Mit einer Tigerin: Wien zurück und erster Fahnendurchgang voraus. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 22. Dezember 2018. Darinnen Walter Serners Hand in einer der Grimaud.

[Arbeitswohnung, 7.42 Uhr
France musique:

Bach, Goldberg-Variationen, Trio Jacob]
Nun werden es also 600 Seiten sein, nachdem auch Die Orgelpfeifen von Flandern, vor allem aber die seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr lieferbare Langerzählung Joachim Zilts‘ Verirrungen, in kompletter Neufassung, in dem Band enthalten sein wird:

 

 

Dabei haben Elvira und ich eine ganze Erzählung noch herausgenommen, die denn doch z u geulkt war, um dem Anspruch, den solch eine Ausgabe hat, noch gerecht zu werden; wir sind beide, die Lektorin und ich, empfindlich gegenüber Kalauern, und die Sottisen, die ich seinerzeit in der Wiepersdorfer Ankunft untergebracht habe, halten nicht über die aktuelle Zeit ihrer Entstehung hinweg, auch wenn sie da ihre berechtigte Komik gehabt haben. (Ähnlich wird es, im zweiten Band, mit dem Bericht für eine Lesestiftung sein.) Nur Zeit und Absicht können nicht genügen, auch wenn mir diese Texte damals Spaß gemacht haben, und auch manchem Leser, mancher Leserin. Eingebunden in ganz anders geartete Erzählungen wird nicht nur ihre Schwäche gegenüber den, ich schreib mal, „ernsteren“ Stücken deutlich, sondern diese selber werden behelligt und gewissermaßen im Niveau heruntergezogen, bzw. hinabgedrückt, weil die Leser|innen-Haltung fehlbestimmt wird. – Interessant, für mich, war dabei, daß einige ganz genauso zeitbezogene Erzählungen, besonders aus den Marlboros, unbetroffen waren und sind: Ihre Präsenz hat sich erhalten wie das Milieu, in dem sie spielen – strukturell erhalten. Es scheint mithin ein bleibendes Politisches zu geben, gegenüber dem nicht nichtbleibenden agitativen. Der Grund ist möglicherweise in der Schreibhaltung zu finden, aus der Texte entstehen: werden sie allzu auktorial verfaßt, mit allzu spürbarer Absicht, verlieren sie in einer neuen Gegenwart an Substanz, nicht hingegen die subjektiven, introspektiven Erzählansätze und -durchführungen. Dies hab ich nun gelernt. (Es gibt allerdings ein auktoriales Erzählen, das nicht betroffen ist; nur wird es verwendet allein zur Überschau und führt die handelnden Personen nicht wie Marionetten nach Absicht der Autorin oder des Autors, sondern hier herrscht der Irrealis: als wäre subjektiv erzählt; der Autor/die Autorin bleibt seinen und ihren Figuren zugewandt, ja überhaupt nur das rechtfertigt den Text, kurz, es wird nie denunziert, nie lächerlich gemacht, sondern jede von ihnen ernstgenommen.)

[Poetologie]

Wir arbeiteten also viel, Elvira und ich, gingen aber auch Essen, trafen ihren engen Freund P.K., mit dem nun auch ich mich anfreunde, spazierten durch Wien, lachten viel, tauschten vieles aus. Hernach dann stets zu Cristoforo Arco, dessen Verlagsumzug weiter im Gange und immerhin dann abgeschlossen. Aber wie bei meinem vorherigen Besuch war noch zu wuchten. Doch recht erschöpft standen wir abends vor St. Othmar mit unsren Häferln (also Bechern) Glühwein und sprachen über Literatur; Cristoforo hat ständig Bücher unterm Arm. Eines hatte er mir schon beim letzten Wienbesuch in die Hand gegeben; es begeistert mich sehr: Walter Serners – eines Autors, den ich bislang, nun jà, gemieden – Die Tigerin. Bei solchen Szenen freilich muß ich alle Skepsis fahren lassen:

Fec (…) setzte sich langsam auf den Bettrand, streichelte sachte ihr Haar und lispelte, fast gegen seinen Willen: „Meine süße, süße Bichon … Du festes schweres Tier … Du dunkles dampfendes Weib … Du bist die harte Kette, an der ich mich halte, um nicht abzustürzen, wohin hinabzustürzen ich beinahe schon … Und ich weiß nicht einmal, woran diese Kette hängt … Und wüßte ich es, ich würde …“ Da aber packte ihn eine boshafte Lust. „… würde es dir sagenm obwohl ich weiß, daß du nicht schläfst und mich hörst.“
Bichette schnellte, das Gesicht verzerrt, empor. „Schnock!“
„Eh ben.“
„Fec, das war … O …“
Fec warf sich lachend über sie, preßte sie mit einem ganzen Körpergewicht ins Bett zurück und flüsterte vor ihren wutnassen Augen: „Und du? Hast du dich nicht schlafend gestellt, um mir … Hättest du nicht geschwiegen und …“
„Und …“ keuchte Bichette.
„… und es geglaubt?“

