Musen & Dionysisches Schicksal: Zum neuen Gedichtband. Im Arbeitsjournal des Montags, den 16. April 2018. Mit Ulrich Bechers Kurz nach 4, einem Briefwechsel und dem wahren Paganen. Busonis Faust dazu.

[Arbeitswohnung, 5.30 Uhr
Busoni, Doktor Faust]

An die Herzogin von Parma hatte ich schon denken müssen, Busonis erwachsenere, Faust II angemessene Gretchenfigur, als meiner Lektorin und mein die „Muse“ thematisierender Briefwechsel hin- und hergingen; Elvira faßt die Figur übergeschlechtlicher als ich. Anlaß unserer Diskussion ist die Wahl des Bildes, das den Umschlag des zum Herbst erscheinenden neuen Gedichtbandes bestimmen soll, für den gestern auch bereits der Vorschautext zu entwerfen war – was wir zu dritt auch unternahmen, sie, Cristofero Arco und ich. (Busoni selbst, übrigens, schreibt zu seiner Herzogin“figur“, er mache sie zum Ausgangspunkt eines eigenen Gedankenlaufes, womit er das Puppenspiel verlasse; Helena indes, kommentiert Sergio Morabito, bleibe ungreifbar, ein „in Nichts zerfließendes“ Phantom: Das, ecco, Ungeheuer Muse.)
Von Elfenbein wiederum erreichten mich die letzten Fahnenfragen zur neuen Thetisausgabe Zweiter Hand. Daran habe ich mich nachher zu setzen; parallel ist der Vorschautext fertigzustellen, vorher allerdings „abzuheizen“ – was bedeutet, der Ofen zu säubern, dann alles in den Keller zu tragen, um es bis zum nächsten Winter dort zu bewahren: die Eimer, die Gerätschaften. Gegen halb elf wird Mme LaPutz erscheinen, Mma LaFrühlingsputz mithin. So ist noch andres mehr vorzubereiten; die Fenster freilich werden erst in zwei Wochen in den Sommerzustand gebracht werden, wenn meine Puppenmuse nicht mehr auf dem Fensterbrett, sondern auf dem Ofen wieder sitzt.
Nachmittags, denk ich, werd ich sie hinübertragen.

Meiner Do, der langjährigen Lebenspartnerin vor Berlin, Vater ist gestorben. Der alte Herr, schon seit langem krank, wurde immerhin 92. Dennoch. Do rief an: „Ich muß jetzt immer wieder an deine Worte denken, wirklich erwachsen würden wir erst, wenn beide unsrer Eltern nicht mehr sind.“ Dann in der Tat sind wir zum ersten Mal ganz allein: Niemand steht mehr zwischen uns und dem eigenen Ende. Jetzt sehen wir auf den Okeanos hinaus, den wir nun locken hören können; auch dieses eine Musenlockung – für mich seit jeder weiblich, nicht abstrakt.

An Elvira schrieb ich dazu folgendes:

Eine mit (Kant) interesselosem Wohlgefallen angeschaute Person – ob Imago, ob real – würde in mir niemals ein künstlerisches Wollen (auslösen). Völlig ausgeschlossen. Für mich, als Mann, ist die Muse i m m e r mit erotischem Begehren verbunden, das zugleich ein geistiges ist (ohne Geist keine Schönheit: für mich ein absolutes Naturgesetz). Ich kann auch Nacktheit nicht ohne Eros sehen. Also ja, ich suche ein Motiv, das meinem männlichen Blick entspricht. Es mag andere Männer geben, keine Frage, die nicht so ticken wie ich. Aber ein Motiv zu nehmen, das nicht zu mir spricht, wäre für mich, als würde ich meine Gedichte in den Dreck treten, ja, moralisch: sie verraten. Das wäre ein Höhepunkt an Entfremdung, derer sich meine ganze Arbeit – und auch mein Sein – doch gerade erwehrt, seit ich überhaupt fühlend denke.
Ein abstraktes Motiv möchte ich nicht, weil ich Abstraktion per se als körperfeindlich ablehne. Schon Sublimation tut mir weh und bringt mir Depressionen, zumindest Melancholie. Klar, ich komme um sie nicht herum, selbstverständlich. Aber deshalb werde ich sie doch nicht in Affirmation umlügen. Sondern sie bleibt, was sie ist: ein aus Notwehr erzeugter Prozeß, den ich ganz gewiß erst recht nicht fetischisieren werde.
[…]
Was mich an der Muse fasziniert, ist quasi dasselbe, was mich am Meer fasziniert und was mich an Vulkanen fasziniert: die Nähe von Tod und Geburt, Vernichtung und Fruchtbarkeit – und zwar, ohne daß eine, sagen wir, göttliche Instanz die Hände mit im Spiel hätte. Personifiziere ich das – märchenhaft, legendenhaft, sagenhaft -, komme ich zur Muse. Diese Nähe hätte ich gerne auf dem Umschlagbild. 

