, ist halb nach hinten gekippt. Bei den proktologischen Stühlen kommt hinzu, daß auch unterm Hintern das Polster wegsurrt. Diese Art, dort zu liegen, ist ein wenig unirdisch; etwas ähnliches habe ich vor Jahrzehnten erlebt, als ich in einen in jede Richtung drehbaren, kippbaren, stürzbaren Astronautenstuhl geschnallt war. Ich genoß es, genoß es damals, genoß es gestern. Hemmnis war einzig das Gefühl der Scham: derart aufgeblößt zu liegen. Weshalb ich im Kopf schon notierte, was dann daheim auf das Zettelchen kam.
Der Arzt – sympathisch, ein Junger, sachlich freundlich genau – guckte und guckte und tastete und drückte auseinander und guckte. Worüber wir nicht sprechen können, macht uns klein.
Filme liefen in meinem Kopf ab. Frauen, die nach Vergewaltigungen schweigen, zum Beispiel, wiewohl sie an ihr ja keinerlei Schuld. Dennoch schämen sie sich. Nicht zu fassen, wie beengt wir gemacht worden sind! Wie klein, wie gepreßt in eine moralische Anthropologie, über die wir uns längst erheben sollten. Was mich auf diesen Stuhl gebracht hatte, war da so völlig nebensächlich.
Es gibt zweierlei Sorten von Scham. Die eine ist berechtigt und menschlich: die darüber, etwas getan zu haben, das meiner eigenen Handlungsmoral widerspricht, oder es unterlassen, mithin ein Unrecht begangen zu haben, für das man sich schämt. Die andere ist ein internalisierter Unterdrückungsmechanismus und setzt bei der intimen Körperlichkeit an; letztlich speist sie sich aus hartrepressiver Sexualmoral.
Beide sind deutlich zu trennen. Als meine Großmutter starb, weigerte ich mich hinzufahren, denn ich ertrug nicht, daß es sie fortan nicht mehr gäbe. Hierfür schäme ich mich bis heute. Ich bin sogar noch nie an ihrem Grab gewesen, weiß nicht mal, wo ich es finde. – Als meine geliebte Sancha starb, mit vierundzwanzig Jahren, die Kätzin, die mich begleitet hatte, aber nach Berlin nicht mitgekommen war, weil sie den Umzug nicht überlebt hätte, denn alte Bäuminnen soll man(n) nicht verpflanzen, ließ ich nicht etwa alles stehen und fallen und fuhr zu ihr nach Frankfurt am Main, wo sie nun starb, weil es mich für sie nicht mehr gab – nein, ich überließ die letzten Gänge Do. Auch dafür schäme ich mich, schäm ich mich sogar ganz besonders und ganz besonders zurecht. Und spreche ungern darüber, eben weil ich mich schäme. Hier ist die Herrin, unter die ich mich beuge, meine eigene und, als solche, begründete Moral.
Doch schäm ich mich für eine Krankheit, schäme mich für ein an mir begangenes Unrecht, schäme mich gar für Körperregionen, die ich also nicht nenne, beuge ich mich unter ein von Menschen aus Gründen des Machterhalts ergangenes Gesetz, das sie gerne „von Gott” kommen lassen, also eben derjenigen totalen Fiktion, die selbst Völkermorden jeden nur denkbaren Raum läßt, in allen Formen der Vernichtung. Sie, diese Fiktion, setzt nicht ohne Grund genau an dem an, was unsere Art erst ermöglicht und sie weiters am Leben hält: Sexualität und Stoffwechsel. Als es noch Götter & Göttinnen gab, in der Mehrzahl, war dies anders.
„Da ist gar nichts mehr”, sagte der Arzt und schob meine Gedanken wie eine Gardine zur Seite. „Sie haben ganze Arbeit geleistet.”
Sein Ton war dennoch skeptisch.
„Sowas hab ich noch niemals gesehen. Die Haut dort ist völlig verätzt, ganze Partien sind es.”
Schrieb ich Ihnen, Freundin, nicht, >>>> eine Schlacht geschlagen zu haben „mit Messer und Schneide und Schrapnells”, überdies halbblind, weil ich dort doch kaum hingucken konnte?
„Da können wir jetzt nur abwarten, das muß von selbst wieder heilen. Nein, keine medizinische Salbe mehr, keine Lösungen, nur Panthenol.”
„Aber vielleicht was für die Nacht, damit das Jucken aufhört? Wissen Sie, tagsüber ist es zu ertragen, da konzentriere ich mich. Aber nachts, wenn das Bewußtsein sich auflösen möchte, läßt einen dieses Jucken wahnsinnig werden.”
„Gut, aber nur für die Nacht. Doch überhaupt muß man sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, das Problem unter Betäubung mit ein paar Schnitten zu lösen, als jetzt diese Verätzungen zu durchleiden.”
„Dann hätte ich einen Monat warten und, da die Stellen nicht einsehbar sind, jedenfalls nicht unter normalen Bedingungen, fürchten müssen, daß sich die Dinger noch ausbreiten – noch in mich tief hinein. Das wollte ich auf keinen Fall riskieren.”
Tatsächlich füllte mich ein Triumphgefühl: geschafft, auch wenn der Boden da umher ein Verdun war, Dezember 1916. Nicht mal, Fahrrad zu fahren, machte mir nachher was aus. Und was ich in der Apotheke schließlich befürchtete, trat schlichtweg nicht ein. Sondern ich habe prächtig geschlafen.

