Pelle und Peau ODER Häutungen, neu. Im erbitterten Arbeitsjournal des Dienstags, den 6. November 2018. Zur Differenz der Geschlechter.

[Arbeitswohnung, 8.19 Uhr]
Es ging mir an die Haut. „Sie haben sich zu unterwerfen!“ Er knallte die Tür zu und ging.
Ich dachte Pelle und Peau. Die Drohung war, das war jetzt neu, offen ausgesprochen. Ich hatte den Menschen zur Rede gestellt. Doch ah, dieses hämische Grinsen! — „Wir werden Sie ausradieren, sind schon dabei. So lange Sie Ihre männliche, auch noch heterosexuelle Perspektive nicht aufgeben, bekommen Sie bei uns keinen Fuß mehr auf den Boden.“ —
So setze ich mich also gleich nach dem Aufstehen an diesen Text. Schnell wird mir klar, daß die Offenheit der Drohung alleine in einem Traum stattfinden konnte und ich sie im Wachen drum aussprechen muß. Das hinter der Tür lauernde Gespenst verschwindet erst dann, wenn man ihm Antlitz zu Antlitz begegnet.

Es geht mir an die Haut und tief, tief darunter.  Schlimme, sehr schlimme Nachrichten kamen. Von einer schrieb ich andeutend schon, dabei will ich’s einstweilen auch belassen. Eine zweite geht aber n o c h tiefer, weil sie nicht „nur“, wie jene, einen Teil meines Werkes durchstreicht, sondern nun auch das andre und mich quasi mit – als Person; zumal ist die zweite eine wiederholte, viele sogar, v i e l e Male wiederholte – imgrunde seit >>>> Meere.
Um Geschlechtlichkeit geht es, um die Geschlechter. Wir kennen die unterdessen zur Ideologie gewordene Diskussion, daß es, das Geschlecht, alleine sozial bedingt und geprägt sei. Ich teile diese Ansicht nicht. Wir müssen doch nur an uns heruntergucken, hinunter, um das Geschlecht und sein Drängen konzentriert dort zu spüren. Eine Frau, deren biologische Konstitution sie vorsichtig sein läßt, weil dort viel stärker von Infektionen beeinträchtigt als jemals ein Mann, verhält sich notwendigerweise anders als dieser zur Welt. Es ist auch sie, nicht er, die körperlich ein Kind austrägt und – eine unübertragbare Erfahrung – Wehen hat. Da ist die Idee, körperliche Zustände und Ereignisse hätten keine seelischen Folgen und also keinerlei Einfluß auf Bewußtsein, Verhalten und Vorlieben – zumal wir auch medizinisch um das Amalgam aus Psyche und Soma viel wissen -, geradezu skandalös vormodern. Sie ist, diese Idee, eine politische, nicht ontologisch, und allenfalls als, kurz mal, Kampfmittel der Gleichberechtigung sinnvoll – strategisch mithin. Keineswegs aber eine wahre Aussage über die Wirklichkeit. Dennoch, „als männlich schreibender Poet“, schrieb mir ein Freund, „bist du eigentlich so gut wie raus momentan“, und er ergänzte im Fortgang unserer Korrespondenz: „(…) was dazu führt, dass alle, die männlich sein wollen und nicht über genügend Intelligenz verfügen, sich zunehmend bei den Rechten wiederfinden. Das sind gewaltige Umbrüche gerade“, aber eben s e l b s tverschuldete – ich könnte fast meinen: gewollte -, sagen wir, „Kollateral“schäden, die wiederum von immer mehr Männern geradezu internalisiert werden, obwohl auch sie in ihrem hoffentlich erfüllten Sexualleben die Erfahrung machen, daß viele Frauen da Männlichkeit durchaus schätzen, wenn nicht die meisten von ihnen sogar. „Sie mögen es“, antwortete ich meinem Freund, „ein schweres Gewicht auf ihrem Körper zu spüren, sie mögen Zugriff, sie mögen es, ins Besinnungslose gevögelt zu werden. Das ist die Wahrheit, über die indes in der Öffentlichkeit eine doppelte falsche Moral gezogen wird.“ Er gestand es mir zu – „n a t ü r l i c h mögen sie das! Es steckt ja ganz tief drin -“ -, nur sagen dürfe man es eben nicht.