Ich denke in der „Vereinigung“ mit der Muse… nein, „denke“ nicht, sondern fühle den Tod immer zur Schöpfung hinzu; für mich ist beides unauflösbar ineinander verschlungen. Daher hatte Lan an Sídhe, als ich ihr während der Arbeit am Wolpertinger zum ersten Mal begegnete, solch eine Wirkung auf mich.
Ich r o c h sie mich umwehen. Zitternd erbangte ich, daß sie ihre Zähne in mich schlüge, um von mir zu saugen. Die Chemikalie, die sie dabei, um die Blutgerinnung aufzuhalten, in uns einflößt, nennen wir Inspiration.
Interessant die Parallele zu Alberich: Verweigern wir ihr unsere Hingabe („schwören der Liebe ab“), muß sie uns dienen, wird also selbst unterworfen. Dann allerdings kommt es auch nicht zur schöpferischen Leistung.
Dieser Nexus hat mich immer wieder beschäftigt: Macht schließt den erfüllten Eros aus. „Ich bin quasi impotent“, sagt im Wolpertinger Oberst Baumwolle, „denn ich bin ein Machtmensch.“ Auch dieses Motiv findet sich bei Wagner, nämlich beim (seiner Zaubermacht halber selbst-)entmannten Klingsor. Hingegen für erotische Erfüllung zahlen wir mit Machtlosigkeit. Deutlicher ist das umgekehrt proportionale Verhältnis von liebender Hingabe und sogenannter Autonomie gar nicht zu bezeichnen.
Ich habe – obwohl mein analytischer Verstand überhaupt keine Neigungen zu Aberglaube oder sonstig esoterischem Firlefanz hat – in Mythen, Legenden, Sagen und „Volks“erzählungen, also im Paganen, seit je mehr wirkende Wahrheit gefunden als in den „rechtgläubigen“ Monotheismen, die mir mehr als dieser stets dem Machterhalt zu dienen schienen und scheinen, einem zugunsten des Zivilisierten den Schöpfungskräften gerade entgegenstehenden (bei Nietzsche ist der Komplex in dionysisch und apollinisch gefaßt). Die heidnischen Figuren & Figurationen sind mir Versinnbildlichungen überindividueller, ja im Prozessualen allegorischer Zusammenhänge; ihre Personen (Masken!) treten für die sinnlichen Geschehen ein. Moderne Rationalismen sind mir dagegen vergleichsweise wurscht. Allerdings, und das bestreite ich nicht, sind sie ein geeignetes Handwerkszeug, um sich Brückengeländer zu bauen, an denen wir einigermaßen heil übers Wildwasser kommen. Es sind instrumentale Konstruktionen und insofern ebenfalls nicht außer acht zu lassen; es wäre dumm, wär’s täte.
Die rationale Funktion erfüllt in vielen meiner Gedichte die Konstruktion (in den Erzählungen übrigens auch, egal ob Novelle oder Roman – nur ist es in ihnen nicht so „unmittelbar“ zu erkennen, als wenn etwas in strengem Vers- und Strophenmaß steht): meine Art „Neu“klassizismus, den ich brauche, um das gerade in Deutschland übelbeleumdete Pathos, um das in Der Dschungel schon einige Male gestritten wurde, wieder in sein Recht zu setzen, ohne andererseits im „Dionysischen“ restlos unterzugehen, mit dem wir Deutschen schlimmste Erfahrungen haben. Ich muß das politische vom liebenden Pathos trennen, denn das politische – und, wie wir derzeit erleben – das monoreligöse führt in die Katastrophe.
Es geht mithin um ein, um es, Freundin, so zu sagen, gebundenes Pathos. – Ach, Quadratur des Kreises! der ewigalte Kampf für das Ausgeschlossene Dritte … Kultiviert, hochkultiviert sein und dennoch leidenschaftlich obsessiv … Dabei hilft uns nicht, wie die Germanistik glaubt, Ironie, sehr wohl indes der Witz, sehr wohl indes ein Humor, wie ich ihn jetzt immer wieder, und aufs eleganteste, bei Ulrich Becher finde – meiner, kann, nein muß ich sagen, späten Entdeckung.
Jetzt in Kurz nach 4,

[…] darin fünf sehr junge, in Milchkaffeesatin uniformierte Kellnerinnen walteten.

Mit welch Grandezza, ja reicher Leichtigkeit dieser Mann zu formulieren wußte!