Proktstuhl
(>>>> Bildquelle)


Nur noch pflegen also. Und, was mir nun nicht mehr schwerfällt, Geduld haben. Lächeln. Ich bin zurück im Lebens-, mithin im Liebesspiel

und ging als erstes Muscheln kaufen, auch zwei Austern. „Wenn alles gut geht”, hatte ich der Löwin gesagt, „eß ich nachher Muscheln.”
Also zu >>>> Mitte Meer, noch v o r den Apotheken. Genuß geht vor Leid. Auch an Calamari war mein Vorrat neu zu bestücken, ebenfalls an Gamberi.
Ich brodelte vor ADHS.
Zum Arbeiten kam ich nun nicht mehr, meine Contessa wird‛s mir verzeihen. Denn die Muscheln – es war, als ich heimkam, spät geworden; bis ich beim Arzt drangekommen war, war reichlich Zeit verstrichen – wollten geputzt, vor allem wollte der Sud vorbereitet werden – viel zu viele Muscheln übrigens, der Verkäufer gibt mir zum Verlangten immer ein zwei Schippen hinzu, so daß ich

auch für h e u t e abend noch habe, worauf ich freudig vorausschau. Auf einem Verlagsfest zur >>>> Messe nämlich war jemand, den ich bewußt nur mit Anagramm nenne, für etwas, das ich auch nicht nenne, jedenfalls noch nicht, sondern erst, wenn es spruchreif ist, nennen werde, — war also US auf mich zugetreten und hatte gesagt: „Verzeih, ich habe mich gerade erst kundig gemacht. Du hast unterdessen ja ein richtiges Werk! Und da hatte ich den Einfall, es … dann und dann … herausgehoben … – Dürfte ich? Wärst du bereit? Darf ich Dich anfang November zum Essen einladen, und wir besprechen‛s?” „Aber nur”, sagte ich, „wenn >>>> meine Lektorin a u c h…” „Wo ist sie denn?” Sie war noch nicht da, hatte anderswo ein Gespräch, kam dann erst nach zehn, also abends, bzw. nachts, und war von US beinah schon dringend erwartet; ich hatte so sehr geschwärmt. Nun sie auch anseh‛nd, schmolz er, was Wunder, dahin.
„Ich rufe dich an nach der Messe.”
Den heutigen Termin machten wir über Facebooks Messenger aus.
„Was hältst du davon, hierher zu kommen, in die Arbeitswohnung? Zu Käse und Wein? Da läßt sich‛s doch viel besser sprechen als in irgendeinem Lokal.” Und nun auch zu Muscheln, sofern er die mag. Mit den Austern hingegen werde ich, ich allein, mich mittags einspeisen – sowie die erste heutige >>>> Arbeitsvornahme abgehakt ist.
Auch Musik will ich wieder hören: gewaltig und laut

doch aber auf Christopher Ecker nicht vergessen, das nächste Stück >>>> der Anderen Häfen. Diesmal geht es um eine Tür in der Küche, die der männliche Protagonist der beiden, von denen erzählt wird, jahrelang nicht wahrgenommen hat. Jetzt fällt sie ihm auf. Allerdings ist sie auch der Frau neu. „Wieso ist da eine Tür?” fragt sie.
Gemeinsam erkunden sie das Dahinter. Eine weitere Tür, eine Stiege. Die nimmt nur e r. Tritt unten auf die Straße. Alles dort ist nun ähnlich, doch anders.
Auf normalem Weg, durch den gewöhnlichen Hauseingang also, kehrt er zurück. Wahrscheinlich ist das ein niemals zu korrigierender Fehler. In den Andersweltromanen habe ich ihn >>>>> bis in die letzten Konsequenzen gestaltet.



Aufgestanden, liebe Freundin, bin ich heute um Viertel vor sechs. Durstig nach Taten bis hinter die Stirn und von dort drinnen die ganze Wirbelsäule runter.

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