„Schaufensterkrankheit“ und „Wohnung schlachten“. Im Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21 Juni 2018, aus Frankfurt am Main.

[Terrasse über Vogelhecke, 9.10 Uhr]

 

 

(…) leider, leider leider,

so schrieb ich heute morgen zwei Freunden,

muß ich unser gemeinsames Essen absagen, bzw. möchte es verschieben. Denn ich fahre am Montag um 9 ins Krankenhaus ein; am liebsten hätte mich die Angiologin bereits gestern, als ich bei ihr zur Untersuchung war, dort hingeschickt: Die Arterie, die durch die rechte Kniekehle läuft und das rechte Unterbein versorgt, ist quasi zu. Um es in quasi Erich-Kästner-Deutsch zu formulieren, habe ich die „Schaufensterkrankheit“, scherzhaft tatsächlich so genannt, weil man, wenn davon betroffen, fünfzig bis hundert Meter gehen kann, dann versagt der nicht mehr versorgte Wadenmuskel, und man muß einen Moment stehen bleiben, bis er sich wieder erholt, danach geht’s die nächsten fünfzig Meter weiter. Für mich als Läufer reichlich nervend, zu joggen fiel von einem Tag auf den anderen g a n z aus.
Das Ganze kann sich verschlimmern, kann auch lebensgefährlich werden, wenn Plaque-Teilchen losgerissen und durch die Venen zum Herzen hochgeführt werden; was dann passieren kann, nennt sich Thrombose. Mit der Folge eines Infarkts.

Allora, ins Krankenhaus, insgesamt drei Tage, bzw. drei Nächte. Nochmaliger Check, dann wird von der Leiste aus innen ein Draht durch die Arterie bis in die Kniekehle geführt, der Verschluß durchstochen und die Arterie wieder erweitert. Danach, das wohl Unangenehmste, sechs Stunden still auf dem Rücken liegen, ohne sich zu rühren. „Aber in der Woche darauf können Sie wieder, und sollten es auch, joggen.“ Was für mich das wichtigste ist, vor allem psychisch.

Die fünf Cigarillos, die ich nach Frankfurt mitgenommen habe (ich beaufsichtige hier die Entrümpelungsfirma, die die Wohnung des vor kurzem verstorbenen Vaters meiner ehemaligen langjährigen Gefährtin Do ausräumt), werden wohl die letzten meines Lebens sein; die Arterienverengung ist ziemlich wahrscheinlich eine Folge meiner vierzigjährigen Rauchergeschichte. Nun jà, ich werde diese Cigarillos nach Art eines Freundschaftsabschieds-für-immer zelebrieren. Außerdem bleiben mir, jedenfalls bis auf weiteres, die eCigarren.

In der Tat bin ich, jedenfalls zur Zeit, komplett angstfrei, vielmehr rasend neugierig auf die OP, die ich halt auch zur Gänze mitbekommen, beobachten darf. Schon bei der Angiologin sah ich mir die bewegten Ultraschallbilder mit extremer Faszination an – wie dann erst, wenn sie den Draht durch meine Ader schieben werden! – Also bei aller Kritik, bei allem Unbehagen, das mich, Freundin, wegen unserer Zeitläuft‘ befällt und dessentwegen ich schimpfe – Pop, Konsensgesellschaft und „Correctness“wahn, kaum noch Außenseiter, die für sich stehn –, – ich möchte in einer anderen Zeit als der meinen nicht leben, liebe diese Gegenwart und ihre Möglichkeiten, zu denen eben auch ihr technisches wie technologisches Geschick gehören, verbunden mit, in diesem Fall, ärztlicher Einfühlung. Ich meine, als meine Hausärztin nachmittags den Befund der Angiologin sah, rief sie mich von sich aus an. Sie wolle mich sofort sehen, ich bräuchte doch einen Einweisungsschein. Nur saß ich schon im ICE, das Scheinderl hatte ich von jener längst bekommen, die überdies, während die Schwestern mit einer zweiten Meßreihe an mir beschäftigt waren, telefonisch das Krankenhaus bereits klarmachte.
Blöd nur: das Blutverdünnungsmittel. Nicht wegen, weil ASS-Allergie, „Plavix 75 mg“, sondern des nunmehrigen Umstands halber, daß „wenn Sie Fahrrad fahren, fortan auf jeden Fall mit Helm! Stürzen Sie nämlich, kommen auf dem Kopf auf, dann ist“ – jetzt zitiere ich in das Ärztinnenzitat meine Contessa hinein – „Licht aus“. Was wiederum bedeutet, daß ich wohl erstmal Fahrrad nicht mehr fahren werde – allein nämlich wegen der Helmpflicht habe ich nie meinen Motorradführerschein gemacht. Aber vielleicht genügt ja schon ein Hut. Und ewig werde ich dieses Clopidrogel ja wohl nicht nehmen müssen.

