Was mich nun riesig gefreut hat! Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 28. April 2018, vier Tage vor Walpurgis. Darinnen Ruoffs “Apatit” und die Erzählung von einem „Preisverleih“. Mit Omar Galliani aber zuerst, danach mit Uwe Schütte.

[Arbeitswohnung, 8.43 Uhr
Krenek, Orpheus]

Ja, wirklich riesig gefreut. Für den Buchumschlag des im August/September erscheinenden neuen Gedichtbandes hatte ich selbst, auf Bitte Cristofero Arcos, bei Omar Galliani um ein Bild angefragt, das ich rasend gern als Einbandmotiv haben wolle. So etwas ist bei international gefragten Künstlern nicht unheikel, läuft schnell in „rein“ geschäftliche Kanäle, ist dann oft sogar von Instituten der Öffentlichen Hand, etwa dem Rundfunk, nicht mehr realisierbar. So war es mir seinerzeit mit Karlheinz Stockhausen geschehen, von dem ich eine Musik für ein Hörstück verwenden wollte; der Deutschlandfunk hatte sofort abgewunken: unbezahlbar. So hatte ich, ohne Wissen des Senders, Stockhausen selbst angeschrieben, den ich allerdings, als ich noch junger Mann gewesen, persönlich kennenlernte. Darauf bezog ich mich, erhielt Antwort: Er wolle das Typoskript sehen. Das ich ihm schickte. Die Antwort kam prompt: Selbstverständlich dürfe ich die Musik verwenden; die Lizenzgebühren erhalte er von der GEMA, das sei ihm in diesem Fall genug.
Staunen beim Sender.
Die Bitte um ein Bildrecht von Anselm Kiefer verlief sehr ähnlich. Es ist für mich von ausgesprochener Peinlichkeit und auch Pein, daß Dielmann diesen herrlichen Umschlag dann völlig in den Sand gesetzt hat. Bis heute weiß ich nicht, warum. Vor allem aber ist es eine schwere Mißachtung des Künstlers, den ich seitdem gar nicht mehr ansprechen mag.

Und nun Galliani. Ich schrieb ihm sehr persönlich, schildernd, was mir bei der Betrachtung einiger seiner Bilder geschehen, in mir. – Seine Antwort vorgestern, erst einmal über seine Agentin, und gestern abend noch einmal, diesmal von ihm selbst:

Gentile Sg. Herbst,
nel ringraziarla per la sua mail che leggo con ammirata attenzione, le  confermo la mia disponibilità a pubblicare nel suo prossimo libro  l’immagine di una mia opera che lei o l’editore vorranno scegliere fra  le due immagini ricevute. La sensibilità poetica con cui descrive la  sinergia fra il suo scrivere e il mio disegnare mi rivelano, al di là  del tempo e delle geografie, l’unità dell’opera che si cela in noi e si  mostra al mondo.
Sarei felice di incontrarla nel suo prossimo viaggio in Italia, le
sarei grato se mi facesse sapere le date della sua permanenza.
La primavera e i suoi colori portano nuove opere anche in Emilia, a  presto,
Omar Galliani

Schöner, im Wortsinn, hätte es nicht laufen können. Aber imgrunde war ich mir, nachdem ich seine Frauenportraits gesehen hatte, sicher gewesen, daß er entscheide, wie er’s nun tat. Allerdings haben gewiß Helmut Schulzes italienische Nachdichtungen einiger meiner früheren Gedichte, jene ich meinem Brief beigelegt hatte, ganz besonders m i t zu Gallianis Wohlwollen beigetragen. Und vielleicht kommt es ja wirklich zu einem Treffen, wenn Cristofero und ich uns Ende Mai in Umbrien aufhalten werden.
Sowie Omar Galliani auch Swen Hoppes, des Buchgestalters von Arco, Entwurf genehmigt haben wird, werde ich ihn hier vorstellen. Zuerst einmal, aber, wird es Zeit, daß die Wiener Fassung der Aeolia im Buchhandel liegt. Jetzt, nach einigem korrigierenden Hin und Her, ist der Druck- und Bindeauftrag endlich erteilt:

Bis das Buch endlich vorliegt, werden also noch einmal etwa drei Wochen vergehen. Dann wäre ich glücklich, bestellten Sie, Freundin, und all meine anderen Leser:innen diese unter den Händen Elvira M. Grossens vollendete lyrische Phantasie. (Die ich in diesem Fall einmal mit „Ph“ schreiben mochte und geschrieben nun hab).

Soweit dies. Jetzt zu etwas, das mich gestern abend schwer beeindruckt hat: Axel Ruoffs Roman Apatit, der soeben den Preis der A & A Kulturstiftung erhalten hat. Die Laudatio hielt Uwe Schütte, der mich zur Preisverleihung in den Roten Salon der Volksbühne einlud.

