III, 391 – Langsames Erwachen

Einen Moment war es, als drehte jemand aus Jux dauernd sein Motorrad auf, aber nun wird aus dem Näherkommen klar, dass die Trommler unterwegs sind: die Palio-Festivitäten (der Mann mit weißer Kapuze der nurmehr Ex-Tabaccaio) haben begonnen, der Verkehr wird schon seit gestern anders geleitet. Wo es sonst hinaufging, geht es jetzt hinab. Parkplätze werden durch Halteverbotsschilder bedroht, die meinetwegen besagen, das Halteverbot gelte immer ab 15.00 Uhr, d.h. das Auto ist jeden Tag rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, sofern man als vorläufigen Notbehelf den falschen Parkplatz erwischt hat. Arrangieren, was sich arrangieren läßt. Wie auch sonst.
Hinzu kommt eine kleine Paranoia. Seit drei Wochen ungefähr bekomme ich keine Post mehr. Die einzige Post war eine Telefonrechnung, die jemand in den Schlitz an der Vorderseite des Hofeingangs gerade mit Ach und Krach hineingestopft hatte, an dem nicht mal ein Name steht. Ich klebte zwar einen Hinweis darunter, daß sich der Briefkasten auf der Rückseite befinde: indes, es kommt weiterhin nichts. Auch nicht das Buch über die Sitten der altarabischen Beduinen, das ich vor Wochen schon bestellt und bezahlt habe.
Als ich neulich zu Fuß von der Apotheke heraufkam, sah ich meinen sonstigen Postboten in einem verborgenen Winkel sitzen mit dem landläufigen Kommunikationsgerät beschäftigt. Sollte er etwa in Urlaub sein? und ein anderer ihn ersetzen, der eben zu faul ist, den Hofeingang auch nur zu betreten. Gesehen habe ich noch niemanden.
Die Telefonrechnung entdeckte ich auch erst, nachdem bereits ein automatischer Anruf gekommen war, vier Tage nach deren Fälligkeit, der mich daran erinnerte, daß sie noch nicht bezahlt sei. Immerhin eine Frechheit, Leute bereits vier Tage nach dem Fälligkeitstermin zu terrorisieren. Andererseits brachte man mir ebenfalls „neulich“ ein neues Breitband-Modem und machte die entsprechenden Anpassungen ans neue Netz.
Gestern in Rom gewesen, was sich so sagt, wie „Ich war im Supermarkt“. Hatte sogar den Fotoapparat dabei. Aber alles so abgedroschen die üblichen Wege, die Bahnhofsszenerien. Tatsächlich war ich nur zwei Stunden dort. Und kehrte mit einem Haufen Bargeld zurück (daher die Eile). Von meiner „Schwarzgeld“-Agentur.

And don’t tell me, that it rains: now!

Dann (ich schrieb das da oben gestern schon) schaute ich dem Regen zu, bekam Hunger, und der Regen war dann irgendwann vorbei, und die Trommler, die ihr Umkleidequartier im Ostello gegenüber hatten, kamen wieder hervor, um diesmal direkt unter meinen Fenstern zu trommeln. Was tun? Beat the beat: also drehte ich selbst hier auf volle Lautstärke, angefangen bei Iron Butterfly.
Nachwirkungen noch der Yacht-Übersetzung (jedenfalls so meine Interpretation), mit der  ich nach einem heftigen Wochenende fertig geworden bin, diese 240 Seiten (1 Seite gleich 1500 Anschläge) in etwas mehr als drei Wochen. Immerhin ein Anruf danach von der deutschen Kontaktfrau irgendwo da in der Romagna, wo einst die Teutonengrills lagen: ob ich auch weiterhin… man habe gesehen, daß usw. Gut, vov mir aus. Aber Energie will sich noch nicht wieder aufbauen, auch nicht für „meine Projekte“ (lediglich kurzatmige Versuche:

Zu den Hyänen ging er, nachdem er die Mähne
Mit Nardenöl benetzt, zu den lasziven Düften
Seines Elfenbeinbetts und zu den Frauen
Kehrt er mit dem Gestank der verdreckten Hyänen
Und beschmiert das Gesicht von den blutigen Küssen
Des Panthers. Und ein Geier aus dem Libyschen
Mit Tonsur und sehr hehr, pflegt‘ oft sich zu setzen
Auf die Faust von Durchlaucht, und geschickt
Besonders im Rauben von Ringen und Tauben.

Arrigo Boito, König Bär, alles noch wie hingeworfen und aus der Lamäng. Selbst die Lektüre ist ins Seichte abgerutscht: Berliner Possen von David Kalisch aus den 1840er/1850er Jahren, zwei Bändchen, erstanden mal Ende der 80er in Ostberlin, was natürlich offiziell anders hieß.
Programm für heute: frittierter Fisch aus Civitavecchia im Rahmen der Palio-Festivitäten (drei Wochen noch!) und zum Abschluß Mondfinsternis vom Dom aus. Morgen Nachbarschafts-Konvivium in der Gassen und Sonntag vielleicht doch noch zu Peter Stein (nicht, daß mich die Filme wirklich interessierten)???

III, 390 – Verstollungen

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Ein Kommentar zu III, 391 – Langsames Erwachen

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