„Votze!“ ODER. Die Sprache des Unrechts. Im Arbeitsjournal des Donnerstags, den 5. März 2018. Und eine Messerstecherei: Zur Willensfreiheit wieder.

[Arbeitswohnung, 5.10 Uhr
Ravel, Klaviertrio a-moll]

Ja, das hab ich plötzlich losgebrüllt, vorgestern abend im Valentin, als ich mit den Freunden und, nun ja, befreundeten Bekannten beisammensaß, dabei eine montenegrische Übersetzerin. Es war bereits einiges Hellbier in mir, gut, in uns alle gelaufen, zugegeben. Um solch einen Raptus auszulösen, reicht das aber nicht. Ich brüllte es, besser jedenfalls, als tätlich zu werden, und riß der Frau das schmale Buch, das sie festhielt, mit aller Kraft endlich wieder aus der Hand.

Untoter Schwan, Gedichte, Kookbooks 2017
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Mir war, als hätte sie es, und damit die Dichterin, geschändet. Schon bevor sie, ich nenne sie mal Nerve… also schon bevor Frau Nerve zu unserm Kreis hinzu… hm, heikles Wort, -stieß, „hinzustieß“… schon vorher also hatte ich von Katharina Schultens neuem Gedichtband gesprochen, auch zwei Gedichte vorgelesen, die bei den anderen sofort auf Achtung stießen (und mir ebenso sofort einen Auftrag für eine Zeitschrift einbrachten, über Schultens‘ Poetik zu schreiben), auf die Achtung der Evidenz, möcht ich sie nennen, und dann saß diese ungemein wichtigtuerische Übersetzerin da, von der ich aber fehlerhaft dachte, sie könne sich vielleicht auch dieser Gedichte annehmen, es wäre doch wunderbar, würden sie ins Montenegrische übersetzt. „Die wahrscheinlich größte derzeit lebende deutsche Dichterin“, sagte ich. Worauf sie, anstelle die Texte-selbst anzusehen, sagte: „Glaube ich nicht. Dazu muß ich erst wissen, welcher Verlag das herausgebracht hat.“
Ich dachte, ich höre nicht richtig. „Bitte?! Der Verlag ist doch komplett unwichtig!“
„Kookbooks“, sagte einer der anderen. – Kannte sie nicht.
„Wie?! Sie kennen einen der derzeit wichtigsten Lyrikverlage Deutschlands nicht? Geben Sie das Buch sofort wieder her!“, die sie auf dem Umschlag den Verlagsnamen suchte, dann das Impressum, anstelle als erstes in den Gedichten zu lesen.
Aber sie gab es nicht wieder her.
„Geben Sie das Buch zurück!“
Ja, es war eine Schändung.
Ich stand auf, wollte nach ihm greifen, sie aber drehte sich weit zur Seite, hielt die Finger um das Buch gekrampft und streckte es von mir weg. „Nein, tu ich nicht! Ich will erst wissen, welcher Verlag das ist.“
„Das ist doch ohne jede Bedeutung!“ In mir grollte es hoch, wurde dumpf, wurde rot: „Votze, gib das Buch wieder her!“ Und kriegte es zu fassen und riß es wieder an mich. Erst da beruhigte ich mich.
Jetzt aber ging es erst los.
Am Tisch hinter mir, eine graue, hagere Frau war aufgestanden. „Was haben Sie da gesagt?!“
Ich wußte selbst, daß ich mich schwer danebenbenommen hatte; ich hätte es mit Frau Nerve schon wieder geregelt, und wir regelten es später auch. Irrsinnigerweise war sie nämlich danach an meinen Gedichten interessiert. „Meine Gedichte, gegen diese hier, sind Abfall. Kümmern Sie sich um Schultens.“
Aber noch stand die graue Frau wütend vor mir. „Sie sind ein Arschloch.“
Ich: „Bin ich. Ja. Und nu‘? Sie haben doch gar keine Ahnung, worum es geht!“
„Das muß ich auch nicht. Man sagt so etwas nicht, niemals!“
Sie hatte recht, klar, aber das machte mich nun um so sturer. „Und was wollnSe jetzt tun? Die Polizei rufen? Nur zu.“ Ich bebte.
„Solch ein Arschloch darf man nicht in den öffentlichen Raum lassen.“
„Das ist kein öffentlicher Raum, das ist ein Privatraum.“
„Das ist eine Kneipe.“
„Dann muß mich der Inhaber rausfeuern. Hausverbot wäre angebracht.“
Den wollte sie aber nicht rufen, offenbar. Ging dann statt dessen selbst, nicht ohne ihr „Arschloch“ wiederholt zu haben.
Ich setzte mich wieder und schnaufte. Langsam senkte sich der Rotfilm von meinen Augen, fast hätte ich das bewunderte Buch an mein Herz gedrückt, schob es jetzt unerreichbar unter das ausgerollte Etui meiner eCigarren. Steckte mir eine Zigarette aus der auf dem Tisch liegenden Schachtel an.
„Sorry“, sagte ich, selbst schon rasend überlegend, nicht was da in mich gefahren war, sondern welchen Ausdruck es sich gesucht hatte. Es war eine schwere Aggressivität gewesen, die sich unterschwellig mit Notwehr gepaart hatte, einer psychischen Notwehr, die sich ihres Grundes überhaupt erst bewußt werden mußte, vielleicht auch noch immer sich erst bewußt werden muß.

