Die Venen vor der Entrümpelung nicht zweier „Kritiken“, statt dessen einer Wohnung. Im Arbeitsjournal des Mittwochs, den 20. Juni 2018.

[Arbeitswohnung, 6.22 Uhr
france musique contemporaine:
Henri Pousseur: Electre, 2ème partie}
Wenig Arbeitszeit heute früh, wirklich was tun werde ich erst im ICE nach Frankurtmain können. Die Wohnung des verstorbenen Vaters meiner Do wird nun aufgelöst; ich werde die Leute der Entrümpelungsfirma beaufsichtigen. Do kann ihre Praxis einfach nicht noch weitere Tage geschlossen halten. Zuvor, nachher, aber noch der Termin beim Angiologen zur Ultraschalluntersuchung der Wadenvenen. Ich kann nach wie vor nicht laufen, auch nur schlecht gehen, das heißt, die ersten hundert Schritte „gehen“ prima, dann verkrampft sich die rechte Wade, ich muß momentlang stehenbleiben, sie erholt sich schnell, aber nach dreivier Schritten geht’s abermals los.
Nervt mich gewaltig.
Wenn ich sitze oder nur in der Wohnung umherflanier, immerhin, ist davon nichts zu spüren. Nur abends schwellen die Füße an, nicht indes, wenn ich diese Jogging-Kompressionstrümpfe trage. Die mir selbstverständlich erst recht nicht gefallen. Deshalb bereite ich mich innerlich, sofern sie Abhilfe verspricht, auf eine Operation vor. Habe im Netz ein bißchen recherchiert; es lassen sich sogar Überleitungen legen. Ich will wieder ins Training, will wieder meine zehnzwölf Kilometer laufen. Für medizinische Strümpfe oder gar langwierige Physiotherapien bin ich nicht der Typ; besser schnell und mit meinetwegen schmerzhaftem Schmackes agieren, als über Wochen herumzulaborieren. „Du siehst total durchtrainiert aus“, sagte gestern mein Sohn, als er frühabends für einen Caffè hereinschaute (und stolz sein neues Tattoo präsentierte: ausgerechnet auf der rechten Wade! – das ist mal Ironie, die auch ich sehr goutiere: ein freudscher Vatermord, getriggert… –
Grinsend, nachdem der Bursche wieder fort war, richtete ich mir mein Abendessen her:)

 

 

 

 

*

Eine Auftragsarbeit lief gut, läßt sich jedenfalls gut an. Gestern kam das Gefallen meiner, ich sag mal, Arbeitgeber (es ist aber freundschaftlicher, unser Verhältnis, als das Wort suggeriert, sehr viel freundschaftlicher); ein paar Kleinigkeiten sind zu ändern, ein paar Sätze umzustellen, die Einleitung muß anders gefaßt werden. Letztres liegt daran, daß ich den genauen Ablaufplan noch nicht hergesendet bekommen hatte.
Noch, liebe Freundin, erzähle ich Ihnen nicht, um welche Art von Text es sich handelt – nur soviel, daß man ihn auch als ein kurzes Theaterstück in einem Genre betrachten könnte, das Sie mit mir in Zusammenhang ganz zuletzt bringen würden. Genau deswegen hat der Umstand Witz; es macht mir eine diebische – liebevoll-diebische – Freude, so etwas zu schreiben und, nebenbei bemerkt, es schreiben auch zu können. Imgrunde gilt, was Sinopoli übers Genie gesagt hat, was allerdings die beiden Kritiker, die die Bonner Joycelesung besprachen, gewiß nur wenig goutiert hätten, bzw. gar nicht.

Beide Kritiken haben mich geärgert. Ich hatte auch den Impuls, ihnen zu entgegnen, doch gilt, wie mir der Buchhändler noch einmal gesondert schrieb, daß das Publikum begeistert gewesen sei: „Die Rückmeldungen waren außerordentlich positiv. Und halten an. Und das ist wichtig.“ Er hat im noch Nachhinein nunmehr sämtliche Giacomo Joyce-Bände verkauft, die er geliefert bekam, und auch die Chamber Music ging ihm aus. Indessen Andreas Steffens kommentierte: „ich würde die artikel, immerhin zwei, einfach als kostenlose werbung abhaken. eine handvoll leser mag sogar aufmerksam werden. – verlinken? warum nicht? aber diskutieren?“ – Wiederum Schulze: „Ich las auch schon Schlimmeres, nämlich von einer gewissen Alice Vollenweider (Wagenbach-Übersetzerin aus dem Ital., glaube ich), die mal dem Celan wegen seiner Ungaretti-Übersetzungen ans Bein pinkelte und dabei ganz auf Wort-für-Wort-Schiene fuhr.“
Also verlinkte ich nur und spar(t)e mir die Diskussion – auch weil ich jene dort für entschieden bedeutsamer halte, für de facto bedeutsam. Daß ich die meisten Kommentare von Facebook herüberkopieren mußte (und dann halt auch je neu formatieren und mit Links auf die Autor:inn:en unterlegen), war allerdings einige Arbeit. Doch begreif ich sie als Momentcluster künstlerischen Widerstands: Allein schon er rechtfertigt den Aufwand.

Nachher zum Arzt fahre ich mal nicht mit dem Rad, sondern mit den Öffentlichen und mit schon dem Gepäck für Frankfurt. Denn gleich nach der Untersuchung will ich zum von dort nahen Hauptbahnhof weiter, erst gar nicht mehr in die Arbeitswohnung zurück. Das „spart“ mir mindest eine Stunde. Viel zu schleppen habe ich ja nicht.
Also schon mal packen jetzt. (Morgen abend in Frankfurt treff ich auch, worauf ich mich sehr freue, Phyllis Kiehl.

Ihr ANH

[Franco Donatoni: Quatuor à cordes no 4]

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