Die Köpfung der Champagnerflaschen. Das Hamburger Arbeitsjournal des Mittwochs, den 3. Oktober 2018. Nach ausgedehntem Morgenregen und weiter mit Heinz Helle.

[Magnolien- und Kaminraum, Alstererker, 8.50 Uhr]
Es ging bis abends nach 22 Uhr, dann trat, nach einem kommoden Nachtspaziergang am Ostufer der Binnenalster, Ruhe in der Villa ein. Die Luft herbstlich feucht, es hatte über den Tag immer wieder geregnet; heute früh, als ich um halb sieben aufstand, schüttete es wie aus Kübeln.
Das Gespräch mit Comfield läßt sich, wiewohl er meinen Preis drücken wollte, eine Verhandlung kaum nennen; es wurden – mit einem Messer!!! – wenigstens drei Flaschen Champagner geköpft: Glasmund mit Korken schießen davon. Deshalb empfiehlt es sich, die Prozedur an freier Luft vorzunehmen. Die Klinge muß mit knappem Schlag eine der zwei Glasnähte der Flasche dort treffen, wo sie in die Kopfwulst übergehen; gelingt er, gibt das Material nach, bzw. auf. Die Bruchstelle bleibt dabei völlig splitterfrei. Die Prozedur wird, von sabre, „Säbel“, >>>> sabrieren genannt; möglicherweise geht sie auf Offiziere Napoleon Bonapartes zurück. Das weiß ich aber jetzt erst.

Prüfend sah Comfield mich schräggelegten Kopfes an: Traut er sich? Aber er trank ja auch unbesorgt um innere Verletzung; weshalb sollte ich mich da sorgen? – Selbstverständlich wollte auch ich diese Köpfungsart lernen. Sie macht auf jeden Fall Eindruck. Besonders mein Sohn wird begeistert sein.

Also, wir wurden übers Honorar noch nicht einig. Wobei ohnedies erst mit der Dame selbst, Comfields Old Lady, gesprochen werden und erfahren werden muß, ob sie mich als ihren Biografen überhaupt akzeptiert und mehr noch, eine Voraussetzung dafür: m a g. Dann erst wird sie zu erzählen beginnen, und ich werde den Zeitaufwand abschätzen können, dessen diese neue Arbeit bedarf. Aber ich mache mir ums Geld eh keine Sorgen, weder bei diesem neuen Auftraggeber noch, na sowieso, bei meiner Contessa.

*

Auf der Fahrt hierher in Helles Buch weitergelesen, das jetzt doch einige Dichte gewinnt, „auch wenn es sich bei der Gleichheit eigentlich um Kälte handelt, um Gleichgültigkeit, aber das macht nichts, zum Lieben haben wir ja einander, da brauchen wir keine Struktur, und wenn es hier und da nicht so richtig klappt mit der Gleichbehandlung, dann liegt das lediglich daran, dass vorerst vor allem Menschen an ihr mitarbeiten, fehleranfälliger Sand in einem perfekten Getriebe, und erst wenn man auch den letzten Rest kohlenstoffbasierter Egos endgültig aus der Maschine entfernt hätte, würde die Gleichbehandlung vollkommen sein“, S.82/83, aber „würde sein“ wäre besser doch „wäre“, und sowieso gibt es immer wieder Konjunktivprobleme, die in einem durchgeführten Kunstmonolog noch weit störender sind als in anders erzählender Prosa, weil immer wieder die auch innere Logik der Zusammenhänge ge-, teils sogar zerstört wird. Dazu kommt des Autors höchst nervige Neigung zur Nachstellung von Satzteilen, die nicht nur weniger unelegant, sondern vor allem sich hätten organisch aufs einfachste bauen (im Sinne von: tonsetzen) lassen, z.B. „und stumm beieinander hocken bleibt im Schnee“ statt „und stumm beieinander im Schnee hocken bleibt“ oder „die sich in die Schlacht gestürzt hatten auf der Suche nach Sieg oder Schmerz“ statt „die sich auf der Suche nach Sieg oder Schmerz in die Schlacht gestürzt hatten“. Solche komplett unnötigen Nachstellereien sind in dem Buch Legion und fühlen sich nach einiger Zeit wie eine Marotte an, wie eine Masche bewußt schlechten Stils. Das stört jedenfalls mir den Lesefluß ganz furchtbar. Dennoch gibt es immer wieder Sätze und Passagen, die mich die Lektüre nicht abbrechen lassen, etwa „die beste Antwort auf Vergänglichkeit ist Wiederholung“, S. 106, daran bleiben meine Gedanken dann ebenso intensiv hängen wie, „dass es die menschliche Angst ist, vor dem Alleinsein, die Sehnsucht, zu einer Gruppe zu gehören, zu einem Rudel oder Stamm, die verantwortlich ist für alle Wut und Gewalt der Welt“ – wobei auch hier „für alle Wut und Gewalt verantwortlich ist“ besser formuliert gewesen wäre, nicht so unnötig gestelzt.

Jetzt aber ziehe ich mich für den Alsterlauf um.

[Nach 14 Uhr:]
Vom Laufen zurück, Blick ins elektronische Postfach. Ein guter Emailwechsel hat achtsam begonnen. Erst Blicke, dann der Tanz. Wie Menschen durch ein Zimmer gehen, die niemanden erschrecken, aber ebenso wenig stillstitzen möchten.

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