Denke ich jetzt drüber nach, denke ich, daß die #metoo-Debatten dazu beigetragen haben, daß es die zunehmende Bedrängtheit ist, in die Männer, die sich nicht ducken, mittlerweile geraten, die Diskussion überhaupt über die nicht nur in Zweifel geratenen Geschlechtsidentitäten, daß ich mich anscheinend schwer gefährdet fühle, wozu aber Vertreter meines eigenen Geschlechts einiges beigetragen haben, die meisten sogar, das nun öffentlich nicht einmal mehr zu dem steht, was es ist, also zum eigenen Begehren nicht mehr steht, wohl aber, wie auch hier am, nun jà, Stammtisch, es „entre nous“ durchaus weiter vor sich hinzotet; dazu selbstverständlich die eigene Erfahrung mit dem „Da muß ich aber erst mal sehen, welcher Verlag das ist“, die in einer solchen Aussage, die ja Bewertung ist, liegende Affirmation an Macht und Machtverhältnisse, gegen die meinerseits ich seit Jahrzehnten mich hilflos anstemme – kurz, ein ziemliches Konglomerat aus drängend wogenden Gründen.
Dabei wäre es im gegebenen Fall völlig wurscht gewesen; Kookbooks gehört zu den am meisten gehypten Lyrikverlagen überhaupt. Meine Güte, hätte ich denken können – und sollen -, wie ahnungslos ist diese Frau! Ob die Kookbooks kennt oder nicht oder in Hamburg fällt ein Mülleimer um, hat ungefähr dieselbe Bedeutung.
Dachte ich aber nicht, ich dachte g a r nicht, ich empfand, ja, sinnlich, eine geradezu körperliche Erniedrigung, so sehr war – und bin ich – mit diesen Gedichten identifiziert, von deren atemnehmender Qualität nun auch Benjamin Stein geradezu schockiert ist. Aufgrund meiner Einlassung >>>> dort hatte er sich das Buch bestellt und will sich nun auch die anderen kommen lassen. „… die Dichte großer Momente ist bei Schultens enorm“, schrieb er mir gestern.

Dennoch. Weshalb, liebe Freundin, benutzte ich als Wutausdruck ausgerechnet ein Wort für ein Organ, auf das ich mehr Lieder sang als auf irgendein andres? Wieso diese blind rasende Kehre ins schwer Abfällige? Auch wenn ich um meine Cholerik wohl weiß, ist dies doch komplett neu für mich.
Mein Ausbruch ist mir derart unangenehm, daß ich erst heute über ihn schreibe, zumal mit dieser harten Überschrift, wiewohl ich’s gestern schon tun wollte, aber aus Scham davon noch Abstand nahm, bis ich heute früh, gleich nach dem Aufstehen um zehn vor fünf, begriff, daß zu verschweigen genau das Falsche ist. Sondern auch hier muß ich mich zugeben können und dann sagen können, es war falsch, aber hatte Gründe – und nach ihnen suchen. Sie formulieren, weil erst dann w i r sie haben und nicht sie uns. Egal, ob ich die Gefahr nun noch mäste, für den Macho zu gelten, als den die Welt mich eh sehen will. „Die Welt“, nun jà.