Genau das meine ich mit doppelter Moral, double-gebindet – ein psychischer Mechanismus, der Abhängigkeiten erzeugt und besonders oft, und immer mißbräuchlich, in der Kindererziehung zu finden ist. Die Kinder, in diesem Falle „die“ Männer, werden geschwächt, indem ihnen der Doublebind die sogar biologische Identität entzieht. Das Problem, schrieb eine feministische, US-amerikanische Hardlinerin, sei der Phallus-an-sich – ein Unfug, weil auch Männer Kultur haben, sie jedenfalls in einer Weise haben sollten, die ihr Begehren nicht übergriffig werden läßt. Insofern ist die #metoo-Bewegung – bei aller rechtlichen Fragwürdigkeit (es finden laufend Urteile und ihre Vollstreckung ohne rechtsstaatlich garantierte Verfahren statt; die öffentliche Anklage alleine genügt schon) – von in der Tat großer Bedeutung. Wobei sich auch hier die Frage stellt, wo ein Übergriff de facto geschieht oder wo er spielerischer Teil eines natürlichen Balzverhaltens ist. Hier wirkt derzeit eine solche Grauzone aus Glück gehabt und was geschlechtliche Werbung sei und was bereits Stalking, daß manche Männer – ich erlebe es häufig – nur noch hinter vorgehaltenen Händen sagen, was sie meinen, oder sich in einer Art Stockholm-Syndrom libidinös genau an das binden, was ihnen schadet. Oder sie finden sich alleine noch in, wie mein Freund schrieb, rechten, nämlich politisch primitiven Bünden aufgehoben. In die sie aber getrieben wurden, und zunehmend, wie wir leider beobachten müssen, schiebt es auch nicht-primitive Männer dort hin, schiebt sie a b, wenn sie sich ideologisch nicht fügen.
So geht es derzeit im Literaturbetrieb vor sich. — „Diskursiv“, schrieb mir ein anderer Freund, „steht das heteronormative männliche alte Geschlecht grad ganz unten auf der Leiter.“ So s e i es eben „einfach“ – ein Sosein, das nicht unwidersprochen bleiben darf. Es muß ihm sogar h a r t widersprochen werden: mit aller, in diesem Fall meiner, leidenschaftlich heterosexuellen Männlichkeit. Dabei geht es gar nicht um „Normation“ und ebenso wenig darum, anders geartete Begehren zu leugnen oder gar zu diffamieren – im Gegenteil kann es mir gar nicht genug erotische Spielarten, Konstitutionen und Erfüllungen geben, ich s c h ä t z e Vermischung und die lebendigen Farben -, sehr wohl aber darum, sich nicht das eigne nehmen, ja zersetzen zu lassen. Ich habe – und nicht nur als Poet – das Recht auf auch den öffentlichen Ausdruck meiner Subjektivität, deren Sexualität ihr innigster, weil irdischster Ausdruck und weil es schwer genug ist, ihm ganz unabhängig von dem politischen Zeit-, nun jà, -„geist“ eine literarische Form zu verleihen, mithin ihn ins Wort zu übertragen – oder in ein Bild, in einen Film, in Musik. Daß ich „die“ Frauen liebe – als, ja!, Objekte meines Begehrens, mithin als grade auch poetische Projektionen – darf nicht unter dem gleichsam Diktat einer längst ideologischen Correctness guillotiniert werden und der Verfasser von Wolpertinger, Meere, den Andersweltbüchern und den Bamberger Elegien sowie von Traumschiff persönlich gleich mit — als Person nämlich.

Verzweifelt schrieb ich einer Freundin gestern:

Daß ich immer noch da und sichtbar bin, ist für den Betrieb schon Ärgernis genug. Am liebsten schaffte man mich ab.

