Wo‛s bumperlt und pulst. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 13. Dezember 2013. Mit abermals Tadeusz Konwicki, sowie der Contessa und einer, nunmehr, Mâconière.


[Arbeitswohnung, 9.22 Uhr
Zweiter Latte Macchiato
Erster Morgencigarillo]

„Schon” die erste Korrespondenz geführt, das schon, Freundin, weil ich mal wieder verschlafen habe und erst um kurz vor acht hochkam. Ist aber nicht schlimm, zwei dicke Arbeitsbrocken sind fertig, und mir steht die erste, eine wirklich tolle, Szene für meiner Contessa Familienbuch vor Augen. Besprach sie eben mit der Löwin, die, wie auch gestern schon die Contessa selbst, dieses „tolle” als „toll” auch bestätigte. Nun möchte ich nur noch uns alle wirklich dort stehen sehen, wo ich diese Familie vor meinen inneren Augen stehen und im Wortsinn tief in die Vergangenheit schauen lasse, die in diesem Fall kein>>>> Brunnen, sondern tatsächlich ein See ist. Es ist ein mythischer >>>> Vineta-Ort, wie er durch viele Sagen und auch heute noch Kinderbücher dringt, ein ἀρχήτύπος mithin; ich denke, niemand unter uns ist unberührt geblieben von ihm.

vineta 2


Die Mächte der Sagen und Legenden sind so groß, daß sie von allem Anfang an auch die neuen Technologien erfaßt haben; ich habe darüber, wie Sie wissen, mehrfach andernorts geschrieben.

Schöne kurze Nachrichtenwechsel mit Frau Lieberman-Mâcon, ich werde in Zukunft von der Mâconière schreiben, in dem es anfangs um die Frage „w e l c h e Villa” ging, Sie wissen schon, Freundin, diese Einladung in die Wüste inmitten der Vulkaninsel. Da ich Frühaufsteher bin, wird mein Blick nun gen Osten schauen; im übrigen schlug ich ein Abendritual vor, zu dem wir uns villenabseits in die Wüste setzten, Stuhl und Wein dabei, und Gläser (Laurence nimmt selbst >>>> in Et Thi das rare Wasser zum Rasieren, inmitten der Hölle hält er auf, gleichsam, Perlwein aus der Champagne) – „bevor ich”, schrieb ich, „in die Küche gehe, um das Nachtmahl vorzubereiten”.
Ich hoffte, sie, die Mâconière, sei keine Vegetarierin und nehme, was das Meer uns biete. Die Antwort war eindeutig: „Ich rauche und saufe und genieße das Leben mehr dionysisch als apollinisch (…). Machen Sie sich auf eine barocke Rubensfrau gefaßt!” Was in mir einen unmittelbar klassizistischen Reflex auslöste und weiterhin auslöst, so daß es ein Reflex eigentlich nicht genannt bleiben kann, mithin den des Formalisten – Apolls mag ich selbstverständlich nicht schreiben.
Die Mâconière legte nach: „ich war immer in einer Mischung aus (…) und der Frage beschäftigt, was nötigt jemand, sich so der Blog-Gemeinschaft auszusetzen…Narzissmus, Histrionik?” Worauf ich auf eine Weise geantwortet habe, die ich, obwohl ich mich damit hier wiederhole, kurz zitieren will:

Ihre Frage, was jemanden zu solcher öffentlichen Darstellung bringe, läßt sich schnell beantworten (ich tat es auch schon in der Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens): Stark beeinflußt von Gedanken der jungen Moderne, also der Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, beeinflußt dann auch von Adornos Ästhetik, war es mir immer ein Anliegen, den Prozeß des künstlerischen Arbeitens-selbst zu einem Bestandteil des Kunstwerks zu machen. Nun gehören aber die persönlichen Umstände, die das Entstehen eines Werkes begleiten, weil sie eben nicht nur „Begleitung“ sind, genau zu den Quellen des Werkes, die wiederum im Werk auf mehr oder minder verstellte Weise –  als eine „zu Wahrheit“, schriebe Aragon, „gelogene“ – erkennbar sind. So wollte ich das Leben selbst zu einem lesbaren Bestandteil meiner Arbeiten machen. Daß dabei auch Narzissmus eine Rolle spielt, sei dahingestellt, weil er es quasi überall tut und weil ich ihn ja umgekehrt genau durch seine Offenbarung auch torpediere. Meine Eitelkeit ist mir bewußt, ständig, also verwende ich sie als Material, was mich notgedrungenermaßen von ihr distanziert; auf genau diese Weise gelange ich zu dem mir poetologisch Wichtigsten: Wahrhaftigkeit, ja sogar poetischer Gerechtigkeit. Für sie steht für mich am deutlichsten >>>> MEERE. Daß der darin ich-erzählende Held, also der Maler Fichte, fast durchweg als „Arschloch” wahrgenommen wird, beweist mir, belegt es zumindest, daß Leser:innen (zu denen halt auch Rezensent:inn-en gehören) der genau richtigen Fährte gefolgt sind: Sie alle sind auf der Seite der Frau und damit auf der Seite meines Buches – daß dennoch so oft geschrieben wurde, der Roman sei ein Racheakt, zeigt nur, wie ihrer inneren Vorgänge unbewußt auch Profis lesen. Dieses geistige Armutszeugnis stellen sie sich freilich, wie >>>> zuletzt Andreas Zielke, ganz selber aus. Weil sie den Vorgang zwar nicht  begreifen, aber spüren, haben die Attacken auf mich einen so so diffamierenden Ton. Sie w o l l e n nicht sehen, daß sie sehen aber müssen (weil der Text ihnen unter die Haut geht), erzeugt ihre Abwehr und Wut.
Wiederum >>>> Ecker spricht heute von Ashley, ist sich aber des Umstands bewußt, daß niemand ihn hört, geschweige ihm zuhört. Es geht um ein Haus mit enorm vielen Zimmern, das dennoch so klein ist wie ein Kopf, wenn es nicht würfelförmig wäre. Spontan denke ich an eine der achtzehn Villen der Mâconière – für Ecker eine gewiß befremdliche Assoziation, schon weil er nicht einmal weiß, ob Ashley eine Frau oder ein Mann ist; bei der Mâconière weiß ich es ganz genau. Nun steckt aber in nahezu allen Erzählungen Eckers eine gehörige Portion Sadismus, und zwar, das eben ist so interessant, ohne daß er zugleich auch dominant wäre; auf seine Helden trifft eher das Gegenteil zu. Dieser hier fragt nun „Ob man das Gesicht eines Menschen ausquetschen könnte, mit einer Art Zitronenpresse?” Was meinerseits mich an die Entenpresse der Fenster von Sainte Chapelle denken läßt, einem derjenigen meiner Bücher, die quasi komplett untergegangen sind; momentan, sehe ich gerade >>>> bekommt man es für vier Euro vier. Wenn Ecker jedenfalls, bzw. sein Held, Ashley heute begegnen würde, gäbe er ihm schlichtweg eins in die Fresse. Nein, sogar zwei – weshalb allerdings, das lesen Sie doch besser selbst.