Gründe sind ohnedies der Schlüssel: Ursachen, die  hinreichend genug und, im Wortsinn, notwendig sind, um geschehen zu lassen, was geschieht. Nämlich geht noch ein Zweites in mir um, auf das ich grad schmerzend antwortlos bleibe.
Eine nahe Freundin hatte mir geschrieben, sie sei des abends an einer Gaststätte vorbeigekommen, vor der nur weniges später ein Mann orientalischer Herkunft wahllos auf Passanten eingestochen habe. Nach etwas Email-Hin&Her – darinnen die Replik der Freundin, daß die Umstände nicht die Tat rechtfertigten und sie selbst sich eher umbringen würde, ehe sie zum Messer oder sonst einer Waffe griffe und Unschuldige verletzte oder gar ums Leben brächte –  schrieb ich ihr folgendes:

Selbstverständlich rechtfertigt es nichts, aber es macht erklärbar. Und nur dann, wenn wir Zusammenhänge verstehen, können wir die Ursachen zu beheben versuchen. Aber wem sage ich das?
Ja, „eher brächte ich mich selbst um“ ist eine Möglichkeit in solchen Situationen, also: autoaggressiv zu werden. Ob man/frau das aber wird oder die Aggression nach außen leitet – meist sind es ja keine geplanten, sondern raptusartige Vorfälle -, hängt tatsächlich von den Prägungen, möglicherweise auch von den genetischen Vorgaben ab. Mit gutem, d.h. schlechtem Grund zieht das Militär weltweit am liebsten Jugendlichen knapp nach der Pubertät ein, vor allem männliche Jugendliche. Die unterschwellig laufende biologische Dynamik nutzt übrigens auch der داعش, also IS. Die meisten Attentäter sind junge Männer zwischen Siebzehn und allerhöchstens Dreißig.

