Vorwehmut nach. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 25. März 2018. Mit Peter H. Gogolin, Ulrich Becher wieder – und wieder, wieder, wieder: Katya Kabanova

[Arbeitswohnung, 9.42 Uhr
Bereits die vierte Aufnahme, zwei davon selbst mitgeschnitten:
Leos Janáček, Katya Kabanova
Latte macchiato, Morgencigarillo]

Bin, liebste Freundin, spät heute „dran“. Wegen der Uhrenumstellung habe ich ausnahmsweise den Wecker meine Ifönchens nicht gestellt, sondern den Leib gewissermaßen von selbst aus in die neue, immerhin den Sommer versprechende Zeit gleiten lassen. So wachte ich denn um halb sieben erst auf, was bereits halb acht bedeutete, war zwischen ihm, also meinem Leib, und dem Geist auch noch etwas uneins (wer war da uneins?), ob mich erheben – als das Telefon klingelte und eine gedrückte लक्ष्मी-Stimme sprach. Sie habe sich gestern, selbstverständlich nicht die Stimme, bei der Vorbereitung einer Parmigiana die Hälfte des rechten oberen Kleinfingerglieds abgehobelt; Göttinseidank sei unser Sohn dagewesen. Sofort Krankenwagen, Charité, chirurgisches Nähen.
„Ach du Arme!“ rief ich aus, sie ausgerechnet, die bis heute beim Blutabnehmen umfällt. Und nachher auch noch Jobben muß und will.
„Mein bester Gemüsehobel…“ Müsse aber scharf sein, das Ding, habe der Arzt konstatiert, absolut glatter Schnitt.
Heute noch mal hin. Es muß eine Nekrose ausgeschlossen werden.

Jedenfalls war ich jetzt wach und das, was ich gestern so stark empfunden, bei Penny, sehr gewichen. Statt dessen abermals, die Oper-selbst zum fünften Mal, meine Aufnahme aus der Lindenoper vom 8. Juni 2005, noch aus dem „alten“ Haus also, unter Salemkour: Das Orchester die Wolga hieß meine seinerzeitige Kritik fürs damals noch existierende Opernnetz.
Es gibt immer wieder rauschhafte Phasen, in  denen ich von sehr bestimmten Komponisten „einfach“ nicht loskomme; Janáček hält nun schon wieder seit drei Tagen unentwegt an. Dazwischen ein bißchen Kancheli, der mir sonst nicht so liegt: Chiaroscuro.

Der Begriff, also was er meint, war auch das Leitmotiv, zumindest eines der Leitmotive meines Neapel-Hörstücks.

Aber was ich erzählen wollte. Wie ich da gestern bei Penny einkaufen war. Wie ich mich von den Ostersüßigkeiten, die einen ganzen Gang einnahmen, nicht trennen konnte. Wie nicht Erinnerungen, aber Geschmäcker in mir aufstiegen, die den Charakter ungefährer Atmosphären hatten. Wie ich da schluckte, als ich diese Sehnsucht empfand.
Es wird erneut ein… nein, nicht einsames, aber „alleines“ Osterfest für mich werden; लक्ष्मी und die Zwillinge fahren wieder zu ihrer Omi, bzw. Mutter, die mich so wenig aussteht wie ich sie, und mein Sohn ist ganz sicher mit seinen Freunden unterwegs. Aber ich kann ja mal vorsichtig anfragen, den nun Erwachsenen, ob wir nicht wenigstens ein Osterfrühstück gemeinsam…
Ich habe einen starken Hang zu den großen Festen, Weihnachten und Ostern; jenes für das Versprechen neuen Lichts, dieses für seine Einlösung, für Grün und geil und hell, Fruchtbarkeit im Symbol des Eis, Zeugungskraft in dem des Rammlers, und überall – auch wenn es klimatisch dieses Jahr eher nicht der Fall sein wird – sprießen Kätzchen und knospen die Blätter. Da konnte ich, wir stehen immer noch bei Penny, als mir im Gedenken an meine Großmutter eine Flasche Eierlikör zu kaufen. Prägungen.
Ich brauche Rituale, brauche sie um so mehr, je älter ich werde. Sie sind mein Ausdruck, ein tiefstsitzend persönlicher, von Erdenliebe. Mag sein, daß dies sentimental ist, wenngleich ich es nicht glaube. Selbst nämlich wenn, wär es egal. Denn gleichsam gestisch symbolisiert es mein Beharren auf dem Leib. Sie sind ein geistiger Ausdruck von Leib.
Also beschl0ß ich, mir morgen Zweige zu kaufen und auch Ostersüßigkeiten zu besorgen, um sie im Arbeitsraum auch dann gestaltend zu arrangieren, wenn ich – wie in fast allen letzten Jahren – tatsächlich zum Fest alleinbleiben sollte. Nein, ich bin nicht einsam, nur allein. Das ist, ich weiß es durchaus, ein großer Unterschied.