Was in der „Sache“, über die ich noch nicht schreiben, allenfalls etwas andeuten will, soeben zu geschehen am Weg ist.
Tatsächlich wäre meine Arbeit nach seinerzeit dem Buchprozeß ein für allemal untergegangen, hätte ich nicht Die Dschungel geschaffen – einer Frau, übrigens, habe ich’s zu danken, wie überhaupt meine poetische Entwicklung vor allem von Frauen maßgeblich mitgesteuert wurde. Da heißt es nun, ich sei ihnen feindlich? D a n k b a r bin ich, verdammt! Und wo ich sie nicht liebe, verehre ich sie doch – aber, eben, als F r a u e n. Auf niemanden hab ich je mehr gehört als auf sie. Schon Wolpertinger oder Das Blau ist quasi matriarchal – m a t r i s c h und genau deshalb nicht geschlechtsindifferent. Entsprechend schrieb ich gestern dem einen beider Freunde, was mich am Patriarchat störe und gestört schon habe seit je, sei seine — Dummheit. Genau deshalb ist eine selbstbewußte männliche Positionierung, gegen es nämlich, wichtig, ohne aber das Begehren zu leugnen. Sondern man muß es nun | ganz besonders betonen. Genau deshalb habe ich auch immer wieder, seit mein Sohn geboren war, über Vaterschaft geschrieben, etwa in dem „Gesang“ an meinen eigenen Vater:

War das nicht ehrenvoll klug, und es war, ganz und gar, unsre Erfindung im Kampf darum, daß wir wer würden, errungen? Du gabst das drein? Ein ganz unpragmatisches, nicht-instinktives, nicht von Hormonen geleitetes, unplazentisches Sorgen, das eines, das will und nicht muß, ist? – man nimmt es vielmehr als Entscheidung an sich, und folgt?
Zwölfte >>>> Bamberger Elegie

In der Tat herrscht derzeit ein bisweilen sogar offen befahntes Diktat, das – ohne es aber zu wissen, im „guten Willen“ erschreckend naiv geradezu – der >>>> Äquivalenzform in die Hand spielt, der seine Vertreter selbst nicht selten kritisch, sehr kritisch sogar, gegenüberstehen. Das ist von schwerer, so betrachtet, Tragik und erinnert an die sich gegenseitig selbst zerfleischende Linke der Weimarer Republik. An dem erschütternden Erfolg der AfD trägt genau dies einige Mitschuld. Aus Verunsicherung, auch geschlechtlicher, resultiert fast immer Gewalt.

Ja, ich schreibe „männlich“, ja, ich begehre Frauen und meine – wissend, daß es solche sind – Projektionen von ihnen. Ja ich schreibe – und mit Temperament – heterosexuell. Zugleich schätze und liebe ich homosexuell konnotierte Künste, Benjamin Brittens, Hans Werner Henzes. Das schließt sich in keiner Weise aus, auch wenn mir wiederum anderes fremd ist, etwa Androgynität oder Thomas Manns, auch Hans Christian Andersens pädophile Neigung, die sich auch bei Nabokov finden läßt, den ich desungeachtet bewundre. Ja, ich will meinem Begehren eine poetische Stimme geben, die bisweilen sogar laut ist, statt mich duckzumäusern, und wenn mein Beharren mich n o c h so zur persona non grata des Zeitungeists macht. Ich will und werde mich meines Geschlechtes, und was es sich ersehnt, nicht schämen. Denn dafür gibt es – außer der Dummheit und vor allem Feigheit eines manchen seiner Mitvertreter, dafür dann allerdings! – keine Gründe. Werde ich dennoch ausgegrenzt, ja üblen Leumunds abgestraft, ist es ein Unrecht. — Nein, ich beharre,

/ – – / – – / – | – / – – / – | vom Willen
alle Mädchen voll, in denen aus Ahnung die Sonne
warm aufgeht in ihrer schon Schatten werfenden Macht,
in den sich Männer bergen und treten wie Katerchen Milch —

Béart XIV, >>>> dort, S. 136.