Imgrunde wundere ich mich, übrigens, daß nicht viel mehr passiert. Noch sind es signifikant mehr Angriffe auf Asylheime, als daß Asylanten Amok laufen. Ebenso wundere ich mich, daß in „Sachen“ Terrorismus nicht viel viel mehr bei uns passiert; denk mal an die Endsiebziger: Da hielten anderthalb Hände voll RAFler die Bundesrepublik Deutschland ein gesamtes Jahrzehnt komplett in Panikatem. Höchst seltsam, daß eine Killerorganisation wie der داعش nicht eben mal dreißig Schläfer losläßt. Versetze Dich einfach mal in einen ideologisch-fanatischen Strategen: Was würdest D u tun, also taktisch, an seiner Stelle? Ecco. Passiert aber nicht, obwohl es an der technischen Leistungsfähigkeit nicht liegen kann; sonst wäre es nie zu 9/11 gekommen. (Ich tat es übrigens schon in den Neunzigern, dieses Gedankenspielen, und also schrieb ich Thetis – worin alles schon steht, 1998, der Fall der World Trade Towers, die Bankenkrise, der داعش, die Flüchtlingswellen, der Aufstieg des Internets und seine schließlich totale Beherrschung des westlichen Bewußtseins sowie der wirtschaftlich grundierte Hegemonialkrieg, das Wiederaufleben fantatischer Religionen und und und. Mein ganz bestimmt – und tatsächlich – grausamstes, brutalstes Buch. „Utopistisches Tamtam“ hat Hubert Winkels es noch vor zwei Jahren genannt, schon selbst im Sumpf den Sumpf nicht mal sehend, obwohl nur noch zwei Zentimeter, und er kriegt keine Luft mehr.)
Was wir derzeit erleben, ist die Auswirkung der globalen Ungleichzeitigkeit, in der die Unzeitgleichen „plötzlich“ direkt aufeinanderprallen  – was aber im Interesse der Absatzmärkte ist. Also kommt es zu einem Hegemonial-, ja, -krieg, der auf der einen Seite die Maske der Demokratie aufhat, aber nichts anderes als die totale Warenherrschaft meint, und auf der anderen Seite die der dogmatischen Religion. Masken sind es tatsächlich beides. Drin zerrieben werden die Machtlosen – und ticken irgendwann aus, aber auch das punktet erneut auf die Seite der Mächtigeren. Um so stärker, als die – mal eben zurück zu ihnen – „Burschenschafter“ für ihren Müll nun deutliche Leitfiguren haben, u.a. den mächtigsten Mann der Welt (wenn wir von China mal absehn), und der wurde, ich kann es nur betonen, g e w ä h l t.
Will sagen, Du wirst Amokläufe und Übergriffe seitens einiger Asylanten nicht verhindern können, schon nicht gar nicht präventiv. Um die Strukturen zu ändern, braucht es Bildung, Bildung, Bildung – und bis die greift, vergehen mindestens zwei Generationen. Wie wir an der „Rechten“ sehen, also ihrem Fußvolk, und auch den „linken“ sogenannten Autonomen, steht’s ja selbst bei uns mies damit – bei vergleichsweise sehr viel höherer Chancengleichheit; wie willst Du von panisch Geflohenen, die ohne Bildung sind, a n d e r e s erwarten können? Denn die Gebildeten aus den Fluchtländern – es gibt vor allem aus Syrien sehr viele von ihnen – werden nicht übergriffig, ticken auch nicht aus. Es sind die Elenden (Les miserables -!), die sich blind aufbäumen, raptisch, wie ich vorhin schrieb. Der ins Leere um sich schlagende Hilflose – ins Leere, weil er nicht die Ursachen trifft, gar keine Chance hat, sie zu treffen.
Was also tun? Die Elenden zurück und in den Tod schicken? Das würde ich eine Todesstrafe nennen, bei der man sogar zu feige ist, den Henker zu stellen. Wenn wir sie aber hier lassen, müssen wir mit Amokläufen, Attacken und Übergriffen jederzeit rechnen. Und langsam die Grundlagen legen, daß es sich ändert. – Ich bin für den zweiten Weg, auch, weil wir ja selbst Bestandteile und vor allem Nutznießer der Hegemonialkriege sind, nämlich der erfolgreichen hostile mergers der Warengesellschaft, seien sie militärisch, seien sie, vermittelt über den Pop, kulturimperialistisch. Was für uns neu ist, ist, daß wir selbst jetzt ein Risiko tragen um unseres Wohlstands willen – daß also nicht irgendwelche weit entfernten Ethnien gefährdet sind, sondern auch wir – wobei diese Gefährdung noch sehr den Charakter unwahrscheinlicher Zufälle wie den hat, daß Du nur wenig Zeit vor dem Amoklauf an dem Ort des Geschehens vorbeispaziert bist und es also auch Dich hätte treffen können. Es ist so: Es kann jeden von uns treffen. Aber noch ist die Wahrscheinlichkeit signifikant, ja unvergleichbar höher, daß uns beim Überschreiten einer Straße ein Auto an- und totfährt.

Darauf, wie erzählt, bin ich ohne Antwort geblieben, etwas, das mich unruhig sein läßt, weil ich meine Freundin auf keinen Fall verletzen wollte und nun die Befürchtung hege, es getan zu haben. Letzten Endes indes geht es um die nach wie vor brennende Frage, ob es so etwas wie Autonomie unserer Entscheidungen überhaupt gibt. Daß ich daran zweifle und es bislang keinen sachlichen Grund gibt, es nicht zu tun, ist Ihnen, verehrte Freundin, als meine Haltung längst durchaus bekannt. Allerdings zweifle ich damit die substantielle Grundlage unserer fast gesamten Rechtsprechung an. Das macht sie, meine Haltung, prekär. Freiheit ist eine – allerdings entscheidende – Empfindung, vielleicht sogar nur ein Glaube, der aber, w i r d er geglaubt, Wirklichkeiten ändert. Es war Nietzsche, der den Nexus auf den Punkt gebracht hat:

Der Türkenfatalismus hat den Grundfehler, daß er den Menschen und das Fatum als zwei geschiedene Dinge einander gegenüberstellt: der Mensch, sagt er, könne dem Fatum widerstreben, es zu vereiteln suchen, aber schließlich behalte es immer den Sieg, weshalb das vernünftigste sei, zu resignieren oder nach Belieben zu leben. In Wahrheit ist jeder Mensch selber ein Stück Fatum; wenn er in der angegebenen Weise dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben darin auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung, aber ebenso jene Resignation in das Fatum; alle diese Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. – Die Angst, welche die meisten vor der Lehre der Unfreiheit des Willens haben, ist die Angst vor dem Türkenfatalismus: sie meinen, der Mensch werde schwächlich resigniert und mit gefalteten Händen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr nichts zu ändern vermöge: oder aber, er werde seiner vollen Launenhaftigkeit die Zügel schießen lassen, weil auch durch diese das einmal Bestimmte nicht schlimmer werden könne. Die Torheiten des Menschen sind ebenso ein Stück Fatum wie seine Klugheiten: auch jene Angst vor dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber, armer Ängstlicher, bist die unbezwingliche Moira, welche noch über den Göttern thront, für alles, was da kommt; du bist Segen oder Fluch und jedenfalls die Fessel, in welcher der Stärkste gebunden liegt; in dir ist alle Zukunft der Menschen-Welt vorherbestimmt, es hilft dir nichts, wenn dir vor dir selber graut.
Der Wanderer und sein Schatten, 14,61

Aber: „Der ins Leere um sich schlagende Hilflose – ins Leere, weil er nicht die Ursachen trifft, gar keine Chance hat, sie zu treffen“ – dies hängt mit meinem eigenen Ausrasten engstens zusammen, von dem ich oben erzählte.  Wie Not in das Unrecht umschlägt, aus dem sie rührt, wie sie selbst die Sprache des Unrechts annimmt, wird in beiden Fällen l/Laut.

*

Jetzt also an den Auftrag, jetzt über Katharina Schultens‘ Untoter Schwan schreiben, aber nicht nur darüber, sondern über ihre Poetik insgesamt. Bis zum Sonntagabend habe ich Zeit, dazwischen liegen noch zwei Tage Leipziger Buchmesse, die heute beginnt. Morgen und übermorgen werde ich dortsein, den Sonntag dann zur Fertigstellung meines Essays nutzen; am Montag früh muß er dem Redakteur vorliegen. An der Contessa  Familienbuch kann ich erst weiterschreiben, wenn mir die Zuordnung der Stimmen auf meinem Interviewmitschnitt vorliegt.
Und um halb zwölf will ich zur Staatsoper aufbrechen: Jahres-Pressekonferenz mit Barenboim und dem neuen Intendanten.

Bislang habe ich’s durchgehalten und heize tatsächlich nicht mehr. Draußen allerdings gehen die Temperaturen wieder gen Null. Deshalb lasse ich in ihren zwei Eimern die Kohlen noch stehen, und die mir derzeit nahste, „real“ also, Muse bleibt weiterhin im Fenster sitzen:

 

 

 

 

 

 

 

Ihr ANH

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10 Kommentare zu „Votze!“ ODER. Die Sprache des Unrechts. Im Arbeitsjournal des Donnerstags, den 5. März 2018. Und eine Messerstecherei: Zur Willensfreiheit wieder.

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  2. franzsummer sagt:

    Nun, so etwas passiert und ist doch etwas, was man gern als „unentschuldbar“ bezeichnet, Alkohol im Blut kommt dazu oder ist Voraussetzung dafür.
    Ich habe echt Zweifel, ob ich so eine peinliche Entgleisung öffentlich machen würde. Das befremdet mich, da helfen auch keine langen Abhandlungen.
    Soll das irgendwie etwas entschuldigen?
    Ich würde mir da eher eine Decke über den Kopf ziehen und mich einen Monat lang schämen 🙂
    Mit diesem Wort wird ja wohl das wunderbarste Organ der Menschentiere herabgewürdigt, benutzen aber auch Frauen, um zu beleidigen.
    Ich erinnere mich an eine Veranstaltung in Dresden, da rief eine Frau der Pegidameute es quer über den Platz vor der Semperoper, als Frau Merkel aus dem Auto stieg.
    Das war in allen Nachrichtensendern und ließ jeden vernünftigen Menschen schaudern.
    Das Wort ist eine Symbol für dumme Menschenverachtung, dagegen steht doch unsere ganze angebliche Kultur.
    Vielleicht ist tatsächlich mehr hinter dieser Engleisung zu finden.
    Ganz cool sage ich mal, jemand mit aller Kraft ein Buch aus den Händen zu reißen, ist auch schon eine „Tätlichkeit.“
    Und die zweite Anmerkung:
    Muss man den Namen von Verlagen kennen, um mitreden zu können, wenn man sich über die Qualität von Gedichten austauscht?
    Aber in dieser Frage hat sich ja wohl die angegriffene Dame selbst bejahend geäußert. Da hatte sich wohl eine „literarische Elite von Insidern“ versammelt.
    Ich selbst lehne das ab. Verlage und Kulturbetrieb interessieren mich überhaupt nicht, ob mir etwas gefällt oder nicht.
    Vielleicht sollten Frauen eh nicht in Kneipen gehen, es gibt doch auf der anderen Seite auch Frauen-Cafés, zu denen Männer keinen Zutritt haben.
    Gebe ich einfach mal zu bedenken.
    Vielleicht brauchen Männer Räume, wo sie Tiere sein können.