Vermißte insonderheit die Olivenbäume, jene silberstaubblättrigen, silberstaubrindigen Baumsträucher von – dank einem schönen Mangel an Symmetrie – phntastisch geprägter Individualität (im Unterschied etwa zu Tannen glich keiner dem andren aufs Haar und keiner lebte dem andren zu nah; einer wuchs mit kobrahaft lang schlängelndem schiefem – (schiefen) – Stamm, des andern Stamm wieder war kurz wie das Bein eines Krüppels, darüber sich die Äste erhoben wie in bizarrer Gestikulation – sehr wesenhaft und voll gleichsam eigenwilligen Temperaments, fast hold-verwegene Kerle zu nennen). Er vermißte sie.

 

„Hold-verwegene Kerle!“ – Ich bin sowas von ent-, ja verzückt!

Oder auch das, der Held irrt mehr, denn daß er streunte, durch den Borgo Caliban (!) des nächtlichen Piacenzas,

Umrisse menschlicher Torsi, reglose Dämmerfetzen. Trabte gaßein, ein Stück weit; hielt und lauschte; gaßaus, den Borgo weiter bis zur nächsten Kreuzung, über die sich die Drähte einer Trolleybuslinie spannten, von keinem Hauch bewegt, wie Rohrfederstriche auf schwefliger Grundierung.

 

„Wie Rohrfederstriche auf schwefliger Grundierung“! Und wie er mit den Semikola umgeht!

Hielt unter einer Nische; darin hinter Glas postiert eine Gipsmadonna, deren Ewiges Licht diskret wie eine Partisanenzigarre im Schwefeldämmer glomm; verhielt sein Keuchen und spähte und lauschte.

 

Geradezu benommen bin ich von dieser Prosa. Dabei steht mir Bechers Hauptwerk, Murmeljagd, noch aus. „Bitte lies erst die anderen Bücher“, hat mich Cristofero gebeten, „sonst überstrahlt die Murmeljagd alles“, auf die mich schon vor Jahren Ulrich Faure hat aufmerksam gemacht, ohne daß ich’s – welche Schande! – denn geworden wäre. Er schenkte mir auch das bis heute ungelesene Buch,

nicht in der neuen Ausgabe von Schöffling, sondern dem Band des Aufbau-Verlages (DDR) von 1977. 632 engst bedruckte Seiten Abenteuer!

Übrigens hat Becher auch paar Macken, seltsamerweise ähnliche wie ich – zum Beispiel die Prosamanier, Satzteile anzuhängen, die sich aufs leichteste hätten weiter vorne einbaun lassen. Weil ich’s so gut kenne, nervt’s mich bisweilen (in der neuen Thetis-Überarbeitung habe ich davon vieles rückgängig gemacht, bzw. organischer umformuliert); sehr gut möglich aber, daß Sie es gar nicht merken würden.

Über Kurz nach 4 werde ich, wenn die Lektüre abgeschlossen ist (was gute Lektüre aber nie ist), noch mal getrennt schreiben, vielleicht auch anderswo als hier. Sofern man mich läßt. In Volltext vielleicht, vielleicht für Faustkultur. Mal sehen. Vorher will ich noch Ekaterine Togonidzes berührende Einsame Schwestern rezensieren, deren gestalterisches Vermögen an Bechers allerdings nicht im entferntesten heranreicht – wobei dies auch eine Notwendigkeit ist, die sich aus dem Sujet ergibt: Zwei Siebzehnjährige können nicht schreiben wie längst erwachsene Menschen. Stil ist immer auch ein Reflex von Erfahrung.

Wie nun auch immer, Busonis Oper geht zuende, ich will in den tätigen Tag.

Ihr ANH
8.26 Uhr

15.17 Uhr:
[Busoni, Faust erneut]

Welch guter Lauf! Diesmal war es wirklich mein Klima, jedenfalls fast: Es hätte nur noch etwas wärmer sein dürfen. Warm aber war’s, auch wenn ich anfangs durch leuchtes Nieseln lief. Als es einhielt, drückte spürbar die Sonne auf das Wolkenmeer, und der ganze Park begann nicht nur berauschend zu duften, sondern zu dampfen vor allem. Tatsächlich lief ich bestimmt eine Dreiviertelstunde durch Dampf. Irre. Wunderbar. Vielleicht machte deshalb meine Kondition heute derart mit, daß ich nach der „eigentlichen“ AusgehRunde noch eine ganze Runde laufen einlegen konnte.
Und, ach Freundin!, ich sehe nicht-mehr-engen Sommeranzügen entgegen. Es ist dies ein solches Wohlgefühl!

Nun aber an die Arbeit wieder – ganz ohne Mittagsruhe heute, trotz des Sports. Elfenbein wartet.

[Und weiter mit dem Faust. Solch eine grandiose Musik! Aber ich mochte einfach mal kurz jubeln.]

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