Zu den neuen Erzählbänden, zur Béart. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 6. Oktober 2018. Vier Tage vor der Messe. Mit Maurice Ohana, Konstantin Wecker, fälschlich Gottfried Benn, in Wahrheit indes Conrad Ferdinand Meyer: Denn auch so geht Erlösung.

[Arbeitswohnung, 5.50 Uhr
france musique contemporaine:
Maurice Ohana, Miroir de Sapho]

Welch ein schöner Titel, Saphos Spiegel, dieses kleinen Musikstücks Ohanas, dem heute früh eine Aufmerksamkeit des französischen Senders gilt. Auch für einen Gedichtband wäre es ein wunderbarer Titel, der mir nun aber vielleicht die Spur vorgibt, wie wir, Elvira M. Gross und ich, den ersten der beiden Erzählbände nennen könnten, der bei Septime im Frühjahr erscheinen wird, und wie dann auch den im Herbst 2019 folgenden zweiten. Die Ausgabe nimmt Gestalt an, der Verleger hat bereits nach Umfang und auch Buchumschlagsmotiv gefragt. Auch die Auswahl für den ersten Band und wie wir die Erzählungen ordnen, muß jetzt geklärt werden. Wir werden auf der Messe intensiv sprechen.
Die Frage ist ja, nun jà, eigentlich war ich dagegen, chronologisch vorzugehen, also die Texte in der Reihenfolge ihres Entstehens aufeinander folgen zu lassen, aber wohl deshalb (also daß ich dagegen war), weil mir die späteren wie besonders die Vergana „naturgemäß“ näher sind als die mir unterdessen schon biografisch fernen der Achtzige Jahre, bzw. noch frühere; andererseits gibt es auch darunter „Hämmer“ wie den Kark-Jonas, den ich seinerzeit zudem als eines der drei, eigentlich vier Blumenstücke in den Wolpertinger integriert, für diesen Roman vor allem  auch umgeschrieben habe. Für die neuen Erzählbände habe ich versucht, diesen Text nicht stilistisch, sondern inhaltlich wieder dem „Original“zustand anzunähern, ihn quasi zurückumgeschrieben. Das ist insofern reizvoll (und auch nötig), als die Stilistik weitgehend meinen späteren Phasen entspricht, die den Kybernetischen Realismus bereits mitdenken, der mir früher ganz sicher noch nicht zugegen war, als Spur aber bereits angelegt ist. Wiederum gibt es frühe Erzählungen, deren relativ unkomplexe Struktur ich erhalten will.
Wenn wir aber nun ohnedies zwei Erzählbände, zumal in einem und demselben Jahr herausbringen, dem dann ein dritter, vielleicht auch – mit heute noch nicht geschriebener Prosa – vierter folgt und eben nicht alles in einem einzigen Band versammelt sein wird, ist die Überlegung wahrscheinlich müßig, und der erste, also der Frühjahrsband könnte im Untertitel ohne weiteres „Die frühen Erzählungen“ heißen und der Herbstband dann „Die späteren Erzählungen“, sowie ein dritter „Erzählungen der letzten Jahre“. Dann wird die Ästhetik, der wir folgten, zunehmend komplex, wohl auch – in musikalischer Anlehnung möchte ich sagen: freitonaler.
Jedenfalls hat Elvira mich gestern gebeten, die Erstentstehungszeit jedes Textes zu notieren; bei einigen Erzählungen mußte ich sie selbst erst recherchieren: Fast alles, was vor der Jahrtausendwende liegt, war mir doch recht verschwommen. Möglicherweise irre ich mich in diesem und jenem Fall noch jetzt, weil ich nicht anders konnte, als auf erste Erscheinungen in Zeitungen und Zeitschriften zu rekurrieren, nämlich dann, wenn die Texte noch ohne Computer entstanden sind, es also keine Dateien gibt, aus denen sich die Zeiten ersehen lassen. Dabei sind vor allem die kleineren Erzählungen problematisch, die ich nicht unmittelbar mit erinnerten Lebensgeschehen verbinden kann. Wiederum kommt es mir, auch stilistisch, fast nicht glaubhaft vor, daß etwa so etwas wie der Kark-Jonas geschrieben worden sein soll, als ich gerade mal siebzehn, gar sechzehn gewesen bin. Erstaunlich immerhin, wie nah mir zum Beispiel die Sabinenliebe geblieben ist, die ich ganz sicher in den frühen Siebzigern schrieb (ich weiß den Grund noch, dessenthalben ich’s tat, sehe das Mädchen sogar noch direkt vor mir: Sabine Schwarzkopf, so hieß sie, ist meine heimliche, nun jà, Liebe gewesen, als ich in der ersten!!! Klasse war, Braunschweig, Volksschule Am Bültenweg) und erst in diesem Jahr 2018, auf Fomentera nämlich, 56 Winter danach, wieder vorgenommen und überarbeitet habe. Oder die etwa 1975 geschriebene Joana, die ich nur noch in ihrer Form der Achtziger kenne, da bereits unter dem Einfluß der Nachtwachen Bonaventuras umgeformt, die dem Text gleichsam zu zwei Türen wurden, durch die man auf der einen Seite in ihn einsteigt, auf der anderen aus ihm austritt. Wobei – obwohl die Bände die ästhetische Entwicklung spiegeln sollen – so etwas wie Marlboro (1981) überhaupt keinen Platz in den Bänden finden kann, weil ich dort v ö l l i g andere Wege gegangen bin. Dieses Bändchen brauchte eine ganz getrennte Neuausgabe; bisweilen bekommt man es noch antiquarisch.
Wie auch immer, es geht jetzt mit großen Schritten voran; gestern schickte mir Elvira vier nächste lektorierte Geschichten, die ich heute durchsehen werde.