[Zweiter Latte macchiato, Morgencigarillo]

Die Aufräumaktion zeigt erste Wirkung: Ich habe tatsächlich den kleinen Zyklus „Das Ungeheuer Muse“ wieder aufgenommen und das erste der noch fehlenden Gedichte, die Nr. 4, g a n z und das zweite fast ganz entworfen; auch diese beiden werden den zeitgenössischen Szenen quer im Munde liegen. Es sollte mir gleichgültig sein, auch wenn es das selbstverständlich nicht ist. Immerhin weiß ich jetzt, worauf der Zyklus hinauslaufen, was er erzählen und verbinden wird.

Und Peter H. Gogolins neuer Roman kam an.

Das bei Dielmann erschienene Buch ist ausgesprochen schön gestaltet. Es liegt wunderbar in der Hand, und als ich hineinlas, überfiel mich sofort der Instinkt, das ist ein W u r f – einer vom Range Calvinos Hotels. Und das ist es, ich bin mir sicher. Nur daß – es ist ein Elend! – viele Konjunktive nicht stimmen – dauernd „als sei“ statt „als wäre“, „als habe“ anstelle von „als hätte“. Mir versetzt sowas jedesmal einen kleinen elektrischen Schlag; irgendwann wird es mehr als nur lästig, ich lese dann nur noch d a s, als wenn man sich bei einem Redner auf seine dauernden „Äh“s konzentriert und darüber gar nicht mehr mitbekommt, was er eigentlich sagt.
Das ist ungerecht. Aber wie ich Körper mehr als Geist bin, empfinde ich so etwas leiblich. Und bin auch verärgert: Wo ist Dielmanns Lektoratskraft hin, es hätte nur einiger weniger Hinweise beduft, kleinster Eingriffe, schon s t r a h l t e das Buch. Dazu kommen hin und wieder ungelenke Anschlüsse, ebenfalls leicht zu beheben, und Redundanzen, etwa die mehrfache Wiederholung, daß Hendrick Cramer des Portugiesischen nicht mächtig sei. Wenn mir das auf den ersten Seiten des Romanes erzählt wird, muß ich es auf S. 33 nicht noch einmal versichert bekommen.
Am schmerzhaftesten ist allerdings ein sogar grammatischer Fehler auf der U4, wo Texte gleichsam die Visitenkarte eines Buches sind. Da steht tatsächlich „Daß der ‚Gringo‘ Hendrik Cramer (…) zum Entführungsopfer wird, zwingt ihr aller Leben in unerwartete Bahnen“ – „ihr aller“, es ist nicht zu fassen.
Und dennoch, Gogolins Erzählung hat die Macht, mich weiter einzusaugen; vielleicht bin ich derzeit auch nur allzu betört von Ulrich Bechers, den mir Cristofero Arco mit Recht so nahe gelegt, stilistischer Eleganz, und mit dem ich Gogolins Buch nun parallel lese:

Wie war alles so seltsam, so sehr seltsam verwoben…
Sein ratteneinsames Vorwärtstrippeln erlahmte. Er hätte die Untergrundbahn in wenigen Minuten erreicht haben können, er kannte den Weg; er verlief sich mit Absicht. Die schummrig lockenden Lichter, die rasante Musik aus den Keller-Tingeltangeln, die bis zu seinem ramponierten Gehör durchdringenden, sehnsüchtig winselnden Negerklarinetten! Sehnsucht! Sehnsucht, wonach? Da schlug ein Drittes in ihn ein.
New Yorker Novellen, Zweite Nacht: Der schwarze Hut

Gut, Freundin, an  mein Gedicht zurück. Dann wieder der Contessa Familienbuch und vielleicht später eine Whatsappnachricht an meinen Sohn, ob wir nicht…? Osterfrühstück..? Ach, es wäre schön. Ich möchte nicht wieder ein Fest, das mir wichtig, alleine begehen – was bedeutete, es nicht zu begehen.

Ihr ANH
[Katya Kabanova. Supraphon-Vinyl aus Prag, in den 80er Jahren selbst dort erstanden.
Prager Nationaltheater, Jaroslv Krombholc]

Janáček: Irgendwann kommen mir immer die Tränen.

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6 Kommentare zu Vorwehmut nach. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 25. März 2018. Mit Peter H. Gogolin, Ulrich Becher wieder – und wieder, wieder, wieder: Katya Kabanova

  1. Niemand sagt:

    Ha, ha, wer jetzt in Gogolins Buch noch weiterliest, nach diesem Tiefschlag, der ist selber schuld.

    Hoffentlich bedankt sich der Autor bei Ihnen kräftig.

  2. @Niemand.
    Dann hat, wer das Buch nicht weiterliest, nicht genau gelesen, was ich schrieb, und wird also eh nix verstehen.
    Für alle anderen sei wiederholt: Trotz der von mir angemerkten kleinen, mich in der Tat nervenden Mängel hat Gogolins Roman eine große Kraft und fasziniert mich auch weiterhin. Ich hoffe, in weiteren Anmerkungen zu dem Buch auch dies poetisch begründen zu können. Die oben monierten „Fehler“ sind ohnedies nicht Autorensache, sondern von schlechtem, wenigstens schludrigem Lektorat verschuldet, auf der U4 sogar von schlechtem Korrektorat. Wer von Karl Krausens zugegebenermaßen zugespitzter Bemerkung geprägt ist wie ich, er würde wegen eines einzigen Druckfehlers eine gesamte Ausgabe der Fackel einstampfen und daß eben Schlamperei der Grund für das meiste Unheil-überhaupt sei, der wird die Pein, die ich empfand, nachvollziehen können. Stilistische und grammatische Fehler bedeuten aber eben nicht, daß eine poetische Kraft geringer sei, nur halt, daß Makel an ihr haften, die zu überlesen auf Dauer etwas Mühe bedeutet. Im Fall von Gogolins Buch lohnt sich diese aber und also halten sie mich von weiterer Lektüre nicht ab, etwas, das bei geringerer poetischer Potenz in jedem Fall passierte.

  3. franzsummer sagt:

    Da gebe ich zwei Sachen zu bedenken.
    – Gibt es ein Buch oder Druckwerk ohne Fehler?
    – Und ist eine „poetische Kraft“ nicht viel lesenswerter als ein Werk, das den Ansprüchen eines Deutschlehrers genügt?

    Noch bin ich persönlich nicht so weit, mir das Buch zu bestellen, das braucht Bedenkzeit, aber Buchumschlag und Titel sind schon verführerisch. „Sei statt wäre“ oder „habe statt hätte“ überlese ich eh, da kenne ich mich selbst nicht so aus, wichtiger ist mir die Leidenschaft des Autors beim Schreiben, und ob er es schafft, mich in eine Stimmung zu versetzen.
    Ich erinnere mich immer gern an Stefan Hermlins Buch „Abendlicht“, in dem er sehr gut schildert, was für ihn eine gelungene Lektüre ist.
    Wenn ich mich recht erinnere, geschah es immer da, wo er auch sinnlich erinnernd in eigene Erlebnisse „eintauchen“ kann.
    Das Büchlein Hermlins war in der DDR eine sogenannter „Renner“, eine Bückware, leider ist so was verloren gegangen. Man kann heutzutage alles erwerben und verzichtet darauf.