So etwas ist, gerade in den immer wieder abgebrochenen Anspielung, grandios, weil es der erotischen Obsession den angemessenen Ausdruck verleiht, die sich mit Correctnesses weder abgeben dürfte noch es überhaupt könnte. Da ist tatsächlich einige Ähnlichkeit zu Liebeserzählungen, wie ich sie schrieb und wohl auch weiter schreiben werde, und wie ich Liebe leben nach wie vor will: kitschfrei, weil in voller Ambivalenz.
Ich bin nur froh, daß der zweite Band meiner gesammelten Erzählungen nicht „Tigerinnen“ heißt, was nämlich ebenso möglich gewesen wäre wie der jetzige Titel, Wölfinnen. Den ich übrigens wählte, weil Wolfsgemeinschaften matriarchal sind. Wobei ich jetzt wieder an die hinreißende Hélène Grimaud denken muß, auch wenn mir ihre letzthinnige Entwicklung nicht mehr so ganz gefallen hat, das, was ich dort in dem Dschungelartikel  „mädchenhaft“ nannte.

Jedenfalls Die Tigerin. Toller Text. Ich werde den mir als altes dtv-Bändchen vorliegenden Text einer enormen Frau zu Weihnachten schenken, zu der er rundweg paßt; eine schöne Ausgabe allerdings war derzeit nicht zu bekommen – was ebenso geändert werden sollte wie im Falle von Ulrich Bechers Herz des Hais, das mich ähnlich berührt hat, vor fast genau einem Jahr, übrigens – auch das eine Liebeserzählung von, bei völlig anderen Protagonisten, ungemeiner Wucht. Bichette, Bichette, ach Lulubé! Sie schließen sich aus, die Liebe und die Autonomie – aber genau daraus bezieht sie ihre explosive, anarchische Kraft. Es ist dies kaum deutlich genug zu betonen. Also zieht der pragmatische, konsensorientierte Mensch „Beziehungen“ vor. („Konsens“ und „Konsum“ alliterieren nicht grundlos so nüchtern).

Nun aber an die Festvorbereitungen mit der und für die Familie. Um elf geht’s den Weihnachtsbaum kaufen. Im Kühlschrank ruhen zwei Fasane. Bislang ging das Lichterfest fast spurlos an mir vorüber – erst vorgestern abend, auf dem Weihnachtsmarkt, drang etwas davon in mich ein, als wir alle endlich hingegangen waren. Sie wissen ja, Freundin, wie nahe dieses Fest mir ist, nicht seiner christlichen, sondern der Lichtbedeutung halber, die mich, wie diese beiden hier, fast selber wieder Kind werden läßt, die mich meine eigenen Erinnerungen neu und neu erleben lassen. Um so wundervoller, daß es meinem großen Sohn ganz ebenso zu gehen scheint.

Haben Sie, Verehrte, einen guten Tag – egal, ob uns die Witterung sich dem verweigern will.

Ihr:

Facetime-Aufnahme mit Brandloch.
Von Semioticghost, 21.12.2018 abends.

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[Mittags:]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Frühabends:]

Heidesand

 

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8 Kommentare zu Mit einer Tigerin: Wien zurück und erster Fahnendurchgang voraus. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 22. Dezember 2018. Darinnen Walter Serners Hand in einer der Grimaud.

  1. Ute Dr. Strasser-Köhler sagt:

    Dieser Text gefällt mir mal wieder sehr gut !
    Und also dann: Ich wünsche Ihnen, lieber Alban Nikolai Herbst, wunderbare Tage zum winterlichen Doppelfest der Neugeburt des Lichts, sozusagen – oder der Geburt des Neuen Lichts ?

    • Liebe U.S.-K.,
      an ein „Neues“ Licht möchte ich gar nicht glauben, es striche doch die alten guten Lichter aus. „Neugeburt des Lichts“ hingegen, ja, das bewegt sich zyklisch mit der Zeit, entspricht dem Jahrverlauf und bewahrt Geschichte und Geschichten.
      In d e m Verstand auch Ihnen ein gutes neues altes Fest.
      Ihr ANH
      bei Weinbergs Violoncellokonzert mit Sol Gabetta

  2. PHG sagt:

    Ist das Cover des Erzählbandes ernst gemeint? Hätten die Kulturmaschinen nicht besser machen können. Nun ja, nichts trennt sich ganz.