Gleichzeitig läuft der Satz der vier Béartgedichte für diaphanes‘ Magazin. Wir haben uns, der Herausgeber Michael Heitz und ich, nun gegen die Zweispaltigkeit entschieden, weil sie zwar die Möglichkeit für vier Texte bereitstellte, aber die Verse doch sehr beeinträchtigt sind, wenn sie nicht ihren Raum bekommen und d e r, also Raum, zeichnet dieses Magazin ja gerade aus, ist für die Langzeilen des Béartzyklus‘ ideal. Allerdings könne es sein, so schrieb mir Heitz, daß der zur Verfügung stehende Platz von fünf auf acht Seiten sich erweitern lasse; dann kämen tatsächlich alle vier Gedichte. Versprechen aber könne er es jetzt noch nicht, sondern es werde in der kommenden Woche entschieden.
Was mich sehr beruhigte, war, daß Elvira auch diese vier Texte gestern durchgesehen, mir mit wenigen Anstreichungen zurückgeschickt und bemerkt hat: „Schöne Gedichte“. So etwas tut diese ästhetisch gestrenge Frau nicht ohne Grund; aus ihrer Hand gibt sie nur, was ihrer eigenen Schönheit entspricht. Niemals hakt sie einfach so ab. Aber auch Heitz hatte mir schon von einer Art Berauschung geschrieben, in denen ihn die Verse versetzten, namentlich die Confessio, also das Stück No IX.
Heute gehe ich alle vier Stücke noch einmal auch im Originaltyposkrit durch; Parallalie hat die italienischen Stellen durchgesehen und teils ein wenig revidiert, Jost Eickmeyer Vorschläge für die lateinischen Stellen hergeschickt; übrigens wollte er auch noch zu C.F.Meyer kommentieren. Was mich auf das nächste Erstaunlichum bringt:

Immer hatte ich gedacht, Konstantin Weckers „Genug ist nicht genug“ beziehe sich auf Gottfried Benn („unter dem Blütenfall des Meeres“) . Nun aber, gestern, finde ich bei Meyer zu dessen „Hier ist kein Trost“ geradezu das Gegenteil:

Genug ist nicht genug! Gepriesen werde
Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!
Tief beugt sich mancher allzu reich beschwerte,
Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.

Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
„Genug ist nicht genug!“ um eine Traube.

Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!

                                                                       Fülle, 1882

Weckers Benn auf Meyer somit zurückführender, ihn in Meyer geradezu erlösender Gedichtschluß lautet:

Genug ist nicht genug,
ich laß mich nicht belügen.
Schon Schweigen ist Betrug,
genug kann nie genügen.

                                         Genug ist nicht genug, 1977

Nachdem ich das Reclamheftchen „durch“ hab, habe ich mir Meyers Sämtliche Gedichte auf den Kindle heruntergeladen und lese jetzt eines nach dem anderen, immer mal zwischendurch, morgens meist mit dem ersten beginnend, „denn ich weiß, es wird der ungetreue / Wächter lebend in die Gruft versenkt“, Das heilige Feuer, ebenfalls 1882.

Jetzt könnte ich, und sollte’s vielleicht auch, aus den gestern und vorgestern geschriebenen neuen Béartversen zitieren, aber das möchte ich doch einem eigenen Beitrag vorbehalten, den ich nicht in ein Arbeitsjournal integriere, sondern für morgen Ihnen, Freundin, aufhebe, und mir.

Wieder einmal um fünf Uhr aufgestanden, was für mich ein g u t e s Zeichen, dafür nämlich eines ist, mit meiner Arbeit einig zurück in sie gefunden zu haben:

Ihr ANH

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