    Übrigens: „„Daß der ‚Gringo‘ Hendrik Cramer (…) zum Entführungsopfer wird, zwingt ihr aller Leben in unerwartete Bahnen“ – „ihr aller“, es ist nicht zu fassen.“

    Diese Kritik überzeut mich nicht, „ihr“, das können ja alle sein, die von der Entführung erfahren haben, dann ist es doch stimmig, das muss nicht der Gringo sein.
    Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

  4. @Franzsummer
    Pardon, aber da ist ein Genitiv erfordert: wessen Leben? – nämlich aller vorher Genannten. Und der, also der Genitiv, lautet „ihrer aller“. „Ihr aller“, „ihr“ also singularisch, ergäbe mit „aller“ ein völlig anderes Problem.
    Genaugkeit hat übrigens mit Deutschlehrern (leider) schon lange nichts mehr zu tun; ich kenne kaum noch welche, die einen korrekten Konjunktiv erkennen, nämlich wissen, daß es im Deutschen keinen Konjunktiv der Vergangenheit gibt, also als Vergangenheit. Es gibt statt dessen den Irrealis, der freilich imperfektisch gebildet wird, aber eben überzeitlich, also auch präsentisch anzuwenden ist. „Als wäre“ bedeutet entweder, daß etwas eben nicht ist, oder „wäre“ fordert eine Kondition (Bedingung): „Ich wäre gekommen, wenn es nicht geregnet hätte.“ „Er sagte, er wäre gekommen.“, mit Punkt also, ist schlichtweg falsch. Es muß hier heißen „er sei gekommen“, es sei denn, wir geben eine Rede indirekt als eine falsche wider: „Und dieser Typ wagt zu behaupten, er wäre gekommen“ – aber dies ist ein Grenz- und Auslegungsfall.
    Im übrigen gilt: Wer ungenau schreibt, denkt auch ungenau.

    Dennoch, Ihre Leseerwartungen mag ich gar nicht kritisieren; ich habe auch nichts gegen Leute, die Rosamund Pilcher lesen. Solln sie. Mich selbst indessen interessiert aber kein Entertainment, sondern Kunst, und für die gilt Genauigkeit – oder ihr bewußter Bruch auf der Folie der Genauigkeit, wozu man sie wenn nicht selbst beherrschen, so doch sehr genau kennen muß.

  5. franzsummer sagt:

    okay, danke.
    Manchmal klingt das Falsche besser als das Richtige. „Ihrer all Leben“ wäre ja auch eine Möglichkeit, sicherlich auch falsch, klingt aber gut.
    Rosamunde Pilcher mag ich auch nicht, allerdings unterhalten möchte ich schon sein, wenn ich lese.
    Schönen Abend.

  6. „Manchmal klingt das Falsche besser als das Richtige“: Das ist allein eine Frage der Prägung, also der Bildung, die wir durchlebt haben (man lebt Bildung, erhält sie nicht). Wenn alle oder viele, die uns umgeben, fehlerhaftes Deutsch sprechen, werden wir fehlerhaftes Deutsch als richtig erleben, auch wenn es richtig nicht ist. Nur den wenigsten ist allerdings vorzuwerfen, wenn sie die Bildung nicht haben. Doch alle können auf korrekte Sprache sensibilisiert werden. Und diejenigen, denen die Bildung zuteil wurde, haben damit eine Verpflichtung als Sorgende; wer in den „Fach“gebieten tätig ist, hat sie dabei besonders, mit Nachdruck noch, wenn sie und/oder er auch lehren.
    Leider haben wir in Deutschland keine Académie française, sondern einen Duden, der sogar vor der katastrophalen, weil ahistorischen Neuen Deutschen „Recht“schreibung geradezu jubelnd in die Knie gegangen ist. Gut, nicht jubelnd, aber sich anbiedernd an etwas, das selbst schon ein Weichkäse ist, dem sogenannten Zeitgeist, einem, scheint’s mir manchmal, Widerspruch in sich, einer contradictio in adiecto ohne Adjekt.

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