Wie? Ob ich jetzt bereute, vierzig Jahre lang geraucht zu haben? Das fragen Sie mich ernsthaft, Freundin? Je ne regrette rien. Es gehörte zu meinem Leben dazu, ich tat es nicht nur gerne, sondern leidenschaftlich. Nun aber schließt sich eine Tür, das Zimmer dahinter versinkt, ein nächstes, neues, aus dem Unerwarteten tauchend, geht auf. Dazwischen die Brücke des Krankenhauses, eine Art abgeschlossener Gang, also eine Schleuse, Sie können auch „Arterie“ durch die ich mich erst tasten, durch die dieser Draht geschoben werden muß, derweilen ich nach dem Lichtschalter taste. Noch is‘ ja alles ziemlich dunkel. „Nicht nur Verbrechern“, schrieb Ernst Bloch, „ist das Dunkel tauglich; auch Liebende wissen mit ihm etwas anzufangen.“

*

Das Zimmer dahinter versinkt:
Zum zweiten Mal erlebe ich nun die erst Ver-, dann Entrümpelung einer Verstorbenenwohnung. Mein Vater starb entfernt; bei meiner Mutter regelte ich nur – wenngleich so kühlst-raffiniert, als wären sie und ich plötzlich Eines geworden – die Verteilung ihres Erbes; die Zerstörung ihrer Spuren habe ich andren überlassen. Solch einer setzte ich mich erst bei Eigner aus.
„Ich habe geträumt“, sagte Do gestern abend beim Essen, „daß die Wohnung geschlachtet wird.“ Welch ein Bild! Es ist die Wohnung, immer gewesen und geblieben, ihrer Kindheit und Jugend, die symbolisch also mitgeschlachtet werden. „Erwachsen, wirklich erwachsen werden wir erst“, habe ich einmal gesagt, „wenn wir keine Eltern mehr haben und zwischen uns und unserem eigenen Grab so niemand mehr steht.“ Egal, wie alt wir da sind. Dann fällt auch vieles andere, das meiste sogar, dahin, das nichts als Futteral gewesen, in das wir uns bargen: Bilder, Schränke, Teppiche, Vasen, Geschirr, Sessel, Tische, Radios, Küchenmaschinen, zurückgebliebenes Geschirrpülmittel, die WC-Ente, Hunderte Papiere. Eine Abrißbirne geht darüber.
Ich mochte nicht, daß Do dies miterlebt, ebenso wenig, wie ich wollte, daß Eigners Tochter es erlebe. Den Nahsten reißt es allzu ins Herz. Hier ist so einfühlsam, als wäre man Arzt, präziseste Distanz vonnöten. Sie zwischen die Betroffensten und die Wohnung zu schieben, ist ein notwendiger Akt der Empathie, den die F r e u n d e garantieren müssen. Andernfalls sie keine wären.

Um das Bewußtsein zwar des Erlöschens und Fehlens kommen die Trauernden niemals herum; doch der Weg dahin, die Zerstörung, bleibe ihnen erspart.

 

 

 

Genau um dieses möglich zu machen, ließ ich mich auf die sofortige Überstellung ins Krankenhaus nicht ein und keinen Zweifel daran, es sei an meinem Entschluß nicht zu rütteln. Gleichfalls dieses Empathie: Sowohl die Angiologin als auch meine Hausärztin, die mich im ICE anrief, spürten es und akzeptierten’s – ohne jeden Widerspruch, ja nicht einmal skeptisch.

Und jetzt habe ich, auf der Terrasse hier – derweil drinnen gewuchtet, von der Wand geschraubt und gerissen, zu Schutt zerbrochen und vom Boden hochgezerrt wird, um’s nachher hinunterzuschleppen – eine Rede weiter-, bzw. umzuschreiben, wobei es bei diesem „um“ um nichts als veränderte Abläufe geht. Ihr Text-selbst ist in keiner Weise mehr strittig.

Später am Abend Phyllis Kiehl, bei der ich gestern im Zug ein in seiner diskreten Intensität enormes Gespräch las, das sie mit Farah Day geführt hat. Ich wünschte, das Netz kennte derart’ges mehr.

Ihr ANH

(Übrigens bin ich in den Wedding ins Jüdische Krankenhaus eingewiesen; Cristoforo Arco, wenn er dies liest, wird leise lächelnd nicken. Sie erreichen mich ab dem Montag dann dort.)

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2 Kommentare zu „Schaufensterkrankheit“ und „Wohnung schlachten“. Im Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21 Juni 2018, aus Frankfurt am Main.

  1. Gaga Nielsen sagt:

    Alles erdenklich Gute für den Eingriff.
    (Schaufensterkrankheit… ein arg possierlicher Name)

  2. franzsummer sagt:

    Legen Sie am besten bis zur OP die Füße hoch und reißen Sie bloß keine Wände ein. Vielleicht ein Gläschen Rotwein, wir wollen Sie doch alle weiter lesen 🙂
    Alles Gute bis nächste Woche dann.

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