Korrespondenz zu >>>> Konwicki. Wenn ich aus einem Buch zitiere, öffentlich, dann hat es mich gefaßt. Öffentliches Zitieren ist immer Einvernahme, also wenn es nicht geschieht, um zu schaden. „Es stirbt die Welt der Zauberer und Wahrsager (…). In diesem ewigen Siegesmarsch der Zivilisation (…) wurden Wiesen zerstampft, Wälder niedergebrannt, Embryonen des Genius vergiftet”, Konwicki S.144. Wobei ich aber nicht glaube, daß es so ist, sondern sie haben sich, die Zauberer, nicht einmal „zurückgezogen”, sondern sind, wie es >>>> der Wolpertinger erzählt, in die technischen Welten eingezogen und wirken von dort mit unverminderter Kraft. Genau deshalb hat ja der sogenannte Realismus derart unrecht: Er verliert, indem er zu gewinnen glaubt. Allerdings verdient er an seiner Niederlage gut, besser als die Sieger, die im Gegenteil oft nur wenig oder gar nichts verdienen. Dafür werden sie mit Wahrheit entlohnt.

Ich möchte Ihnen, verehrte Freundin, noch von einer anderen Entdeckung erzählen, einer vielleicht kleineren, aber doch sehr innig-wahrhaftigen, kann das aber erst tun, wenn ich die Erlaubnis dafür bekommen habe. Denn auch in diesem Fall möchte ich gerne zitieren, nämlich ein Gedicht. Vor Freitag/Sonnabend werde ich die Erlaubnis – oder Ablehnung – aber nicht erhalten. Deshalb gedulden Sie sich bitte noch ein wenig.

Ah, und der Eckermännin habe ich, glaube ich, eine Freude gemacht mit der Aussicht auf das ihr vorgeschlagene, nein: an die linke Brust – dorthin, worunter es bumperlt und pulst – gelegte neue Projekt, von dem ich ebenfalls noch nichts erzählen darf – in diesem Fall aus allerdings taktischen Gründen.

Ihr
ANH

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2 Kommentare zu Wo‛s bumperlt und pulst. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 13. Dezember 2013. Mit abermals Tadeusz Konwicki, sowie der Contessa und einer, nunmehr, Mâconière.

  1. werneburg sagt:

    Mythischer Vineta-Ort Gern kommentiere ich wieder Ihr Arbeitsjournal mit einer Korrespondenz zu meiner eigenen Arbeit. Ein Aufenthalt auf der Insel Rügen regte zu einer Dichtung über diese Sphäre an („Hoch Hilgor“). Sie besteht aus 16 Strophen, davon eine mit „Blick“ auf Vineta, diese teile ich hier gern mit:

    Hoch Hilgor

    „Was für ein Fisch ists, der durch die Flut schwimmt
    und kann seine Weisheit nicht wahren?“
    (aus der „Edda“)


    Königsstuhl auf dem Felsen, ein Buchenhain in der Nähe,
    unten bedrängt das Meer.
    Hinter den dunklen Wogen, bemerkst du ein Leuchten, das flackert,
    blinkt die versunkene Stadt.
    Feuer im Leib trieb dich an, das stolze Vineta zu gründen,
    setztest als Ratsherr dich ein.
    Und verwechselst ein Gebilde, das dich nur genarrt hat,
    ach, mit der wirklichen Welt.

    Quelle:
    https://sites.google.com/site/joachimwerneburg/werke-ueberblick#TOC-Die-Klage-der-Gorgonen

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