Das Laissez-faire des Genies. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 4. August 2018.

[Arbeitswohnung, 8.37 Uhr
Ein Brot im Ofen]
Ich bin zur Zeit schlichtweg mit nichts beschäftigt, das (m)ein Leser:innenpublikum interessieren könnte oder auch sollte – abgesehen selbstverständlich von der Fahnenarbeit am Ungeheuer Muse, das nun wirklich Gestalt annimmt und noch in diesem Monat erschienen sein wird. Da geht jetzt vieles und oft hin und her zwischen Elvira M. Gross, Hans Christian Leitich, Cristoforo Arco und mir; bisweilen zweimal täglich. Das Buch soll zur ANH-Werkschau ja lieferbar sein und dort auch, also im Literaturhaus Fasanenstraße, direkt als Neuerscheinung zum 18. Internationalen Literaturfestival Berlin zu erwerben.

Zu dieser Werkschau – ich schrieb es bereits – mehr, sowie sie vom ilb offiziell auch offiziell angekündigt sein wird; es kann sich nur noch um dreivier Tage handeln.

Ansonsten habe ich derzeit mit Auftragsarbeiten zu tun; irgendwie muß Geld in die Kasse kommen. Dazu gehörten (und gehören) nicht nur die Projekte für meine Contessa, sondern auch eine nächste Hochzeitsrede und eine ziemlich fisselige Korrekturarbeit.
Daß ich „nebenbei“ (was ein Euphemismus ist) meinen Körper wieder auf Vorderherbst bringe, muß ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen; es ergibt sich aus meinen nahezu täglichen Trainingsprotokollen. Ansonsten geschieht grad nicht viel; keine neuen – auch keine unglücklichen – Liebes- und/oder Sexualgeschichten treiben mich um, keine neuen Arbeitsprojekte; Ralf Schnell, mit dem ich neulich Essen war, sprach ich von „verklärter Resignation“. Was auch eine verklärende meint. Es ist ein angenehmes nicht-mehr-Wollen, vielleicht auch nur –Mögen. Erspart einem die Frustration. Vieles wird „gleich gültig“. Der Nachteil davon ist, daß es keine neuen Impulse gibt weiterzuarbeiten, schon gar nicht mehr diesen Druck, der mich über die Jahrzehnte angetrieben und manchmal ein Buch nach dem anderen aus mir geradezu herausgepeitscht hat. So auch keinen mehr, regelmäßig in Der Dschungel zu schreiben. Setze ich an, steigt sofort ein leises Wozu? in mir auf. Und vielleicht habe ich ja wirklich alles gesagt, was ich zu sagen hatte, einer wie ich, und vielleicht stimmt es, und meine Romane und Gedichte, vor allem die Romane, sind nicht mehr zeitgemäß… wie Schnell sagte: Sie setzten zu viel voraus, das nicht mehr mitgebracht werde und auch nicht mehr mitgebracht werden könne. Wogegen ich die zunehmende Komplexität der Serien hielt, aber zu denen bemerkte Phyllis Kiehl neulich zurecht, sie seien alleine deshalb leichter als Bücher konsumierbar, weil die Bilderfolge darüber hinweghelfe, wenn Zusammenhänge nicht erkannt würden, indessen frau/man bei einem Buch alles selber imaginieren müsse, also selber sich – im Wortsinn – vor|stellen, es vor sich hinstellen und dazu überhaupt erst bauen, selbst. D a liege der Unterschied, da liegt die Erklärung.

Also ist der Literat, will er verstanden werden, angewiesen, weit hinter die ästhetische Valenz und Komplexität eines Spielfilms zurückzufallen; besonders der Romancier muß seine Form regredieren, um noch Erfolge zu haben. – Dies kann nichts mehr sein, was einen wie mich motiviert. Dann es doch besser bei dem belassen, was man schon schuf. Es ist ja nicht wenig. Und das, was aussteht, die Béartgedichte etwa, vielleicht auch der Friedrich noch, nun jà, es eilt damit nicht, da Leser:innen nicht drauf warten. Ich schreibe, wenn ich sie schreibe, diese Bücher für mich – und vielleicht eine Handvoll anderer noch, und anderInnen, die indes für einen Markt kaum ins Gewicht fallen werden, nicht mal für den Nachruhm. Den ich auch längst verabschiedet habe.
Vielleicht wechsle ich sogar noch einmal ganz den Beruf. Hatte neulich ein nettes Gespräch mit meiner Contessa dazu. Mußte an Sinopoli denken, an ein gewisses Laissezfaire des Genies, nicht meines, bewahre!, doch seines und eines, dem nun zu folgen nicht wäre, nein i s t. Und dies „Surtout pas trop de zèle“ (Talleyrand). Oh Freundin, wie oft schon zitierte ich dies, ohne mich je dran gehalten zu haben! Es ist nun wahrlich die Zeit.

Nein, keine Bitterkeit (mehr). Gelassenheit, Abwarten. Und wenn ich wieder Ideen habe, werde ich sie auch gestalten. Habe ich keine, ist’s aber ebenso gut.

Ihr ANH

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2 Kommentare zu Das Laissez-faire des Genies. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 4. August 2018.

  1. Marion Koepf sagt:

    Es gibt aber schon welche, die warten- auf den Friedrich, den Triestroman….

  2. @Marion Koepf:
    Den Triestroman werde ich in jedem Fall fertigstellen, da es für ihn bereits einen Verlag und Verlagsvertrag gibt, auch wenn letztrer „nur“ mündlich geschlossen wurde – was per Handschlag bedeutet. Um so verpflichtender ist er.
    Als Erscheinungsdatum wurde der Herbst 2020 ins Auge gefaßt. Ob dieser Termin einzuhalten ist, hängt von vor allem finanziellen eben nicht Fragen, sondern Antworten ab. Eher realistisch scheint mir das Frühjahr 2021 zu sein, sofern eine Förderung klappt, um die ich mich beworben habe; sie würde ab Januar 2019 für ein ganzes Jahr laufen, wäre für dieses Buch also perfekt.

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