  3. zoo-e amsterdam sagt:

    Befremdet ist der Summer ob der peinlichen Entgleisung. So ist das mit den Triggern, der Trigger fällt, der Fokus lenkt sich drauf und der Rest wird ignoriert.
    Was ist passiert? Da sagt ein Mensch einem anderen Menschen, er bewundere diese Gedichte und möchte sie ihm zeigen. Die Reaktion besteht in der Frage nach dem Verlag. Was mich fatal an jene Art Menschen erinnert, die über eine pottenhässliche Tasche in Verzückung ausbrechen, weil GUCCI der Hersteller ist. Das findet der Summer offenbar ebenso doof wie ich. Und anstatt sich mit den Gedichten zu beschäftigen, sucht die gute Frau weiter nach dem Hersteller (um im GUCCI Bild zu bleiben). Wissen Sie, was die da gerade macht? Sie pisst auf die Gedichte. Was wiederum den Menschen, der ihr diese Gedichte anvertrauen wollte, fassungslos macht. Und eine Reaktion hervorruft. Wenn ein Mensch den Dingen, die ich ihm mit Bewunderung zeige, so ausgesprochen respektlos gegenüber tritt und dann auch noch das Ding nicht wieder heraus gibt, sondern weiter daran herumfingert (= den Strahl kräftig weiterplätschern lässt) dann MUSS ich es ihm wegnehmen. Wobei die Beschmutzung nicht mehr rückgängig zu machen ist.
    Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat sich die gute Frau die „Votze“ redlich verdient. Und ich hoffe nicht, dass Sie das wunderbare Genital Ihres Menschentieres als „Votze“ bezeichnen. In meinem Sprachgebrauch hat sich die „Votze“ für Frauen etabliert, die aufgrund der Tatsache eine solche zu besitzen, Sonderrechte beanspruchen. Tatsache ist doch wohl, dass ein Kerl, der auf Gedichte pisst, auf die Fresse bekommt. Hoffentlich. Insofern ist doch die rein verbale Zurechtweisung a) zulässig und b) geboten.
    Und aus meinem weiblichen Blickwinkel ist an dieser Zurechtweisung auch nichts „tierisches“ wohl gemeint im Sinn von unzivilisiert. Die Gesellschaft eines Mannes, der für die Ehre von Gedichten eintritt, wäre mir weitaus lieber, als ein Nachmittag im Frauen-Cafe. Dort lungern nämlich haufenweise Votzen rum.

    • franzsummer sagt:

      smile, ach ja.
      Dann sind Sie ja hier gut aufgehoben. Ist wohl kein Frauen Café.
      Ich kenne mich da nicht aus, gebe ich gern zu.
      Ja, befremdet bin ich, aber schreibe niemanden vor, es auch zu sein.
      Das ist total subjektiv, bitte sehr. Und so habe ich es auch geschrieben.

      • zoo-e amsterdam sagt:

        Ja, ich fühle mich sehr wohl… herzlichen Dank.
        Und ich habe Ihnen keinesfalls angelastet, befremdet zu sein – Sie haben wohl mitbekommen, dass ich ein Faible für empfindsame Seelen habe. Sehen Sie meinen Beitrag als Beitrag zu Ihrer Befreiung: Sagen Sie Votze, wenn Sie angevotzt werden. Sagen Sie „meetoo“, wenn Sie ob Ihres Geschlechts als Tier bezeichnet werden. Nehmen Sie sich die Freiheit, peinlich zu sein. Denn wer wagt es, darüber ein Urteil zu fällen. Und berichten Sie uns hinterher davon. Ich werde Sie nicht verurteilen. Versprochen.
        Im Übrigen ist der Verfasser wohl selbst befremdet von seiner üblen Tat, sonst hätte er es hier nicht berichtet.
        Ich erlaube mir, die Sache so zu sehen: wenn diese Dame keine oder nur eine lauwarme Reaktion bekommen hätte, wäre ihr die Möglichkeit verwehrt, darüber nachzudenken, warum ihr diese schwere Kränkung zugefügt wurde. Insofern hätte man sie der Möglichkeit beraubt, zu wachsen. Und zu wachsen ist doch etwas Gutes. Ich halte viel davon, zu interagieren. Manchmal auch schmerzhaft.