ANH

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4 Kommentare zu Pelle und Peau ODER Häutungen, neu. Im erbitterten Arbeitsjournal des Dienstags, den 6. November 2018. Zur Differenz der Geschlechter.

  1. xo sagt:

    am liebsten schaffte man dich ab? du hast gerade bei diaphanes veröffentlicht… dir will niemand deine heteronormative männlichkeit nehmen und deine projektionen, hier sagen nur ab und an auch mal ein paar leute, dass sie es anders empfinden, himmelherrgottnochmal. das ist ja wohl ebenso erlaubt. leb du doch dein leben, wie du es leben möchtest und schreib so, wie du schreiben möchtest, tust du doch sowieso und verlegt wird es auch. du fährst zu lesungen, alban, wo ist das problem eigentlich? es fehlt die kohle, das ist ein problem, die fehlt aber bei sehr vielen, toll finde ich es bei keinem. frauen fehlen in deinem leben auch nicht. was, bitte was ist das problem eigentlich? außer, dass es eins geben muss, für dich, in bezug auf männlichkeit? ich verstehe es manchmal einfach nicht. du darfst es doch alles genau so empfinden, du darfst nur nicht erwarten, dass es anderen auch so geht. das ist aber mit allem so. ich steh auch auf männer, ich hatte in meinem leben nocht nichts mit ner frau, so what? aber für mich hat männlichkeit viele facetten, wie weiblichkeit auch, einige überschneiden sich, nicht wenige. du kannst nicht wissen, wie es für andere männer ist, genau so wenig wie für andere frauen, das war thomas nagels aufsatz: what is it like to be a bat? gar nicht so doof. dieses ewige gerede von corectness nervt. vielleicht sind heteronormative weltbilder gerade einfach nicht so en vogue, wie schlaghosen, mag ja sein, weg werden sie nie sein, sie beherrschen vielleicht nicht mehr allein die szene, na und? ist das so übel? was nimmt es dir?

  2. xo sagt:

    das ilb veranstaltete gerade noch eine ganze werkschau und ich finde das dann irgendwie ungehörig oder undankbar so zu sprechen, dass man dich abschaffen wolle. es sprechen so viele indizien seit jahrzehnten dagegen (die ganzen veröffentlichungen zuerst, die projekte, die kreuzfahrten, die aufträge etc etc) und du wirfst mir schon mal vor, ich sei kokett, was ist das dann bitte schön? du bist vielleicht mit all dem nicht an den platz vorgerückt, der dir vorschwebt und der angesichts deiner produktivität sicher auch noch mal deutlicher vermisst wird, aber wen willst du dafür eigentlich haftbar machen? der betrieb ist ein glitschiger fisch, je fester man zupackt, desto weiter entgleitet er, so kommt es mir vor. man kann doch nur tun, was man tut und ob es wem gefällt, wer weiß das schon. wir sollten uns alle davon eigentlich viel unabhängiger machen, wenngleich ich auch nicht weiß, wie. ich weiß nur, je heftiger ich etwas wollte, desto weiter rückte es meistens ab.

  3. @Xo:
    Du kennst den Zusammenhang nicht, in dessen Folge ich diesen tatsächlich erbitterten Text schrieb. Ist auch gut so. Aber sei versichert, er hat einen direkten Grund – der aber nur die Spitze des Weichberges ist. Ansonsten wär meine Streitschrift müßig in der Tat. – Es mag übrigens sein, daß Du, was geschieht, als – ecco – Frau gar nicht miterleben kannst, weil es Deine Haltungen nicht anrührt, geschweige denn Deine Haut.

  4. xo sagt:

    stimmt, aber es klingt bei dir auch immer gleich so hochdramatisch, dass man an vendetta denkt und n sonderkommando zu dir schicken will. ich will dir dann am liebsten immer n caipi in die hand drücken und samba de verao oder garota de ipanema laut aufdrehen. ich find dich entspannt eigentlich auch ganz ok (nein, viel netter!) und nicht weniger männlich. nicht jeder mann hat deine haltung zur männlichkeit btw, wäre ja auch traurig, wenn es davon nur eine gäbe.

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