    Weihnachtsgrüße
    PHG

  3. @PHG:
    Also diesen Umschlag mit einem der Kulturmaschinen zu vergleichen, ist nun wirklich, sogar extrem daneben. Die letzte Bemerkung zumal verstehe ich überhaupt nicht mehr. Für Septime ist sie stark beleidigend und für mich insofern auch.
    Wozu dann Weihnachtsgrüße? Unnötig, weil unangemessen rhetorisch aggressiv. – Na, egal.

    • PHG sagt:

      Ich wollte niemanden beleidigen. Wie sowas nur immer bei Ihnen rüberkommt.

      Aber Sie können doch unmöglich übersehen, dass das die Lieblingsfarben der Kulturmaschinen waren. Dieses tote Rotbraun können Sie doch nicht vergessen haben. Immerhin haben wir selbst mal zusammengesessen, um andere Gestaltungsvorschläge zu machen. Dabei gaben die K-Maschinen wenigstens immer noch ein Bild dazu.

      Na egal, ich wünsche Ihnen Freude an dem Buch. Mir selbst hatte ich es auch gewünscht, da ich auf dem Wege hoffte, mal an noch einige ANH-Texte zu kommen, die mir noch fehlen. Aber da Sie meinem, mir Aggression unterstellen zu müssen und sogar meine Weihnachtsgrüße zurückweisen, weil ich dieses einfallslose Cover nicht gutheiße, so entferne ich mich davon wohl besser.

      Tschau

      • J. Sanders sagt:

        @PHG
        Ich verstehe nicht, weshalb Sie an dieser Stelle Sache und Person vermischen. Ob Ihre Verärgerung berechtigt ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ich kann nur ahnen, was hinter diesem kurzen Gespräch zwischen Ihnen und ANH steht. Jedenfalls, warum gleich Abstand davon nehmen, bestimmte Texte zu erwerben, die Sie, Ihrem Kommentar nach zu urteilen, schon lange haben wollen? Weshalb kanalisieren Sie Ihre Verärgerung gleich in einer Androhung, die für einen Schriftsteller existenziell ist? Als hinge die Lektüre eines Textes davon ab, ob man dessen Autorin oder Autor persönlich leiden kann. Die Konsequenz einer solchen Androhung ist außerdem, dass ein Schriftsteller, der sie zu hören bekommt, gar nicht anders reagieren kann als sich zu entschuldigen, weil er Sie als Leser nicht verlieren will (oder eben: nicht verlieren kann). Kurzum – auch wenn es mich ja nichts angeht – Ihren letzten Satz finde ich etwas übertrieben.

  4. Lieber PHG,
    es kam bei mir tatsächlich in den falschen Hals, und also bitte ich um Verzeihung. Bei der Nennung der Kulturmaschinen sehe ich tatsächlich rot, aber anders, als sie gern gewollt hätten.

    Ich habe ein Kulturmaschinenbuch jetzt vor mir und vergleiche. Die Farbgebung ist ähnlich, das stimmt, aber bei Septime gibt es den hellbraun-Anteil nicht und ja auch – bewußt seitens des Verlages – kein Bildmotiv; die Farbe ist vielmehr ein klassisches Bordeaux. Da das Buch überdies gebunden sein wird und eben mit Umschlag, ist weder mir noch Elvira M. Gross eine Nähe aufgefallen.
    Aber jetzt haben Sie mir solch ein ungutes Gefühl gemacht, daß ich mit dem Verlag und der Lektorin noch einmal sprechen werde.

    Ihr ANH

  5. Marion Koepf sagt:

    Es ist schon so. Ich fühlte mich von dem Cover auch an Azreds Buch und die Fenster von Sainte Chapelle erinnert, die ich beide besitze. Durch das weiß umrandete Quadrat und die Farbe. Vielleicht kommt die Farbe hier im Netz nicht genau so raus wie in Wirklichkeit. Dunkelrot wäre ja eigentlich schön. Ja, sprechen Sie nochmal mit dem Verlag.
    Hat es zwischen Ihnen und PHG Mißstimmungen gegeben? Weil der Ton gleich so aggressiv wurde. Das täte mir leid. Von PHG’s Büchern erfuhr ich auf Ihrer Website und habe einige gerne gelesen. Sie hatten sich positiv über sie geäußert.

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