        • franzsummer sagt:

          O, danke, wie sind denn hier so die Sprechstundenzeiten? Gibt es auch Gruppentherapien, es liest sich so. (Und berichten Sie uns hinterher davon.)
          Sie selbst bleiben besser so wie Sie sind, würde ich mal vermuten:-)
          Tut mir leid, ich habe keine Tipps für Sie. Ist mir etwas peinlich.
          Aber ich bin kein Therapeut, brauche keine Anhänger und bemühe mich auch selbst keiner zu sein, wer auch immer sich da anbietet.
          Meine Größe reicht mir völlig aus.
          Also schauen Sie sich besser um nach anderen Patienten.
          Sorry.
          Und schönen Abend noch.

        • @zoo-e: Darf ich „Leben“ schreiben (Zoé)? – Würde jedenfalls ich als „Tier“ bezeichnet (was schon vorkam), ich wäre geschmeichelt; ich ließ‘ auch „Sie Schwanz“ mir gefallen, „Sexist“ bin ich eh schon gewöhnt und betrachte das Schimpfwort als eine Art Orden – ganz wie ich dem Tier (so geschrieben mit „h“, wie Kant das „Gemüth“ schrieb; in meinem ersten Roman ließ ‚man‘ mir sowas nicht durch) hab einen ganzen Band Lyrik gewidmet. – Mich ärgert an dem Vorfall ja ’nur‘, daß ich das Wort als Schimpfwort für etwas benutzte, das mit dem Anlaß zu tun gar nichts hatte – da, alleine da, liegt der Mißbrauch, eben nicht der Frau, sondern der Sprache.

  4. @franzsummer:
    „Ich habe echt Zweifel, ob ich so eine peinliche Entgleisung öffentlich machen würde. Das befremdet mich, da helfen auch keine langen Abhandlungen.
    Soll das irgendwie etwas entschuldigen?“ – Nein, soll es nicht. Genauso schrieb ich es oben auch. Aber die „langen Abhandlungen“, die Sie gelesen zu haben meinen (nicht einmal eine halbe Seite ist für Sie schon zu lang? alle Achtung), sind nötig, um zu verstehen, denn nur bei Verstandenem können wir etwaig späteren Entgleisungen entgegenwirken; eine solche war es zweifelsfrei und als solche benannte ich sie auch. Und weil es, etwas zu verstehen, braucht, ist es falsch, wie Sie für sich konstatieren würden, sie nicht öffentlich zu machen – also einzugestehen. Aus Ihrer Bemerkung spüre ich außerdem ein gewisses Ressentiment; ich meine die kleine Sottise bezüglich der „literarischen Elite von Insidern“. Zum Beispiel kann ich selbst gegen „Elite“ gar nichts habe, sofern sie eine ist und nicht nur behauptet es zu sein, sie also Verantwortung übernimmt. Und Insider ist jeder in seinem/ihrem Beruf, wenn er und sie mit anderen des gleichen oder sehr ähnlichen Berufes zusammenkommen, ob es nun Ärzte, Anwälte, Bäcker oder Studienrätinnen/Studienräte oder Maurer sind. Auch also, Insider zu sein, ist nicht moralisch sanktionierbar, jedenfalls nicht mit guten Gründen.

    Dennoch danke ich Ihnen für Ihren Kommentar, weil Sie damit immerhin zu den sehr wenigen gehören, die sich hier zu dem Vorfall äußern.

  5. franzsummer sagt:

    „nicht einmal eine halbe Seite ist für Sie schon zu lang? alle Achtung“ – das ist jetzt aber auch ein Ressintement, oder.
    Ja, ich habe das auch nur geschrieben, damit hier noch was steht, sorry.
    Ansonsten muss man immer auswählen, wenn man liest und wie viel davon, denke ich.
    schönes Wochenende.

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