 

Zugegebenermaßen bin ich nicht oft zu solchen Gesellschaften aus meiner Wunderkammer zu locken, da aber spazierte ich – „spazierte“, weil ich auf der Rückfahrt von meinem gestrigen Lauf quasi mit der nackten Felge bremste: Die Belege waren komplett heruntergefahren, das Rad mußte sofort in die Reparaturgarage. Da man mich dort kennt, gehe es von heute, also gestern, aufs Morgen, das heute nun i s t. So daß ich zur Volksbühne hin durch das noch helle Berlin und zurück durchs dunkle flanierte.
Wieder einmal erlebte ich, wie verschieden Städte sein können, je nachdem, ob wir zu Fuß gehen oder ob wir, und welches, ein Verkehrsmittel nutzen. Komplett andere Städte sind es. Ich sollte öfter flanieren, obwohl es eigentlich nicht meinem Temperament entspricht. Sogar hatte ich auf dem Rückweg die Lust, irgendwo einzukehren, wofür Anlaß, um dies zuzugeben, aber eine Frau gewesen, die ebenfalls die Veranstaltung besucht. Sie war höchst elegant, wenn auch blond (ich neige bekanntlich dem dunkelhaarigen Typos zu); vor allem aber – ein gar nicht so sehr sexuell/erotischer Eindruck, sondern fast ein triebfrei ästhetischer – trug sie unter der Bluse, bzw. einem feingewobenen Pulli entweder einen noch viel feineren BH, worauf ich tippe, oder gar keinen, so daß ihre Brustknospen wie noch unaufgegangene, sich gerade entwickelnde Blütenkokons deutlich vorstanden, und zwar alle Zeit über. Das erstaunliche war, daß dies in keiner Weise anzüglich, sondern unnahbar wie bei einer Bronze wirkte.
Als ich gehen wollte, hatte sie bereits den leichten Mantel an, um ebenfalls zu gehen, kam aber dann die Treppe noch einmal hoch. Kurz war mir danach, sie anzusprechen, und tat es: „Na, schon wieder zurück?““, worauf sie lächelnd zwei Stockwerke höher wies, die Toiletten bedeutend — so daß ich mich nun wirklich in die herabgesenkte Nacht begab.

Doch zu Axel Ruoff zurück.
Eine grandiose Laudatio Schüttes, auch wenn sie vielleicht ein wenig zuviel vom Inhalt des Buches verriet, sozusagen den Saisschleier hob, was Leser:innen wohl lieber selbst tun möchten. Andererseits drang Schütte eben dadurch tief ins Gewebe dieses Romanes ein – wie tief, zeigte hernach Anne Tismers und Dominik Benders bisweilen fast szenisch wirkende Lesung, die trotz ihrer Länge – Schütte hatte fast vierzig Minuten gesprochen, und vor ihm s c h o n jemand – nicht einen Moment lang an Konzentration sowohl der  Vortragenden als auch vor allem des Publikums verlor.

Welch Präzision der Sätze! und auch der Grammatik! dachte ich, welche, zugleich, enorme Bildhaftigkeit, die dabei etwas Parabelhaftes bekommt, etwas ÜberIndividuelles – alleine dadurch, daß sich der Text so sehr auf die Objekte konzentriert, aufs Anorganische, dem sich die weibliche Protagonistin offenbar zunehmend annähert, bis sie eines mit ihm wird. Alles dies aber zugleich in eine Landschaft eingebettet, deren politisches Schicksal von modernster Aktualität ist, darin wiederum das allmähliche Versteinern einer ob nun möglichen, ob unmöglichen Liebe sich kristallisierend. Es ist gleichsam, als würde ein erlittenes Trauma ins Mineral überführt.
Gewiß, dies hat ästhetische Kälte, eine, die sich der Hitze des wahrscheinlich afrikanischen Landes entgegenstellt, sich als Ästhetik nämlich behauptet. Entsprechend ausgeformt ist die Prosa. Ich mußte an Nietzsches Bemerkungen denken.

Um Vers, Bild, Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemühen – das begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der Stegreif-Dichtung einen besonders hohen Wert zuzumessen. Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule arbeiten? – es ist ihm, als ob man ihm etwas aus dem Fabelland vorerzählte.
Der Wanderer und sein Schatten, 95

Axel Ruoff ist da aus dem Fabelland n i c h t s vorerzählt. Bezeichnend allerdings, daß sein Roman quasi untergegangen war, bis jetzt diese Stiftung einschritt – ein wirklicher Glücksfall für die Romandichtung, doch auch für mich und nun auch für Sie, die wir sonst kaum je von „Apatit“ gehört hätten.

Die musikalische  Begleitung, am Solobaß, besorgte Greg Cohen, der, wie mir Schütte später zu-, ja, –raunte, Bassist von Tom Waits. Lustig aber, wie er’s tat, er, der Apologet des Pops, mir, seinem Widersacher: „Kennst du Tom Waits?“ Sofort hatte ich, zugegeben, schmutzige Unterhemden vor Augen und diese leicht klebrig sentimentalisierte, nach Achselschweiß riechende, indessen völlig authentische  Charles-Bukowski-Atmophäre, das ‚Atmo‘ auftrumpfenden, zugleich ebenfalls authentischen Widerstands in halben Häkchen. Schon komisch, daß selbst Freunde meinen, meine Pop-Aversion sei mangelnder Kenntnis geschuldet. Daß ich nicht alles kenne, ist dabei klar, aber Tom Waits? – Egal.
Cohen ist wie Ruoff mineralogisch interessiert – was übrigens beide mit den Hauptvertretern der deutschen romantischen Literatur verbindet, und seine, Cohens, zuletzt dargebrachten Solostücke waren Mineralien auch gewidmet, die er übrigens mitgebracht hatte, links neben der Bühne zur Ansicht ausgestellt.

Ich aber schließe heute nur mit e i n e m – dem, das Ruoffs Buch seinen den Buchmarkt sicherlich nicht entzückenden Titel gab:

Bildquelle: Wikipedia

Ihr ANH

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