III, 368 – enderbeing

Ich fürchte, Enderby wäre dann vielleicht doch noch mal auf Deutsch zu lesen. Zwar ist selbst auf Englisch der Faden durchaus da, aber manches, was dialektal oder slangmäßig daherkommt, geht ein bißchen verloren. Oder es so bleiben lassen? Dunno. Es gibt eine Übersetzung von Krege/Kalka, erschienen 1991. Der Verlag kündigt’s u.a. so an: “Er hat nichts im Sinn mit Reisen, Abenteuern, Liebesaffären und Auftritten in der Öffentlichkeit.” “Er” meint natürlich Enderby.
Und überhaupt Auftritte in der Öffentlichkeit. Seit vorgestern, als die beiden Bäume auf dem Platz bis auf die dicken Aststümpfe gestutzt wurden (jemand turnte einen ganzen Vormittag mit einer Motorsäge im Geäst herum, während die Ukrainerin mit einem großen Kübel vorbeikam, um sich Holz “auszuleihen” (das eh’ nur noch für 2-3 Tage reicht), denn ihr Mann habe den Schlüssel zu ihrem Holzkeller zur Arbeit mitgenommen (natürlich kam das ausgeliehene Holz noch nicht zurück)), kann ich ganz genau sehen, was im Bioladen gegenüber vor sich geht.
Heute war ein Aperitif vorgesehen, weil die eine Praktikantin – oder wie man sie nennen will – ihr Halbjahr beendet. Aber ginge ich hin, weiß ich schon, wie’s abliefe: herzliche Begrüßung, irgendwas zu mir nehmen, während die paar Leutchen, die ich sehe, sich wieder ihren Gesprächen zuwenden, von denen ich sehr viel weniger verstehe als von Enderby auf Englisch (den ich, abgesehen von der Sprache, sogar sehr gut verstehe (Liebesaffären, Hülfe! (eine Ausnahme bildete neulich ein Gemälde von El Greco, da war ich sofort hin und weg, und es erinnerte sogar ein bißchen an Pasolinis schwangere Madonna: so ein Gesicht aus dem “einfachen” Volk, ungehübscht, das Gesicht)), weil sie sich über Dinge unterhalten, die mich im Grunde nichts angehen. Neulich einer, ich brauchte irgendwas, der in einer Tour über Bodeneigenschaften sprach.
Jetzt sind es noch mehr Leute geworden. Ich schau’ gelegentlich aus dem Fenster hinüber. Aber so geht es mir zur Zeit dauernd. Lediglich die reine Vorstellung, beispielsweise am 30. Juni bei der Party meines Radenbecker Neffen aufzutauchen, ist schon Erscheinen genug. Eine Einladungskarte dazu kam per Post, eine Woche vorher ein weiterer Brief vom Neffen mit dem Foto der nunmehr Großnichte Eva-Marie, die am selben Tag getauft werden soll in der Kirche Sankt Jacobi im Dorf, wo ich als Knabe einige Male am Heiligen Abend neben meinem schnarchenden Vater saß und ihn deshalb dauernd anstoßen mußte, während Mutter den Weihnachtsklimbim vorbereitete.
Obwohl es mich reizte, auch einmal wieder in diese Kirche zurückzukehren, hinter der ich aufgewachsen bin. Grad so wie Enderby es in ‘Enderby Inside’ liebte, sich einen Stepmother-Tea zuzubereiten. Eine ziemlich katholisch-verschlampte Stepmother. So wie Eltern auch immer Stiefeltern sind. Alte Geschichten für meinen Nebenbei-Gas-Burner. Aufgesupptes. Was tatsächlich auf mich wartet. D.h. auf dem Herd jetzt.
Noch haben sie es nicht geschafft, den Laden zu schließen und mir meinen Frieden zu geben in einem “It’s all over”. Davon gibt’s ‘ne Menge bei YouTube, aber ich suchte doch etwas anderes. Was ich dann auch fand, wobei es nur um eine typisch englische Aussprache ging, die ich gern höre.

Das Licht blieb im Laden ziemlich lange an. Aber:

’They hoisted up a statue of a man,’ mumbled Enderby.
’Yes, yes, darling, I love you too.’
Enderby now gently, shyly, and with some blushing, began to insinuate, that is to say squashily attempt to insert. That is to say. A long time. And now. Quite pleasant, really. He paused after five. And again. Pentameters. And now came an ejaculation of words.
And in a garden, once a field,
They hoisted up a statue of a man.
’Finished the octave,’ he sang out. ‘Shan’t be long now.’
‘You filthy thing. You sexless rotter.’

Womit er, um heute weiterzuschreiben, was ich gestern anfing, aber nicht fortzuführen vermochte, denn die Schafe liefen mir davon, und auch weil ich dann doch Hunger hatte, nichts ist als ein Coitus interruptus. Kind of a smile now on my hairy face: certain remembrances of the beginning of my love-life. Wahrscheinlich deshalb rausgesucht, weil ich mich mit dem letzten Satz selber meinte. Beglückende Figur, dieser Enderby.
Und verlor mich dann in Zeitungslektüren: Heimat! Ein Konter gegen Seehofer, das falsche Heimat-Verständnis einer Syrerin, das mich daran erinnerte, wie ich, schon in Rom wohnend, kurz vor der “come together”-Geschichte mal sagte, wenn die Grenze verschwinden würde, wär’ ich der erste, der dies dankbar begrüßen würde, nämlich an der Grenze dicht beim Dorf. Stellte mir gar Glückstränen vor. Aber das hat “Heimat” dann am Ende doch nicht vollbracht, mir meine schließendliche Gleichgültigkeit ihr gegenüber in diesem Fall auszutreiben. Also alles eine Selbstaufputschung.
Im Sinne Paveses wird, was man so “Heimat” nennen könnte, im Lauf der Zeit zu einer Art Mythos, völlig losgelöst von einer sich ständig wandelnden Tatsächlichkeit, in der sie ja tatsächlich nicht wohnt. Und da hat jeder seine ganz eigenen Begriffe. Sonst kommen wir (sie!) demnächst auch noch dahin, ein Individuen-Ministerium zu schaffen mit der Aufgabe, die Unteilbaren teilbar zu machen und die Personen wieder auf ihre ursprüngliche Bedeutung der “personae”, i.e. Masken, zurückzuführen.
(Ansonsten weiterhin etwas aus dem Rhythmus gekommen: heavy duties und dann einen Auftrag organisieren, der den April ausfüllen wird, Abgabe: 7. Mai, über 200 Seiten)

III, 367 – Kauderwelsch

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