Das Arbeitsjournal des Montags, den 27. Mai 2019. Darinnen anfangs zu den Hochzeitsreden, danach erneut die Sainte Chapelle: Pfingstrosen nämlich.

[Arbeitswohnung, 6 Uhr
Vaughan Williams, Riders to th Sea]
Die nächste Hochzeitsrede geschrieben; ich fange an, auch diese Arbeit als künstlerische Herausforderung zu sehen, bekomme während des Schreibens beinah filmische Bilder vor die Augen, gestalte sie erzählerisch, habe vor Augen, worauf es ankommt, nämlich ein Publikum fünfundzwanzig Minuten lang zu fesseln und eben auch i h m diese Bilder vor den Augen aufsteigen zu lassen.
Es kam auch gleich eine Rückmeldung, sehr zufrieden, auch wenn wir – was ich schon wußte und so mitteilte – ein wenig kürzen müssen und manche Eckdaten offenbar nicht ganz stimmen. Aber es ist ja auch nur ein Entwurf; gehalten werden muß die Rede im Juli auf Mallorca – im Freien mittags in der Hitze. Und zum zweiten Mal wird es sein, daß ich es bin, der unter bloßem Himmel ein Paar zu Mann und Frau erklärt. Dieses Mal habe ich sogar, wenngleich ein wenig modifiziert, das „Gehet hin in Frieden“ übernommen, dem sich ein – dem Sinn nach, nicht im genauen Wort – „und feiert bis die Sinne schäumen“ anschließt.

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Im übrigen begleiten mich jetzt nicht nur Pfingstrosen wieder, sondern mich fordert etwas, das aber mit ihnen in engem Zusammenhang steht: nämlich die heftige Überarbeitung der „Fenster von Sainte Chapelle„. Meine Lektorin war mit dem Text überhaupt nicht glücklich, wenngleich sie sein Potential durchaus sieht, das Besondere an dieser Erzählung, nicht nur die Hereinnahme der Neuen Medien, sondern ihre Wechselwirkung mit dem klassischen Buchtext. So hat das in der Tat noch niemand vor mir gemacht, bzw., muß ich jetzt schreiben, versucht. Um so mehr kommt es nun darauf an, die Dynamik einerseits noch herauszuarbeiten, andererseits aber so, daß den Lesern die Abläufe chronologisch klar sind. Das ist im bisherigen Text wohl auch deshalb mißlungen, weil vieles, das in einem Weblog gut funktioniert, im Buch stark retardierend wirkt, ja überflüssig ist und dann verwässert. Ebenso verlangt das Buch eine andere, eine elaborierte Stilistik; hier darf nicht mehr „gefrozzelt“ werden; es ist ja, anders als dort, kein Tagestext mehr, auch nicht, schon gar nicht, die Ansammlung von Tagestexten. Überdies wird mit zeitlichem Abstand manch Erzähltes marginal – eben dieses Abstandes wegen. Als die Erzählung in der ersten Buchform erschien, war der noch sehr klein. Unterdessen hat selbst die Weltgeschichte einige Asche darüberregnen lassen. Die muß jetzt weggepustet werden und gestrichen, was darunter.
Das ist alles nicht wenig. So komme ich nur zähe, Satz für Satz, voran. Immerhin werden Sie nun, wenn im Herbst der zweite Erzählband da sein wird, darin eine noch einmal ganz andere Geschichte der Fenster von Sainte Chapelle lesen können als bisher. (Das schlimmste, was Elvira mir an den Rand schrieb, lautete übrigens so: „Das klingt ja fast wie Coelho!“ – was – oh, glauben Sie mir, Freundin! – durchaus kein Kompliment war. Auch wenn ich gerne dessen Tantiemen bekäme.)

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Noch ein Wort zum Sport. Selbstverständlich wird hier und da gespottet, bei Twitter sogar bisweilen gehämt, weil ich meine Werte offen poste, ja mein Training überhaupt zum Gegenstand öffentlicher Texte mache. Da heißt es zum Beispiel:

Nur wer an den freien Willen glaubt, steigt auf die Körperfettwaage. Ich höre sie bis hierher ächzen.

Oder, vom selben Kommentator:

Wichtiger als ein Körperfettwert von 13 % wären ein Paar fette Rezensionen von Kegel, Radisch und Wilke.

Solche Aperçus sind ganz nett und sogar, insofern Wilke drin mit Radisch gleichsteht, ein bißchen gerecht. Nur verkennen sie, was ich >>>> dort schon schrieb, daß nämlich körperliches Training zugleich eines des intellektuellen und auch seelischen Willens ist, der wiederum die inneren Überzeugungen stärkt. So daß unterm Strich für die künstlerische Arbeit ganz egal ist, ob es die genannten Rezensionen geben wird. Genau darum gehört es, das Training, in ein künstlerisches Weblog hinein.
Die Dichtung muß entstehen und dann auch veröffentlicht werden; alles übrige entzieht sich komplett der Macht ihrer Urheber und ist auch durchaus nicht von der Qualität der Arbeiten abhängig. Sondern der Betrieb wählt nach persönlichem Gefallen aus; wenn Qualität hinzukommt, ist es fein – dergleichen gibt es, ja -, aber sie ist keine Bedingung, so wenig wie ein Hindernis. Daneben wird auch vieles in der Überfülle der Erscheinungen nicht gesehen; es k a n n auch gar nicht jede gesehen werden.  Nicht alles geschieht aus bösem Willen, nicht mal aus Ignoranz. Trends spielen eine Rolle, aktuelle Themen, auch politisches Kalkül, sowie die je sei es erlittene, sei es genossene Prägung. — Aussieben, was bleibt, wird später erst die Zeit. Aber auch sie muß finden können, was sie sucht. Da müssen Pflöcke sichtbar eingeschlagen sein. Was eben Kraft, auch körperliche, braucht, für die der Sport mir dient.
Und außerdem: Gut auszusehen, gibt ein gutes Grundgefühl. — Nein, liebe Freundin, das ist keine eitle Bemerkung.

Ihr ANH

[Stanford, Songs of the Sea]

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